Migräne und Schwangerschaft: Was Sie über Ibuprofen und andere Behandlungsoptionen wissen sollten

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft pulsierende Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, die von Übelkeit, Erbrechen und Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet sein können. Frauen sind dreimal häufiger betroffen als Männer, insbesondere im gebärfähigen Alter. Dies stellt werdende Mütter und ihre Ärzte vor besondere Herausforderungen, da viele Migränemedikamente während der Schwangerschaft nicht sicher sind. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Behandlung von Migräne während der Schwangerschaft, wobei der Fokus auf Ibuprofen und anderen sicheren Alternativen liegt.

Arten von Schmerzen und ihre Behandlung

In der Schmerztherapie wird zwischen akuten und chronischen Schmerzen unterschieden.

  • Akute Schmerzen: Diese werden durch eine Gewebsschädigung oder Verletzung ausgelöst und haben eine Schutzfunktion. Sie sind meist klar lokalisierbar und können beispielsweise nach Operationen, Verletzungen oder bei Entzündungen auftreten. Zur Behandlung werden oft nichtsteroidale Antiphlogistika/Antirheumatika (NSAID), Opioide oder Lokalanästhetika eingesetzt.
  • Chronische Schmerzen: Von chronischen oder chronisch wiederkehrenden Schmerzen spricht man, wenn die Symptome länger als drei bis sechs Monate andauern, einschließlich beschwerdefreier Intervalle (z. B. bei Migräne). Mit der Zeit kann sich ein eigenständiges komplexes Krankheitsbild entwickeln, das mit physischer und psychischer Beeinträchtigung, sozialer Isolation und Passivität einhergehen kann. Die Therapie chronischer Schmerzen ist oft komplex und erfordert einen multimodalen Ansatz.

Neben der Einteilung nach der Dauer können Schmerzen auch nach ihrer Pathogenese eingeteilt werden:

  • Nozizeptorschmerz: Akute Schmerzen, bei denen Schmerzrezeptoren durch freigesetzte Entzündungsmediatoren stimuliert werden, z. B. nach Verletzungen. Beispiele: postoperativer Schmerz, Wundschmerz, Koliken, Entzündungsschmerz. Therapie: Nichtsteroidale Antiphlogistika/Antirheumatika (NSAID), Opioide, Lokalanästhetika.
  • Neuropathischer Schmerz: Schmerzen nach direkter Schädigung der afferenten oder zentralen Neurone durch mechanische oder metabolische Noxen. Beispiele: Nervenkompression, diabetische Neuropathie, (Post-) Zosterneuralgie, Trigeminusneuralgie, Phantomschmerzen, Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS). Therapie: Sympathikusblockaden, schmerzmodulierende Antidepressiva, ggf. auch ausgewählte Antikonvulsiva. Opioide sind oft nur mäßig wirksam.
  • Schmerzen bei psychischen Erkrankungen: Chronische Schmerzen können auch im Rahmen von psychischen Erkrankungen auftreten, z.B. bei somatoformen oder depressiven Störungen. Verlauf und Symptomatik können sehr unterschiedlich sein. Therapie: Psychotherapeutische (Mit-) Behandlung Oftmals liegt eine Kombination der genannten Mechanismen vor. Insbesondere bei chronischen Schmerzen sollten vor einer symptomatischen Schmerzbekämpfung kausal therapierbare Ursachen soweit wie möglich ausgeschlossen bzw. behandelt werden. Akute Schmerzen sollten nach Klärung der Ursache auch in der Schwangerschaft konsequent behandelt werden. Die medikamentöse Behandlung chronischen Schmerzerkrankungen sollte idealerweise vor einer Schwangerschaft kritisch überdacht und wegen Teratogenität einiger Medikamente (z. B.

Allgemeine Richtlinien für die Schmerztherapie in der Schwangerschaft

Bei der medikamentösen Schmerztherapie in der Schwangerschaft gelten folgende Grundregeln:

  • Es sollten keine Mischpräparate oder mehrere Substanzen derselben Wirkstoffgruppe verwendet werden.
  • Einige Analgetika sind bei Anwendung während der Schwangerschaft mit spezifischen Risiken verbunden oder sollten in hierfür vulnerablen Phasen der Schwangerschaft nicht angewendet werden.
  • Vor einem Substanzwechsel empfiehlt sich zunächst die Dosissteigerung bis zur Höchstmenge sowie die ausreichend lange Verabreichung, die ggf. zum Erzielen der Wirkung notwendig ist.
  • Bei einer Dauertherapie kann auch in der Schwangerschaft eine Begleitmedikation zur Prophylaxe oder Therapie von Nebenwirkungen erfolgen, z.B. bei opioidbedingter Obstipation oder etwa Magenschutz bei NSAID.
  • Bei chronischen Schmerzen sollte geprüft werden, ob eine psychotherapeutische (Mit-) Behandlung sinnvoll ist.
  • Klassische Antiepileptika und Wirkstoffe mit geringem Erfahrungsumfang sollten gemieden werden.

