Schlaganfall im hohen Alter: Eine wachsende Herausforderung

Deutschland erlebt einen demografischen Wandel, der mit einer Zunahme von Schlaganfällen im höheren Lebensalter einhergeht. Da das Alter als der bedeutendste, nicht beeinflussbare Risikofaktor für einen Schlaganfall gilt, gewinnt diese Erkrankung in der Altersmedizin zunehmend an Bedeutung. Experten aus Geriatrie und Gerontologie tauschten sich auf ihrem Jahreskongress über neueste Erkenntnisse in Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation von Schlaganfällen aus.

Herausforderungen in der Diagnostik und Akutbehandlung

Privatdozent Dr. Christian Roth (Kassel) wies auf die Problematik von Fehleinschätzungen bei älteren Menschen hin. Oftmals erschweren unklare Symptome und eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit die Diagnosestellung. Eine zusätzliche Schwierigkeit für Akutmediziner besteht darin, dass Patienten über 80 Jahre in der Regel von Studien zur Schlaganfalltherapie ausgeschlossen werden. Ungeachtet des Alters sollte die Behandlung jedoch stets auf einer spezialisierten Stroke Unit erfolgen, da aktuelle Studien belegen, dass dadurch das Risiko einer bleibenden Behinderung um etwa 25 Prozent gesenkt werden kann. Ein besonderes Augenmerk sollte zudem auf Schluckstörungen bei älteren Patienten gelegt werden.

Sekundärprävention und kardiologische Risikofaktoren

Die Verhinderung eines erneuten Schlaganfalls spielt auch bei älteren Menschen eine entscheidende Rolle. Dabei ist unter anderem die Senkung erhöhter Cholesterinwerte von Bedeutung. Prof. Dr. Marija Djukic (Göttingen) betonte die hohe Wirksamkeit von Statinen auch bei Patienten über 75 Jahren und warnte davor, diese Medikamente leichtfertig aus Angst vor möglichen Risiken abzusetzen. Privatdozentin Dr. Katrin Wasser (Göttingen) forscht zu kardiologischen Risikofaktoren für Schlaganfälle, insbesondere Vorhofflimmern. Sie hob hervor, dass sogenannte Wearables, wie Armbanduhren mit integrierten Computersystemen, heute in der Lage sind, Vorhofflimmern mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erkennen. Da Vorhofflimmern oft nur vorübergehend auftritt, könnten solche Systeme in Zukunft eine wertvolle Unterstützung in der Diagnostik darstellen.

Rehabilitation im Alter

Auch in der Rehabilitation von Schlaganfällen gibt es altersspezifische Ansätze. Studien zeigen jedoch, dass auch ältere und hochbetagte Patienten von einer spezialisierten, neurologischen Rehabilitation profitieren können. Das Gehirn besitzt auch im hohen Alter noch die Fähigkeit, verloren gegangene Fähigkeiten bis zu einem gewissen Grad zu kompensieren.

Fallbeispiel: Nach Schlaganfall mit 90 zurück ins Leben

Ein eindrucksvolles Beispiel für die Wirksamkeit moderner Schlaganfallbehandlung ist die Geschichte von Marianne Jacob (90). Während einer Familienfeier erlitt sie einen Schlaganfall, der von ihrer Tochter schnell erkannt wurde. Durch die rasche Verständigung der Rettungskräfte und die Verlegung in eine Stroke Unit konnte eine verstopfte Hirnarterie festgestellt werden. In Zusammenarbeit mit der München Klinik Harlaching wurde eine Thrombektomie durchgeführt, bei der das Blutgerinnsel mechanisch entfernt wurde.

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Marianne Jacob erholte sich erstaunlich schnell und konnte bereits eine Woche nach dem Schlaganfall wieder normal sprechen und erste Schritte gehen. Ihre Familie bezeichnete ihre Genesung als „6er im Lotto“ und bedankte sich bei allen beteiligten Ärzten, Pflegern und Therapeuten. Dank des schnellen Eingreifens und der guten Verzahnung aller Abteilungen konnte Frau Jacob nach ihrer Reha wieder nach Hause zurückkehren und gemeinsam mit ihrem Ehemann ein eigenständiges Leben führen.

