Migränebedingte Arbeitsunfähigkeit: Ursachen, Umgang und Rechte

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, oft begleitet von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Für viele Betroffene kann eine Migräneattacke zu einer erheblichen Einschränkung der Leistungsfähigkeit und im schlimmsten Fall zu Arbeitsunfähigkeit führen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Migräne, insbesondere im Zusammenhang mit Arbeitsausfällen, und gibt Hinweise zum Umgang mit der Erkrankung im Berufsleben.

Einführung in die Migräne

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die in verschiedenen Phasen verläuft und unterschiedliche Symptome hervorrufen kann. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) unterscheidet verschiedene Arten von Migräne, darunter Migräne ohne Aura, Migräne mit Aura und chronische Migräne. Die Symptome, Phasen und das gesamte Krankheitsbild können auf der Website neurologen-und-psychiater-im-netz.org detailliert nachgelesen werden.

Häufigkeit und wirtschaftliche Auswirkungen

Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Laut dem BARMER Arztreport gehört Migräne zu den Top 20 der Gründe für Arbeitsunfähigkeit und Krankmeldungen. Jeden Tag leiden in Deutschland etwa 900.000 Menschen unter Migräne. Hochgerechnet auf 220 Arbeitstage pro Jahr entstehen dadurch circa 143 Millionen Arbeitsausfälle jährlich, was zu Kosten von rund 15 Milliarden Euro pro Jahr führt. Rechnet man die medizinische und medikamentöse Behandlung und Versorgung dazu, kommt man insgesamt auf ungefähr 16 Milliarden Euro jährliche Kosten aufgrund von Migräne.

Ursachen von Migräne

Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass eine genetische Veranlagung eine Rolle spielt. Auf Basis dieser genetischen Neigung scheint es im Zusammenspiel mit verschiedenen inneren oder äußeren Faktoren (Triggern) zu den Migräne-Attacken zu kommen.

Genetische Veranlagung

Migräne ist vererbbar, wobei Veränderungen in mehreren Genen das Migränerisiko erhöhen können. Manche dieser Gene sind an der Regulierung der neurologischen Schaltungen im Gehirn beteiligt, andere werden mit oxidativem Stress in Verbindung gebracht.

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Auslöser (Trigger)

Verschiedene Trigger können bei entsprechender genetischer Veranlagung eine Migräne-Attacke auslösen. Welche Faktoren im Einzelfall einen Anfall „triggern“, ist individuell verschieden. Einige Beispiele:

  • Stress: Ein häufiger Auslöser ist Stress im privaten oder beruflichen Umfeld.
  • Veränderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus: Betroffen sind oft Menschen, die im Schichtdienst arbeiten.
  • Reizüberflutung: Wenn das Gehirn zu viele Eindrücke gleichzeitig verarbeiten muss, entsteht ebenfalls Stress.
  • Wetter/Wetterwechsel: Viele Betroffene reagieren empfindlich auf schwülwarme Gewitterluft, starken Sturm, Föhnwetter oder sehr helles Licht an einem wolkenlosen Tag.
  • Ernährung: Bei einigen Produkten wie Bananen oder bestimmten Käsesorten hat man Tyramin im Verdacht. Achten Sie darauf, regelmäßig zu essen. Häufig setzen Migräne-Anfälle ein, wenn man zu wenig gegessen hat (Unterzuckerung).
  • Hormonelle Veränderungen: Geschlechtshormone haben einen starken Einfluss auf Migräne. Vielfach steht die Migräne in Zusammenhang mit der Menstruation. So löst der Abfall des Östrogenspiegels vor der Regelblutung bei manchen Frauen eine Migräne-Attacke aus. Darüber hinaus können hormonelle Verhütungsmittel („Pille“) ebenfalls Migräne verursachen.

Migräne am Arbeitsplatz

Der Arbeitsplatz kann eine Vielzahl von Migräneauslösern bergen. Flackernde Bildschirme, grelles Neonlicht, stickige Luft in Großraumbüros, laute Gespräche unter Kollegen, klingelnde Telefone, Stress und starke Gerüche können Attacken provozieren. Eine fehlerhafte Körperhaltung am Schreibtisch und damit verbundene Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich können ebenfalls Kopfschmerzen auslösen.

Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit

Tritt eine Schmerzattacke auf, ist es meist nicht möglich, mit voller Leistung weiterzuarbeiten. Hinzu kommt, dass es im Vorfeld zu neurologischen Ausfällen wie Wahrnehmungsstörungen kommen kann. Dies birgt je nach Tätigkeit erhebliche Risiken. Problematisch ist, dass Betroffene Medikamente oft häufiger und in höheren Dosen einnehmen als sie eigentlich sollten, damit sie weiterarbeiten können. Arbeiten und Schmerzmitteleinnahme kann zu zusätzlichen Nebenwirkungen führen und es besteht die Gefahr, dass die Abstände zukünftiger Anfälle dadurch kürzer werden oder sogar Kopfschmerzen infolge der überhöhten Medikamenteneinnahme entstehen.

Umgang mit Migräne am Arbeitsplatz

Ideal ist es, wenn Betroffene am Arbeitsplatz die Möglichkeit haben, ihre Arbeit zu unterbrechen, um sich in einen Ruheraum zurückzuziehen. Es kann helfen, wenn Betroffene offen mit Vorgesetzten und Kollegen über ihre Krankheit und die damit verbundenen Auswirkungen sprechen, da die Erkrankung von Nichtbetroffenen meist nicht ernst genommen wird. Arbeitgeber können versuchen, durch betriebliche Veränderungen bekannten Migräneauslösern (Triggern) entgegenzuwirken. Betroffene müssen für sich selbst abwägen, ob die Vorteile der Offenheit überwiegen. Ein Verschweigen kann dazu führen, dass die Krankheit schlimmer wird. Manchmal verursacht erst der Versuch, die Migräne zu verstecken, dass ein Patient nicht mehr arbeiten kann. Bei sehr schweren Fällen von Migräne kann es helfen, zu akzeptieren, dass die bisherige Tätigkeit nicht oder nicht mehr im gleichen Umfang ausgeübt werden kann. Ansonsten besteht die Gefahr, die eigene Gesundheit dauerhaft zu schädigen oder eine Medikamentenabhängigkeit zu entwickeln.

Rechtliche Aspekte und Kündigungsschutz

Die Sorge, wegen der Migräne den Arbeitsplatz zu verlieren, ist bei sehr häufigen Migräneattacken nicht ganz unberechtigt. Die eigentlich günstige Offenheit kann sich in manchen Fällen dann doch ungünstig auswirken. Denn der Arbeitgeber muss sehr häufige Kurzzeiterkrankungen durch eine Migräne mit schlechter Krankheitsprognose nicht immer hinnehmen. Die Offenheit kann dazu führen, dass der Arbeitgeber es leichter hat, zu beweisen, dass der Arbeitnehmer auch in Zukunft häufig krank sein wird. Damit kann er unter Umständen eine Kündigung begründen. Eine Kündigung wegen häufiger Arbeitsausfälle ist allerdings an strenge Voraussetzungen geknüpft und oft ist es möglich, sich erfolgreich mit einer Kündigungsschutzklage dagegen zu wehren.

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Strategien zur Minimierung von Arbeitsausfällen

Migräne muss nicht zwangsläufig zu einem längeren Arbeitsausfall führen, da ein geregelter Tagesablauf sowie eine individuell gut eingestellte, medikamentöse oder nichtmedikamentöse Behandlung einen akuten Anfall lindern oder ihm vorbeugen kann. Dabei spielen Strategien zur Stressreduktion eine besondere Rolle. Neben einer bewussteren und ausbalancierteren Alltagsgestaltung werden die regelmäßige Durchführung von Entspannungsverfahren (Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Atemtherapie, Autogenes Training) empfohlen. Diese bewirken, neben der Entspannung der Muskulatur, auch einen Abbau der Stresshormone und eine Regeneration der körpereigenen Schmerzabwehrsysteme. Zahlreiche Studien zeigen, dass die regelmäßige Anwendung solcher Entspannungstechniken langfristig die Anzahl der Attacken deutlich reduzieren kann. Zusätzlich werden Schulter- und Nackenverspannungen verbessert und Bluthochdruck gesenkt.