Nicht-medikamentöse Behandlungsansätze

Bei typischen Schwangerschaftsbeschwerden wie Schmerzen im Bereich des Rückens und Beckens sollte besonderer Wert auf nicht-medikamentöse Therapien gelegt werden, da dadurch oftmals Medikamente eingespart werden können.

Lesen Sie auch: Magnesium gegen Wadenkrämpfe

Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, Schmerzen in der Schwangerschaft ohne die Einnahme von Medikamenten angehen zu können. Geeignete Vorgehensweisen, Schmerzen ohne Medikamente angehen zu können werden nachfolgend angeführt.

  • Bei Kopfschmerzen: Spaziergänge und frische Luft, Kompressen auf Stirn und Nacken, Leichte Massage von Schläfen, Stirn und Nacken mit Pfefferminzöl, Ausreichendes Trinken und regelmäßiges Essen, Vermeidung von Rauchen und Alkohol, Ausreichende Ruhepausen und genug Schlaf, Entspannungstechniken können helfen, Kopfschmerzen sogar vorzubeugen. Akupunktur kann wirken, Behandler muss aber über bestehende Schwangerschaft informiert werden.
  • Bei Rücken- und Gelenkschmerzen: Wärme kann Verspannungen lösen und wirkt wohltuend auf Muskeln und Gelenke. Bei Schmerzattacken oder Dauerschmerzen können ein warmes Bad, eine Wärmflasche oder ein erhitztes Kirschkernkissen Wunder wirken. Schwangere Frauen sollten zur Entlastung der Muskeln und Gelenke regelmäßige Ruhepausen in ihren Alltag einzubauen. Schwere körperliche Arbeiten - beispielsweise schweres Heben oder Tragen - sollten mit fortschreitender Schwangerschaft unterbleiben. Stress und psychische Belastungen führen zu Verspannungen und können Schmerzzustände auslösen oder verstärken. Eine frühzeitig erlernte Entspannungstherapie ist in der Schwangerschaft daher besonders wichtig. Massagen oder bestimmte Yoga-Formen sind geeignet. Bewegung lindert. Gezielte Übungen zur Kräftigung des Rückens, Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen, Aqua-Gymnastik oder Yoga sind als Ausgleichssport in der Schwangerschaft besonders gut geeignet. Wichtig sind auch regelmäßige Übungen zur Kräftigung des Beckenbodens. Zur Entlastung der Bauch- und Rückenmuskulatur leisten Bauchtücher oder ein Stützgürtel gute Dienste. Schonende, ganzheitliche Bewegungsabläufe, wie sie beispielsweise bei der Wassergymnastik geübt werden, können Schmerzen lindern. Wenn Sie als Schwangere unter Ischiasschmerzen (Nervenschmerz, oft im unteren Rücken mit Ausstrahlung ins Bein) leiden, sollten Sie keinesfalls den Schmerz durch eingeschränkte Bewegung und lang anhaltende Ruhephasen zu vermeiden versuchen. Dies bewirkt oft eine Verstärkung der Verspannung und verstärkt noch die Schmerzen.

Medikamentöse Schmerztherapie in der Schwangerschaft

Wenn nicht-medikamentöse Maßnahmen nicht ausreichen, können Medikamente zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.

Paracetamol

Paracetamol gilt als ein sicheres Schmerzmittel in der Schwangerschaft und kann während der gesamten Schwangerschaft angewendet werden. Allerdings gibt es Diskussionen über mögliche Zusammenhänge zwischen der Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft und einem späteren Hyperaktivitätssyndrom beim Kind, einem vermehrten Auftreten von Asthma und von Hodenhochstand bei Jungen. Schwangere sollten über diese Untersuchungen informiert werden.

Ibuprofen

Ibuprofen gehört zur Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) und wirkt schmerzlindernd, entzündungshemmend und fiebersenkend. Es hemmt die Cyclooxygenasen (COX) COX-1 und COX-2, wodurch die Bildung von Prostaglandinen blockiert wird. Prostaglandine spielen eine wichtige Rolle im Entzündungsgeschehen.

