Ein Schlaganfall tritt oft unerwartet auf und kann das Leben Betroffener und ihrer Angehörigen von einem Tag auf den anderen verändern. Die Rehabilitation spielt eine entscheidende Rolle, um verlorene Fähigkeiten wiederzuerlangen und die Lebensqualität zu verbessern. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Schlaganfall-Therapie, insbesondere über Übungen, die zu Hause durchgeführt werden können, und beleuchtet verschiedene Therapieansätze und Hilfsmittel.
Was ist ein Schlaganfall?
Ein Schlaganfall ist eine akut auftretende Durchblutungsstörung des Gehirns. Durch den Sauerstoffmangel im Nervengewebe sterben Gehirnzellen ab, was zu einem Verlust motorischer und sensorischer Funktionen führen kann. Im Volksmund wird auch eine Gehirnblutung oft als Schlaganfall bezeichnet, obwohl die Medizin hier differenziert.
Die Bedeutung der Rehabilitation
Nach einem Schlaganfall können gespeicherte Informationen und selbst einfachste Bewegungsabläufe verloren gehen. Rehabilitative Maßnahmen sind daher entscheidend für eine erfolgreiche Erholung. Das Gehirn besitzt die Fähigkeit, "Verlerntes" neu zu erlernen, indem es neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen (Synapsen) bildet. Dies ermöglicht es Patienten, verlorengegangene Funktionen wie Gehen, Treppensteigen und Gleichgewicht halten wiederzuerlangen.
Frühzeitiger Therapiebeginn
Wird ein Schlaganfall schnell behandelt, bestehen große Chancen auf Ausgleich der Symptome. Daher beginnt die Rehabilitation meist schon sofort nach der Diagnose. Durch motorische Rehabilitationsmaßnahmen können die Symptome oft ausgeglichen werden. Jedoch sollte man möglichst schnell damit beginnen. In den ersten Stunden und Tagen nach dem Schlaganfall ist das Gehirn besonders aufnahmefähig, um Funktionen des betroffenen Gewebes wiederzuerlangen.
Therapieansätze
In der Schlaganfall-Therapie werden verschiedene Konzepte angewandt, die individuell auf die Bedürfnisse des Patienten zugeschnitten sind.
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Bobath-Konzept
Das Bobath-Konzept ist ein 24-Stunden-Konzept, bei dem der Physiotherapeut neben den Folgen des Schlaganfalls auch die häusliche Situation, die individuellen Bedürfnisse und Ziele des Patienten berücksichtigt. Der Patient erlernt beispielsweise das Aufstehen und Hinsetzen unter Anleitung und Unterstützung des Therapeuten erneut. Da der Patient und die Angehörigen nach der Therapie dazu angehalten sind, das neu Erlernte auch im Alltag umzusetzen, sprechen wir von einem 24-Stunden-Konzept, damit ein normaler Bewegungsablauf nicht durch eine Kompensation und unnatürliche Motorik ersetzt wird.
Vojta-Konzept
Beim Konzept nach Vojta werden im Gehirn vorhandene Bewegungsmuster angebahnt. Hierbei löst der Therapeut Reflexe aus, welche durch Stimulation gewisser Punkte (Becken, Schulterblatt, Ellenbogen etc.) aktiviert werden. Somit werden Muskel- und Nervenfunktionen angebahnt, welche die allgemeine Beweglichkeit verbessern.
PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation)
Das Ziel von PNF ist die Verbesserung von Kraft, Ausdauer und Koordination durch eine verbesserte Zusammenarbeit von Nerven und Muskulatur. Unsere Bewegungen im Alltag sind dreidimensional und werden häufig in immer wiederkehrenden Mustern ausgeführt.
Übungen für Schlaganfallpatienten zu Hause
Es ist wichtig, so früh wie möglich mit aktiven Übungen zu beginnen und diese konsequent und regelmäßig durchzuführen. Die folgenden Übungen sind Beispiele und sollten an die individuelle Situation des Patienten angepasst werden.
Feinmotorik-Übungen
- Zielbewegungen: Mit einem Kugelschreiber vorgegebene Punkte unterschiedlicher Größe der Reihe nach von links nach rechts antippen. Dabei werden nur die getroffenen Punkte gewertet (1 Minute / Anzahl getroffene Punkte). Wenn die Übung mühelos gelingt, die schwierigere Variante durchführen.
- Tippen: Nacheinander mit den Fingern auf den Tisch tippen, dabei mit dem Daumen beginnen. Jeder fehlerfreie Durchgang wird mit einem Punkt bewertet (1 Minute / Anzahl fehlerfreier Durchgänge).
- Münzen umdrehen: Eine Münze (je kleiner, desto schwieriger) zwischen Daumen und Fingern der betroffenen Hand halten und drehen (1 Durchgang / Anzahl der Halbumdrehungen). Wenn die Münze hinunterfällt, darf die andere Hand helfen, sie wieder in die betroffene Hand zu geben.
