Schlaganfall Übungen für den Arm: Ein umfassender Leitfaden zur Rehabilitation

Ein Schlaganfall kann das Leben von Betroffenen und ihren Familien grundlegend verändern. Viele alltägliche Bewegungen, die zuvor selbstverständlich waren, müssen mühsam neu erlernt werden. Eine der häufigsten Folgen eines Schlaganfalls sind Armlähmungen, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. Glücklicherweise gibt es verschiedene Übungen und Therapieansätze, die darauf abzielen, die Armfunktion wiederherzustellen und die Selbstständigkeit im Alltag zu fördern. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über verschiedene Übungen und Therapieformen, die bei der Rehabilitation von Armlähmungen nach einem Schlaganfall eingesetzt werden können.

Die Bedeutung der Rehabilitation nach einem Schlaganfall

Nach einem Schlaganfall ist eine schnelle Behandlung entscheidend, um die Symptome auszugleichen und die bestmögliche Erholung zu gewährleisten. Rehabilitative Maßnahmen spielen dabei eine zentrale Rolle, da das Gehirn in den ersten Stunden und Tagen nach dem Ereignis am besten in der Lage ist, die Funktionen des betroffenen Gewebes wiederzuerlangen. Ziel der physiotherapeutischen Maßnahmen ist es, dem Körper zu helfen, verlorengegangene Fähigkeiten wiederzuerlangen oder bestmöglich zu kompensieren. Dabei wird gezielt das Zusammenspiel von Muskeln, Nerven und Gehirn stimuliert.

Neuroplastizität: Die Fähigkeit des Gehirns zur Reorganisation

Das Gehirn besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Neuroplastizität, was bedeutet, dass sich gesunde Hirnareale teilweise neu organisieren und Aufgaben übernehmen können, die zuvor durch geschädigte Bereiche gesteuert wurden. Physiotherapie nach Schlaganfall verfolgt mehrere Ziele gleichzeitig, wobei nicht nur Mobilität und Kraft, sondern auch Wahrnehmung, Gleichgewicht, Haltung und das Wiedererlangen alltagsrelevanter Fähigkeiten im Mittelpunkt stehen. Die Übungen orientieren sich am jeweiligen Funktionsniveau der betroffenen Person und bauen systematisch aufeinander auf.

Therapieformen zur Armrehabilitation

In der Armrehabilitation gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher therapeutischer Ansätze. Welche Therapie im Einzelfall zum Einsatz kommt, hängt von den individuellen Gegebenheiten und dem Ausmaß der Armlähmung ab.

1. Arm-Robot-Therapie

Die Arm-Robot-Therapie ist eine vielversprechende Methode für Menschen mit lähmungsbedingten Bewegungsstörungen im Arm beziehungsweise der Hand. Sie wird in der Regel zusätzlich zu anderen Therapiemaßnahmen eingesetzt und kann sowohl in den ersten Wochen und Monaten nach dem Schlaganfall als auch im chronischen Stadium Erfolge erzielen.

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Ziel: Wiedererreichung der Ansteuerung des Armes und der Hand bei schweren Lähmungen. Die Arm-Roboter trainieren meist die Fähigkeit, ganz bestimmte Bewegungen des Armes, entweder in der Schulter und im Ellenbogen, oder im Unterarm, dem Handgelenk oder den Fingern zu machen.

Durchführung: Der betroffene Arm wird oft in eine Art Roboterschiene gelegt, die die Bewegungen unterstützt. Die Roboter erkennen, welche Bewegungen der Betroffene selbst ausführen kann und an welchen Stellen sie Unterstützung leisten müssen. Insbesondere in den ersten Wochen nach dem Schlaganfall können spezifische Bewegungen, die noch nicht selbständig ausgeführt werden können, in einer hohen Wiederholungszahl geübt werden.

Anwendung: Sowohl Ergo- als auch Physiotherapeuten wenden diese Therapie an.

2. Aufgabenorientiertes Training (AOT)

Das aufgabenorientierte Training (AOT) eignet sich für Menschen mit grob- und feinmotorischen Störungen, wie sie zum Beispiel bei einer halbseitigen Lähmung auftreten.

