Der Zusammenhang zwischen Hashimoto-Thyreoiditis, Migräne und Kopfschmerzen

Die Hashimoto-Thyreoiditis (HT) ist eine Autoimmunerkrankung, die die Schilddrüse betrifft und häufig zu einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) führt. Migräne und Spannungskopfschmerzen sind weit verbreitete medizinische Beschwerden, wobei Kopfschmerzen auch ein häufiges Symptom einer Schilddrüsenunterfunktion sein können. Es gibt Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Hashimoto-Thyreoiditis, Migräne und anderen Kopfschmerzarten. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse über diese Zusammenhänge und mögliche Behandlungsansätze.

Hashimoto-Thyreoiditis: Eine Übersicht

Die Hashimoto-Thyreoiditis ist die häufigste Ursache für eine Schilddrüsenunterfunktion in Industrieländern. Bei dieser Autoimmunerkrankung bildet der Körper Antikörper gegen Schilddrüsenbestandteile, was zu einer chronischen Entzündung und Zerstörung des Schilddrüsengewebes führt. Dies führt dazu, dass die Schilddrüse weniger Hormone produziert, was weitreichende Folgen für den gesamten Körper haben kann.

Ursachen und Risikofaktoren

Die genauen Ursachen der Hashimoto-Thyreoiditis sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass genetische Faktoren, Umweltfaktoren und das Immunsystem eine Rolle spielen. Zu den Risikofaktoren gehören:

  • Familiäre Häufung von Schilddrüsen- oder anderen Autoimmunerkrankungen
  • Weibliches Geschlecht (Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer)
  • Virusinfektionen
  • Übermäßige Jodaufnahme
  • Langanhaltender Stress

Symptome

Hashimoto beginnt meist schleichend und bleibt anfangs oft unbemerkt. Im Frühstadium kann es sogar zu einer vorübergehenden Schilddrüsenüberfunktion kommen, wenn entzündetes Gewebe gespeicherte Hormone freisetzt. Im weiteren Verlauf entwickeln sich jedoch typischerweise Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion, wie z.B.:

  • Müdigkeit und Schwäche
  • Gewichtszunahme
  • Kälteempfindlichkeit
  • Trockene Haut
  • Verstopfung
  • Depressive Verstimmungen
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Haarausfall
  • Muskel- und Gelenkschmerzen
  • Kopfschmerzen

Diagnose

Die Diagnose der Hashimoto-Thyreoiditis basiert auf einer Kombination aus:

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  • Klinischer Untersuchung
  • Bestimmung der Schilddrüsenhormone (TSH, fT3, fT4) im Blut
  • Nachweis von Schilddrüsenantikörpern (TPO-AK, TG-AK) im Blut
  • Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse

Behandlung

Hashimoto selbst ist nicht heilbar, aber die Symptome lassen sich gut kontrollieren. Die wichtigste Behandlungsmethode ist die Hormonersatztherapie mit L-Thyroxin. Dieses synthetische Schilddrüsenhormon ersetzt das Hormon, das der Körper nicht mehr in ausreichender Menge produziert. Die Dosis von L-Thyroxin muss individuell angepasst werden, um einen optimalen Hormonspiegel zu erreichen.

Der Zusammenhang zwischen Schilddrüsenunterfunktion und Kopfschmerzen

Kopfschmerz ist ein häufiges Symptom einer Schilddrüsenunterfunktion. Studien haben gezeigt, dass etwa ein Drittel der Patienten mit Hypothyreose unter Kopfschmerzen leidet. Es gibt verschiedene Arten von Kopfschmerzen, die mit einer Schilddrüsenunterfunktion in Verbindung gebracht werden können, darunter Migräne und Spannungskopfschmerzen.

Migräne und Schilddrüsenunterfunktion

Mehrere Studien haben einen Zusammenhang zwischen Migräne und Schilddrüsenunterfunktion festgestellt. Eine Studienübersicht ergab deutliche Verbindungen besonders zwischen Migräne und zu geringer Leistung der Schilddrüse. Die Forschung zum Thema zeigte eine große Bandbreite in Teilnehmergruppen, Studiendesign und Studienziel. In der Mehrzahl dieser Studien wurde eine positive Assoziation gefunden: Migräne und Schilddrüsenprobleme traten also gehäuft gemeinsam auf. Eine andere Studie untersuchte die Entwicklung von Schilddrüsenunterfunktion und fand, dass Kopfschmerz, speziell wieder die Migräne, offenbar die Entwicklung von Schilddrüsenproblemen begünstigte.

