Schlafverhalten bei Demenz: Ursachen, Auswirkungen und Lösungsansätze

Demenz ist ein Syndrom, das durch den krankheitsbedingten Verlust von Leistungen der höheren Gehirnfunktionen gekennzeichnet ist. Kognitive Fähigkeiten wie Erkennen, Gedächtnis, Orientierung, Sprache, Lernen und Planen können ebenso beeinträchtigt sein wie emotionale und soziale Fähigkeiten. Eines der häufigsten und belastendsten Symptome bei Demenz ist die Störung des Schlafverhaltens.

Einführung: Die Bedeutung des Schlafs für Menschen mit Demenz

Schlaf ist mehr als nur Ruhe. Während des Schlafs regeneriert sich das Gehirn, sortiert Eindrücke, festigt Erinnerungen und baut schädliche Stoffwechselprodukte ab. Gerade für Menschen mit Demenz kann guter Schlaf helfen, innere Anspannung zu verringern und die kognitiven Fähigkeiten zu stabilisieren - zumindest vorübergehend. Auch für pflegende Angehörige ist Schlaf unverzichtbar.

Schlafstörungen bei Demenz: Eine Herausforderung für Betroffene und Angehörige

Menschen mit Demenz leiden im Verlauf ihrer Erkrankung häufig unter Schlafstörungen. Nächtliches Aufwachen, exzessives Schlafen am Tag oder lange Einschlafphasen stellen für die Betroffenen und ihre Angehörigen eine große Belastung dar. Nächtliches Umherwandern oder laut geäußerte Verwirrtheit können den Schlaf aller Beteiligten erheblich stören. Viele Pflegende berichten, dass sie auch nachts häufig wach sind oder sich wie in Alarmbereitschaft fühlen - was auf Dauer gesundheitliche Folgen haben kann. Manchmal gerät der Tag-Nacht-Rhythmus sogar komplett durcheinander. Solche Störungen mindern die Lebensqualität und führen zu körperlicher wie seelischer Erschöpfung.

Ursachen von Schlafstörungen bei Demenz

Schlaf und Wachsein werden vom Gehirn gesteuert. Erkrankt ein Mensch an einer Demenzerkrankung wie Alzheimer, ist häufig schon früh der Bereich im Gehirn betroffen, der den Tag-Nacht-Rhythmus reguliert - und damit auch für den Schlaf eine wichtige Rolle spielt. In der Folge gerät die innere Uhr aus dem Takt - und mit ihr das Gefühl dafür, wie spät es ist oder ob gerade Tag oder Nacht ist. Veränderungen im Gehirn, insbesondere im Hypothalamus, können den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus stören. Die innere Uhr „verstellt sich“ - Betroffene sind nachts unruhig und tagsüber müde.

  • Zirkadiane Rhythmusstörungen: Bei der zirkadianen Störung ist der Biorhythmus gestört. Die Schlafphasen verteilen sich unregelmäßig über 24 Stunden. Die Ursache liegt vermutlich in der verminderten Aktivität bestimmter Hirnareale oder Erkrankungen wie Makuladegeneration (Verlust der Sehfähigkeit).
  • REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD): Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung hingegen betrifft die Traumphase: Betroffene zeigen unkontrollierte Bewegungen wie Treten, Schlagen oder Rufen - oft ohne Erinnerung daran.

Weitere Ursachen können sein:

