Sehnerventzündung trotz unauffälligem MRT: Ursachen und Erklärungen

Eine Sehnerventzündung (Neuritis nervi optici) kann eine beängstigende Erfahrung sein, insbesondere wenn sie mit Symptomen wie Sehverschlechterung und Augenschmerzen einhergeht. Die Diagnose wird oft durch eine augenärztliche Untersuchung gestellt, die verschiedene Aspekte des Sehvermögens und der Pupillenreaktion beurteilt. In einigen Fällen kann jedoch ein MRT (Magnetresonanztomographie) unauffällig sein, was Fragen nach den Ursachen und der Bedeutung dieses Befundes aufwirft.

Was ist eine Sehnerventzündung?

Die Sehnerventzündung ist eine Entzündung des Sehnervs, der für die Übertragung visueller Informationen vom Auge zum Gehirn verantwortlich ist. Sie tritt häufig bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 45 Jahren auf, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Die Entzündung kann verschiedene Ursachen haben, wobei Autoimmunreaktionen und Multiple Sklerose (MS) zu den häufigsten gehören.

Symptome einer Sehnerventzündung

Die Symptome einer Sehnerventzündung können variieren, umfassen jedoch typischerweise:

  • Sehverschlechterung: Diese kann plötzlich auftreten und sich innerhalb von Stunden oder Tagen entwickeln. Betroffene beschreiben das Sehen oft als verschwommen, nebelartig oder kontrastarm.
  • Augenschmerzen: Viele Patienten klagen über Schmerzen, die sich bei Augenbewegungen verstärken.
  • Farbverlust: Die Farbwahrnehmung, insbesondere für Rottöne, kann beeinträchtigt sein. Farben erscheinen blasser oder "schmutzig".
  • Gesichtsfeldausfälle: Es können verschiedene Arten von Gesichtsfeldausfällen auftreten, von kleinen blinden Flecken (Skotomen) bis hin zu größeren Einschränkungen des gesamten Gesichtsfeldes.
  • Pupillenreaktionsstörungen: Die Pupillenreaktion auf Licht kann beeinträchtigt sein, was zu einem relativen afferenten Pupillendefekt (RAPD) führt.
  • Blendungsempfindlichkeit: Einige Betroffene sind empfindlicher gegenüber hellem Licht.

Diagnose einer Sehnerventzündung

Die Diagnose einer Sehnerventzündung basiert in erster Linie auf einer gründlichen augenärztlichen Untersuchung. Diese umfasst in der Regel:

  • Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankheitsgeschichte des Patienten, einschließlich des Beginns und der Art der Symptome, Vorerkrankungen und familiärer Vorbelastung.
  • Bestimmung der Sehschärfe: Die Sehschärfe wird mit einer Sehtafel gemessen.
  • Untersuchung der Pupillenreaktion: Der Arzt untersucht, wie die Pupillen auf Licht reagieren. Ein RAPD ist ein wichtiges Zeichen für eine Sehnervenerkrankung.
  • Prüfung der Augenbeweglichkeit: Die Augenbeweglichkeit wird getestet, um Schmerzen oder Doppelbilder zu erkennen.
  • Bestimmung des Gesichtsfeldes: Das Gesichtsfeld wird untersucht, um Ausfälle zu identifizieren.
  • Untersuchung des Augenhintergrundes (Funduskopie): Der Arzt betrachtet den Augenhintergrund, um Veränderungen an der Papille (der Stelle, an der der Sehnerv ins Auge eintritt) oder der Netzhaut zu beurteilen.

Sehnerventzündung und MRT

Ein MRT des Gehirns und der Sehnerven ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik bei Sehnerventzündung. Es kann helfen, die Entzündung des Sehnervs direkt darzustellen und andere mögliche Ursachen für die Symptome auszuschließen, wie z. B. Tumore oder andere strukturelle Veränderungen. Darüber hinaus kann das MRT Veränderungen im Gehirn aufzeigen, die auf Multiple Sklerose hindeuten.

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Unauffälliges MRT bei Sehnerventzündung: Mögliche Ursachen

Es gibt mehrere Gründe, warum ein MRT bei einer Sehnerventzündung unauffällig sein kann:

  • Retrobulbärneuritis: Bei dieser Form der Sehnerventzündung befindet sich die Entzündung hinter dem Augapfel, also außerhalb des Bereichs, der bei der Funduskopie gut sichtbar ist. In diesen Fällen kann auch das MRT unauffällig sein, insbesondere wenn die Entzündung gering ausgeprägt ist oder sich in einem schwer einsehbaren Bereich des Sehnervs befindet.
  • Frühes Stadium der Entzündung: In den frühen Stadien einer Sehnerventzündung sind die Veränderungen im Sehnerv möglicherweise noch nicht deutlich genug, um im MRT sichtbar zu sein.
  • Atypische Sehnerventzündung: Bei atypischen Formen der Sehnerventzündung, die durch andere Ursachen als MS bedingt sind, können die MRT-Befunde anders aussehen oder ganz fehlen.
  • Technische Faktoren: Die Qualität des MRT-Geräts und die spezifischen Aufnahmeparameter können die Sichtbarkeit von Entzündungen beeinflussen. Eine spezielle MRT-Untersuchung, die auf die Darstellung der Sehnerven ausgerichtet ist, kann empfindlicher sein als eine Standard-MRT-Untersuchung des Schädels.
  • Auflösung: Eine Standard-MRT-Untersuchung des Schädels ist in Bezug auf eine Sehnerventzündung (SNE) wesentlich ungenauer.
  • Andere mögliche Ursachen: Es gilt zu klären, ob auch andere mögliche Ursachen des augenärztlichen Befundes möglich sind.

