Die Friedreich-Ataxie (FRDA), auch Morbus Friedreich genannt, ist eine seltene, erbliche und fortschreitende neurologische Erkrankung, die vor allem das zentrale Nervensystem betrifft und zu Koordinationsschwierigkeiten führt. Sie wurde erstmals 1863 von dem deutschen Pathologen, Internisten und Neurologen Nikolaus Friedreich dokumentiert, nach dem sie benannt wurde.
Was ist Ataxie?
Der Begriff „Ataxie“ leitet sich vom griechischen Wort „a-taxia“ für „fehlende Ordnung“ ab. Ataxien bezeichnen eine Reihe von seltenen Erkrankungen des Gehirns und Rückenmarks, bei denen das Zusammenspiel verschiedener Muskelgruppen gestört ist. Dies führt zu Problemen mit dem Gleichgewicht und der Bewegungskoordination. Betroffen sind das Gehen ebenso wie das Sitzen oder Stehen, das Sprechen, die Handbewegungen und die Kontrolle der Augenbewegungen. Der Gang wird unsicher und breitbeinig, die Handschrift unleserlich, Greifen und Halten fallen schwer. Andere Betroffene können ohne Unterstützung nicht aufrecht sitzen oder stehen. Auch das Sprechen kann beeinträchtigt sein. Ataxien können in jedem Lebensalter auftreten - auch schon bei Kindern.
Entscheidende Mitspieler bei der Feinabstimmung von Bewegungen sind das Kleinhirn und das Rückenmark sowie die Verbindungen dazwischen und mit anderen Teilen des Gehirns. Erworbene Ataxien gehen meist auf Schäden im Kleinhirn zurück, die vielfältige Ursachen haben können. Daneben können Ataxien genetisch bedingt sein. Bei den erblich bedingten Ataxien gibt es mindestens 200 verschiedene Genmutationen, die die Erkrankung verursachen. Ursache von angeborenen, erblichen Ataxien ist ein fortschreitender Untergang bestimmter Nervenzellen im Kleinhirn, wofür - je nach Unterform - unterschiedliche Genveränderungen verantwortlich sind. Bei den erblichen Ataxien kann es sich um dominant vererbte Ataxien handeln, die von einer Generation an die nächste vererbt werden. Die Patienten wissen häufig, dass die Krankheit in der Familie vorkommt. Unter den dominant vererbten Ataxien ist die spinozerebelläre Ataxie Typ 3 (SCA3) am häufigsten. Sie wird auch Machado-Joseph-Krankheit genannt und beginnt üblicherweise zwischen dem 30. und 40. Sind die Eltern nicht betroffen, aber deren Kind oder mehrere Geschwisterkinder erkrankt, handelt es sich um eine rezessiv vererbte Ataxie: Das heißt, dass die Eltern beide nur jeweils Träger der krankmachenden Erbanlage sind, die Krankheit aber bei ihnen nicht zum Ausbruch kommt. Damit das Kind erkrankt, müssen beide Elternteile die Genveränderungen vererben. Unter allen rezessiven Ataxien kommt die Friedreich-Ataxie am häufigsten vor. Sie beginnt in der Kindheit bzw. Pubertät: Die Eltern der Betroffenen sind gesund, während bei den Betroffenen, die sich vorher altersentsprechend entwickelt haben, Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen auftreten. Es kommt zu Schwierigkeiten beim Gehen und Stürzen.
Ursachen der Friedreich-Ataxie
Die Ursache der Friedreich-Ataxie ist eine Mutation im Frataxin-Gen auf Chromosom 9. Dieses Gen enthält Informationen zur Herstellung von Frataxin, einem Protein, das für die Funktion der Mitochondrien von Bedeutung ist. Mitochondrien sind die "Kraftwerke" der Zelle und produzieren Energie aus Sauerstoff. Die Mutation führt zu einer verminderten Produktion von Frataxin, was den Eisenstoffwechsel in den Zellen beeinträchtigt und zu oxidativem Stress durch einen Eisenüberschuss führt. In der Folge kommt es zu einer Degeneration von Nervenzellen im Rückenmark und Kleinhirn, was die typischen Symptome der Erkrankung verursacht.
Die Friedreich-Ataxie ist eine autosomal-rezessive Erbkrankheit. Das bedeutet, dass die Krankheit nur dann ausbricht, wenn eine Person von beiden Elternteilen ein mutiertes Gen erbt. Wenn beide Eltern Anlageträger sind, besteht für jedes Kind eine Wahrscheinlichkeit von 25 %, die Krankheit zu entwickeln, eine Wahrscheinlichkeit von 50 %, Anlageträger zu sein, und eine Wahrscheinlichkeit von 25 %, das mutierte Gen nicht zu erben. Etwa jeder hundertste Mensch ist Träger des defekten Gens.
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Häufigkeit und Betroffene
In Mitteleuropa tritt die Friedreich-Ataxie bei etwa einem von 50.000 Neugeborenen auf und macht damit etwa die Hälfte aller erblichen Ataxie-Formen aus. Schätzungsweise leben in Deutschland rund 1.500 Menschen mit dieser Erkrankung. Die ersten Symptome treten üblicherweise vor dem 25. Lebensjahr auf, wobei das mittlere Erkrankungsalter zwischen 10 und 15 Jahren liegt.
