Aktuelle Forschung zur Rückenmarkquerschnittlähmung: Fortschritte und Perspektiven

Die Forschung im Bereich der Rückenmarkquerschnittlähmung hat in den letzten Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Trotz der Herausforderungen, die mit der Regeneration von Nervengewebe verbunden sind, eröffnen neue Studien und Therapieansätze vielversprechende Perspektiven für Betroffene. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Forschungsergebnisse und Entwicklungen, die das Potenzial haben, die Behandlung und Rehabilitation von Menschen mit Rückenmarkverletzungen zu verbessern.

Bedeutung von Gewebebrücken im Rückenmark für die Genesung

Eine multizentrische Studie hat gezeigt, dass unverletzte Gewebebrücken im Rückenmark aussagekräftige Prädiktoren für die Genesung von Patientinnen und Patienten mit Rückenmarkverletzungen im Bereich der Halswirbelsäule sind. Die Studienergebnisse haben das Potenzial, die klinische Praxis zu verändern und weitere Studien zu Rückenmarkverletzungen entscheidend voranzubringen.

Die Prognose zur Genesung nach einer Querschnittlähmung ist trotz ihrer Bedeutung für die betroffenen Menschen und ihr Umfeld immer noch weitestgehend unklar. Forschende aus drei internationalen Querschnittzentren in Zürich (CH), Denver (USA) und Murnau (D) konnten nun eine relevante Bedeutung von sogenannten Neuroimaging-Messungen aus klinischen Magnetresonanztomographien (MRT) für die Vorhersage der sensorischen und motorischen Erholung bei Menschen mit Tetraplegie aufzeigen. Als Tetraplegie werden die Funktionsstörungen an den oberen und unteren Extremitäten sowie am Rumpf aufgrund einer Verletzung des zervikalen Rückenmarks bezeichnet.

Die Neuroimaging-Messungen können unverletzte Nervengewebsanteile, sogenannte „tissue bridges“ (spinale Gewebebrücken), innerhalb der Läsionsstelle im Rückenmark erkennen. Das internationale Forscherteam hat nun erfolgreich Modelle entwickelt, diese Gewebebrücken im Rückenmark für eine verbesserte Prognose der klinischen Ergebnisse einzubeziehen - ein entscheidender Mehrwert! Konkret wurden in dieser wegweisenden Bildgebungsstudie die Fortschritte der Genesung bei den Patientinnen und Patienten etwa drei Monate nach der Verletzung und bei der Nachuntersuchung nach zwölf Monaten untersucht. Dadurch wurden überzeugende Beweise dafür geliefert, dass Gewebebrücken im Rückenmark mit kurz- und langfristigen klinischen Verbesserungen einhergehen, was die breite klinische Anwendbarkeit des Studienansatzes unterstreicht.

Die Studie zeigt somit das unglaubliche Potential zur Optimierung der klinischen Entscheidungsfindung und der Patientenberatung, wenn die Gewebebrücken routinemäßig als Teil der klinischen Versorgungsstandards erfasst werden. Sie ist ein weiterer Schritt bei der Entwicklung spezifischerer Rehabilitationsprogramme und individualisierter Behandlungsstrategien für Menschen mit einer Rückenmarkverletzung.

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Die Forschenden betonen, wie wichtig es ist, dass die Vorhersage der Genesung reproduzierbar und auf neue Patientinnen und Patienten verallgemeinerbar sind: „Unsere Modelle und Ergebnisse können auf andere Patientenkohorten übertragen werden und sind für alle Querschnittzentren, MRT-Scanner und Personen gültig, die die Messungen durchführen und beurteilen“. Die Ergebnisse der Längsschnittstudie «Prognostic value of tissue bridges in cervical spinal cord injury» haben somit das Potenzial, die klinische Praxis zu verändern und sind der Grundstein für eine erfolgreiche Anwendung von multizentrischen Interventionsstudien.