Eine retrospektive, beobachtende Kohortenstudie umfasste Migränepatienten, die an einem polnischen Kopfschmerzzentrum in Behandlung waren. Es wurden 928 geeignete Migränepatienten in die Studie einbezogen, davon waren 88,7 % Frauen. Bei 106 Teilnehmern (11,4 %) wurde eine Hashimoto-Thyreoiditis diagnostiziert, bei 148 (15,9 %) eine Schilddrüsenunterfunktion, während 84 Teilnehmer (9,05 %) beide Diagnosen hatten. Die statistische Auswertung zeigte, dass das Vorhandensein von chronischer Migräne positiv mit einer Hashimoto-Thyreoiditis (OR: 1,76; p = 0,045), Medikamentenübergebrauchskopfschmerz und der Migränedauer assoziiert war. Die Hashimoto-Thyreoiditis kommt bei Migränepatienten, insbesondere bei Frauen, sehr häufig vor und ist eine der häufigsten Begleiterkrankungen bei Migräne. Die Ergebnisse der Studie lassen darauf schließen, dass eine Hashimoto-Thyreoiditis den Verlauf einer Migräneerkrankung negativ beeinflusst und sogar zu deren Chronifizierung beitragen kann.

Spannungskopfschmerzen und Schilddrüsenunterfunktion

Auch Spannungskopfschmerzen können im Zusammenhang mit einer Schilddrüsenunterfunktion auftreten. Allerdings ist die Studienlage hier weniger eindeutig als bei Migräne. Einige Studien haben eine erhöhte Prävalenz von Spannungskopfschmerzen bei Patienten mit Hypothyreose gefunden, während andere keine signifikante Assoziation feststellen konnten.

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Mögliche Mechanismen

Die genauen Mechanismen, die dem Zusammenhang zwischen Schilddrüsenunterfunktion und Kopfschmerzen zugrunde liegen, sind noch nicht vollständig verstanden. Es gibt jedoch verschiedene Hypothesen:

  • Hormonelle Veränderungen: Schilddrüsenhormone spielen eine wichtige Rolle bei der Regulation verschiedener Körperfunktionen, darunter auch die Schmerzverarbeitung. Ein Mangel an Schilddrüsenhormonen kann zu Veränderungen im Gehirn führen, die die Entstehung von Kopfschmerzen begünstigen.
  • Entzündung: Hashimoto-Thyreoiditis ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung. Entzündungsstoffe können die Schmerzempfindlichkeit erhöhen und so Kopfschmerzen auslösen.
  • Vaskuläre Faktoren: Schilddrüsenhormone beeinflussen die Funktion der Blutgefäße. Eine Schilddrüsenunterfunktion kann zu einer Verengung der Blutgefäße im Gehirn führen, was Kopfschmerzen verursachen kann.
  • Neurotransmitter: Schilddrüsenhormone beeinflussen die Produktion und Funktion von Neurotransmittern wie Serotonin und Noradrenalin, die eine wichtige Rolle bei der Schmerzregulation spielen.

Behandlung von Kopfschmerzen bei Hashimoto-Thyreoiditis

Die Behandlung von Kopfschmerzen bei Hashimoto-Thyreoiditis umfasst in der Regel zwei Ansätze:

