Segeln mit Multipler Sklerose: Erfahrungen und Möglichkeiten

Multiple Sklerose (MS) muss kein Hindernis für die Ausübung des Segelsports sein. Zahlreiche Initiativen und persönliche Erfahrungen zeigen, dass Menschen mit MS nicht nur segeln können, sondern dabei auch ihre Grenzen erweitern und neue Lebensqualität gewinnen können. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte des Segelns mit MS, von persönlichen Erfahrungen Betroffener über spezielle Angebote bis hin zu rechtlichen und sicherheitstechnischen Überlegungen.

Einführung

Segeln bietet Menschen mit MS die Möglichkeit, aktiv zu sein, die Natur zu genießen und soziale Kontakte zu pflegen. Trotz der Herausforderungen, die die Krankheit mit sich bringt, gibt es viele Wege, den Segelsport auszuüben und dabei die eigenen Fähigkeiten und Grenzen neu auszuloten.

Persönliche Erfahrungen

Anne Dalbjerg: Weltumseglung trotz MS

Die 41-jährige Dänin Anne Dalbjerg erhielt ihre MS-Diagnose im Jahr 2002. Vorher kannte sie die Krankheit nur vom Namen. Die ersten Symptome waren Stolpern aufgrund eines Taubheitsgefühls im linken Fuß. Wenige Tage später konnte sie mit der rechten Hand keine Gegenstände mehr festhalten. Nach zahlreichen Tests wurde die Diagnose MS bestätigt. Ihre rechte Körperhälfte verschlechterte sich zusehends, und sie konnte nicht mehr laufen.

Trotz der Einschränkungen wollte Dalbjerg ihren Horizont erweitern. Sie stieß auf das Projekt »Sailing Sclerosis«, bei dem MS-Patienten in Etappen die Welt umsegeln. Dalbjerg, die bereits einen Segelschein besaß, sah darin eine Chance, etwas zu erreichen, das sie mit ihrer MS für unmöglich gehalten hatte.

Die Erfahrung an Bord veränderte Dalbjergs Wahrnehmung von MS. Sie lernte, dass es in Ordnung ist, sich hinzusetzen und erschöpft zu sein. Sie betonte, wie wichtig es sei, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, bevor man anderen helfen kann. Dalbjergs Tipp an andere MS-Betroffene lautet: „Versuche das zu tun, was du normalerweise machst, um herauszufinden, ob du es immer noch kannst. Vielleicht klappt es nicht die ersten drei Male, aber du könntest beim vierten Versuch erfolgreich sein. Manchmal sind auch nur kleine Änderungen erforderlich, zum Beispiel zu gehen statt zu rennen. So kannst du spüren, dass du immer noch tun kannst, was du willst.“

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Markus Meixl: Segeln als sichere Aktivität

Markus Meixl aus Freising, der ebenfalls an MS erkrankt ist, hat seine Leidenschaft für das Segeln trotz seiner Einschränkungen nicht aufgegeben. Er stellt fest: „Ich bewege mich auf einem Schiff tatsächlich sicherer als am Boden.“ Dies liegt daran, dass man auf dem wackeligen Untergrund und in den engen Gängen aufmerksamer ist und es überall Möglichkeiten gibt, sich festzuhalten.

Meixl organisiert Segeltörns für MS-Betroffene und körperlich beeinträchtigte Menschen. Dabei legt er Wert darauf, dass die Reisen auf die Bedürfnisse der Teilnehmer abgestimmt sind. Er betont, dass es darum geht, die eigenen Grenzen kennenzulernen und die Möglichkeiten zu erkennen, die trotz der Beeinträchtigungen vorhanden sind.

Daniela Möller: Mit Schwung und positiver Einstellung

Daniela Möller aus Hamburg, bekannt als Daniela Düsewind, ist Deutsche Vizemeisterin im Rollstuhlfechten und großer Fan von SailWise. Sie hat bei SailWise segeln gelernt, ist Wasserski gefahren und gerudert. Besonders positiv hebt sie die professionelle Unterstützung vor Ort hervor: "Das Tolle an SailWise ist, dass Krankenschwestern und -pfleger immer vor Ort sind. Egal, wie schwerbehindert man ist, es gibt immer Menschen, die einem helfen."

Möllers positive Einstellung und ihre Erfahrungen zeigen, dass MS kein Hindernis für ein abenteuerliches Leben sein muss. Sie ermutigt andere, ihre Träume zu verfolgen und sich nicht von vermeintlichen Grenzen einschränken zu lassen.

Susanne Krause: Inklusive Segel-WM

Susanne Krause, eine ehemalige Handballerin, die im Rollstuhl sitzt, fand durch eine Reha zum Segeln. Sie nahm an der „besonders inklusiven“ Inklusiven WM auf der Außenalster teil und war begeistert, wie schnell ein Team zusammenwächst und wie Segler:innen auf unterschiedlichem Niveau zusammenarbeiten können. Krause betont, dass Segeln mehr Menschen die Möglichkeit gibt, den Sport auszuprobieren - sowohl Menschen mit als auch ohne Bewegungseinschränkungen.