Symptome der Friedreich-Ataxie
Die Friedreich-Ataxie ist eine Multisystemerkrankung, die neben dem Nervensystem auch andere Organe betreffen kann. Die Symptome sind vielfältig und können individuell unterschiedlich ausgeprägt sein. Die Erkrankung verläuft fortschreitend, wobei die Symptome über Jahre stabil bleiben können.
Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Koordinationsstörungen: Gang- und Gleichgewichtsstörungen, unsichere Bewegungen der Arme und Beine (Ataxie). Betroffene haben Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten, und stürzen häufiger.
- Muskelschwäche: Abnahme der Muskelkraft, insbesondere in den Beinen. Mit der Zeit nimmt die Muskelschwäche in den Beinen zu, was das Gehen immer anstrengender macht.
- Sensibilitätsstörungen: Verlust der Sensibilität, insbesondere des Vibrations- und Lagesinns.
- Sprechstörungen (Dysarthrie): Verwaschene oder undeutliche Sprache. Viele Betroffene entwickeln mit der Zeit auch Sprachprobleme, da die Ataxie die Steuerung der Muskulatur für die Sprache beeinflusst.
- Schluckbeschwerden (Dysphagie): Schwierigkeiten beim Schlucken von Nahrung oder Flüssigkeiten.
- Augenbewegungsstörungen: Unkontrollierte Augenbewegungen (Nystagmus).
- Skelettdeformierungen: Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose), Hohlfüße (Pes cavus). Viele Betroffene zeigen zudem Wirbelsäulenverkrümmungen oder Hohlfüße.
- Herzprobleme: Herzmuskelerkrankung (Kardiomyopathie), Herzrhythmusstörungen. Bei einigen Betroffenen der neurologischen Erkrankung gibt es erste Anzeichen einer Kardiomyopathie, die sich durch eine Verdickung der Herzwand offenbart. Im weiteren Verlauf können sich die Herzhöhlen erweitern.
- Diabetes mellitus: Erhöhter Blutzuckerspiegel. Zudem tritt bei etwa zehn Prozent der Patientinnen und Patienten mit der friedreichschen Ataxie Diabetes auf.
- Weitere Symptome: Augenzittern, Seh- und/oder Hörminderung, Störung der Blasen- und Darmentleerung, Störung des Denkvermögens, Wesensveränderungen, präsenile Demenz.
Diagnose der Friedreich-Ataxie
Die Diagnose der Friedreich-Ataxie basiert auf einer Kombination aus klinischer Untersuchung, neurologischer Untersuchung und genetischer Testung.
- Klinische Untersuchung: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte und untersucht den Patienten auf typische Symptome der Friedreich-Ataxie.
- Neurologische Untersuchung: Der Neurologe untersucht die Koordination, das Gleichgewicht, die Reflexe, die Sensibilität und andere neurologische Funktionen. Treten Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen auf, denken viele zunächst an Multiple Sklerose. Kommen jedoch zusätzlich ein Ausfall der Muskeleigenreflexe sowie zunehmende Sprechschwierigkeiten hinzu, kann auch eine Friedreich-Ataxie vorliegen.
- Genetische Testung: Eine genetische Blutuntersuchung kann die Mutation im Frataxin-Gen nachweisen und die Diagnose bestätigen. Mit einer genetischen Blutuntersuchung lässt sich feststellen, ob jemand Anlageträger oder -trägerin der friedreichschen Ataxie ist. Ob eine Person Anlageträger einer veränderten Erbgutanlage ist, kann mit einer molekulargenetischen Diagnostik sehr genau festgestellt werden. Dafür entnimmt man Blut, das genetisch untersucht wird.
Zusätzlich können weitere Untersuchungen durchgeführt werden, um den Zustand des Herzens, der Wirbelsäule und anderer Organe zu beurteilen. Dazu gehören EKG, Echokardiographie, Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule und MRT des Gehirns und Rückenmarks. Neben der neurologischen Untersuchung gehören auch kardiologische, endokrinologische und orthopädische Untersuchungen dazu sowie regelmäßige Kontrollen hinsichtlich der Sehkraft und des Hörens.
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Therapie der Friedreich-Ataxie
Bisher gibt es keine Heilung für die Friedreich-Ataxie. Die Behandlung konzentriert sich auf die Linderung der Symptome und die Verbesserung der Lebensqualität. Die Therapie ist multidisziplinär und umfasst in der Regel:
- Physiotherapie: Regelmäßige Physiotherapie ist besonders wichtig, um die Muskulatur zu stärken und die Beweglichkeit zu erhalten. Gezielte Übungen können dabei helfen, die Gangunsicherheit zu reduzieren und die Körperhaltung zu verbessern.
