Viele Menschen verbinden Virusinfektionen wie die Grippe (Influenza) oder COVID-19 primär mit Symptomen wie Husten, Fieber oder Halsschmerzen. Weniger bekannt ist, dass diese Infektionen auch das Risiko für schwerwiegende Erkrankungen des Gefäßsystems, wie Schlaganfall oder Herzinfarkt, erhöhen können. Eine frühzeitige Impfung gegen Influenzaviren ist eine wichtige Schutzmaßnahme, insbesondere für gefährdete Patientengruppen.
Erhöhtes Schlaganfallrisiko nach Infektionen
Laut einer Metaanalyse ist das Risiko, einen ischämischen Schlaganfall zu erleiden, einen Monat nach akuten Infektionen um mehr als das Doppelte erhöht. Akute Infektionen der Atem- und Harnwege erhöhen das Schlaganfallrisiko. In den ersten drei Tagen nach einer Infektion ist es besonders hoch, danach sinkt das Risiko langsam wieder ab. Unter Umständen besteht sogar wochenlang ein erhöhtes Risiko für einen Hirninfarkt. Das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, ist in den vier Wochen nach dem Beginn einer Grippe fünfmal so hoch wie bei Menschen ohne Grippe. Im selben Zeitraum ist das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, viermal so hoch. Innerhalb von vier Wochen nach einer SARS-Cov-2-Infektion ist das Herzinfarktrisiko um das 3,1-Fache und das Schlaganfallrisiko um das 2,9-Fache erhöht.
Mechanismen hinter dem erhöhten Risiko
Infektionen und andere akute Entzündungen können das Blutgerinnungssystem aktivieren. Sie erhöhen so das Risiko für Thrombosen und Embolien, die wiederum Schlaganfälle nach sich ziehen können. Kleine Blutgerinnsel können über den normalen Blutfluss bis zum Gehirn gelangen und dort den Durchfluss von Blutgefäßen versperren. Infolgedessen wird das Gehirn nicht mehr ausreichend durchblutet und mit Sauerstoff versorgt, wodurch ein Schlaganfall ausgelöst werden kann.
Die natürliche Reaktion des Immunsystems auf Virusinfektionen setzt Substanzen frei, die Entzündungen auslösen und die Blutgerinnung fördern, was das Herz-Kreislauf-System beeinträchtigt. Eine Infektion löst eine starke Entzündungsreaktion im gesamten Körper aus - nicht nur in den Atemwegen oder der Lunge. Bei Menschen mit bestehenden Gefäßablagerungen (Arteriosklerose) können diese entzündungsbedingt aufbrechen. Teile dieser Plaques gelangen in die Blutbahn, das aktiviert die Gerinnung und es bilden sich Blutgerinnsel.
Eine schwere Infektion bedeutet für den Körper außerdem enormen Stress und führt häufig zu einem weiteren negativen Effekt: relativen Sauerstoffmangel. Um die krankmachenden Erreger im Körper zu bekämpfen, benötigt der Körper viel Energie und Sauerstoff - Herzfrequenz und Stoffwechsel steigen an. Influenza-Viren können in Einzelfällen auch eine Herzmuskelentzündung oder Herzschwäche auslösen, was die Situation noch einmal verschärfen kann.
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Tiermodellstudie zum Zusammenhang zwischen Grippe und Schlaganfall
Forschende der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und des Universitätsklinikums Essen haben die Folgen einer Influenza-A-Virusinfektion (IAV) auf Hirnschäden in einem Mausmodell untersucht. Zunächst wurden Mäuse mit dem humanen Influenza-A-Virus infiziert und anschließend wurde zu verschiedenen Zeitpunkten ein Schlaganfall verursacht. Die Studienergebnisse zeigen, dass insbesondere eine akute Grippe die Hirnschäden und neurologischen Ausfälle verschlimmern kann. Denn die Virusinfektion beeinflusst die Blutgerinnung, wie das veränderte Blutbild verdeutlicht.
Infizierte Tiere entwickelten größere Infarkte und schwerere neurologische Ausfälle, die abhängig vom Infektionsstadium sind. Außerdem führte die Infektion zu verstärkter Blutgerinnung, vermehrten Mikrothrombosen und einer beschleunigten Neutrophilen-Aktivierung. Diese Reaktion setzte vermehrt sogenannte extrazelluläre Netze (NETs) frei, die das Schlaganfallgeschehen verschlimmerten.
Die Gabe von Acetylsalicylsäure (ASS) oder eine antivirale Therapie konnte die Verschlechterung durch die Grippeinfektion abmildern und Hirnschäden reduzieren. Influenza-A-Infektionen fördern eine prothrombotische, entzündliche Umgebung und verstärken so Schlaganfälle.
Risikogruppen und Prävention
Personen mit Gefäßrisikofaktoren sowie Patienten, die schon einmal einen Schlaganfall hatten, sollten sich jährlich gegen die Influenzagrippe impfen lassen. Risikofaktoren für einen Schlaganfall sollten möglichst gesenkt werden.
Erwachsene, die bereits an Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden oder entsprechende Risikofaktoren haben, sollten sich jedes Jahr gegen Grippe und Covid-19 impfen lassen.
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Zu den gefährdeten Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen z.B. Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Raucher.