- Labyrinth: Mit einem Kugelschreiber zügig ein vorgedrucktes Labyrinth nachzeichnen, ohne dabei die Labyrinthlinie zu überqueren. Bei jedem Fehler wird zur erforderlichen Zeit eine Strafsekunde addiert (1 Durchgang / Sekunden inkl. Strafsekunden). Wenn die Übung mühelos gelingt, die schwierigere Variante durchführen.
- Schrauben: Bei dieser Übung sollen Muttern auf Schrauben gedreht und wieder abgedreht werden, wobei nur mit der betroffenen Hand gedreht werden darf. Die weniger betroffene Hand hält dabei die Schraube (1 Minute / Anzahl aufgedrehter Muttern).
Weitere Übungen
- Arm heben: Aufrecht auf einen Stuhl setzen. Einen Arm langsam nach vorne heben, bis er etwa auf Schulterhöhe ist. Den Ellenbogen gestreckt lassen. Die Position für 3-5 Sekunden halten, dann den Arm kontrolliert wieder absenken. Bei Bedarf den betroffenen Arm mit der gesunden Hand stützen oder führen.
- Ball drücken: Einen weichen Ball (z. B. Therapieknete oder einen Stressball) in die betroffene Hand nehmen. Den Ball mit möglichst gleichmäßigem Druck zusammendrücken, die Spannung für etwa 5 Sekunden halten und dann lockerlassen.
- Bein heben: Auf eine weiche Unterlage legen. Die Beine sind gestreckt. Ein Bein etwa 20-30 cm anheben, die Position für ein paar Sekunden halten und es dann langsam wieder absenken.
- Gewichtsverlagerung: Hüftbreit an eine Wand oder einen Tisch stellen, an dem man sich bei Bedarf abstützen kann. Das Körpergewicht langsam von einem Bein auf das andere verlagern. Dabei darauf achten, die Fußsohlen fest auf dem Boden zu lassen.
- Seitliches Tippen: Im sicheren Stand (ggf. mit Haltemöglichkeit) mit der Fußspitze seitlich auf den Boden tippen und den Fuß wieder zur Mitte zurückführen. Die Seite wechseln. Die Bewegung flüssig und rhythmisch ausführen.
- Bewegung mit Kognition: Eine einfache Bewegungsübung wählen, z. B. das Heben der Arme oder Tipp-Bewegungen. Währenddessen bei jeder Wiederholung ein Wort aus einer vorher gewählten Kategorie nennen - etwa Obstsorten, Städte oder Tiernamen.
Ergotherapeutische Übungen für die Feinmotorik
- Würfel bewegen: Regelmäßiges Bewegen eines oder mehrerer Würfel zwischen Daumen sowie Zeige- und Mittelfinger.
- Klavier spielen: Auf der Tischplatte mit den Händen wiederholt die Bewegung des Klavierspielens ausführen.
- Ball werfen: Mehrmaliges rasches Hin- und Herwerfen eines Tennis- oder Jonglierballes zwischen beiden Händen.
- Türmchen bauen: Bauen von Türmchen aus kleinen Holzklötzen.
- Gegenstände ertasten: Figuren oder andere Gegenstände in ein großes Behältnis mit Bohnen, Linsen oder Kies tauchen und diese ertasten.
- Kritzeln und Zeichnen: Häufiges Kritzeln und Zeichnen auf einem Blatt Papier.
Hilfsmittel und Unterstützung
Es gibt verschiedene Hilfsmittel, die den Alltag nach einem Schlaganfall erleichtern können.
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Mobilitätshilfen
Rollatoren, Gehhilfen, Treppenlifte, elektrische Schiebehilfen sowie Griffverdickungen an Gegenständen wie Toilettengriffen oder Badewannenliftern und -sitzen können die Mobilität und Selbstständigkeit verbessern. Der Ergotherapeut sollte die Mobilitätshilfen auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten und die Beschaffenheit des Wohnraumes abstimmen.
Funktionelle Elektrostimulation (FES)
Die Funktionelle Elektrostimulation kann als Teil der Neurorehabilitation eingesetzt werden. Moderne Therapiegeräte ermöglichen es Patienten, intensiv zu Hause zu trainieren. Durch das tägliche Üben fehlender Bewegungen können sich die Nervenzellen im Gehirn neu vernetzen. Mehrkanalstimulatoren können eine effektive Unterstützung für die Rehabilitation nach einem Schlaganfall bieten.
Fußheberorthesen
Bei einer Fußheberschwäche infolge eines Schlaganfalls kann eine Fußheberorthese helfen, Betroffene beim Anheben und Abrollen des Fußes zu unterstützen. Fußheberorthesen verbessern die Fußhebefunktion und unterstützen den Bewegungsablauf.
RehaCom
Die Software "RehaCom" bietet Therapiemodule zu verschiedenen Leistungsbereichen an, zum Beispiel Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Handlungsplanung und visuelle Leistungen. Damit können Betroffene gezielt nach ihren Bedürfnissen trainieren.
