Einleitung
Polyneuropathien sind Erkrankungen, die das periphere Nervensystem betreffen und zu einer Vielzahl von Symptomen führen können. Zu den immunvermittelten Polyneuropathien gehört die chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP). Rituximab, ein monoklonaler Antikörper, der auf B-Zellen des Immunsystems wirkt, hat sich als vielversprechende Therapieoption für bestimmte Formen von Polyneuropathien erwiesen, insbesondere wenn Standardtherapien versagen. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung von Rituximab bei Polyneuropathien, einschliesslich der chronisch inflammatorischen demyelinisierenden Polyneuropathie (CIDP) und anderen immunvermittelten Neuropathien.
Was ist Rituximab?
Rituximab ist ein monoklonaler Antikörper, der spezifisch an das CD20-Protein auf der Oberfläche von B-Lymphozyten bindet. Durch diese Bindung werden die B-Zellen abgetötet, was zu einer Reduktion der Immunantwort führt. Rituximab ist für die Therapie der rheumatoiden Arthritis, von Hodgkin-Lymphomen und zur Immunsuppression nach Organtransplantation zugelassen. Off-Label wird Rituximab bei verschiedenen Autoimmunerkrankungen eingesetzt.
Chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP)
Die chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP) ist eine seltene, autoimmunologisch bedingte Erkrankung des peripheren Nervensystems. Sie tritt bei etwa 4 bis 8 von 100.000 Menschen auf und betrifft häufiger Männer im Alter von 60 bis 70 Jahren. Die Patienten klagen typischerweise über eine sich über Wochen bis Monate entwickelnde Schwäche der Beine und Arme, sowohl körperstammnah (proximal) als auch körperfern (distal). Weitere Symptome sind Sensibilitätsstörungen, Taubheitsgefühle, Kribbelgefühle und Gangunsicherheit.
Diagnose der CIDP
Die Diagnose der CIDP basiert auf der klinischen Präsentation, dem Ausschluss anderer Ursachen für eine demyelinisierende Polyneuropathie und dem Nachweis einer Demyelinisierung in der elektrophysiologischen Untersuchung. Zu den Einschlusskriterien gehören typische und atypische CIDP-Formen sowie abgeschwächte oder erloschene Reflexe in den betroffenen Regionen. Ausschlusskriterien sind Borrelieninfektionen, Diphtherie, Drogen- oder Giftmissbrauch, vererbte Neuropathien, Blasen- und Mastdarmstörungen, andere Immunneuropathien und IgM-monoklonale Gammopathien mit Anti-MAG-Antikörpern.
Therapie der CIDP
Bei der gesicherten CIDP sind intravenöse Immunglobuline (IVIG), Glukokortikosteroide (GS) und Plasmaaustauschverfahren wirksame Therapien. Bei Versagen dieser Therapien kommen Immunsuppressiva wie Azathioprin, Methotrexat, Mycophenolat Mofetil und Ciclosporin A in Betracht. Rituximab kann als therapeutischer Antikörper eingesetzt werden, insbesondere bei schwerer oder therapieresistenter CIDP.
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Rituximab bei CIDP
Rituximab greift gezielt B-Lymphozyten an, die an der fehlgesteuerten Immunreaktion bei CIDP beteiligt sind. Es wird vor allem dann eingesetzt, wenn Kortison, Immunglobuline und Plasmapherese nicht ausreichend helfen oder nicht vertragen werden. Die Behandlung erfolgt meist in ein bis zwei Infusionen im Abstand von zwei Wochen, gefolgt von wiederholten Infusionen in größeren Abständen, abhängig vom Krankheitsverlauf und dem Rückgang der B-Zellen.