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  • Neurodegenerative Prozesse: Ablagerungen von Lewy-Körperchen stören die Schlafregulation im Gehirn. Die Folge: fragmentierter, sehr unruhiger Schlaf mit lebhaften Träumen und nächtlicher Verwirrtheit. Wie bei der Lewy-Körperchen-Demenz werden auch hier die Schlafzentren im Gehirn gestört. Es kommt zu REM-Schlaf- und Durchschlafstörungen. Die Folge ist oftmals eine ausgeprägte Tagesmüdigkeit.
  • Weitere Erkrankungen und Medikamente: Viele Menschen mit Demenz leiden unter erheblichen Schlafstörungen. Diese können durch die Demenz selbst entstehen, aber auch durch weitere körperliche Erkrankungen oder Medikamente, die den Schlaf zusätzlich beeinträchtigen. Verschiedene Arzneimittel wie beispielsweise Betablocker können den circadianen Rhythmus stören.
  • Mangelnde Umweltreize: Oftmals sind es aber einfach fehlende Zeitgeber durch die Umwelt, wie eine ausreichende Dosis Tageslicht oder soziale Kontakte am Tage, weswegen Betroffene aus der Balance geraten. Auch körperliche Inaktivität und langweilige oder monotone Tagesabläufe beeinträchtigen einen regulären Nachtschlaf. Nicht selten leiden demente Patienten unter Stress und Ängsten, die ebenfalls das Schlafvermögen beeinträchtigen.
  • Schlafapnoe: Der Zusammenhang zwischen Schlafapnoe und Demenz ist ein Argument mehr, diese Schlaferkrankung in jedem Alter zu behandeln und somit auch das Risiko für eine Demenz weiter zu minimieren.

Muster von Schlafstörungen je nach Demenzform

Es gibt unterschiedliche Muster von Schlafstörungen je nach Demenzform, zum Beispiel u.a. Demenzen im Zusammenhang mit der Parkinsonschen Krankheit.

Auswirkungen von Schlafstörungen bei Demenz

Schlafstörungen können sich auf verschiedene Weise äußern:

  • Sundowning: Als Sundowning bezeichnet man eine Phase am frühen Abend, in der viele Menschen mit Demenz unruhiger werden. Sie wirken dann häufiger verwirrt, ängstlich oder gereizt und beginnen manchmal unruhig umherzulaufen.
  • Nächtliche Unruhe: Die Problematik macht sich oft dadurch bemerkbar, dass Betroffene nachts nach Ansprechpartnern rufen, sie nach Essen suchen oder spazieren gehen möchten. Auch ausgeprägte abendliche oder nächtliche Erregungszustände können auftreten.
  • Erhöhte Unfallgefahr: Entsprechend hoch ist oft auch die Unfallgefahr.
  • Belastung für Angehörige: Wenn jemand nachts wach ist, ruft oder unruhig umherwandert, ist an Schlaf auch für die Angehörigen kaum noch zu denken. Viele Pflegende berichten, dass sie sich auch nachts häufig wach sind oder sich wie in Alarmbereitschaft fühlen - was auf Dauer gesundheitliche Folgen haben kann.

Diagnostik von Schlafstörungen bei Demenz

Zunächst sollten körperliche Ursachen wie ein Restless-Legs-Syndrom, Schlafapnoe sowie auch Schmerzen oder Juckreiz abgeklärt werden. Daneben können verschiedene Arzneimittel wie beispielsweise Betablocker den circardianen Rhythmus stören.

Bei eindeutigem Verdacht auf das Vorliegen einer RBD wird eine Schlafuntersuchung im Schlaflabor unter Videokontrolle vereinbart (Polysomnographie mit Video-Aufzeichnung). Hier kann man die „körperlichen“ Ereignisse einem Schlafstadium zuordnen und kann gleichzeitig die Muskelaktivität im REM-Schlaf beurteilen. Eine eindeutige Diagnose ist nur mit Hilfe einer Polysomnographie möglich.

Therapie von Schlafstörungen bei Demenz

Um Schlafstörungen bei Demenz zu behandeln, ist es wichtig, auf die jeweiligen Bedürfnisse der Betroffenen einzugehen und passende Behandlungskonzepte zu entwickeln. Neben organischen Ursachen spielen auch Umwelteinflüsse und der Tagesablauf eine Rolle. Um Schlafstörungen bei Demenz erfolgreich zu behandeln, ist ein individuell angepasstes Vorgehen erforderlich, da Ursachen und Ausprägung sehr unterschiedlich sein können. Eine medikamentöse Therapie ist nicht immer notwendig.