Migräneprophylaxe

Ähnlich wie bei vielen anderen Schmerzerkrankungen ist auch bei der Migräne Prävention möglich. Mit den richtigen Gewohnheiten oder der Einnahme von Medikamenten können Sie also aktiv dazu beitragen, seltener Migräneattacken zu bekommen. Welche Maßnahmen helfen können, hängt vor allem von den Migräne-Ursachen ab, die - wie beschrieben - sehr individuell sein können. So können Sie schwere Attacken reduzieren:

  • Auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus achten
  • Stress, Alkohol und Flüssigkeitsmangel möglichst vermeiden
  • Regelmäßig essen
  • Auf schnelle Wechsel von An- zu Entspannung verzichten
  • Bewusste Pausen einplanen

Insbesondere bei chronischen Beschwerden mit mehr als drei Migräneanfällen pro Monat ist es auch möglich, präventive Medikamente einzunehmen. Häufig angewendete Mittel sind hierbei Betablocker oder bestimmte Antidepressiva. Eine solche medikamentöse Vorbeugung müssen Sie unbedingt bei einem Besuch in einer ärztlichen Praxis besprechen und begleiten lassen. Ebenfalls gut zu wissen: Die Prophylaxe wirkt nur bei regelmäßiger Einnahme und braucht etwa zwei Monate, bis sie anschlägt.

Akutbehandlung

Im Akutfall können spezifische Migräne-Mittel wie Triptane eingenommen werden. Triptane blockieren die Freisetzung von Nervenbotenstoffen, die zur lokalen neurogenen Entzündung an den Blutgefäßen im Gehirn führen kann. Außerdem normalisieren Triptane die erhöhte Nervenaktivität in verschiedenen Gehirnzentren und verengen erweiterte Gefäße. Triptane haben gegenüber anderen Schmerzmitteln den Vorteil, dass sie gezielt und selektiv an den Schaltstellen im Gehirn wirken, die bei einer Migräneattacke beteiligt sind. Wer mit Migräne von der Arbeit mit dem Auto nach Hause fahren will, sollte jedoch beachten, dass die Fahrtüchtigkeit unter der Einnahme von (starken) Schmerzmitteln herabgesetzt sein kann und auch die generelle Reaktionsfähigkeit und Konzentration bei starken Schmerzen abnimmt. Um sich selbst und andere nicht zu gefährden und ein erhöhtes Unfallrisiko zu vermeiden, sollte deswegen lieber auf öffentliche Verkehrsmittel oder ein Taxi zurückgegriffen werden.

Phasen einer Migräneattacke

Migräne besteht nicht immer nur aus der Attacke selbst. Sie kündigt sich bei vielen Betroffenen mit unterschiedlichen Symptomen an. Und auch nach dem Anfall fühlen sie sich noch anders als normal. Experten unterscheiden beim Migräne-Verlauf fünf Phasen:

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  1. Prodromalphase (Vorboten): Etwa 30 Prozent der Patienten spüren vor einem Migräneanfall unterschiedliche Anzeichen. Typisch ist, dass die Frühphase bei Migräne ohne Aura vor dem Beginn der Schmerzen einsetzt.
  2. Auraphase: Diese Phase des Migräne-Verlaufs erleben 10 bis 15 Prozent der Betroffenen. Sie klagen über Sehstörungen wie helle Flecke, Lichtblitze und manchmal kurzzeitigen Sehkraftverslust. Weitere Symptome sind Kribbeln bzw. Manche Patienten haben außerdem Gleichgewichtsstörungen und Sprachprobleme (zum Beispiel Schwierigkeiten, die richtigen Wort zu finden).
  3. Kopfschmerzphase: Sie ist das, was die meisten Menschen unter Migräne verstehen. Der Schmerz ist pochend, stechend oder pulsierend. Die Betroffenen sind licht- und geräuschempfindlich, manchmal können sie auch Gerüche oder Berührungen nicht ertragen. Hinzu kommen oft Übelkeit und Erbrechen.
  4. Auflösungsphase: Das Schlimmste ist überstanden. Die Symptome sind zwar noch da, werden aber weniger intensiv. Die Kopfschmerzen sind nicht mehr pulsierend, sondern eher gleichbleibend. Patienten sind oft sehr müde. Die Übelkeit und die Empfindlichkeit z.B. gegen Licht werden weniger, sind aber noch nicht verschwunden.
  5. Erholungsphase: Die Patienten sind angeschlagen und fühlen sich wie nach einem Kater. Die Symptome ähneln denen der Prodromalphase.

