Eine Stammzellspende kann für Patienten mit bestimmten schweren Bluterkrankungen die einzige Chance auf Heilung und Überleben darstellen. Obwohl für die Registrierung als Stammzellspender lediglich ein einfacher Wangenabstrich erforderlich ist, ist es wichtig, sich der potenziellen Risiken und des Ablaufs einer solchen Spende bewusst zu sein.
Was ist eine Stammzellspende und wem hilft sie?
Im Knochenmark befinden sich Stammzellen, die Vorläuferzellen aller Blutzellen - rote Blutkörperchen (Erythrozyten), weiße Blutkörperchen (Leukozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten) - sind. Bei Erkrankungen wie Leukämie, Lymphomen oder Myelomen können diese Blutzellen bösartig verändert sein oder nicht mehr ausreichend gebildet werden. Eine Stammzellspende ersetzt die kranken Zellen des Patienten durch gesunde Stammzellen eines Spenders, die dann im Idealfall die Neubildung funktionsfähiger Blutzellen gewährleisten.
Registrierung als Stammzellspender
Die Registrierung als Stammzellspender ist unkompliziert. Interessenten zwischen 17 und 55 Jahren können sich bei einer Stammzellspenderdatei registrieren lassen. Dazu ist in der Regel lediglich ein Wangenabstrich mit einem Wattestäbchen oder eine Blutprobe erforderlich, um die HLA-Gewebemerkmale (Humane Leukozyten-Antigene) zu bestimmen. Diese Merkmale sind entscheidend für die Übereinstimmung zwischen Spender und Empfänger.
Ihre persönlichen Daten und HLA-Merkmale werden unter Beachtung des Datenschutzgesetzes in der Datenbank der Stammzellspenderdatei gespeichert. Alle Daten laufen in der „Bone Marrow Donors Worldwide“-Datei (BMDW) zusammen, in der die Gewebemerkmale aller weltweit verfügbaren Spender gespeichert sind. An dieses zentrale Register richten die Kliniken ihre Suchanfragen nach geeigneten Spendern.
GRID: Globale Registrierungs- und Identifikationsnummer für Spender
Die GRID (Global Registration Identifier for Donors) ist ein Standardformat, das von Spenderregistern und Spenderdateien eingeführt wurde, um jedem Spender eine weltweit eindeutige Identifikationsnummer zuzuweisen und somit das Risiko einer Fehlidentifizierung zu senken.
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Ablauf einer Stammzellspende
Wenn Ihre Gewebemerkmale zu denen eines Patienten passen, nimmt die Organisation, bei der Sie als Stammzellspender registriert sind, Kontakt zu Ihnen auf. Nach einer Bestätigungstypisierung und einer gründlichen Voruntersuchung, um Ihre Gesundheit und Eignung für die Spende sicherzustellen, erfolgt ein ausführliches Beratungsgespräch über den Ablauf, die Risiken und mögliche Nebenwirkungen der Spende.
Es gibt zwei Hauptverfahren der Stammzellspende:
Periphere Stammzellenentnahme (PBSC)
In den meisten Fällen (ca. 90%) erfolgt die Stammzellspende als periphere Stammzellenentnahme aus dem Blut. Dabei wird dem Spender über vier bis fünf Tage ein Wachstumsfaktor namens G-CSF (Granulocyte-Colony Stimulating Factor) verabreicht, der die Produktion von Stammzellen im Knochenmark anregt und diese in das Blut ausschwemmt. Die Entnahme selbst ähnelt einer längeren Blutspende. Über zwei Zugänge in den Armvenen wird das Blut durch ein Apheresegerät geleitet, das die Stammzellen herausfiltert und die übrigen Blutbestandteile wieder in den Körper zurückführt. Die Entnahme dauert in der Regel drei bis fünf Stunden und wird ambulant durchgeführt.
Knochenmarkspende (KM)
In etwa 10% der Fälle, insbesondere bei Kindern als Empfänger, ist eine Knochenmarkspende erforderlich. Dabei wird dem Spender unter Vollnarkose in einer spezialisierten Klinik Knochenmark aus dem Beckenknochen entnommen. Der Krankenhausaufenthalt beträgt in der Regel drei Tage (Anreise, Entnahme und Überwachung, Entlassung). Nach der Entnahme kann es für einige Tage zu lokalen Wundschmerzen kommen, ähnlich einem Muskelkater. Das Knochenmark regeneriert sich innerhalb weniger Wochen wieder vollständig.