Die Patientinnen und Patienten dieser multinationalen Studie wurden in der Universitätsklinik Balgrist, Zürich (Schweiz), in der BG Unfallklinik Murnau (Deutschland) und im Craig Hospital, Denver (USA) untersucht und in die Forschung mit einbezogen. Diese renommierten Kliniken und ihre Forschenden haben es sich zur Aufgabe gemacht, die medizinische Forschung voranzutreiben und durch innovative Studien und klinische Anwendungen die Ergebnisse für die Betroffenen zu verbessern. Daran beteiligt war auch das Expertenteam um Dr. Doris Maier, Dr. Andreas Grillhösl, Dr. Iris Leister und Orpheus Mach aus dem Forschungsbereich des Zentrums für Rückenmarkverletzte an der BG Unfallklinik Murnau. Sie alle sind bestrebt, neue Ansätze für die Diagnose, Behandlung und Rehabilitation von Rückenmarkverletzungen zu entwickeln.

Die Studienergebnisse erschienen aktuell im Wissenschaftsmagazin „The Lancet Neurology“, der weltweit führenden Zeitschrift für klinische Neurologie.

Tiefe Hirnstimulation zur Verbesserung der Gehfähigkeit

Eine Forschungsgruppe in Lausanne hat eine Region im Gehirn ausgemacht, deren Stimulation womöglich dazu beiträgt, dass inkomplett Querschnittgelähmte wieder besser gehen können. Nach ersten Versuchen in Mäusen und Ratten wurde das Verfahren nun an zwei Menschen getestet. Bei einer sogenannten inkompletten Querschnittlähmung sind die Nervenbahnen im Rückenmark im Gegensatz zur vollständigen Querschnittlähmung nur teilweise beschädigt. Dazu kommen kann es etwa durch einen Unfall oder eine Erkrankung des Rückenmarks. Abhängig vom Ausmaß des Schadens können Gefühlsstörungen, Probleme bei der Blasenfunktion und Lähmungen auftreten.

Die Forschenden um den Neurochirurgen Newton Cho von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne setzten zwei inkomplett querschnittgelähmten Probanden in einer Operation Elektroden in den sogeannnten lateralen Hypothalamus ein, einen Teil des Zwischenhirns, und stimulierten die Region elektrisch. Mediziner wenden dieses Verfahren der tiefen Hirnstimulation (THS) schon bei anderen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen an. Zusätzlich ließen die Forschenden in Lausanne die beiden Probanden ein dreimonatiges Rehabilitationsprogramm absolvieren.

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Der Studie zufolge verbesserten die kombinierten Prozeduren das Gehen in einem sogeannnten Sechs-Minuten-Test: Ein Teilnehmender verlängerte die in dieser Zeit auf einem standardisierten Parcour zurückgelegte Strecke von etwa 26 auf 32 Meter, der andere Teilnehmende von 40 auf 81 Meter. Bei beiden Probanden seien keine schwerwiegenden Nebenwirkungen aufgetreten, berichten die Forschenden. Sie haben ihre Studie allerdings noch nicht abgeschlossen; es soll noch ein weiterer Proband daran teilnehmen. Bevor sie das Verfahren an Menschen testeten, hatten die Forschenden Maus-Gehirne zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach einer inkompletten Querschnittverletzung untersucht und eine Art Gehirnatlas erstellt. Darin identifizierten sie bestimmte Nervenzellen im lateralen Hypothalamus als eine Schlüsselregion für die Regeneration. Als die Forschenden diese Nervenzellen bei inkomplett querschnittgelähmten Mäusen und Ratten mittels THS anregten, konnten die Tiere besser laufen.

Zuvor hatte bereits eine andere Arbeitsgruppe von der Universität Zürich nach Versuchen an Ratten mit einer inkompletten Querschnittlähmung in diesem Jahr berichtet , dass die tiefe Hirnstimulation einer weiteren Hirnreaktion das Laufen verbessern kann.