Die Bedeutung der Impfung
Durch Impfungen lassen sich Infektionen verhindern oder zumindest das Risiko für schwere Krankheitsverläufe mindern - wie bei der Grippe und Corona. Die Grippeimpfung schützt auch das Herz. In der Praxis sieht man oft, dass sich eine bestehende Herzerkrankung verschlechtert, wenn jemand eine Infektion durchmacht. Es gibt klare Empfehlungen von der Ständigen Impfkommission (STIKO). Empfohlen werden Impfungen gegen Influenza, Pneumokokken, RSV und Corona. Für Influenza, Covid-19 und Pneumokokken gilt die Empfehlung für alle Personen ab 60 Jahren sowie unabhängig vom Alter für Menschen mit chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei RSV liegt die Altersgrenze etwas höher bei 75 Jahren. Besonders gut belegt ist der Schutzeffekt der Grippeimpfung auf das Herz - er ist in etwa so stark, wie wenn man mit dem Rauchen aufhört.
Kanadische Forschende werteten über neun Jahre die Daten von mehr als 4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern der Provinz Alberta aus. Dabei fanden sie heraus, dass die Gruppe der Influenza-Geimpften seltener einen Schlaganfall erlitt als die der Ungeimpften. Dieser Effekt war auch dann noch feststellbar, wenn man Patientinnen und Patienten mit ähnlichen Risikoprofilen verglich.
Männer und Frauen profitierten etwa gleich von dem schützenden Effekt der Impfung. Gleiches gilt für Menschen mit unterschiedlichen Risiken oder Vorerkrankungen. Bei allen sank nach der Influenza-Impfung das Risiko für Schlaganfälle unterschiedlicher Art, also für Gefäßverschlüsse ebenso wie für Hirnblutungen.
Eine Impfung verhindert nicht, dass man mit Krankheitserregern in Kontakt kommt - sie schützt aber vor einer schweren Erkrankung. Unser Immunsystem bekommt durch die Impfung gezeigt, wer „der Feind“ ist und wie er aussieht. Es bereitet sich vor, indem es Gedächtniszellen und spezifische Antikörper bildet - vergleichbar mit einem Fahndungsfoto und einem speziellen Abwehrstoff gegen den Eindringling. Im Falle der Infektion ist der Körper nun in der Lage, schnell, zielgerichtet und konsequent zu reagieren.
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Wer bereits einen Herzinfarkt durchgemacht hat, senkt mit der Impfung sein Risiko für einen erneuten Herzinfarkt um 43 % und sein kardiovaskuläres und Gesamtsterberisiko um jeweils 41 % in den kommenden 12 Monaten, wie eine weitere Studie mit knapp 2600 Teilnehmern aus acht Ländern ergeben hat.
Weitere Präventionsmaßnahmen
Neben der Impfung gibt es weitere Maßnahmen, um das Schlaganfallrisiko zu senken:
- Gesunde Lebensweise: Ausreichende, regelmäßige Bewegung und eine gesunde Ernährung können einem Schlaganfall gezielt vorgebeugt werden.
- Risikofaktoren minimieren: Infektionen und andere Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Rauchen wirken zusammen und erhöhen das Schlaganfallrisiko. Es ist daher wichtig, diese Risikofaktoren zu kontrollieren und zu behandeln.
- Auf Warnzeichen achten: Druck auf der Brust, Luftnot, geschwollene Beine oder ein Herzstolpern sind deutliche Warnzeichen. Auch wenn ich plötzlich viel weniger belastbar bin, Blutdruckschwankungen auftreten, mir schwindelig ist oder gar plötzliche Ohnmachtsanfälle (bei Herzrhythmusstörungen) sind Hinweise. Bei solchen Symptomen sollte man unverzüglich einen Arzt aufsuchen.
- Mundhygiene: Achten Sie auf eine gute Mundhygiene, lassen Sie sich von Ihrem Zahnarzt beraten.
Grippe oder grippaler Infekt?
Viele sagen schnell: „Ich habe die Grippe!“, wenn sie sich abgeschlagen fühlen, husten oder schniefen. Doch meist steckt dahinter kein echter Influenza-Virus, sondern ein grippaler Infekt - also eine gewöhnliche Erkältung. Die Erkältung ist, auch wenn die Symptome belastend sein können, fast immer eine harmlose Infektion der oberen Atemwege (Nase, Nasennebenhöhlen, Rachen). Sie wird verursacht von Erkältungsviren (z.B. Rhinoviren) und kündigt sich meist schon ein paar Tage an, bevor Husten, Schnupfen und Kopfschmerzen so richtig schlimm werden.
Die echte Grippe, also Influenza, ist eine ernsthafte Virusinfektion, ausgelöst von Influenza-Viren - beim Menschen sind vor allem Influenza-A- und Influenza-B-Viren bedeutsam. Influenza beginnt geradezu schlagartig: Von „jetzt auf gleich“ fühlt man sich schlapp, hat hohes Fieber (39-41°C), starke Muskel-, Glieder- und Kopfschmerzen, muss ins Bett. Und dort bleibt man dann auch oft tagelang. Der Grund: Influenza betrifft eben nicht nur die Atemwege, sondern belastet den ganzen Körper. Das gilt besonders für Menschen, die bereits eine chronische Krankheit haben, z.B. des Herz-Kreislauf-Systems.
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