Moderne Schlaganfallbehandlung in der München Klinik Harlaching

Die München Klinik Harlaching ist ein überregionales Schlaganfallzentrum, in dem jährlich über 1.300 Patienten auf der zertifizierten Stroke Unit versorgt werden. Ein erfahrenes Team aus Intensivmedizinern, Neurologen, Radiologen und Pflegekräften hat die Diagnose- und Behandlungsabläufe so optimiert, dass die Schlaganfalltherapie in kürzester Zeit eingeleitet werden kann. Im Rahmen des telemedizinischen Netzwerks TEMPiS unterstützt die Klinik zudem viele Kliniken in Südostbayern, um lebensentscheidende Therapien schnellstmöglich einzuleiten.

Marianne Jacob profitierte von einer sogenannten Thrombektomie, einer bahnbrechenden Methode, bei der das Blutgerinnsel minimal-invasiv entfernt wird, um die Durchblutung in der Hirnarterie wiederherzustellen.

Interview mit Prof. Dr. med. Peter Schäbitz

Prof. Dr. med. Peter Schäbitz, Experte der Deutschen Schlaganfall Gesellschaft, beantwortet wichtige Fragen rund um das Thema Schlaganfall.

Wie würden Sie einen Schlaganfall einem Kind oder einem älteren Menschen erklären?

Prof. Dr. Schäbitz: Ein Schlaganfall ist eine Durchblutungsstörung des Gehirns, die dazu führt, dass die Funktion der betroffenen Gehirnareale gestört ist.

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Ist der Schlaganfall eine typische Alterskrankheit?

Prof. Dr. Schäbitz: Ja, Schlaganfälle treten häufiger im fortgeschrittenen Alter auf. Über 50 Prozent der Fälle betreffen Menschen über 65 Jahre, wobei das Risiko mit zunehmendem Alter steigt.

Welche Risikofaktoren gibt es?

Prof. Dr. Schäbitz: Die Hauptrisikofaktoren sind Bluthochdruck und Vorhofflimmern. Weitere Risikofaktoren sind Diabetes, Rauchen, Bewegungsmangel und Fettstoffwechselstörungen.

Wie kann man einem Schlaganfall vorbeugen?

Prof. Dr. Schäbitz: Die Vermeidung von Risikofaktoren ist entscheidend. Eine vernünftige Ernährung, ausreichend Bewegung und die Behandlung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Diabetes sind wichtige Maßnahmen.

Was sollte man bei Verdacht auf einen Schlaganfall tun?

Prof. Dr. Schäbitz: Rufen Sie sofort den Rettungsdienst (112). Die Aktivierung des Rettungssystems hat oberste Priorität.

Wie hilfreich ist die Behandlung in einer Stroke Unit?

Prof. Dr. Schäbitz: Die Erstversorgung in einer Stroke Unit ist essenziell. Dort ist die diagnostische und therapeutische Expertise sehr hoch, um die bestmögliche Behandlung zu gewährleisten.

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Gibt es Heilungserfolge?

Prof. Dr. Schäbitz: Im Bereich der Thrombektomie gibt es tatsächlich Heilungserfolge, die an Wunderheilung grenzen können.

Welche Folgen hat ein Schlaganfall?

Prof. Dr. Schäbitz: Die Folgen hängen von Art und Ausmaß des Schlaganfalls ab. Schwerwiegende Lähmungen und Sprachstörungen sind häufige Beeinträchtigungen.

Wie hoch ist die Gefahr eines erneuten Schlaganfalls?

Prof. Dr. Schäbitz: Es gibt eine Reihe von Rezidiv-Schlaganfällen. Nach dem ersten Schlaganfall ist es wichtig, die Ursachen zu erforschen, um eine gute Sekundärprävention aufzubauen.

Was tut sich auf dem Gebiet der Früherkennung?

Prof. Dr. Schäbitz: Es wird viel an der Genetik des Schlaganfalls geforscht, um eine Art Veranlagung zu erkennen. Zudem gibt es Forschungsprojekte zur Verbesserung der Regeneration und Rehabilitation nach Schlaganfall.

Was ist ein Schlaganfall?

Ein Schlaganfall (Apoplex) tritt auf, wenn bestimmte Gehirnfunktionen aufgrund einer Durchblutungsstörung oder einer Blutung ausfallen. Dauern die Ausfallerscheinungen länger als 24 Stunden an, spricht man von einem vollendeten Schlaganfall. Bei vorübergehenden Ausfallerscheinungen handelt es sich um eine transitorisch ischämische Attacke (TIA).