  1. Behandlung der Schilddrüsenunterfunktion: Die wichtigste Maßnahme ist die Hormonersatztherapie mit L-Thyroxin, um den Schilddrüsenhormonspiegel zu normalisieren. Bei Migränepatienten mit ausgeprägter Hypothyreose machen Ärzte oft gute Erfahrungen mit einer Levothyroxin-Behandlung. Ob eine solche Therapie auch Patienten mit subklinischer Hypothyreose nützt, haben Anastasie Bougea et al., Universität Athen, Griechenland, geprüft. Sie verabreichten das Medikament 45 Migränepatienten ohne Aura, bei denen TSH-Werte über 4,5 mU/l bei normalen T4-Werten gemessen wurde. Die Patienten bekamen zwei Monate lang 50-100 mg Levothyroxin pro Tag. Dabei ging die Schwere der Migräne auf einer 10-Punkte-Analogskala von 6,5 vor auf 1,2 Punkte nach der Behandlung zurück, die Zahl der monatlichen Migränetage sank von 14,7 auf 1,9. Beide Unterschiede waren statistisch signifikant. Die Studie liefere erste Hinweise, dass auch bei subklinischer Hypothyreose eine L-Thyroxin-Behandlung die Migränesymptome deutlich lindern könne.
  2. Symptomatische Behandlung der Kopfschmerzen: Je nach Art und Schwere der Kopfschmerzen können verschiedene Medikamente eingesetzt werden, z.B. Schmerzmittel, Triptane (bei Migräne) oder Muskelrelaxantien (bei Spannungskopfschmerzen).

Weitere Behandlungsansätze

Zusätzlich zu Medikamenten können auch nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Linderung von Kopfschmerzen beitragen:

  • Regelmäßiger Lebensstil: Achten Sie auf ausreichend Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Bewegung.
  • Stressmanagement: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung.
  • Ernährung: Vermeiden Sie Triggerfaktoren, die Kopfschmerzen auslösen können (z.B. bestimmte Nahrungsmittel, Alkohol, Koffein).
  • Physiotherapie: Bei Spannungskopfschmerzen können physiotherapeutische Übungen zur Lockerung der Nackenmuskulatur hilfreich sein.
  • Vitaminkombinationen: Eine natürliche Alternative zur Migräneprophylaxe sind Vitaminkombinationen wie Migravent oder eine täglich durchgeführte 20 minütige Neurostimulation der Stirnhaut.

Begleiterkrankungen bei Hashimoto-Thyreoiditis

Bei etwa 25% der Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis treten weitere Erkrankungen auf. Wegen der Vielzahl möglicher Begleit- und Folgeerkrankungen sollte bei Kontrolluntersuchungen von Hashimoto-Patienten nicht nur die Schilddrüse isoliert betrachtet werden, sondern im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung auch andere Organe wie z.B. Herz, Gefäße, Leber und Niere mit untersucht werden. Nahezu alle potentiellen Begleiterkrankungen einer Hashimoto-Thyreoiditis lassen sich durch die Bestimmung von spezifische Laborwerten in Kombination mit Ultraschalluntersuchungen ausschließen bzw. frühzeitig diagnostizieren.

Liste möglicher Begleit- & Folgeerkrankungen bei Hashimoto-Thyreoiditis:

  • Auge: Endokrine Orbitopathie
  • Bindegewebe: Sarkoidose, Sklerodermie, Lupus erythematodes
  • Muskulatur: Polymyositis , Myasthenia gravis
  • Blut: Perniziöse Anämie, Morbus Werlhof, Kälteagglutininkrankheit
  • Darm: Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Zöliakie
  • Eierstöcke: Polcystisches Ovar (PCO), Endometriose
  • Gefäße: Arteriosklerose, Takayasu-Arteriitis, Churge-Strauss-Syndrom, Morbus Wegener, Panarteriitis nodosa, Riesenzellarteriitis
  • Gelenke: Rheumatoide Arthritis, Fibromyalgie, Morbus Bechterew, Sjögren-Syndrom, Polymyalgia rheumatica, Dermatomyositis, Kälteagglutinkrankheit
  • Haut: Vitiligo, Alopecia areata (Haarausfall), Psoriasis, Lupus erythematodes, Urticaria, Lichen sclerosus, Morbus Behcet, Pemphigus vulgaris
  • Leber: Chronische Autoimmunhepatitis, Primär biliäre Zirrhose, Primär sklerosierende Cholangitis, IgG4-assoziierte Cholangitis
  • Magen: Chronische Autoimmungastritis
  • Muskeln: Dermatomyositis, Fibromyalgie, Myasthenia gravis
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten: Histaminintoleranz, Mastzellenaktivierungssyndrom, Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorption
  • Nebenniere: Morbus Addison (Nebennierenschwäche)
  • Nerven: Multiple Sklerose, Polyneuropathie, Myasthenia gravis, Guillain-Barre-Syndrom
  • Gehirn: Autoimmun-Encephalitis, Hashimoto-Encephalopathie
  • Niere: Goodpasture-Syndrom, Glomerulonephritis, Lupus erythematodes, Retroperitonealfibrose
  • Thrombosen/Lungenembolie: Antiphospholipid-Syndrom
  • Blutungen: Morbus Werlhof
  • Schilddrüse: Morbus Basedow, Schilddrüsenkrebs (Papilläres Schilddrüsenkarzinom)