Ziel: Verbesserung einzelner Bewegungsabläufe, die sich auf den Gang, aber auch auf Arm- und Handbewegungen beziehen können. Das Training orientiert sich an einem konkreten Alltagsbezug der Übungen, um den Transfer des Gelernten in den Alltag zu erleichtern.

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Durchführung: Die jeweilige Handlung wird sehr oft wiederholt, wobei die Patienten an ihrer Leistungsgrenze üben. Da es sich bei den Übungen in der Regel um Alltagstätigkeiten handelt, können Betroffene auch zu Hause intensiv üben. Es ist jedoch wichtig, Rücksprache mit dem Therapeuten zu halten, insbesondere aufgrund der Sturzgefahr bei Gangübungen. Spezielle technische Geräte beziehungsweise Computerprogramme können die Therapie begleiten beziehungsweise intensivieren.

Anwendung: Bei schweren Armlähmungen ist es oftmals wichtig, zunächst die einzelnen Bewegungsfähigkeiten im Arm und der Hand wiederherzustellen.

3. Bobath-Konzept

Das Bobath-Konzept wird zur Befundaufnahme und Behandlung von Menschen mit Störungen des Muskeltonus und sensiblen Störungen eingesetzt.

Ziel: Verbesserung der funktionellen Fähigkeiten, sodass der Patient wieder am täglichen Leben teilnehmen kann. Dazu gehören die Regulierung des Muskeltonus sowie das Anbahnen von normalen Bewegungsmustern. Außerdem sollen Folgeschäden wie zum Beispiel Gelenkeinschränkungen und Schmerzen möglichst vermieden werden.

Durchführung: Im Unterschied zu anderen Therapiekonzepten gibt es im Bobath-Konzept keine standardisierten Übungen. Es ist ein 24-Stunden-Konzept, mit dem möglichst früh begonnen werden sollte. Im Vordergrund stehen individuelle und alltagsbezogene therapeutische Aktivitäten, die den Patienten in seinem Tagesablauf begleiten. Hauptprinzip dabei ist es, die mehr betroffene Körperseite immer wieder in Alltagsbewegungen einzubeziehen.

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Anwendung: Das Bobath-Konzept wird von Physiotherapeuten angewendet.

4. Constraint-Induced Movement Therapy (CIMT)

Die Constraint-Induced Movement Therapy (CIMT) eignet sich für Patienten, die ihren betroffenen Arm im Alltag vernachlässigen und einen „erlernten Nicht-Gebrauch“ entwickelt haben.

Ziel: Förderung des verstärkten Einsatzes des betroffenen Armes im Alltag.

Durchführung: Der nicht-betroffene Arm wird über mehrere Stunden täglich immobilisiert, zum Beispiel durch eine Schiene. Dadurch sind die Betroffenen „gezwungen“, die schwächere Seite zumindest während der Therapiestunden, oftmals auch zu Hause im Alltag intensiv einzusetzen.

Anwendung: Wichtig ist zu beachten, dass die Therapie nur dann infrage kommt, wenn keine vollständige Lähmung vorliegt und die Handfunktion teilweise noch erhalten ist. Außerdem sollten keine schwere Spastik oder Schmerzen im betroffenen Arm vorhanden sein und keine erhöhten Risiken (z.B. Sturzrisiko) bei der Durchführung bestehen. Da die Therapie sehr intensiv und anstrengend ist, ist eine große Therapiemotivation und Belastbarkeit Voraussetzung für die Anwendung.

5. Elektrostimulation

Die Elektrostimulation kann helfen, Bewegungsabläufe mit Unterstützung von Elektrostimulation wieder zu erlernen.

Ziel: Neben der Verbesserung der aktiven Bewegungsfähigkeit soll die Elektrostimulation helfen, einer Spastikentwicklung vorzubeugen.