Zahlen und Fakten

  • Alle zwei Minuten erleidet in Deutschland ein Mensch einen Schlaganfall.
  • Das Schlaganfallrisiko steigt mit dem Alter.
  • 15 Prozent der Schlaganfälle treten bei Menschen unter 55 Jahren auf.
  • Schlaganfälle sind weltweit die zweithäufigste Todesursache.
  • In Deutschland ist der Schlaganfall die dritthäufigste Todesursache.
  • Ein Viertel bis ein Drittel der Patienten sterben innerhalb des ersten Jahres nach einem Schlaganfall.
  • Der Schlaganfall ist eine der häufigsten Ursachen von Behinderung im Erwachsenenalter.

Verschiedene Formen des Schlaganfalls

Es werden zwei Hauptformen unterschieden:

  • Ischämischer Schlaganfall (Hirninfarkt): Macht etwa 80 Prozent aller Fälle aus. Er entsteht durch eine Mangeldurchblutung des Gehirns, meist aufgrund eines verstopften Gefäßes.
  • Hämorrhagischer Schlaganfall (Hirnblutung): Macht etwa 20 Prozent aller Fälle aus. Dabei platzt ein Blutgefäß im Gehirn und schädigt das Nervengewebe.

"Leichte" Schlaganfälle

  • Stumme oder stille Hirninfarkte: Werden von den Betroffenen oft nicht bemerkt, hinterlassen aber kleine Schäden im Gehirngewebe.
  • Transitorisch ischämische Attacke (TIA): Vorübergehende Schlaganfallsymptome, die keine bleibenden Beschwerden hinterlassen, aber ein Warnzeichen für einen bevorstehenden schweren Schlaganfall sein können.

Symptome des Schlaganfalls

Charakteristisch ist der plötzliche Ausfall von Gehirnfunktionen, wie z.B.:

  • Lähmungen
  • Sprachstörungen
  • Sehstörungen
  • Gangunsicherheit
  • Starke Kopfschmerzen
  • Bewusstseinsstörungen

Bei Verdacht auf Schlaganfall sofort die Rettung rufen!

Je schneller die Behandlung erfolgt, desto besser sind die Chancen auf eine vollständige Genesung.

Risikofaktoren für einen Schlaganfall

  • Bereits erlittener Schlaganfall oder TIA
  • Hoher Blutdruck
  • Hohe Cholesterin- und Zuckerwerte
  • Arteriosklerose
  • Vorhofflimmern
  • Diabetes mellitus
  • Rauchen
  • Starkes Übergewicht
  • Bewegungsmangel
  • Übermäßiger Alkoholkonsum

Folgen eines Schlaganfalls

Die Folgen können vielfältig sein und hängen von der Schwere, dem Ort und der Ausdehnung der Durchblutungsstörung ab. Mögliche Folgen sind:

  • Einschränkungen der Bewegung und Koordination
  • Sprachstörungen (Aphasie, Dysarthrie)
  • Schluckstörungen
  • Kognitive Störungen (Konzentration, Gedächtnis)
  • Sehstörungen
  • Aufmerksamkeitsstörungen (Neglect)
  • Affekt- und Antriebsstörungen (Depressionen, Persönlichkeitsveränderungen)

Diagnostik des Schlaganfalls

  • Neurologische Untersuchung
  • Computertomographie (CT)
  • Kernspintomographie (MRT)
  • Ultraschalluntersuchungen
  • Angiographie
  • Elektrokardiogramm (EKG)
  • Elektroenzephalogramm (EEG)

FAST-Test

Der FAST-Test ist ein Schnelltest zur Erkennung eines Schlaganfalls:

  • Face (Gesicht): Hängt ein Mundwinkel herab?
  • Arms (Arme): Kann der Betroffene beide Arme gleichmäßig heben?
  • Speech (Sprache): Ist die Sprache verwaschen oder undeutlich?
  • Time (Zeit): Bei Auftreten dieser Symptome sofort den Notruf wählen!

Therapie des akuten Schlaganfalls

Ziel der Akutbehandlung ist es, das Leben der Betroffenen zu retten und die Folgen des Schlaganfalls so gering wie möglich zu halten. Die Therapie sollte so schnell wie möglich, idealerweise in einer Stroke Unit, erfolgen.