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Nicht-medikamentöse Maßnahmen

Sind organische Ursachen oder Medikamentennebenwirkungen ausgeschlossen, können verschiedene einfache Verhaltensweisen dazu beitragen, den Tag-Nacht-Rhythmus wieder zu stabilisieren. Grundsätzlich ist es hilfreich, den Tag mit all seinen Aspekten möglichst deutlich von der Nacht abzugrenzen und tagsüber ausreichend Aktivierungsangebote zu schaffen. Für die dementen Menschen muss es sich «lohnen», tagsüber wach zu bleiben.

  • Klarer Tagesrhythmus: Ein klarer Tagesrhythmus mit festen Essenszeiten und anregenden Sozialkontakten ist hilfreich. Wichtig ist zudem, den Tageschlaf zu begrenzen und insbesondere am Nachmittag möglichst nur Ruhezeiten ohne Schlaf anzubieten.
  • Tageslicht: Möglichst viel helles Tageslicht kann auf die circardiane Rhythmik stabilisierend wirken. Wer morgens am Fenster frühstückt oder kurz an die frische Luft geht, hilft dem Gehirn, sich zeitlich zu orientieren. Im Winter kann eine Tageslichtlampe helfen.
  • Bewegung: Auch Bewegung hilft - am besten draußen und zu festen Zeiten. Sie baut Spannungen ab und macht abends müde.
  • Schlafhygiene: Nicht zuletzt ist eine möglichst gute Schlafhygiene mit angemessener Raumtemperatur und Beleuchtung vorteilhaft. Am Tag darf es ruhig hell sein. Abends sollte das Licht dagegen gedimmt werden, damit der Körper Melatonin produzieren und zur Ruhe kommen kann. Nachtlichter mit Bewegungsmeldern helfen, sich bei Dunkelheit zu orientieren, ohne durch grelles Licht aufgeweckt zu werden. Auch die Raumtemperatur hat Einfluss auf den Schlaf: Ideal sind eher kühle 16 bis 20 Grad. Wer leicht friert, kann eine zusätzliche Decke bereitlegen. Manche Menschen kommen mit einer Gewichtsdecke besser zur Ruhe.
  • Ruhiger Tagesausklang: Ein ruhiger Ausklang des Tages hilft vielen Menschen mit Demenz dabei, besser zur Ruhe zu kommen und in den Schlaf zu finden. Deshalb gilt: keine Reizüberflutung am Abend. Laute Fernsehsendungen, hektische Gespräche oder zu helles Licht sollten vermieden werden. Stattdessen helfen feste Routinen dabei, Sicherheit zu geben. Ein Tee, leise Musik, eine kleine Geschichte oder einfach gemeinsames Zähneputzen können Signale dafür sein, dass jetzt die Nacht beginnt. Wenn Demenzkranke nachts unruhig sind, hilft oft ein kurzes beruhigendes Gespräch. Den Tag am besten ruhig ausklingen lassen.

Medikamentöse Therapie

Greifen solche herkömmlichen Maßnahmen nicht, kann eine Therapie mit künstlichen Lichtbädern oder auch dem Medikament Melatonin versucht werden. Hierbei handelt es sich um ein Hormon, das den Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen steuert und auch als Schlafmittel eingesetzt werden kann. Melatonin ist zwar sehr schwach, aber das Mittel der ersten Wahl, vor allem bei älteren Menschen. Denn je älter man ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass man bei Schlafstörungen einen Melatoninmangel hat.

Nur in sehr schweren Fällen mit ausgeprägter Unruhe und Agitiertheit sollten Neuroleptika eingesetzt werden. Medikamente zur Beruhigung sollten nur gezielt und nach Rücksprache mit Ärztin oder Arzt eingesetzt werden, da sie Risiken wie Stürze oder zusätzliche Verwirrtheit mit sich bringen können.