- Ergotherapie: Die Ergotherapie hilft, alltägliche Aufgaben besser zu bewältigen, auch wenn die Bewegungskoordination eingeschränkt ist. Ob es darum geht, die Feinmotorik in den Händen zu verbessern oder Techniken zu lernen, um wieder eigenständig zu essen - die Ergotherapie gibt praktische Werkzeuge an die Hand, um den Alltag aktiv zu gestalten.
- Logopädie: Logopädie kann helfen, die Sprach- und Schluckfunktion zu verbessern. Viele Menschen mit Friedreich-Ataxie entwickeln im Laufe der Zeit Sprechprobleme. Logopädie kann dir dabei helfen, deine Sprachfähigkeiten zu trainieren und Kommunikationsschwierigkeiten zu reduzieren. Logopäden arbeiten auch daran, das Schlucken zu verbessern, was bei fortgeschrittener Ataxie oft problematisch wird.
- Orthopädische Versorgung: Behandlung von Wirbelsäulenverkrümmungen und Fußdeformitäten. Für Skelettdeformierungen kommen orthopädische und ggf. chirurgische Maßnahmen in Frage. Zudem ist laufender Kontakt mit der Fachärztin oder dem Facharzt für Rehabilitationsorthopädie zur Überwachung etwaiger Begleiterkrankungen wie Skoliose notwendig.
- Kardiologische Behandlung: Behandlung von Herzproblemen. Zur weiteren Behandlung kann neben therapeutischen Maßnahmen das Medikament Idebenon eingesetzt werden, welches das Fortschreiten einer Kardiomyopathie bremsen kann. Periodische Besuche bei der behandelten Ärztin oder dem behandelnden Arzt, Kontrollen bei der Kardiologin bzw.
- Medikamentöse Therapie:
- Omaveloxolon: Seit 2024 ist in Deutschland der Wirkstoff Omaveloxolon (SKYCLARYSâ) für Patienten ab 16 Jahren zugelassen. Omaveloxolon wirkt, indem es den oxidativen Stress mindert und zu einer geringfügigen Verbesserung der neurologischen Funktionen führt. In der MOXIe-Studie wurde festgestellt, dass Omaveloxolon die neurologischen Funktionen (gemessen anhand der modifizierten Friedreich-Ataxie-Ratingskala, mFARS) deutlich verbessert.
- Idebenon: Kann das Fortschreiten einer Kardiomyopathie bremsen.
- Hilfsmittel: Gehhilfen, Rollstühle, Schreibhilfen und andere Hilfsmittel können die Lebensqualität verbessern. Gehhilfen erhöhen die Lebensqualität. Denk an Hilfsmittel wie Rollstühle oder Gehhilfen nicht als Einschränkung, sondern als Werkzeuge, die dir mehr Freiheit und Sicherheit geben. Sie helfen dir, deinen Tag so zu gestalten, wie du es möchtest, ohne ständig an deine körperlichen Grenzen zu stoßen.
Leben mit Friedreich-Ataxie
Obwohl die Friedreich-Ataxie eine fortschreitende Erkrankung ist, können Betroffene mit der richtigen Unterstützung ein aktives und erfülltes Leben führen. Wichtig ist, aktiv zu bleiben, soziale Kontakte zu pflegen und sich Unterstützung bei Selbsthilfegruppen und anderen Organisationen zu suchen. Hilfe, Beratung und Informationen dazu finden Betroffene und Angehörige bei diversen Patientenorganisationen, wie beispielsweise beim Friedreich Ataxie Förderverein e.V. oder der Deutschen Heredo-Ataxie-Gesellschaft e. V. (DHAG). Gerne stellt auch das Service-Center für seltene Erkrankungen von Biogen ein umfangreiches Informations- und Service-Material zur Verfügung und beantwortet sämtliche Fragen rund um die Erkrankung.
Forschung
Forschende arbeiten kontinuierlich an neuen Therapien für die Friedreich-Ataxie. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Gentherapien, die darauf abzielen, den Gendefekt zu korrigieren oder die Produktion von Frataxin zu erhöhen. Darüber hinaus werden Medikamente entwickelt, die den oxidativen Stress reduzieren und die Mitochondrienfunktion verbessern sollen. So nehmen sie den Verlauf spinozerebellärer Ataxien unter die Lupe und fahnden nach messbaren biologischen Merkmalen (sogenannten Biomarkern, z. B. im Blut oder im Nervenwasser) für die Früherkennung. Darüber hinaus widmen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des DZNE auch neuen Wegen für die Therapie. So arbeiten sie an neuen, individuell auf die Betroffenen abgestimmten Gentherapien, um bei genetisch bedingten Ataxie-Formen den Krankheitsverlauf zu verlangsamen oder sogar aufzuhalten.
Fazit
Die Friedreich-Ataxie ist eine seltene, aber schwerwiegende Erkrankung, die das Leben der Betroffenen und ihrer Familien stark beeinträchtigen kann. Eine frühzeitige Diagnose und eine umfassende Therapie sind wichtig, um die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Die Forschung arbeitet kontinuierlich an neuen Therapien, die in Zukunft möglicherweise eine Heilung der Friedreich-Ataxie ermöglichen werden.
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