Rehabilitation nach Schlaganfall

Die Rehabilitation dient dazu, verloren gegangene Fähigkeiten wiederzuerlangen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Vorbeugung weiterer Schlaganfälle

Wichtig ist die Behandlung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes und hohen Cholesterinwerten.

Einflussfaktoren für die Funktionserholung

Lokalisation, Ausmaß und Art des Hirninfarktes (ischämisch oder hämorrhagisch) bestimmen maßgeblich die Funktionserholung. Beeinträchtigt wird die Erholung vor allem durch die Beteiligung größerer Leitungsbahnen der weißen Substanz, aber auch durch Affektion oder Diskonnektion des Hippokampus als entscheidender Struktur für Lernen und Wiedererlernen von Funktion.

Ältere Menschen zeigen gemeinhin eine schlechtere Funktionserholung als jüngere. Oft ist man aber beeindruckt, wie gut sich auch sehr alte Menschen noch von einem Schlaganfall erholen. Eine wichtige Rolle spielt hier die Reservekapazität des Gehirns, also vor allem die Freiheit von Vorschädigungen durch subklinische vaskuläre Läsionen. Passend dazu kann man bei Menschen mit einem aktiven Lebensstil vor dem Schlaganfall und solchen mit wenig Leukoaraiose, also Vorschädigung der weißen Hirnsubstanz, eine bessere Erholung verzeichnen als bei entsprechenden Vergleichsgruppen - und zwar letzteres in einer Größenordnung, die dem mittleren Effekt der Lysetherapie entspricht. Für die Chance, sich von einem Schlaganfall zu erholen, ist somit der Faktor Vorschädigung relevanter als das Alter des Patienten.

Rehabilitationsmöglichkeiten

Relevant für den Erfolg einer Rehabilitation nach einem Schlaganfall sind ferner die klinischen Versorgungsstrukturen. Die nach dem Phasenmodell der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation gestufte Versorgung von Schlaganfallpatienten in Deutschland bietet ein breites, partiell oder sequenziell nutzbares Spektrum von Rehabilitationsmöglichkeiten.

In der frühen Phase nach einem Schlaganfall wird die Prognose für den Patienten wesentlich bestimmt durch mögliche Komplikationen infolge der Störung elementarer Hirnfunktionen. Die Erfolge der Schlaganfall- und neurologischen Intensivmedizin lassen heute wahrscheinlich um 20 % mehr, aber auch zunächst kränkere Menschen als vor 20 Jahren überleben. Deren Prognose steht und fällt mit der Vorbeugung und Beherrschung unter anderem von:

  • Atemregulationsstörungen
  • Schluckstörungen
  • Aspirationspneumonien
  • Re-Insulten
  • Harnwegsinfekten
  • Elektrolyt- oder Blutzuckerentgleisungen
  • Herzrhythmusstörungen
  • Thrombosen.

Die Erkenntnis, dass die Erholung von einem Schlaganfall auch ohne Thrombolyse auf Stroke Units der Erholung auf Allgemeinstationen überlegen ist, geht zurück auf frühe Erfahrungen aus skandinavischen Schlaganfallstationen. Die Spezialisierung und Fokussierung medizinischer Teams hat Mortalitäts- und Morbiditätsraten des akuten Schlaganfalls erheblich gesenkt. Inwiefern Ähnliches für die neurologische Frührehabilitation gilt, ist noch empirisch zu untermauern.

Motorische Funktionserholung

Formalisierte krankengymnastische Schulen wie Bobath, Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation oder Vojta unterscheiden sich nach Erfahrung der Autoren des vorliegenden Beitrags in ihrer Effektivität kaum voneinander. Diese Schulen gehen von einem Transfer des Erlernten von einer motorischen Aufgabe auf die nächste aus. Entsprechend übt zum Beispiel das Bobath-Konzept intensiv das Gehen vorbereitend in Sitz und Stand. In Ergänzung zu konventionellen Therapiekonzepten setzt sich in der Stand- und Gangrehabilitation zunehmend ein aufgabenspezifisch repetitiver Ansatz durch, das heißt die motorische Aufgabe, die erlernt werden soll, muss maximal wiederholt geübt werden.