Kritische Bewertung der tiefen Hirnstimulation

Rainer Abel, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Querschnittgelähmte am Klinikum Bayreuth, äußerte sich gegenüber dem Science Media Center (SMC) in Köln, dass sich durch die Erkenntnisse womöglich eine zusätzliche Anwendung ergeben könnte, um Menschen mit einer inkompletten Querschnittlähmung zu einer besseren Mobilität zu verhelfen. Er betonte jedoch, dass es noch zu früh sei, um Aussagen treffen zu können, wer von einem solchen - doch recht invasiven - Verfahren profitieren könnte. Insbesondere sei eine Nutzen-Risiko-Abschätzung sicherlich noch nicht möglich.

Norbert Weidner, ärztlicher Direktor der Klinik für Paraplegiologie - Querschnittzentrum am Universitätsklinikum Heidelberg, äußerte Kritik am Vorgehen der Forschenden in Lausanne. Er halte es für wünschenswert, dass eine solche klinische Studie erst abgeschlossen werde, bevor man damit in die Öffentlichkeit gehe. Er fragte, warum die Studie nicht zur Veröffentlichung eingereicht wurde, nachdem die festgelegten drei Patienten eingeschlossen, behandelt und im Verlauf nachbeobachtet sind. Davon abgesehen sei es für ihn nicht nachvollziehbar, ob für die Studie womöglich inkomplett Querschnittgelähmte ausgewählt wurden, die ganz besondere Kriterien aufweisen.

Stammzelltherapie mit induzierten pluripotenten Stammzellen (iPSC)

Das chinesische Biotechnologieunternehmen XellSmart will mit induzierten pluripotenten Stammzellen (iPSC) die Heilungschancen bei akuter Querschnittlähmung verbessern. Pluripotente Stammzellen sind „unreife“ Stammzellen, die sich zu bestimmten Zellen entwickeln können. In diesem Fall handelt es sich um Zellen, die die geschädigten oder abgestorbenen Nervenzellen im verletzten Rückenmark ersetzen können.

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Die Methode zielt auf eine breite Anwendung ab, bei der keine Zellen von einem Patienten entnommen werden müssen, sondern es soll eine „Einheitsgröße“ für eine Standardbehandlung entstehen, die bei jedem Patienten mit Rückenmarksverletzung eingesetzt werden kann. So sollen die Zellen leicht herzustellen und im Ernstfall schnell verfügbar sein. Und da die Subtypisierung der Zellen bereits gut erforscht ist, dürfte das Abstoßungsrisiko bei allogenen Zellen, d.h.

Diese Phase-I-Studie - in der die Sicherheit und Wirksamkeit sowie die Dosierungsparameter geprüft werden - sollte im Jahr 2026 abgeschlossen sein. Wenn sie erfolgreich ist, wird die nächste Phase eingeleitet, an der eine größere Bevölkerungsgruppe beteiligt ist. Mit dem Beginn der Phase II wäre dann frühestens im Jahr 2028 zu rechnen.

Robotergestütztes Gangtraining für zu Hause

Jedes Jahr erleiden rund 1.800 Menschen in Deutschland eine Querschnittlähmung. Für die Betroffenen geht in der Regel von einer Sekunde auf die andere ein entscheidender Teil ihrer Gehfähigkeit und damit ein großes Stück an Selbstständigkeit verloren. Jede Möglichkeit, wieder besser gehen zu können, stellt einen wesentlichen Gewinn an Lebensqualität dar und erleichtert den Wiedereinstieg ins Berufs- und Privatleben. Bislang konnten Betroffene das Gehen nur an Großgeräten in Kliniken und Rehazentren üben. Jetzt gibt es erstmals einen Roboter für das Gangtraining zu Hause.

Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) haben Prof. Dr. Eberhard P. Hofer als Projektleiter, Dr. Markus Knestel und Michael Vosseler von der Universität Ulm und Dr. Rüdiger Rupp vom Universitätsklinikum Heidelberg einen im Jahr 2010 patentierten Bewegungsroboter namens MoreGait erfunden. In einer ersten Studie am Universitätsklinikum Heidelberg mit 27 Querschnittgelähmten bewies der Heimtrainer seine Leistungsfähigkeit: „Nach acht Wochen Training konnten wir deutliche Fortschritte messen. Die Gehgeschwindigkeit der Patienten erhöhte sich, ihre maximale Gehstrecke verlängerte sich, unwillkürliche Muskelkrämpfe wurden weniger und die Kraft in den Beinen nahm zu“, beschreibt Dr. Rupp. Ähnliche Verbesserungen werden bisher nur mit teuren und aufwendigen Großgeräten erzielt.

Besonders wichtig für einen Heimtrainer ist, dass er sicher und einfach zu bedienen ist. Dr. Rupp: „Nur eine Studienteilnehmerin entwickelte im Verlauf des Trainings eine Druckstelle am großen Zeh. Die MoreGait-Pilotstudie wurde an chronisch Querschnittgelähmten durchgeführt, wobei die Verletzung des Rückenmarks länger als ein Jahr zurücklag. „Wir haben im vergangenen Jahr damit begonnen, die Maschine auch bei Patienten mit einer frischen Querschnittlähmung zu testen“, so Dr. Rupp. „In den ersten Untersuchungen haben wir auch hier positive Effekte beobachten können.“ Wenn sich diese Ergebnisse bestätigen, könnte der MoreGait-Roboter zukünftig auch in Krankenhäusern zum Einsatz kommen. Denn wegen der immer häufiger auftretenden multiresistenten Krankheitskeime, dürfen Patienten oftmals ihr Zimmer nicht erlassen. „Das bedeutet aber auch, dass sie an keiner Lokomotionstherapie teilnehmen können. Hier würde unser Gerät den Betroffenen eine Möglichkeit bieten, das Gehen auf ihrem Zimmer zu trainieren“, so Dr. Rupp.

Das Prinzip des Gangroboters: Die Ober- und Unterschenkel werden in einer dem natürlichen Gehen vergleichbaren Art bewegt und die Fußsohle standphasenbezogen belastet. Ein Unterschied zu den bisherigen Therapiegeräten wie Fahrradergometern ist die Krafteinwirkung. Nervenstrukturen im Gehirn und Rückenmark lassen sich nach einer inkompletten Querschnittlähmung durch wiederholte Reize von außen trainieren. Dadurch können Muskeln wieder aktiviert werden, die für das Laufen wichtig sind. Dabei ist es entscheidend, dass die Fußsohle belastet wird. Durch diesen Reiz lernen die Nervenzellen und organisieren sich neu. Daher mussten die Patienten bisher in aufrechter Position trainieren, was in der Regel nur unter Aufsicht möglich ist. Mit dem MoreGait-Therapiegerät können Patientinnen und Patienten nun sicher und eigenständig in halb-liegender Position trainieren. Möglich wird dies durch ein von Professor Hofer, Dr. Knestel und Dr. Rupp entwickeltes, computergesteuertes Fußteil, den sogenannten „Stimulativen Schuh“. Wird mit dem MoreGait trainiert, wirken ähnliche Kräfte auf den Bewegungsapparat wie beim normalen Gehen. Die Gelenkbewegung wird von künstlichen Muskeln unterstützt, deren Wirkprinzip den biologischen Muskeln nachempfunden ist.

NISCI-Studie: Antikörper zur Verbesserung der Rehabilitation

Die Wahrheit liegt mittendrin. Ein Wundermittel, das Querschnittgelähmte wieder gehen lässt, wird es nicht geben. Aber: Die Aussage „Bei Rückenmarksverletzungen ist nichts zu machen“ lässt sich nach der NISCI Studie auch nicht mehr halten. Das wurde beim Abschlussmeeting der an der Studie beteiligten internationalen Zentren jetzt an der Klinik Hohe Warte in Bayreuth deutlich. 78 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren gekommen - Europas Top-Experten in der Erforschung der Querschnittlähmung in der gesamten Bandbreite. Vom Grundlagenforscher bis zum Kliniker.