Anwendung von Ibuprofen während der Schwangerschaft:

  • Ibuprofen ist eines der Mittel der Wahl bei Migräne für Schwangere, darf aber nur bis zur 28. Schwangerschaftswoche und unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung angewendet werden.
  • Schwangere im letzten Trimenon dürfen Ibuprofen nicht einnehmen, da es zu einem vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus Botalli beim Fetus und zu einer Schädigung der fetalen und neonatalen Nierenfunktion führen kann. Die Empfindlichkeit des Fetus steigt mit zunehmendem Gestationsalter.
  • Im 1. und 2. Trimenon ist Ibuprofen das Mittel der ersten Wahl aus der Gruppe der NSAID.

Dosierung:

  • Erwachsene: Die S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ von 2018 empfiehlt als Einzeldosis 200 bis 600 mg Ibuprofen. Rezeptfrei sind Präparate mit einer Einzeldosis von bis zu 400 mg erhältlich. Eine Einzeldosis von 400 mg können Patienten in der Selbstmedikation bis zu viermal täglich nehmen. Als Tageshöchstdosis dürfen 1200 mg Ibuprofen in der Selbstmedikation nicht überschritten werden.
  • Kinder: Kinder nehmen ein- bis dreimal täglich 7 bis 10 mg Ibuprofen pro kg KG ein. Die Tageshöchstdosis beträgt 30 mg Ibuprofen pro kg KG, wobei zwischen den Einnahmen Zeitabstände von 6 bis 8 Stunden liegen sollten.

Wichtige Nebenwirkungen und Kontraindikationen:

  • Ibuprofen hat von allen NSARs das geringste Risiko für schwere Nebenwirkungen im Magen-Darm-Trakt.
  • Wie andere NSARs ist Ibuprofen bei Magen-Darm-Ulzera, Asthma bronchiale, hämorrhagischer Diathese sowie schweren Herz-, Nieren- und Leberfunktionsstörungen kontraindiziert. Dasselbe gilt für das letzte Drittel der Schwangerschaft.
  • Da Prostaglandine auch die schützende Magenschleimhaut aufbauen, ist als Nebenwirkung eine Reduktion der Schleimschicht zu beachten. Die COX-Hemmung führt zudem zu einer vermehrten Bildung von Leukotrienen. Bei Asthmatikern steigt das Risiko für eine Bronchokonstriktion.

Studienlage:

Ibuprofen ist eines der effektivsten Mittel in der Selbstmedikation bei akuten Migräneattacken und die Wirksamkeit ist sehr gut durch klinische Prüfungen belegt.

Lesen Sie auch: Risiken bei Schwangerschaft mit Epilepsie

  • Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2013 kam zu dem Schluss, dass Ibuprofen eine wirksame Behandlung für akute Migränekopfschmerzen ist, die bei etwa der Hälfte der Betroffenen eine Schmerzlinderung, aber nur bei einer Minderheit eine vollständige Linderung der Schmerzen und der damit verbundenen Symptome bewirkt.
  • Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2015 ergab, dass Ibuprofen in Standarddosen bei verschiedenen Schmerzzuständen in der Regel Paracetamol überlegen ist.

Opioide

Opioide dürfen bei starken und stärksten Schmerzen, z.B. bei schweren Tumorschmerzen, nach einem Unfall oder einer Operation, auch in der Schwangerschaft gegeben werden, wobei das immer eine Arztentscheidung sein muss.

Triptane

Aus der großen Gruppe der Triptane, die üblicherweise gegen Migräne verabreicht werden, liegen für Sumatriptan die besten Ergebnisse in Schwangerschaft und Stillzeit vor.

Spezielle Migränebehandlung während der Schwangerschaft

Nicht-medikamentöse Migränebehandlung

Der Schwerpunkt der Behandlung liegt auf den nicht-medikamentösen Maßnahmen.