Entsprechend der Einschränkung des Patienten empfiehlt es sich, drei Übergangsphasen mit unterschiedlichen Zielsetzungen im zeitlichen Ablauf der Rehabilitation zu unterscheiden:

  • der im Bett liegende Patient wird aus dem Bett mobilisiert
  • der rollstuhlmobilisierte Patient lernt wieder gehen
  • der gehfähige Patient lernt schnell und sicher zu gehen - auch unter Alltagsbedingungen.

Da sich bei sehr früh mobilisierten Schlaganfallpatienten eine signifikant bessere Funktionserholung zeigt, sollte man im Regelfall die grob gefasste Forderung „Raus aus dem Bett“ - außer bei kreislaufinstabilen Patienten - binnen zweier Tage anstreben. Die sich anschließende Mobilisierung über die Bettkante in den Rollstuhl (mit wiederholtem Üben des Transfers) sollte ergänzt werden durch ein Rollstuhlfahrtraining und eine Aufrichtung im Stehpult, um einer funktionell ungünstigen Verkürzung der Hüft- und Kniebeuger vorzubeugen. Weitere Vorteile der Vertikalisation sind:

  • das Kreislauftraining
  • die Pneumonie- und Thromboseprophylaxe
  • die Anregung der vegetativen Funktionen
  • die sensorisch aktivierende Erfahrung des Stehens.

Kann der rollstuhlmobilisierte Patient an der Bettkante sitzen und toleriert er eine Vertikalisation für mindestens zehn Minuten, sollte sich ein Lokomotionstraining anschließen.

Unabhängig von der Technik scheint die Anzahl der geübten Schritte pro Trainingseinheit wesentlich. Die damit verbundene körperliche Arbeit ist für die Physiotherapeuten allerdings nur schwer zu bewältigen. Daher empfiehlt es sich zusätzlich Gangmaschinen einzusetzen. Die Maschine, mit deren Hilfe der gurtgesicherte Patient das Gehen wiederholt üben kann, ersetzt nicht den Therapeuten. Aber die Kombination mit der Maschine als Basis ist effektiver, so dass jede vierte Gehunfähigkeit vermieden werden kann.

Eine massive Arthrose der Beingelenke, eine Herzinsuffizienz oder eine schwere spastische Fehlstellung der Gelenke erfordern eine entsprechende Behandlung oder die Reduktion der Therapieintensität. Im Falle eines spastischen Spitzfußes mit Umknicken und Krallenzehen ist die rechtzeitige Versorgung mit einer Schiene zu empfehlen oder die intramuskuläre Injektion von Botulinumtoxin. In spezialisierten Zentren besteht zusätzlich die Option der operativen Myotendolyse, die auch bei manifesten Kontrakturen eine erneute Gelenkaufweitung ermöglicht. Kann der Patient mit einem Hilfsmittel eine kurze Strecke selbstständig gehen, verbessern sich die alltagsrelevanten Parameter Gangsicherheit, -geschwindigkeit und -ausdauer.

Rehabilitation der Arm- und Handfunktion

Eine Parese der oberen Extremität findet man bei circa 80 % der Patienten. Leichter betroffene Patienten können innerhalb der ersten vier bis sechs Wochen erstmals die Finger wieder bewegen und auch sehr bald das Handgelenk und die Finger aktiv strecken, was als ein wesentlicher Prädiktor für eine Wiederherstellung der Handfunktion gilt. Die Funktionstherapeuten achten darauf, die beginnende Arm- und Handfunktion unter besonderer Berücksichtigung der Kraft, der Koordination und der Geschwindigkeit repetitiv zu trainieren und in den Alltag des Patienten zu integrieren. Einen erlernten Nichtgebrauch der oberen Extremität (die andere Hand ist eben viel schneller und sicherer) gilt es zu beachten. Stellt er sich ein, so bietet sich im chronischen Stadium die wiederholt positiv evaluierte „Constrained Induced Movement Therapy“ an. Hierbei wird die nichtbetroffene Hand weggebunden und die betroffene in Kleingruppen intensiv beübt.