Forscher in Zürich um den Neurowissenschaftler Prof. Martin Schwab hatten sich die grundlegendste aller Fragen gestellt: Warum regeneriert sich das Rückenmark nicht? Die Antwort: Unter anderem, weil es Proteine gibt, die diese Regeneration verhindern. Dies, so die Theorie der Forscher, hat durchaus Sinn. „Das menschliche Gehirn bewahrt damit zum Beispiel einmal entstandene Verbindungen, damit es verlässlich und orientiert diese Verbindungen abrufen kann“, sagt PD. Dr. Dr. Rainer Abel, Direktor der Klinik für Querschnittgelähmte und der Klinik für Orthopädie an der Klinikum Bayreuth GmbH. Doch auch das ausschaltende Protein lässt sich ausschalten. Mit Hilfe von Antikörpern. Die Schweizer Forscher nannten diese bezeichnenderweise „Anti-Nogo A“.

Der Antikörper-Ansatz wurde in einer ersten Studie am Menschen in den Jahren 2006 bis-2008 untersucht, dann zog sich das beteiligte Pharmaunternehmen zurück. Doch die Community sah den Wert der Idee und initiierte eine Investigator Initiated Trial - Forschung nicht unter der Ägide einer Firma, vielmehr eine Studie von den Forschern selbst. Geld gab es aus verschiedenen Quellen. Die Europäische Union legt einen guten Teil auf den Tisch, der Schweizer Wissenschaftsfonds, die Stiftung Wings for Life und andere unterstützten.

Die Ergebnisse zeigten, dass sich bei bestimmten Gruppen der Patienten eine bessere Erholung in Armen und Händen zeigte. Ein nächstes Ziel ist es, die Wirkweise von Nogo-A-Antikörper beim Menschen besser zu verstehen. Die Ergebnisse der Studie könnten ein Schritt sein hin zu einem ersten wirksamen personalisierten Medikament zur Behandlung von Rückenmarksverletzungen bei spezifischen Patientengruppen.

Wings for Life: Finanzierung von Rückenmarksforschungsprojekten

Weltweit arbeiten Wissenschaftler mit Hochdruck an einer Heilung von Querschnittslähmung. Die Stiftung Wings for Life finanziert zahlreiche Forschungsprojekte, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Rückenmarksregeneration beschäftigen.

Glutamat-Konzentration senken

Angela Ruban arbeitet an der Idee, die Konzentration von Glutamat nach einer Nervenverletzung zu senken, um die giftige Wirkung und den daraus folgenden Schaden zu reduzieren. Weniger Glutamat könnte sogar zu einer verbesserten Erholung und Regeneration führen.

Elektrische Stimulation des Rückenmarks

Das Team von Chet Moritz hat herausgefunden, dass eine elektrische Stimulation des Rückenmarks auf Höhe des Halses zu wichtigen und langanhaltenden Verbesserungen der Handfunktion führt, und zwar bei chronischer, hoher Querschnittlähmung.

Mechanische Kräfte zur Anregung des Nervenwachstums

Vittoria Raffa und Marco Mainardi untersuchen, wie geringe Zugkräfte das Längenwachstum von Nervenzellen anregen können. Diese mechanischen Kräfte entstehen durch die Verwendung magnetischer Felder.

Kombinationstherapie mit Stammzellen und extrazellulären Vesikeln

Frank Edenhofer und Sébastien Couillard-Després entwerfen eine neuartige Kombinationstherapie zur Wiederherstellung von Nervenverbindungen durch induzierte neurale Stammzellen. Zusätzlich wollen sie der Narbenbildung entgegenwirken.