Weitere diagnostische Schritte bei unauffälligem MRT

Wenn ein Patient Symptome einer Sehnerventzündung aufweist, das MRT jedoch unauffällig ist, sind weitere diagnostische Schritte erforderlich, um die Ursache der Beschwerden zu ermitteln und andere Erkrankungen auszuschließen. Dazu gehören:

  • Visuell evozierte Potentiale (VEP): Diese Untersuchung misst die elektrische Aktivität des Gehirns als Reaktion auf visuelle Reize. Eine Verzögerung der VEP-Antwort kann auf eine Schädigung des Sehnervs hindeuten, auch wenn das MRT unauffällig ist.
  • Lumbalpunktion: Bei dieser Untersuchung wird eine Probe der Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) entnommen und auf Entzündungszeichen und andere Marker untersucht, die auf MS oder andere neurologische Erkrankungen hindeuten könnten.
  • Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können durchgeführt werden, um andere Ursachen für die Sehnerventzündung auszuschließen, wie z. B. Infektionen (Borreliose, Syphilis), Autoimmunerkrankungen (Lupus, Sarkoidose) oder andere entzündliche Erkrankungen.
  • Neurologische Untersuchung: Eine umfassende neurologische Untersuchung kann helfen, andere neurologische Symptome oder Anzeichen von MS zu erkennen.

Ursachen einer Sehnerventzündung bei unauffälligem MRT

Auch wenn das MRT unauffällig ist, kann eine Sehnerventzündung verschiedene Ursachen haben:

  • Multiple Sklerose (MS): Eine Sehnerventzündung kann das erste Symptom von MS sein, auch wenn die MRT-Befunde zu Beginn der Erkrankung noch unauffällig sind. In diesen Fällen ist eine sorgfältige Überwachung und weitere Diagnostik erforderlich, um die Entwicklung von MS zu erkennen. Etwa 50 % der Betroffenen mit Sehnervenentzündung entwickeln im späteren Verlauf eine Multiple Sklerose.
  • Autoimmunerkrankungen: Verschiedene Autoimmunerkrankungen wie systemischer Lupus erythematodes, Sarkoidose oder andere können eine Sehnerventzündung verursachen.
  • Infektionen: In seltenen Fällen können Infektionen wie Borreliose, Syphilis oder virale Infektionen eine Sehnerventzündung auslösen.
  • Medikamente und Toxine: Bestimmte Medikamente (z. B. Ethambutol, Tamoxifen) oder Toxine (z. B. Blei, Alkohol) können den Sehnerv schädigen und eine Entzündung verursachen.
  • Idiopathische Sehnerventzündung: In einigen Fällen bleibt die Ursache der Sehnerventzündung unklar. Man spricht dann von einer idiopathischen Sehnerventzündung. Es wird vermutet, dass eine Immunreaktion gegen das Sehnervengewebe eine Rolle spielt.

Behandlung einer Sehnerventzündung

Die Behandlung einer Sehnerventzündung zielt darauf ab, die Entzündung zu reduzieren, das Sehvermögen wiederherzustellen und das Risiko weiterer Schübe zu verringern. Die Behandlung hängt von der Ursache der Entzündung ab.

  • Kortikosteroide: Hochdosierte Kortikosteroide (z. B. Methylprednisolon) werden häufig eingesetzt, um die Entzündung zu reduzieren und die Erholung des Sehvermögens zu beschleunigen. Sie haben jedoch keinen Einfluss auf das funktionelle Endergebnis und auf das Auftreten einer Multiplen Sklerose.
  • Behandlung der Grunderkrankung: Wenn die Sehnerventzündung durch eine andere Erkrankung verursacht wird (z. B. MS, Autoimmunerkrankung, Infektion), muss diese Grunderkrankung behandelt werden.
  • Symptomatische Behandlung: Bei Bedarf können Schmerzmittel oder andere Medikamente zur Linderung der Symptome eingesetzt werden.

Prognose einer Sehnerventzündung

Die Prognose einer Sehnerventzündung ist im Allgemeinen gut. Die meisten Patienten erlangen ihr Sehvermögen innerhalb von Wochen oder Monaten wieder, auch ohne Behandlung. In einigen Fällen können jedoch dauerhafte Einschränkungen des Sehvermögens zurückbleiben, wie z. B. Schwierigkeiten beim Erkennen von Kontrasten oder Farben.

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Das Risiko für einen Rückfall ist erhöht, insbesondere bei Patienten mit MS. Etwa 30 % der Patienten erleiden innerhalb von 5 Jahren einen Rückfall.

Sehnerventzündung und Multiple Sklerose

Eine Sehnerventzündung kann ein erstes Anzeichen für Multiple Sklerose (MS) sein. Das Risiko, nach einer Sehnerventzündung an MS zu erkranken, liegt bei etwa 40 % nach 10 Jahren und bei etwa 60 % nach 40 Jahren. Das Risiko ist höher, wenn das MRT des Gehirns Veränderungen aufweist, die auf MS hindeuten.

Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jeder, der eine Sehnerventzündung hat, auch an MS erkrankt. Eine sorgfältige Überwachung und weitere Diagnostik sind jedoch erforderlich, um die Entwicklung von MS frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.

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