Risiken und Nebenwirkungen
Wie bei jedem medizinischen Eingriff sind auch mit einer Stammzellspende gewisse Risiken und Nebenwirkungen verbunden:
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Periphere Stammzellenentnahme (PBSC)
Die Verabreichung von G-CSF kann grippeähnliche Symptome wie Gliederschmerzen, Kopfschmerzen oder Müdigkeit verursachen. Diese Symptome sind in der Regel mit Schmerzmitteln gut behandelbar und verschwinden nach der Spende wieder. In seltenen Fällen kann es zu einer vorübergehenden Vergrößerung der Milz kommen.
Knochenmarkspende (KM)
Die Knochenmarkentnahme ist ein operativer Eingriff unter Vollnarkose, der mit den üblichen Risiken einer Narkose verbunden ist. An der Entnahmestelle können Blutergüsse und Schmerzen auftreten. In seltenen Fällen kann es zu Infektionen oder Wundheilungsstörungen kommen.
Versicherungsschutz
Als Knochenmark- oder Blutstammzellspender sind Sie automatisch bei der jeweiligen Gemeindeunfallversicherung versichert. Zusätzlich wird eine Unfall- und Lebensversicherung durch die Deutsche Stammzellspenderdatei abgeschlossen.
Wichtige Hinweise
- Verwechslungsgefahr: Knochenmark ist nicht mit Rückenmark zu verwechseln. Bei der Knochenmarkspende wird Knochenmark aus dem Beckenknochen entnommen, das Rückenmark bleibt unangetastet.
- Freiwilligkeit: Die Entscheidung zur Stammzellspende ist freiwillig und kann jederzeit ohne Angabe von Gründen widerrufen werden.
- Anonymität: Spender und Empfänger bleiben zunächst anonym. Nach einer Frist von zwei Jahren besteht in vielen Ländern die Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen, sofern beide Seiten einverstanden sind.
- Kosten: Alle Kosten, die im Zusammenhang mit der Stammzellspende entstehen, werden erstattet.
Stammzelltransplantation beim Empfänger
Die Stammzelltransplantation ist ein komplexer Prozess, der für den Empfänger mit erheblichen Belastungen und Risiken verbunden ist.
Vorbereitung
In den Tagen vor der Transplantation wird der erkrankte Empfänger mit einer intensiven Chemotherapie und/oder Bestrahlung behandelt, um das eigene, kranke Knochenmark zu zerstören und Platz für die neuen Stammzellen zu schaffen. Diese Behandlung schwächt das Immunsystem des Patienten stark und macht ihn anfällig für Infektionen.
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Transplantation
Die gespendeten Stammzellen werden dem Patienten wie eine normale Bluttransfusion über eine Vene zugeführt. Die Stammzellen wandern dann in das Knochenmark des Patienten und beginnen, neue, gesunde Blutzellen zu produzieren.
Nachsorge
Die ersten Wochen nach der Transplantation sind oft eine schwierige Zeit, da der Körper des Patienten geschwächt ist und das Immunsystem noch nicht richtig funktioniert. Der Patient muss isoliert werden, um Infektionen zu vermeiden, und verschiedene Medikamente einnehmen, darunter Immunsuppressiva, um eine Abstoßungsreaktion zu verhindern.
Eine der gefürchtetsten Komplikationen nach einer allogenen Stammzelltransplantation ist die Graft-versus-Host-Reaktion (GvHR), bei der die Immunzellen des Spenders den Körper des Patienten angreifen. Diese Reaktion kann verschiedene Organe betreffen und zu schweren Komplikationen führen.
Langzeitfolgen
Auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen in der KMT-Ambulanz erforderlich, um mögliche Komplikationen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Die Einnahme von Immunsuppressiva muss möglicherweise über einen längeren Zeitraum fortgesetzt werden.
Langzeitfolgen nach einer Stammzelltransplantation können unter anderem sein:
- Infektionen
- Graft-versus-Host-Erkrankung (GvHD)
- Organfunktionsstörungen
- Eingeschränkte Fruchtbarkeit
- Erhöhtes Risiko für Zweittumoren
Bedeutung der Stammzellspende
Trotz der potenziellen Risiken und Belastungen ist die Stammzellspende für viele Patienten mit schweren Bluterkrankungen die einzige Chance auf Heilung. Je mehr Menschen sich als Stammzellspender registrieren lassen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, für jeden Patienten einen passenden Spender zu finden.
Nabelschnurblutspende
Auch Nabelschnurblut eignet sich zur Stammzellspende, da es viele Blutstammzellen enthält. Frisch gebackene Eltern können Nabelschnur und Plazenta spenden, um beispielsweise Leukämiepatienten zu helfen. Die Gewinnung der Stammzellen ist ohne Risiko für Mutter und Kind.
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