Schulterschmerzen nach einem Krampfanfall können verschiedene Ursachen haben. Es ist wichtig, die genaue Ursache zu ermitteln, um eine angemessene Behandlung einzuleiten. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Ursachen von Schulterschmerzen nach einem Krampfanfall, die Diagnosemethoden und die verschiedenen Behandlungsansätze.
Ursachen von Schulterschmerzen nach einem Krampfanfall
Krampfanfälle können eine Reihe von Komplikationen verursachen, die zu Schulterschmerzen führen können. Hier sind einige der häufigsten Ursachen:
Hintere Schulterluxation
Eine hintere Schulterluxation, auch dorsale Schulterluxation genannt, ist eine seltene, aber wichtige Ursache für Schulterschmerzen nach einem Krampfanfall. Normalerweise treten Schulterluxationen nach vorne auf, aber bei Krampfanfällen überwiegt die Kraft der Innenrotatoren, wodurch der Oberarmknochen maximal nach innen gedreht wird und der Gelenkkopf nach hinten aus der Gelenkpfanne tritt.
Dr. Sandra Sommerey aus München berichtet, dass hintere Schulterluxationen nur 1,7 bis 7 Prozent aller Schulterluxationen ausmachen. Sie entstehen meist durch indirekte Gewalteinwirkung, etwa bei generalisierten Muskelkrämpfen. Die Diagnose kann schwierig sein, insbesondere bei adipösen und muskulösen Patienten. Die Patienten nehmen oft eine Schonhaltung ein, die an die Comicfigur Obelix erinnert, der einen Hinkelstein auf dem Rücken trägt, mit innenrotiertem und adduziertem Arm. Die Außenrotation und Abduktion des Oberarms sind eingeschränkt oder unmöglich.
Frakturen
Durch Muskelkontraktionen während eines Krampfanfalls können Frakturen entstehen. In einer Übersichtsarbeit wurden Humeruskopf-, Femurkopf- oder Skapulafrakturen beobachtet. Auch Wirbelkörperfrakturen können auftreten, sind aber selten.
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Muskelverspannungen und Überlastung
Die intensiven Muskelkontraktionen während eines Krampfanfalls können zu Muskelverspannungen und Überlastungen im Schulterbereich führen. Dies kann Schmerzen und Bewegungseinschränkungen verursachen.
Begleitverletzungen
Neben den direkten Folgen des Krampfanfalls können auch Begleitverletzungen zu Schulterschmerzen führen. Stürze während eines Krampfanfalls können Prellungen, Zerrungen oder andere Verletzungen verursachen, die Schmerzen verursachen.
Thoracic-Outlet-Syndrom (TOS)
In seltenen Fällen kann ein Krampfanfall ein Thoracic-Outlet-Syndrom (TOS) auslösen oder verschlimmern. Beim TOS werden Nerven oder Blutgefäße zwischen Hals und Brust eingeengt, was zu Schulterschmerzen, Nackenproblemen, Schwäche und Taubheit in Armen und Händen führen kann.
Nackenschmerzen und HWS-Syndrom
Nackenschmerzen, die oft mit Muskelverspannungen einhergehen, können in die Schulter ausstrahlen und Schulterschmerzen verursachen. Diese Beschwerden können auch als HWS-Syndrom (Halswirbelsäulen-Syndrom) bezeichnet werden.
Diagnose von Schulterschmerzen nach einem Krampfanfall
Eine gründliche Diagnose ist entscheidend, um die Ursache der Schulterschmerzen zu ermitteln und eine geeignete Behandlung einzuleiten. Der Diagnoseprozess umfasst in der Regel die folgenden Schritte:
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Anamnese
Ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten (Anamnese) ist der erste Schritt. Dabei werden die Art der Schmerzen, der Zeitpunkt des Auftretens, mögliche Auslöser und Vorerkrankungen erfragt. Es ist wichtig, den genauen Ablauf des Krampfanfalls und eventuelle Begleitumstände zu erfragen.
Körperliche Untersuchung
Bei der körperlichen Untersuchung werden beide Schultern begutachtet und abgetastet. Der Arzt achtet auf Fehlstellungen, Schwellungen, Blutergüsse und Druckschmerzpunkte. Die Beweglichkeit der Schulter wird geprüft, um Einschränkungen festzustellen. Zudem werden Nerven und Blutgefäße im Arm untersucht, um Schädigungen auszuschließen. Typische klinische Zeichen einer hinteren Schulterluxation sind:
- Hintere Prominenz des Humeruskopfes
- Abflachung des ventralen Schulterreliefs mit Hervortreten des Processus coracoideus
- Federnde Innenrotationsstellung des Armes
- Eingeschränkte oder aufgehobene Außenrotation
- Eingeschränkte Elevation
Bildgebende Verfahren
Bildgebende Verfahren spielen eine wichtige Rolle bei der Diagnose von Schulterschmerzen.