Weitere Hilfsangebote

Wenn die Nächte dauerhaft anstrengend bleiben und niemand mehr richtig durchschläft ist es wichtig, Hilfe anzunehmen - frühzeitig und ohne schlechtes Gewissen. Eine ärztliche Abklärung kann helfen, körperliche Ursachen wie Schmerzen, Infekte oder Nebenwirkungen von Medikamenten zu erkennen und gezielt zu behandeln. Auch Angebote wie Nachtpflege, Tagesbetreuung oder stundenweise Hilfe können entlasten. Wenn die Pflege zu Hause nicht mehr möglich ist, kann auch ein Umzug in eine Einrichtung neue Stabilität bringen.

Schlaf als potenzieller Schutzfaktor vor Demenz

Guter Schlaf ist mehr als Erholung: Er schützt unser Gehirn. Forschende vermuten, dass gesunder Schlaf sogar helfen kann, einer Alzheimer-Erkrankung vorzubeugen. Schlaf und Hirngesundheit sind eng miteinander verknüpft. Auch wenn der Zusammenhang zwischen chronischem Schlafmangel und der Entstehung von Demenzerkrankungen wie Alzheimer noch nicht genau geklärt ist, deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass im Schlaf wichtige Regenerationsprozesse im Gehirn ablaufen, die auch vor Demenzerkrankungen schützen können. Dazu gehören unter anderem die Stärkung der Nervenzellverbindungen und die Verarbeitung von Erinnerungen.

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Einer der wichtigsten Prozesse ist der Abtransport schädlicher Substanzen aus dem Gehirn, wozu auch Amyloid-Beta gehört - das Protein, das sich bei der Alzheimer-Krankheit im Gehirn zu Alzheimer-Plaques verklumpt und die Verbindungen zwischen den Nervenzellen zerstört. Wenn wir schlafen, übernimmt das Gehirn also eine Art Reinigungsfunktion.

Tiefschlaf: Waschgang fürs Gehirn

Demnach könnten die Tiefschlafphasen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung einer Alzheimer-Demenz spielen - oder dabei, sie zu verhindern. Denn in diesen Schlafphasen wird im Hirn tüchtig aufgeräumt. Die Forschenden zufolge fungiert Tiefschlaf als eine Art Waschgang im Oberstübchen.

„Man geht davon aus, dass im gesunden Gehirn während des Schlafs bestimmte Reinigungsprozesse ablaufen, bei denen schädliche Substanzen aus dem zentralen Nervensystem abtransportiert werden - unter anderem auch Amyloid-beta und Tau-Proteine. Deren Ansammlungen im Gehirn gilt als eine der möglichen Ursachen für Alzheimer“, erklärt Hönig. Bei Menschen mit Alzheimer könnte dieser Reinigungsprozess gestört sein, was zur Anhäufung dieser Proteine und schließlich zum Absterben von Nervenzellen führen könnte. Verkürzte Tiefschlafphasen über einen längeren Zeitraum hinweg gelten somit als Risikofaktor für Alzheimer.

Der Vergleich von Bildern aus dem Positronen-Emissions-Tomographen (PET) bestätigte außerdem, dass kürzere Tiefschlafphasen mit einer verstärkten Ablagerung der krankhaften Proteine Amyloid-beta und Tau einhergehen. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass kürzere Tiefschlafphasen die problematische Ansammlung der Alzheimer-typischen Proteine im Gehirn beschleunigt.

Prävention von Schlafstörungen und Demenz

Gute Schlafgewohnheiten (auch bekannt als "Schlafhygiene") umfassen alle Maßnahmen, die einen gesunden Schlaf ermöglichen beziehungsweise fördern.

  • Angenehme Schlafumgebung: Das Schlafzimmer sollte möglichst kühl (16°C bis 18°C), ruhig und dunkel sein.
  • Abendroutinen: Gehen Sie möglichst immer zur selben Uhrzeit schlafen, auch am Wochenende.
  • Einschlafhilfen: Baldriantropfen, Kräutertees mit Passionsblume, Melisse oder Lavendelblüten können beruhigend wirken.
  • Sich Zeit geben: Schlaf lässt sich nicht erzwingen, achten Sie daher darauf, was Ihnen gut tut und Sie entspannt.

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