Umgang mit Kollegen und Arbeitgebern

Bahnt sich eine Migräne-Attacke an, steht man vor der schwierigen Entscheidung: Bleiben oder nach Hause gehen? Bleiben heißt Qual. Bleiben bedeutet eine extrem kräftezehrende Tortur durchzustehen. Doch für einige ist nach Hause gehen bzw. zu Hause bleiben noch viel schlimmer, weil sie befürchten, einen schlechten Eindruck bei Arbeitskollegen und Vorgesetzten zu machen oder weil sie Angst haben, missverstanden zu werden. Viele Patient:innen mit Migräne kämpfen täglich gegen Unverständnis, Vorurteile und Stigmatisierung. Kommunikation, Offenheit und mehr Informationen schaffen Klarheit und fördern Verständnis und Einfühlungsvermögen.

Drei Verhaltensregeln für den Umgang mit Migräne-Betroffenen

  1. Migräne-Anfälle sind keine starken Kopfschmerzen. Migräne ist Migräne, und wer selbst nicht davon betroffen ist, sollte keine Vergleiche anstellen.
  2. Oft sieht man es Migräne-Betroffenen nicht an, dass sie unter einer Attacke leiden. Voreilige Schlüsse, der Kollege hätte keine Lust zu arbeiten, wolle lieber krank feiern, und nutze die Migräne als Ausrede, helfen niemanden und verstärken das schlechte Gewissen der Betroffenen, das sie ohnehin schon haben.
  3. Keine Ratschläge geben: Mehr Trinken, mehr Sport, weniger Stress, gesündere Ernährung - wenn es um das angebliche Fehlverhalten anderer geht, kommen.

Formen der Migräne

Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (International Headache Society, IHS) unterscheidet verschiedene Arten von Migräne. Dazu gehören:

  1. Migräne ohne Aura, mit drei Unterformen:
    • Rein menstruelle Migräne ohne Aura
    • Menstruationsassoziierte Migräne ohne Aura
    • Nicht-menstruelle Migräne ohne Aura
  2. Migräne mit Aura, mit verschiedenen Unterformen:
    • Migräne mit typischer Aura (Unterformen: Typische Aura mit Kopfschmerzen, typische Aura ohne Kopfschmerzen)
    • Migräne mit Hirnstammaura (früher: basiläre Migräne)
    • Hemiplegische Migräne
    • Retinale Migräne
    • Rein menstruelle Migräne mit Aura
    • Menstruationsassoziierte Migräne mit Aura
    • Nicht-menstruelle Migräne mit Aura
  3. Chronische Migräne
  4. Migränekomplikationen, zum Beispiel:
    • Status migraenosus
    • Migränöser Infarkt
    • Epileptischer Anfall, durch Aura getriggert
  5. Wahrscheinliche Migräne mit oder ohne Aura
  6. Episodische Syndrome, die mit einer Migräne einhergehen können, zum Beispiel:
    • Wiederkehrende Magen-Darm-Störungen (z. B. abdominelle Migräne)
    • Vestibuläre Migräne
  7. Stille Migräne

Die Hauptformen sind Migräne ohne Aura und Migräne mit Aura.

Schwerbehindertenausweis bei Migräne

Migräne-Patienten können einen Schwerbehindertenausweis beantragen. Das ist allerdings von der individuellen Stärke und Beeinträchtigung im Alltag durch die Migräne abhängig. Nicht bei allen Betroffenen stellt die Migräne eine Behinderung dar.

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