Viel größere Schwierigkeiten bereiten schwer betroffene obere Extremitäten, wenn nach vier bis sechs Wochen die Hand und insbesondere die Strecker unverändert plegisch sind und der Patient allenfalls synergistische Bewegungen im Schulter- und Ellenbogengelenk ausführen kann. Lagerung und passive Mobilisation beugen Schulterschmerz (nie schulterfern den Arm anheben) oder spastischer Beugefehlstellung vor. Kontrovers diskutiert wird, ob sich eine funktionelle Therapie mit dem Ziel einer Wiederherstellung der Arm-Hand-Funktion lohnt. Die Wahrscheinlichkeit der Wiederherstellung einer alltagsrelevanten Handfunktion sechs Monate nach dem Schlaganfall liegt unter 5 %. Entschließt man sich zu einer funktionellen Therapie, sollte sie früh beginnen. Wenn die Parese eine aktive Behandlung nicht erlaubt, sollte eine passive oder assistive Therapie unter kundiger Führung der Therapeutenhand und mit Fazilitationstechniken erfolgen. Isolierte Bewegungen werden repetitiv geübt. Eine Alternative sind Roboter und mechanische Geräte. Im chronischen Stadium konnten sich bisher zwei Therapieformen durchsetzen:

  • die bereits oben beschriebene „Constrained Induced Movement Therapy“ für die Patienten, die die Hand und Finger willkürlich strecken können
  • die Injektion von Botulinumtoxin im Falle einer Beugespastik zur Tonusminderung, Erleichterung der Handpflege und der Schmerzreduktion.

Kognitive Funktionserholung

Die neurokognitive Funktionserholung bezieht sich auf Bewusstsein, Aufmerksamkeit, Sprache, Gedächtnis und Planung - also komplexe und adaptive Funktionen mit entsprechend komplexen und dynamischen neuralen Grundlagen. Für die Erholung relevante Faktoren sind auch hier die Zeit und ein gestuftes Training, das am Beispiel der Sprache erläutert sei. Jeder dritte Schlaganfallpatient erleidet eine Aphasie; von diesen behalten zwei Drittel mehr oder weniger ausgeprägte Sprachstörungen. Eine logopädische Therapie von mindestens fünf Stunden pro Woche verbessert im Vergleich zur spontanen Erholung signifikant die Funktionen. Sie setzt auf Wort-, Satz- oder Gesprächsebene an. Allerdings bleiben Funktionsverbesserungen meist auf den trainierten Bereich begrenzt und können bei mangelhaftem Erhaltungstraining wieder verloren gehen. Können komplexere praktische Kommunikationssituationen trainiert werden, kann dies über eine Strategieverbesserung zu einer indirekten Generalisierung des Trainings beitragen.

Ziel jeder Rehabilitation ist die größtmögliche Autonomie und im Idealfall, die vollständige psychosoziale Reintegration des Patienten zu erreichen. Circa 40 % der rehabilitierten Schlaganfallpatienten können wieder eine Arbeit aufnehmen. Hier zeigt sich, dass die Rolle motorischer Störungen eher moderat ist, wohingegen Beeinträchtigungen kognitiver Leistungsfähigkeit, insbesondere Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen, häufig autonomiebegrenzend sind, aber von den Betroffenen selbst nicht so wahrgenommen werden. Neben gezieltem neurokognitivem Training kann hier neuromodulatorisch gearbeitet werden.

Ethische Aspekte und Therapiezielfindung

Wie weit soll und darf die pflegerische und medizinische Behandlung nach einem Schlaganfall im hohen Alter gehen? Auf wichtige Fragen wie diese gibt es meist keine einfachen Antworten, was Entscheidungen in der klinischen Praxis herausfordernd macht. „Oftmals haben Ärzte und Pflegekräfte auch unterschiedliche Perspektiven darauf, wodurch moralische Konflikte entstehen können“, sagt Pflegewissenschaftlerin Vanessa Vater. Auf dem 1. deutschen Schlaganfallkongress, dem DSG25, möchte die Gesundheits- und Krankenpflegerin aus der Neurologie und Neurochirurgie der Universitätsmedizin Frankfurt deshalb Antworten geben. Gemeinsam mit Selina Mooswald, Pflegeexpertin in der Neurologie des Kantonspitals Aarau in der Schweiz, führt sie durch das vielfältige Symposium „Ethik und Therapiezielfindung bei hochbetagten Patienten“ am 5. September.