Stammzelltransplantation und intensives Reha-Training

Camila Marques de Freria entwickelt eine Kombinationstherapie aus Stammzelltransplantation an der Verletzungsstelle plus intensivem Reha-Training, um die Erholung des kortikospinalen Systems zu verbessern.

Schwann-Zell-Transplantation mit Biomaterialien

Martin Oudega und seine Arbeitsgruppe haben sich auf sogenannte Schwann-Zellen und deren Transplantation in geschädigtes Rückenmark spezialisiert, um Nervengewebe wiederherzustellen. Ein spezielles Biomaterial soll dabei helfen, die Überlebensfähigkeit der neu eingebrachten Schwann-Zellen zu steigern.

Frühzeitiges und intensives Bewegungstraining

Lisa Harvey untersucht die Wirksamkeit eines frühen und intensivierten, motorischen Trainings auf die Erholung und die einzelnen Körperfunktionen bei frisch verletzten Betroffenen.

Immunfunktion bei Querschnittlähmung

Forschende unter Leitung der Charité - Universitätsmedizin Berlin haben untersucht, inwiefern Rückenmarksverletzungen auch zu einer eingeschränkten Immunfunktion beitragen. Im Fachmagazin Brain* beschreiben sie unter anderem, wie komplette Querschnittlähmungen zu Immunschwäche und einem erhöhten Infektionsrisiko führen. Diese können die neurologische Erholung behindern oder gar lebensbedrohlich sein. Vorbeugung hingegen kann die Risiken mindern. Akut querschnittgelähmte Patient:innen sind besonders anfällig für Infektionen, etwa für Atem- oder Harnwegsinfekte. Die genaue Ursache dafür war lange Zeit unklar. Komplikationen dieser Art sind im schlimmsten Fall tödlich oder aber sie beeinträchtigen die Regeneration.

Die Forschenden gehen davon aus, dass es infolge der schweren Verletzung zu einer gestörten Kommunikation zwischen dem Gehirn und Teilen des autonomen Nervensystems im Rückenmark kommt. Die ausbleibende Koordination von Nerven- und Immunsystem mündet schließlich in einer systemischen Immunschwäche. Marker im Blut, die mit einem solchen Defizit einhergehen, sollen dabei helfen, die Infektionsanfälligkeit von Patient:innen frühzeitig individuell abzuschätzen und zu behandeln.

Die Ergebnisse aus Gruppen von Betroffenen mit jeweils unterschiedlichen Verletzungen des Rückenmarks wurden anschließend mit Ergebnissen von Patient:innen verglichen, bei denen lediglich eine Verletzung der Wirbelkörper vorlag, bei noch intaktem Rückenmark. „Für schwerwiegende Rückenmarkverletzungen konnten wir nachweisen, dass eine reduzierte Anzahl von HLA-DR-Molekülen pro Monozyt zu einer Deaktivierung dieser Immunzellen führt. Da die Vorläufer der Fresszellen eine wichtige Komponente der Immunabwehr sind, lässt sich anhand dieses Markers die Anfälligkeit für schwere Infektionen und Sepsis bei kritisch kranken Menschen vorhersagen“, so der Wissenschaftler.

Wie die aktuelle Studie zeigt, ist SCI-IDS bei Patient:innen mit schweren, neurologisch vollständigen Rückenmarkverletzungen oberhalb der Brustwirbelsäule am stärksten ausgeprägt. Das zeigt sich besonders deutlich im Vergleich mit Patient:innen, die nur eine leichtere Verletzung im Bereich der unteren Brust- oder Lendenwirbelsäule erlitten hatten. Insgesamt sind Rückmarkverletzte deutlich stärker betroffen als Patienten:innen mit einer reinen Wirbelsäulenverletzung ohne Beteiligung des Rückenmarks.