Ergotherapie
Ergotherapie zielt darauf ab, jedem Betroffenen mit einem sorgfältig zusammengestellten Übungsprogramm zu helfen, körperliche Defizite nach und nach zu reduzieren. Zentrale Bestandteile der Ergotherapie nach einem Schlaganfall stellen das Setzen von für den Patienten relevanten Zielen sowie die Anpassung der unmittelbaren Umwelt, also des Wohn- und gegebenenfalls des Arbeitsbereiches, dar. Um dies zu ermöglichen, arbeitet der Ergotherapeut eng mit dem Betroffenen zusammen, um die Auswirkungen der körperlichen Defizite auf dessen Lebensalltag genau beurteilen zu können und gemäß der Erkenntnisse die richtigen Übungen auszuwählen. Dabei werden Motorik, Koordinationsfähigkeiten und Sinnesempfindungen ebenso analysiert wie die optische und körperliche Wahrnehmung.
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Konkrete Ziele einer Ergotherapie
- Grundlegende, alltagsrelevante Bewegungen neu einstudieren und das Körperempfinden verbessern.
- Die richtige Koordination zwischen Augen und Händen trainieren.
- Den Patienten motivieren, die von der Behinderung betroffene Seite bewusst in die Bewegungsabläufe zu integrieren.
- Gemeinsame Unternehmungen wie Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln oder ein Einkauf im Supermarkt vorbereiten und planen.
Spiegeltherapie
Die Spiegeltherapie hat sich als ergänzende Form der ergotherapeutischen Behandlung erfolgreich bewährt, um Schlaganfall-Patienten zu helfen, ihre beeinträchtigte Körperhälfte wieder zu aktivieren. Durch einen in der Körpermitte platzierten Spiegel, vor dem mit der gesunden Extremität leichte Übungen ausgeführt werden, gewinnt das Gehirn die Illusion, die kranke Körperhälfte sei in Bewegung, wodurch die betroffenen Gliedmaßen wieder vermehrt eingesetzt werden.
Physiotherapie
Das Ziel physiotherapeutischer Maßnahmen nach einem Schlaganfall ist es, dem Körper zu helfen, verlorengegangene Fähigkeiten wiederzuerlangen oder bestmöglich zu kompensieren. Dabei wird gezielt das Zusammenspiel von Muskeln, Nerven und Gehirn stimuliert.
Ziele der Physiotherapie
- Stärkung der Muskulatur
- Verbesserung der Bewegungskoordination
- Förderung der Gelenkbeweglichkeit
- Spastikmanagement
Gangtherapie
Nach einem Schlaganfall wird bereits in der Reha ein spezielles Gangtraining gemacht, sobald der Patient dazu in der Lage ist. Die Betroffenen lernen im wahrsten Sinn des Wortes Schritt für Schritt wieder das Gehen. Ist man in der Lage, wieder zu sitzen und aufzustehen, wird das Stehen und Gehen trainiert mit allmählicher Steigerung zu schnellerem, ausdauerndem und sicherem Gehen. Ebenso wie das Training von Beweglichkeit, Koordination und Gleichgewicht. Dann folgt das Gehen unter Alltagsbedingungen.
Sport und Bewegung im Alltag
Regelmäßige Bewegung sollte selbstverständlich in den Alltag integriert werden: Treppen steigen statt Fahrstuhl fahren, so oft wie möglich spazieren gehen, beim Telefonieren auf und ab gehen, Rad statt Auto fahren, Früh- oder Abendgymnastik zuhause. Für das Training zuhause eignen sich kleine Fitnessgeräte wie Knautschball, Balanceboard, Gymnastikband, Fahrradergometer und Hanteln.
Generell werden Ausdauersportarten wie Wandern, Walking, Nordic Walking, Radfahren, zügiges Spazierengehen, Wassergymnastik und Schwimmen nach einem Schlaganfall empfohlen. Förderlich sind moderate Aktivitäten, die das Herz-Kreislauf-System in Schwung bringen, aber nicht zu stark belasten.
Rehasport
Rehabilitationssport ist eine Fortführung der medizinischen Rehabilitation. Es handelt sich um ein Gruppentraining zur Förderung von Ausdauer, Kraft und Koordination zum Beispiel durch Gymnastik, Schwimmen oder Bewegungsspiele. Die Übungseinheiten werden von qualifizierten Übungsleitern angeleitet. Rehabilitationssport wird ärztlich verordnet, die Kosten werden von den Krankenkassen übernommen.
Motivation und Durchhaltevermögen
Rehabilitation ist ein Marathon, kein Sprint. Gerade bei Rückschlägen oder stagnierenden Fortschritten kann es schwerfallen, motiviert zu bleiben. Es ist wichtig, sich realistische Ziele zu setzen und Erfolge zu dokumentieren. Ein fester Übungszeitpunkt pro Tag schafft Struktur und hilft, das Training zur Gewohnheit zu machen. Partner, Kinder oder Freunde können wichtige Motivatoren sein.
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