  • Leichte sportliche Aktivitäten wie Schwimmen, Yoga, Gymnastik oder Spaziergänge sind zu empfehlen.
  • Bewährt haben sich Entspannungsübungen.
  • Auch auf einen regelmäßigen Schlaf sollte geachtet werden.
  • Zwei Liter Flüssigkeit sollten Schwangere mindestens jeden Tag zu sich nehmen. Ideal sind hier Wasser, Früchte- oder Kräutertee, sowie verdünnte Fruchtschorlen.
  • Essen Sie über den Tag verteilt mehrere kleine Mahlzeiten und packen Sie sich bei Spaziergängen oder während der Arbeit für unterwegs kleine Snacks wie Früchte, Müsliriegel oder Nüsse in die Tasche.
  • Es empfiehlt sich auch die Ernährungsgewohnheiten zu überprüfen. Durch die gesündere und bewusstere Ernährung und durch den Verzicht auf Alkohol in der Schwangerschaft verringern sich oft die Häufigkeit und die Schwere der Schmerzanfälle.
  • Sollte es zu akuten Kopfschmerzen und Migräneanfällen kommen, wirkt eine kalte Kompresse auf Stirn, Schläfe oder im Nacken.
  • Auch professionelle Massagen durch einen Physiotherapeuten können verspannte Regionen im Nacken oder Rücken sanft lösen und können Kopfschmerzen und Migräne vorbeugen. Sie sollten jedoch einen Physiotherapeuten wählen, der Erfahrung mit der Massage von Schwangeren hat.
  • Alternativ kann Pfefferminzöl mit leichtem Druck auf Schläfen, Stirn und Nacken einmassiert werden.
  • Nach Absprache mit dem Arzt können auch Vitamin-B2- oder Magnesiumpräparate helfen, der Migräne vorzubeugen.

Medikamentöse Therapie bei Migräne in der Schwangerschaft

  • Paracetamol und Ibuprofen sind für die Behandlung von Migräneattacken in der Schwangerschaft Mittel der ersten Wahl. In der Stillzeit ist es Ibuprofen. Die ausreichend hohe Dosierung ist entscheidend: Paracetamol soll mit mindestens 500 mg, besser 1000 mg bis zu maximal viermal am Tag gegeben werden, von Ibuprofen sollte bis zu viermal pro Tag 600 mg verabreicht werden.
  • Ist bei schwerer und/oder häufiger Migräne eine Migräneprophylaxe (vorbeugende medikamentöse Behandlung) notwendig, kann Metoprolol (Beloc®) 50 - 100 mg pro Tag zum Einsatz kommen.
  • Gegen Übelkeit ist Dimenhydrinat (Vomex A®) das Mittel der ersten Wahl. Dies gilt sowohl für die Schwangerschaft, als auch für die Stillzeit. Da ein wehenfördernder Effekt diskutiert wird, sollte es bei Frühgeburtsgefährdung zurückhaltend eingesetzt werden. Es geht nur in sehr geringen Mengen in die Muttermilch über.
  • Aus der großen Gruppe der Triptane, die üblicherweise gegen Migräne verabreicht werden, liegen für Sumatriptan die besten Ergebnisse in Schwangerschaft und Stillzeit vor.

Schmerztherapie in der Stillzeit

Die folgenden Schmerzmittel, die nach einem Kaiserschnitt zur Verfügung gestellt werden, sind als unbedenklich, auch in der Stillzeit, eingestuft worden. Dazu gehören: Ibuprofen, Paracetamol, und bei starken, andauernden Schmerzen auch Piritramid (Dipidolor®) in Einzeldosen.

Allerdings sollte die Schwangere auch vor medikamentöse Hilfen in der Phase nach der Geburt keine übertriebenen Ängste haben:

Lesen Sie auch: Krämpfe lindern: Tipps

  • Schmerzen sorgen dafür, dass die Schwangere sich schlecht bewegen kann.
  • Schmerzen sorgen dafür, dass die Schwangere ihr Baby kaum heben kann.
  • Schmerzen sorgen dafür, dass die Muttermilch viel schlechter fließt.

Tendenziell wird die Giftigkeit von Medikamenten in der Muttermilch eher überschätzt. Dies hat oft zur Folge, dass die junge Mutter entweder auf ein für sie wichtiges Arzneimittel oder auf das Stillen verzichtet. Dabei ist das auch bei schweren chronischen Krankheiten oft nicht nötig. So können durchaus Schmerzmittel und einige altbewährte Mittel gegen rheumatische Krankheiten - die sich manchmal in der Schwangerschaft bessern und danach heftig zurückmelden - oder gegen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen ohne ernsthafte Bedenken genommen werden.

Mütter sollen bei medikamentöser Schmerztherapie nicht grundsätzlich zum Abstillen gedrängt werden. Bestimmte Vorgaben sollten eingehalten werden:

  • Einnahme von Analgetika grundsätzlich direkt nach dem Stillen oder abends
  • Konzentration der Medikamente in der Muttermilch ist nach ein bis zwei Halbwertzeiten nur noch gering
  • Medikamentenwechsel (z.B.

tags: #schwanger #migrane #ibuprofen