Weitere Immunneuropathien und Rituximab
Neben der CIDP gibt es weitere immunvermittelte Polyneuropathien, die durch Rituximab behandelt werden können. Dazu gehören:
- Multifokale motorische Neuropathie (MMN): Eine erworbene Erkrankung mit langsamer Progredienz, die asymmetrisch ohne sensible Störungen auftritt. IVIG sind die Behandlungsmethode der Wahl, aber Rituximab kann in bestimmten Fällen eingesetzt werden.
- Vaskulitische Neuropathien: Erkrankungen des peripheren Nervensystems, bei denen es durch entzündliche Veränderungen der Blutgefäße zu einer Nervenschädigung kommt. Rituximab kann bei vaskulitischen Neuropathien in Betracht gezogen werden, insbesondere wenn andere Immunsuppressiva oder Plasmapheresen nicht ausreichend wirken.
- Polyneuropathien aus dem rheumatischen Formenkreis oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen: Auch hier kann Rituximab eine Option sein, wenn andere Therapien versagen.
- Polyneuropathien im Rahmen von monoklonalen Gammopathien unklarer Signifikanz (MGUS): In bestimmten Fällen kann Rituximab zur Behandlung dieser Polyneuropathien eingesetzt werden.
- Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Obwohl IVIG und Plasmapherese die Standardtherapien für GBS sind, kann Rituximab in refraktären Fällen in Betracht gezogen werden.
Rituximab in der NMOSD-Schubprophylaxe
Rituximab kann Krankheitsschübe bei neurologischen Autoimmunerkrankungen des Neuromyelitis-optica-Spektrums (NMOSD) verhindern. NMOSD ist eine schubförmig verlaufende Erkrankung, bei der häufig die Sehnerven und das Rückenmark betroffen sind. Die Zielstruktur des Immunsystems bei NMOSD ist Aquaporin-4, ein Wasserkanal in der Nervenzellmembran.
Eine japanische randomisierte Multicenterstudie zeigte, dass Rituximab wirksam in der Verhinderung neuer Schübe bei NMOSD ist. In der Studie erhielten 38 AQP-4-Antikörper-positive NMOSD-Patienten entweder Rituximab oder Placebo. Während der Studienzeit von 72 Wochen gab es in der Placebo-Gruppe sieben neue Erkrankungsschübe, unter Rituximab jedoch keine.
Wirkungsweise von Rituximab
Rituximab ist ein monoklonaler Antikörper, der an das CD20-Antigen auf der Oberfläche von B-Zellen bindet. Diese Bindung führt zur Depletion der B-Zellen, was die Immunantwort reduziert. Da B-Zellen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Autoimmunerkrankungen spielen, kann Rituximab die Symptome und den Verlauf dieser Erkrankungen verbessern.
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Anwendung und Dosierung von Rituximab
Vor jeder Anwendung von Rituximab sollte eine Prämedikation mit einem Analgetikum/Antipyretikum (z. B. Paracetamol) und einem Antihistaminikum erfolgen. Bei Patienten mit Granulomatose mit Polyangiitis oder mikroskopischer Polyangiitis wird empfohlen, vor der ersten Infusion von Rituximab Methylprednisolon intravenös zu verabreichen.
Rituximab wird als intravenöse Infusion verabreicht. Die Dosierung und Häufigkeit der Infusionen hängen von der jeweiligen Erkrankung und dem individuellen Krankheitsverlauf ab.
Nebenwirkungen von Rituximab
Wie alle Medikamente kann auch Rituximab Nebenwirkungen verursachen. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören:
- Infusionsbedingte Reaktionen (Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Hautreaktionen)
- Erhöhte Infektanfälligkeit
- Reaktivierung von Hepatitis B
In seltenen Fällen kann es zu schwerwiegenden Nebenwirkungen wie progressiver multifokaler Leukoenzephalopathie (PML) kommen.
Kontraindikationen von Rituximab
Rituximab darf nicht eingesetzt werden bei:
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- Schweren akuten Infektionen
- Bekannter Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
In der Schwangerschaft sollte Rituximab nur in Ausnahmefällen und unter strengster Indikationsstellung angewendet werden.
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