Die öffentliche Auseinandersetzung mit Sarah-Lee Heinrich, der Bundessprecherin der Grünen Jugend, hat eine breite Debatte über den Umgang mit Äußerungen aus der Vergangenheit, insbesondere im Kontext sozialer Medien, ausgelöst.
Hintergrund der Kritik
Sarah-Lee Heinrich geriet in den Fokus, als ältere Nachrichten von ihr, die bis ins Jahr 2015 zurückreichen, im Netz verbreitet wurden. In einer dieser Nachrichten hatte sie unter einen Tweet mit einem Hakenkreuz "Heil" geschrieben. Heinrich selbst bezeichnete dies als "maximal dumm und unangebracht". Diese und andere Tweets führten dazu, dass sie sich vorübergehend aus der Öffentlichkeit zurückzog, nachdem sie nach Angaben der Grünen Jugend Mord- und Gewaltandrohungen erhalten hatte.
Strategien rechter Kampagnen
Die Verbreitung der Nachrichten erfolgte laut Heinrichs Unterstützern koordiniert durch Accounts aus rechten und rechtsextremen Kreisen. Dabei wurden teilweise manipulierte Screenshots verwendet, um die Aussagen schlimmer darzustellen oder den Eindruck zu erwecken, sie seien aktueller. Ziel solcher Kampagnen sei es, Menschen wie Heinrich, die dem Feindbild der Rechten entsprechen - Schwarz, Frau, Antifaschistin -, unsichtbar zu machen und aus Machtpositionen zu drängen.
Vergleichbare Fälle und Doppelstandards
Ein ähnlicher Fall ist der von Nemi El-Hassan, der vorgeworfen wurde, als 18-Jährige an einem antisemitischen Al-Quds-Marsch teilgenommen zu haben. Auch El-Hassan entschuldigte sich öffentlich. Kritiker bemängeln jedoch, dass solche Fälle oft mit rassistischen und sexistischen Doppelstandards behandelt werden. Während Heinrich und El-Hassan für ihre Verfehlungen stark kritisiert wurden, blieben andere Politiker wie der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor, der mit Neonazis posierte, oder der "Tagesschau"-Sprecher Constantin Schreiber, dessen Roman als rechtspopulistisch kritisiert wurde, weitgehend unbehelligt.
Heinrichs Reaktion und Entschuldigung
Heinrich entschuldigte sich für ihre beleidigenden Tweets und betonte, dass der "Heil"-Tweet in keiner Weise ihre Position widerspiegele. Sie bedauerte, ihn jemals abgesetzt zu haben. Trotz ihrer Entschuldigung spielte dies in der Hetzkampagne gegen die damals 20-Jährige keine Rolle.
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Solidarität und Gegenstrategien
Um Heinrich und andere Betroffene von rechten Shitstorms nicht allein zu lassen, wurden Solidaritätsbekundungen gepostet und versucht, den Kampagnen entgegenzuwirken. Kritiker fordern eine Debatte darüber, welches Verhalten die Gesellschaft als entschuldbar ansieht und wie mit Fehlern aus der Vergangenheit umgegangen werden soll.
Elke Heidenreichs Kritik
Die Schriftstellerin Elke Heidenreich äußerte sich in der ZDF-Sendung "Markus Lanz" kritisch über Heinrich. Sie warf ihr vor, nicht genug nachzudenken und nicht sprechen zu können. Zudem äußerte sie sich skeptisch über die Wahl Heinrichs in das Spitzenamt der Grünen Jugend und deutete an, dass Diversität und Migrationshintergrund eine größere Rolle gespielt hätten als Kompetenz.
Heidenreichs Aussagen stießen in den sozialen Medien auf heftige Kritik. Ihr wurde Sexismus, Rassismus, Ignoranz und mangelnde Empathie vorgeworfen.
Heinrichs Werdegang und politische Positionen
Sarah-Lee Heinrich engagiert sich seit ihrer Jugend politisch. Sie gründete in ihrer Heimatstadt Unna die Ortsgruppe der Grünen Jugend und kämpft seitdem gegen Armut. Mit über neunzig Prozent der Stimmen wurde sie zur Bundessprecherin der GJ gewählt.
Heinrich setzt sich für eine linkere Politik ein und fordert, dass die Grünen soziale und ökologische Fragen zusammendenken. Sie kritisiert die Agenda 2010 und fordert höhere Löhne, einen höheren Mindestlohn und bessere Arbeitsbedingungen für Menschen im Niedriglohnsektor.
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Post-Privacy und der Umgang mit digitalen Spuren
Der Fall Sarah-Lee Heinrich wirft auch Fragen nach dem Konzept der Post-Privacy auf. In einer Zeit, in der Menschen zwangsläufig digitale Spuren hinterlassen, stellt sich die Frage, wie mit Fehlern und Jugendsünden aus der Vergangenheit umgegangen werden soll.
Berit Glanz, Literaturwissenschaftlerin an der Uni Greifswald, betont, dass menschliche Entwicklung sich auch anhand der individuellen Onlinespuren ablesen lässt. Sie fordert eine Kultur des Verzeihens, die Menschen diese Veränderung zugesteht.
Instrumentalisierung und Manipulation
Es wird auch darauf hingewiesen, dass digitale Datenspuren manipulierbar und instrumentalisierbar sind. Es sei wichtig, einen Kontext herzustellen und zu prüfen, von wem man sich instrumentalisieren lässt, bevor man auf Empörungswellen einsteigt.
Ziele und Mechanismen von Shitstorms
Shitstorms wie der gegen Sarah-Lee Heinrich dienen dazu, Menschen emotional und psychisch niederzumachen und sie politisch zum Rückzug zu bewegen. Sie bedienen sich gesellschaftlich weit verbreiteter Ressentiments wie Rassismus und Misogynie.
Die Wissenschaftlerin Kate Manne bezeichnet Misogynie als Herrschafts- und Kontrollmechanismus der patriarchalen Vorherrschaft. Schwarze Frauen, die Rassismus kritisieren, sind besonders von Misogynoir betroffen, einer Verflechtung von Rassismus und Sexismus.
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