Oft wird in der Praxis Palliativpflege fälschlicherweise mit dem Verzicht auf pflegerische Maßnahmen gleichgesetzt. Um der komplexen Thematik gerecht werden zu können, werden Experten aus unterschiedlichen Disziplinen referieren und zur Diskussion einladen. Zusammen mit Dr. Ferdinand Bohmann, Oberarzt in der Stroke Unit am Uniklinikum Frankfurt, plant Vanessa Vater, einige Fallbeispiele im interprofessionellen Diskurs vorzustellen. „Dabei werden wir jeweils aus der Sicht der Pflege und der Sicht der Ärzteschaft auf diese Fälle schauen. Und natürlich die Teilnehmenden der Session bitten, uns ihre Sicht der Dinge mitzuteilen“, so Vater. Der Pflegewissenschaftler PD Dr. Peter Nydahl vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, der 2024 mit dem Deutschen Pflegepreis ausgezeichnet wurde, wird ebenfalls einen bereichernden Beitrag zur Session leisten: Er setzt sich mit der Rehabilitationsfähigkeit hochbetagter Menschen auseinander. Dabei zeigt er auf, von welchen Maßnahmen der Frühmobilisierung auch sehr alte Patienten noch profitieren können. Dr. Marco Bonacker, Abteilungsleiter Bildung und Kultur im Bistum Fulda und Lehrbeauftragter für Ethik in der Pflege an der Hochschule Fulda, befasst sich mit pflegeethischen Grundlagen und deren praktischer Relevanz. Anna Sommer, die ihre Masterarbeit über Palliativpflege im Intensivsetting verfasst hat, stellt Versorgungsmodelle vor, die speziell auf Hochbetagte zugeschnitten sind.

Pflege nach Schlaganfall

Ein Schlaganfall kann in jedem Alter auftreten und zu Pflegebedürftigkeit führen. Die Pflege von Schlaganfallpatienten sollte individuell auf die Bedürfnisse des Betroffenen angepasst werden.

Was ist bei der Pflege von Schlaganfallpatienten zu beachten?

  • Berücksichtigung der individuellen Einschränkungen
  • Analyse der Pflegesituation
  • Angepasste Unterstützung im Alltag
  • Vorsorge zur Verhinderung eines erneuten Schlaganfalls

Was können Angehörige bei einem Schlaganfall tun?

  • Unterstützung im Alltag
  • Hilfe bei der Körperpflege, Mobilisation und Ernährung
  • Begleitung zu Arztterminen
  • Mitgestaltung der Freizeit

Wie kommuniziert man mit Schlaganfallpatienten mit Sprachstörungen?

  • Nehmen Sie dem Angehörigen die Wörter nicht vorweg.
  • Reden Sie langsam und deutlich.
  • Geben Sie Ihrem Angehörigen eine positive Rückmeldung.
  • Lassen Sie Fehler, Fehler sein.
  • Animieren Sie Freunde, Bekannte und Angehörige.

Welche Prophylaxen gibt es bei Schlaganfall?

  • Vermeiden Sie Bluthochdruck
  • Motivieren Sie Ihren Angehörigen mit dem Rauchen aufzuhören
  • Lassen Sie die Zuckerkrankheit überwachen
  • Helfen Sie Ihrem Angehörigen dabei, Übergewicht zu verlieren

Pflegestufe und Grad der Behinderung

Es gibt keine allgemeingültige Pflegestufe für Schlaganfallpatienten. Die Pflegestufe hängt von der Schwere der Beeinträchtigung der Selbstständigkeit ab. Nach einem Schlaganfall kann ein Grad der Behinderung festgestellt werden, der zu einem Schwerbehindertenausweis berechtigt.

Therapie und Rehabilitation

Je nach Ausprägung des Schlaganfalls wartet auf Patienten ein teils langwieriger Therapieprozess. Um Bewegungs- und Sprachstörungen zu lindern, können verschiedene Therapiemaßnahmen ergriffen werden, darunter Ergotherapie und Logopädie.

Pflege zu Hause oder im Pflegeheim?

Ob ein Schlaganfallpatient zu Hause oder in einer stationären Einrichtung gepflegt werden kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter der Schwere des Schlaganfalls, den individuellen Bedürfnissen des Patienten und den Möglichkeiten der Angehörigen.

Hilfsmittel für Schlaganfallpatienten

Hilfsmittel können die Selbstständigkeit des Betroffenen erhöhen, die Hygiene unterstützen und Angehörige im Pflege-Alltag entlasten. Beispiele sind Rollatoren, Rollstühle, Pflegebetten, Badewannenlifte und Hausnotrufsysteme.

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