- Röntgenaufnahmen: Röntgenaufnahmen sindStandard, um Frakturen und Luxationen festzustellen. Bei einer hinteren Schulterluxation kann die Diagnose schwierig sein, aber bestimmte Zeichen wie das Glühbirnen- oder Eistüten-Zeichen können helfen.
- Magnetresonanztomografie (MRT): Eine MRT ist besonders nützlich, um Weichteilverletzungen wie Muskelrisse, Sehnenentzündungen und Kapselrisse zu beurteilen.
- Computertomografie (CT): Eine CT kann bei der Beurteilung von knöchernen Strukturen und komplexen Frakturen hilfreich sein.
- Ultraschall: Ein Ultraschall kann verwendet werden, um den Zustand der Rotatorenmanschette zu beurteilen oder einen Gelenkerguss als Hinweis auf eine Entzündung festzustellen.
Neurologische Untersuchung
Bei Verdacht auf Nervenschädigungen oder ein Thoracic-Outlet-Syndrom kann eine neurologische Untersuchung durchgeführt werden. Dabei werden Sensibilität, Reflexe und Muskelkraft geprüft. In einigen Fällen kann eine Elektromyografie (EMG) durchgeführt werden, um die elektrische Aktivität der Muskeln zu untersuchen.
Differenzialdiagnose
Es ist wichtig, andere mögliche Ursachen für Schulterschmerzen auszuschließen. Dazu gehören:
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- Erkrankungen der Halswirbelsäule (z. B. Spinalkanalstenose, Bandscheibenvorfall)
- Herzinfarkt (insbesondere bei plötzlich auftretenden Schmerzen ohne erkennbare Ursache)
- Thoracic-Outlet-Syndrom
- Tumore
Behandlung von Schulterschmerzen nach einem Krampfanfall
Die Behandlung von Schulterschmerzen nach einem Krampfanfall richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.
Konservative Behandlung
In vielen Fällen können Schulterschmerzen konservativ behandelt werden. Dazu gehören:
- Schmerzmittel: Schmerzmittel wie Paracetamol, Ibuprofen oder Diclofenac können zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
- Entzündungshemmende Medikamente: Entzündungshemmende Medikamente können helfen, Entzündungen zu reduzieren.
- Muskelrelaxantien: Muskelrelaxantien können bei Muskelverspannungen helfen.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Beweglichkeit der Schulter wiederherzustellen, die Muskeln zu kräftigen und die Koordination zu verbessern.
- Wärme- und Kälteanwendungen: Wärme- und Kälteanwendungen können zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung eingesetzt werden.
- Ruhigstellung: In einigen Fällen kann es notwendig sein, die Schulter vorübergehend ruhigzustellen, z. B. mit einer Schlinge.
Operative Behandlung
In einigen Fällen ist eine operative Behandlung erforderlich. Dies kann der Fall sein bei:
- Hinterer Schulterluxation: Eine operative Reposition und Stabilisierung des Schultergelenks kann erforderlich sein, um wiederholte Luxationen zu verhindern.
- Frakturen: Frakturen müssen in der Regel operativ versorgt werden, um eine korrekte Heilung zu gewährleisten.
- Rotatorenmanschettenriss: Ein Riss der Rotatorenmanschette kann operativ genäht werden, um die Funktion der Schulter wiederherzustellen.
- Thoracic-Outlet-Syndrom: In schweren Fällen kann eine operative Dekompression der Nerven und Blutgefäße erforderlich sein.
Spezifische Behandlungen
Je nach Ursache der Schulterschmerzen können auch spezifische Behandlungen erforderlich sein.
- Spinalkanalstenose: Bei einer Spinalkanalstenose der Halswirbelsäule kann eine operative Dekompression des Rückenmarks erforderlich sein.
- Kalkschulter: Bei einer Kalkschulter können Stoßwellentherapie oder eine operative Entfernung der Kalkablagerungen in Betracht gezogen werden.
- Frozen Shoulder: Bei einer Frozen Shoulder kann eineInjektion von Kortikosteroiden in das Schultergelenk oder eine operative Kapselspaltung erforderlich sein.
Fallbeispiel
Ein 50-jähriger Patient wurde nach einem zerebralen Krampfanfall mit Schulterschmerzen links in ein Krankenhaus eingeliefert. Zunächst wurde eine subkapitale Oberarmfraktur diagnostiziert. Nach Verlegung in eine andere Klinik und erneuten Röntgenaufnahmen wurde jedoch eine dorsale Schulterluxationsfraktur festgestellt. Es erfolgte die offene Reposition des Schultergelenks und die Versorgung des Bruchs mit einer Platte.
Dieser Fall verdeutlicht, wie wichtig es ist, bei Schulterschmerzen nach einem Krampfanfall eine sorgfältige Diagnose zu stellen und alternative Diagnosen in Betracht zu ziehen.
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