Formen der Elektrostimulation:

  • Neuromuskuläre Elektrostimulation (NMES): Elektroden werden auf dem betroffenen Muskel platziert, um Nerven und Muskeln zu stimulieren und eine Bewegung zu erzeugen.
  • EMG (Elektromyographie)-getriggerte Elektrostimulation (EMG-ES): Die EMG-Elektroden werden auf der Muskelgruppe platziert, die therapiert werden soll. Ab einem gewissen Maß an Muskelaktivität erfolgt die elektrische Stimulation, die eine kräftigere Muskelaktivität mit Bewegung erzeugt.
  • Funktionelle Elektrostimulation (FES): Mehrere Elektroden werden auf die Haut geklebt, um mehrere betroffene Muskeln durch elektrische Stimulation dazu zu bringen, sich zusammenzuziehen. Dadurch können nicht nur einzelne Bewegungen, sondern Aktivitäten wie das Greifen und Loslassen von Gegenständen ermöglicht werden.

Anwendung: Die Elektrostimulation wird von speziell ausgebildeten Therapeuten angewendet.

6. Laufbandtraining

Das Laufbandtraining hilft vor allem bei der Verbesserung der Gehgeschwindigkeit und Ausdauer.

Ziel: Verbesserung der Gehgeschwindigkeit und Ausdauer.

Durchführung: Bei Bedarf besteht die Möglichkeit, ein Gurtsystem anzulegen, um das Körpergewicht während des Übens auf dem Laufband zu verringern. Während des Gehtrainings besteht die Möglichkeit, bestimmte Muskeln, die beim Gehen gebraucht werden, über elektrische Nervenimpulse gezielt anzusteuern (transkutane elektrische Nervstimulation, TENS). Sprunggelenksorthesen helfen Betroffenen mit einer Fußheberschwäche, die als Folge des Schlaganfalls entstehen kann.

Anwendung: Physiotherapeuten sind Hauptansprechpartner für die Gangrehabilitation auf dem Laufband, spezialisierte Mitarbeiter in Sanitätshäusern helfen bei der Auswahl von Hilfsmitteln.

7. Arm-BASIS-Training

Das Arm-BASIS-Training beübt systematisch und repetitiv alle möglichen Armbewegungen.

Ziel: Wiedererlangung der selektiven Innervationsfähigkeit für die verschiedenen Freiheitsgrade des Armes. Das bedeutet, dass alle Muskelgruppen im Arm wieder aktiviert und einzeln und gezielt angesteuert werden können.

Durchführung: Zunächst wird dokumentiert, welche Bewegungen im Arm in den einzelnen Gelenken schon aktiv möglich sind. Das Training erfolgt dann über Wochen bis Monate in 3 Stufen:

  • Stufe 1: Alle Bewegungsmöglichkeiten werden jeden Tag wiederholt beübt, wobei darauf geachtet wird, dass der Patient lernt, gezielt jeden einzelnen Abschnitt des Armes selektiv, d.h. isoliert, zu bewegen und zwar über das volle Bewegungsmaß im beübten Gelenk.
  • Stufe 2: Es wird geübt, auch das Gewicht des Armes bei Bewegungen zu halten.
  • Stufe 3: Es werden solche Bewegungen geübt, bei denen mehrere Gelenke gleichzeitig bewegt oder gehalten werden müssen.

Anwendung: Das Arm-BASIS-Training sollte bei Patienten früh nach dem Schlaganfall durchgeführt werden.

8. Arm-Fähigkeits-Training

Das Arm-Fähigkeits-Training trainiert täglich Präzision und Geschwindigkeit bei verschiedenen Armfunktions-Anforderungen an der individuellen Leistungsgrenze.

9. Spiegeltherapie

Bei der Spiegeltherapie betrachtet der Patient im Spiegel die Bewegung seiner nicht gelähmten Hand. Durch den Blick in den Spiegel sieht diese Bewegung so aus als würde sich seine gelähmte Hand ganz normal bewegen.

10. Mentales Training

Eine Verbesserung der Armfunktion ist auch durch das mentale Training denkbar.