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Angebote und Initiativen

Sailing Sclerosis Foundation

Die Sailing Sclerosis Foundation wurde von dem dänischen Arzt und Psychotherapeuten Anthonisen gegründet. Die Stiftung hat zum Ziel, MS-Patienten durch Segelprojekte neue Perspektiven zu eröffnen. Die Patienten lernen das Leben auf einer Jacht kennen und werden entsprechend ihren individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen eingesetzt.

Special Sailing

Der Verein „Special Sailing“ bietet Segelreisen für Menschen mit Behinderung an. Markus Meixl und Tilo Antoni haben mit diesem Verein einen Segeltörn für ihre MS-Selbsthilfegruppen organisiert. Die Reisen stehen unter dem Motto „Grenzen erfahren, Grenzen verschieben“ und sollen den Teilnehmern helfen, ihre eigenen Möglichkeiten trotz der Beeinträchtigungen zu erkennen.

SailWise

Die niederländische Organisation SailWise ermöglicht seit 1974 Menschen mit Behinderung die Teilnahme an Wassersportaktivitäten. SailWise zeichnet sich durch barrierefreie Boote, Hilfsmittel und einen inklusiven Geist aus. Michiel Meijers, Manager von SailWise, beobachtet immer wieder, wie die Segelaktivitäten das Leben der Teilnehmenden verändern: "Die Menschen fühlen sich stärker und selbstbewusster. Man lernt, in Möglichkeiten zu denken, statt in Einschränkungen."

Offenbacher Ruderverein (ORV)

Der ORV hat sich „Wir bringen Inklusion aufs Wasser“ auf die Fahnen geschrieben. Der Verein bietet Segelmöglichkeiten für Menschen mit verschiedensten Beeinträchtigungen, darunter auch Blinde und an MS Erkrankte. Der ORV nutzt das spezielle Segelboot „Inkludine Vera“ (SV\14), das vom holländischen Designbüro Simonis-Voogd konstruiert wurde und speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung zugeschnitten ist.

Rechtliche und sicherheitstechnische Aspekte

Eignung zum Führen eines Fahrzeugs

Grundsätzlich darf ein Fahrzeug (einschließlich eines Segelboots) nur führen, wer hierfür geeignet ist. Die Eignung gilt als vorhanden, wenn ein Befähigungszeugnis oder eine sonstige Erlaubnis zum Führen von Fahrzeugen für die geführte Fahrzeugart und die zu befahrende Strecke besitzt sowie körperlich und geistig zum Führen des Fahrzeugs geeignet ist.

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Bei MS-Erkrankten ist die Frage der Eignung individuell zu beurteilen. Der Schweregrad der Erkrankung und die Auswirkungen auf die körperlichen und geistigen Fähigkeiten sind entscheidend. Es ist ratsam, ärztlichen Rat einzuholen und die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen.

Verantwortlichkeit und Unterstützung

Auch wenn keine regulatorischen Einschränkungen für beeinträchtigte Menschen beim Segeln bestehen, ist es wichtig, dass sie ggf. von einer nicht beeinträchtigten Crew unterstützt werden können. Bei Einhandsegeln oder beim Segeln mit Crew/Partner, die keine ausreichenden Fähigkeiten und ggf. Lizenzen (Bootsführerscheine) haben, müssen die Defizite des Skippers kompensiert werden.

Versicherung

Es ist ratsam, vorab mit der Versicherung zu klären, ob und inwieweit die MS-Erkrankung Auswirkungen auf den Versicherungsschutz hat.

Tipps und Empfehlungen

  • Realistische Selbsteinschätzung: Beurteilen Sie Ihre eigenen Fähigkeiten und Grenzen realistisch.
  • Ärztlicher Rat: Holen Sie ärztlichen Rat ein, um die Eignung zum Segeln zu beurteilen.
  • Unterstützung suchen: Segeln Sie mit einer erfahrenen Crew, die Sie unterstützen kann.
  • Geeignetes Revier wählen: Wählen Sie ein Segelrevier, das Ihren Fähigkeiten entspricht.
  • Barrierefreie Angebote nutzen: Informieren Sie sich über spezielle Angebote für Menschen mit Behinderung.
  • Positive Geschichten suchen: Lassen Sie sich von positiven Geschichten anderer MS-Betroffener inspirieren.
  • Flexibel sein: Seien Sie bereit, Ihre Pläne anzupassen, wenn es die Situation erfordert.
  • Spaß haben: Genießen Sie die Zeit auf dem Wasser und lassen Sie sich von der Natur inspirieren.

Besondere Bootsklassen

Für Alleinsegelnde mit körperlichen Beeinträchtigungen ist die 2.4m R-Klasse weit verbreitet. Eine speziell für das inklusive Segeln konzipierte Bootsklasse ist die S/V14, bei der gesunde Mitsegler die Beeinträchtigung des anderen ausgleichen.

Die Rolle von Inklusion und Gemeinschaft

Inklusion spielt eine entscheidende Rolle beim Segeln mit MS. Durch die Teilnahme an inklusiven Segelprojekten können Menschen mit MS neue soziale Kontakte knüpfen, ihre Selbstständigkeit stärken und ihre Lebensqualität verbessern. Die Gemeinschaft an Bord eines Segelboots bietet Unterstützung, Motivation und die Möglichkeit, voneinander zu lernen.

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