Krebswirkstoff Epothilon zur Reduzierung der Narbenbildung

Rückenmarksverletzungen heilen schlecht, da die dort befindlichen Nervenzellen nicht spontan regenerieren. Das Wachstum der langen Nervenfortsätze (auch: Axone) wird durch das Narbengewebe und molekulare Prozesse im Nerveninneren verhindert. Wie ein internationales Forscherteam unter der Leitung von DZNE-Wissenschaftlern in Bonn jetzt im Magazine Science zeigt, könnte Hilfe von unerwarteter Seite kommen: Der Krebswirkstoff Epothilon reduziert in Tierversuchen bei Rückenmarksverletzungen die Narbenbildung und aktiviert das Wachstum von verletzten Nervenzellen.

Professor Frank Bradke, der am Bonner Standort des DZNE eine Arbeitsgruppe leitet und die Studie geführt hat, sagt, dass eine ideale Therapie für die Regeneration von Axonen bei Rückenmarksverletzungen die Vernarbung verringern sollte. In Zusammenarbeit mit internationalen Forschern könnte Bradke und seinen Mitarbeitern nun ein weiterer Schritt hin zu einer zukünftigen Therapie gelungen sein. Bekannt war durch ihre vorhergehende Forschung, dass eine Stabilisierung der Mikrotubuli die Narbenbildung reduziert und axonales Wachstum fördert. Mikrotubuli sind lange, zylinderförmige Filamente im Inneren der Zelle, die je nach Bedarf dynamisch auf- und abgebaut werden. Der Wirkstoff Epothilon kann Mikrotubuli stabilisieren und ist bereits auf dem amerikanischen Markt zugelassen - als Krebsmedikament.

Im Experiment zeigte sich, dass dieser Wirkstoff auf mehrfacher Ebene tätig wird. Zum einen konnte Epothilon die Narbenbildung reduzieren, indem es die Ausbildung von Mikrotubuli-Filamenten in genau den Zellen störte, die die Narbe bilden. Ohne diese Strukturen können diese Zellen nicht aus dem Bindewege in Wunden migrieren und dort zur Vernarbung beitragen. Kurz gesagt: Über ein- und denselben Effekt, die Stabilisierung von Mikrotubuli, konnte Epothilon in einem Zelltyp die gerichtete Bewegung verhindern, in einem anderen aber das gezielte Wachstum anregen. Dadurch waren die mit Epothilon therapierten Tiere nach einer Rückenmarksverletzung deutlich agiler als unbehandelte Artgenossen und konnten - dank wiedergewonnener Balance und Koordination - besser laufen.

Antikörper zur Verbesserung der Rehabilitation nach traumatischer Querschnittlähmung

Können Antikörper die Rehabilitation von Menschen mit akuter traumatischer Querschnittlähmung verbessern? Dies haben Forschende an 13 Kliniken in Deutschland, der Schweiz, in Tschechien und Spanien untersucht, unter Leitung der Universität Zürich, der Zürcher Universitätsklinik Balgrist und des Universitätsklinikums Heidelberg. Erstmals überhaupt konnten gut abgrenzbare Patientengruppen identifiziert werden, die einen klinisch relevanten Behandlungseffekt zeigten. Die aktuellen Studienergebnisse erscheinen jetzt vorab online in der renommierten Fachzeitschrift „The Lancet Neurology“. Eine Folgestudie startet bereits im Dezember 2024.

Eine akute Rückenmarksverletzung führt zu einer Unterbrechung von Nervenbahnen vom Gehirn zu den Muskeln, was zu einer Lähmung von Arm- und Beinmuskeln führt. Die verletzten Nervenbahnen können sich nicht ausreichend erholen, da Hemmstoffe (Nogo) das Auswachsen von neuen Verbindungen blockieren. Durch die Behandlung mit Antikörpern, die die Hemmstoffe neutralisieren, können sich neue Nervenverbindungen ausbilden, die entlang des noch vorhandenen Rückenmarksgewebes wachsen. Sie führen zu einer verbesserten motorischen Erholung.

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