11. Schädigungsorientiertes Training (IOT)

Das von T. Platz entwickelte Konzept des "Schädigungsorientierten Trainings" (IOT) zielt darauf ab, die spezifisch geschädigte Funktion wiederherzustellen, wie z.B. die aktive Bewegungsfähigkeit bei schweren Lähmungen.

Ergänzende Übungen für zu Hause

Ergänzende Physiotherapieübungen zu Hause unterstützen den Erhalt und Ausbau der Fortschritte aus der Praxis. Nicht alle Übungen müssen unter professioneller Anleitung stattfinden. Hier sind einige Beispiele:

  1. Armheben: Setzen Sie sich aufrecht auf einen stabilen Stuhl. Heben Sie langsam einen Arm nach vorne, bis er in etwa auf Schulterhöhe ist. Versuchen Sie, den Ellenbogen gestreckt zu lassen. Halten Sie die Position für 3-5 Sekunden, senken Sie dann den Arm kontrolliert wieder ab.
  2. Ball drücken: Nehmen Sie einen weichen Ball (z. B. Therapieknete oder einen Stressball) in die betroffene Hand. Drücken Sie den Ball mit möglichst gleichmäßigem Druck zusammen, halten Sie die Spannung für etwa 5 Sekunden und lassen Sie dann locker.
  3. Beinheben im Liegen: Legen Sie sich auf eine weiche Unterlage (z. B. eine Gymnastikmatte). Die Beine sind gestreckt. Heben Sie nun ein Bein etwa 20-30 cm an, halten Sie die Position für ein paar Sekunden und senken Sie es dann langsam wieder ab.
  4. Gewichtsverlagerung im Stehen: Stellen Sie sich hüftbreit an eine Wand oder einen Tisch, an dem Sie sich bei Bedarf abstützen können. Verlagern Sie nun langsam Ihr Körpergewicht von einem Bein auf das andere. Achten Sie dabei darauf, die Fußsohlen fest auf dem Boden zu lassen.
  5. Seitliches Tippen mit dem Fuß: Im sicheren Stand (ggf. mit Haltemöglichkeit): Tippen Sie mit der Fußspitze seitlich auf den Boden und führen Sie den Fuß wieder zur Mitte zurück. Wechseln Sie die Seite. Versuchen Sie, die Bewegung flüssig und rhythmisch auszuführen.
  6. Bewegungsübung mit Worten: Wählen Sie eine einfache Bewegungsübung, z. B. das Heben der Arme oder Tipp-Bewegungen. Währenddessen nennen Sie bei jeder Wiederholung ein Wort aus einer vorher gewählten Kategorie - etwa Obstsorten, Städte oder Tiernamen.

Übungen zur Verbesserung der Feinmotorik

  1. Zielbewegungen: Mit einem Kugelschreiber vorgegebene Punkte unterschiedlicher Größe der Reihe nach von links nach rechts antippen.
  2. Tippen: Nacheinander mit den Fingern auf den Tisch tippen, dabei mit dem Daumen beginnen.
  3. Münzen umdrehen: Eine Münze zwischen Daumen und Fingern der betroffenen Hand halten und drehen.
  4. Labyrinth: Mit einem Kugelschreiber zügig ein vorgedrucktes Labyrinth nachzeichnen, ohne dabei die Labyrinthlinie zu überqueren.
  5. Schrauben: Muttern auf Schrauben drehen und wieder abdrehen, wobei nur mit der betroffenen Hand gedreht werden darf.

Wichtige Hinweise für das Training

  • Niemals gegen Schmerzen arbeiten! Auch Schwindel oder Kreislaufprobleme sind Warnzeichen, bei denen sofort pausiert werden sollte.
  • Die Übungen stets an die individuellen Fähigkeiten anpassen.
  • Erfolge dokumentieren, um Fortschritte leichter zu erkennen.
  • Einen festen Übungszeitpunkt pro Tag schaffen, um das Training zur Gewohnheit zu machen.
  • Sich von Partnern, Kindern oder Freunden unterstützen lassen.
  • Die Zusammenarbeit mit ausgebildeten Physiotherapeuten ist unverzichtbar.

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