Herzgesundheit bei Hashimoto-Thyreoiditis

Hashimoto-Thyreoiditis erhöht das Risiko für Erkrankungen des Herzens. Eine im Januar 2017 veröffentliche Metaanalyse der chinesischen Kardiologen um Dr. Yu Ning der Universität Peking, bei der die Ergebnisse von 55 Studien mit insgesamt 1,9 Millionen Patienten in Europa und Nordamerika ausgewertet wurden, konnte zeigen, dass eine Schilddrüsenunterfunktion das Risiko für Erkrankungen des Herzens und der Gefäße in nicht unerheblichen Maße erhöht. Die Ursache des gesteigerten Risikos für Erkrankungen des Herzens ist eine vorzeitige Arteriosklerose.

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Neue Entwicklungen in der Migräneprophylaxe

Seit Jahrzehnten warten Migränepatienten sehnlichst auf neue Medikamente, die sie von den qualvollen Schmerzen befreien. Jetzt ist der erste Vertreter einer neuen Wirkstoffklasse auf dem Markt, der die Zahl der Attacken deutlich senkt. Die Zahl der Migräne-Tage wird fast halbiert. Es handelt sich dabei um sogenannte CGRP-Hemmer. Das "Migräne-Peptid" CGRP ("calcitonin gene-related peptide") ist ein Schlüsselmolekül bei der Krankheitsentstehung. Dieser Eiweißstoff ist bei Migränepatienten erhöht - es wird angenommen, dass CGRP die Blutgefäße im Kopf weitet und dadurch die Schmerzattacken auslöst. Die neuen Medikamente sind künstliche Antikörper, die an das "Migräne-Peptid" oder ihren Rezeptor auf den Körperzellen binden und es so unschädlich machen. Erstmals wird also gezielt in den Entstehungsmechanismus der Migräne eingegriffen. Deshalb sind die neuen Mittel besser verträglich als die alten, die noch viele weitere Körperfunktionen beeinträchtigen.

Im November 2017 veröffentlichten Wissenschaftler des King's College in London die Ergebnisse ihrer Untersuchungen an 955 Migränepatienten. Diese litten im Schnitt an 8,3 Tagen pro Monat an Migräne. Durch Erenumab reduzierten sich die Schmerztage je nach Dosierung um 3,2 bis 3,7 Tage. Zwei weitere Studien ergaben in etwa dasselbe Ergebnis.

Das sollten Sie über das neue Migränemittel Erenumab wissen:

  • Der Wirkstoff Erenumab ist unter dem Handelsnamen Aimovig seit Mai 2018 in den USA auf dem Markt. In Deutschland wurde das Medikament im November 2018 zugelassen.
  • Er wird nicht im Akutfall eingesetzt, sondern dient dazu, die Häufigkeiten der Anfälle zu verringern.
  • Erenumab ist gedacht für Patienten, die mehr als vier Schmerzattacken pro Monat haben.
  • Es wird in Form einer Fertigspritze verabreicht. Nach einer Anleitung in der Arztpraxis können Sie es sich selbst einmal im Monat unter die Haut spritzen.
  • Das neue Mittel ist gut verträglich.
  • Mögliche Nebenwirkungen sind Schmerzen an der Injektionsstelle, Atemwegsinfektionen, Übelkeit, Verstopfung und Muskelkrämpfe.
  • Die Behandlung ist sehr teuer. Die Behandlung muss deshalb von der Krankenkasse vorher genehmigt werden.

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