Sehr schlimme Migräne: Ursachen und Behandlung

Migräne ist mehr als nur ein lästiger Kopfschmerz. Sie ist eine neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten von Migräne, insbesondere der chronischen Migräne, um Betroffenen ein besseres Verständnis ihrer Erkrankung und mögliche Lösungsansätze aufzuzeigen.

Was ist Migräne?

Migräne ist eine häufige Kopfschmerzform, die durch wiederkehrende, anfallsartige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Diese Kopfschmerzen sind meist mäßig bis stark und werden oft als pulsierend, pochend oder hämmernd beschrieben. Typischerweise treten sie auf einer Seite des Kopfes auf und verstärken sich bei körperlicher Aktivität. Unbehandelt können die Beschwerden zwischen vier Stunden und drei Tagen anhalten.

Viele Menschen mit Migräne leiden zusätzlich unter Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit und Geräuschempfindlichkeit. Einige erleben vor dem eigentlichen Kopfschmerz eine Aura, die sich durch neurologische Symptome wie Sehstörungen, Sprachstörungen oder Missempfindungen äußern kann.

Episodische vs. Chronische Migräne

Üblicherweise tritt Migräne in unregelmäßigen Abständen als anfallsartiger Kopfschmerz auf. Diese gut voneinander abgrenzbaren Kopfschmerzattacken werden auch Episoden genannt. Wird die Migräne immer häufiger und geht eine Migräneattacke nahezu ohne Pause in die nächste über, kann aus der Episodischen Migräne eine Chronische Migräne werden.

Laut WHO (Weltgesundheitsorganisation) ist eine schwere Migräne eine der am stärksten einschränkenden Erkrankungen. Bei einer chronischen Migräne bestehen seit 3 Monaten oder länger Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen im Monat, davon 8 oder mehr Tage mit Migräne. Haben Sie im Monat mehr Tage mit Kopfschmerzen als ohne, kann das ein Hinweis auf Chronische Migräne sein.

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Ursachen von Migräne

Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.

Genetische Veranlagung

Für Migräne besteht generell eine genetische Veranlagung. Die Migräne ist eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns, der Hirnhaut (Dura) und der jeweiligen Blutgefäße, für die eine erbliche Veranlagung besteht.

Neurobiologische Faktoren

Nach aktuellen Untersuchungen ist das Geschehen vermutlich auf eine Störung des Gleichgewichtszustandes von Schmerzzentren im Hirnstamm zurückzuführen. Mit Hilfe spezieller bildgebender Verfahren (Positronenemissions-Tomografie) konnte nachgewiesen werden, dass im Gehirn ein Bereich - das so genannte Migräne-Zentrum im Hirnstamm (periaquäduktales Grau) - aktiviert und verstärkt durchblutet wird. Dieses „Migräne-Zentrum“ reagiert über-empfindlich auf Reize.

Zwischen den Blutgefäßen des Gehirns und den Nervenzellen des Gesichtsnervs (Nervus trigeminus) besteht eine wichtige Verflechtung. Feinste Verästelungen des Trigeminus-nervs befinden sich in den Wänden aller Blutgefäße im Gehirn. Die Überaktivität der Nervenzellen im Hirnstamm führt dazu, dass die (C-)Fasern des Trigeminusnervs Schmerz-signale an das Gehirn senden (über den trigemino-thalamischen Trakt). Dies hat auch eine vermehrte Ausschüttung so genannter Botenstoffe (vasoaktive Neuropeptide) zur Folge, die eine Dehnung der Blutgefäße bewirken und die Gefäßwände für Blutflüssigkeit durchgängig machen (Extravasation) und bestimmte Blutbestandteile (z.B. entzündliche Eiweißstoffe) freisetzen. Es kommt zu einer Aufschwemmung und einer Art Entzündung des Hirngewebes und der Hirnhäute. Diese so genannte neurogene Entzündung verursacht wiederum Schmerzimpulse, welche ausstrahlen und den Migränekopfschmerz bewirken.

Botenstoffe im Gehirn (Neurotransmitter)

Die Botenstoffe des Gehirns (Neurotransmitter) sind chemische Substanzen, die u.a. Nervensignale weiterleiten, die Ausdehnung oder Verengung der Blutgefäße steuern und Schmerzsignale auslösen. Von allen Botenstoffen spielt das Serotonin bei der Entstehung der Migräne eine besondere Rolle. Die Konzentration von Serotonin im Blut schwankt mit dem weiblichen Zyklus. Dies erklärt u.a. das Auftreten von Migräneattacken während des Zyklus.

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Mögliche Auslöser (Trigger)

Bestimmte innere und äußere Faktoren, so genannte Trigger, können bei entsprechender Veranlagung eine Migräne begünstigen. Jeder Migräne-Patient kann durch Selbstbeobachtung und konsequente Führung eines Kopfschmerz-Tagebuchs/Kalenders seine verschiedenen, persönlichen Auslöser ermitteln:

  • Wechselnder Schlaf-Wach-Rhythmus (z.B. zu viel oder zu wenig Schlaf)
  • Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf - Unterzuckerung/Hungerzustand (z.B. aufgrund des Auslassens von Mahlzeiten)
  • Hormonveränderungen, z.B. während des Zyklus (Eisprung oder Menstruation) bzw. aufgrund der Einnahme von Hormonpräparaten (z.B. Anti-Baby-Pille, bei Beschwerden der Wechseljahre oder zur Osteoporose-Vorsorge)
  • Stress in Form körperlicher oder seelischer Belastungen - Migräne tritt meist in der Entspannungsphase danach auf
  • Verqualmte Räume
  • Bestimmte Nahrungsmittel - z.B. Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte, Alkohol (Rotwein!)
  • Äußere Reize wie (Flacker)Licht, Lärm oder Gerüche
  • Wetter- und Höhenveränderungen (Föhn, Kälte etc.)
  • Starke Emotionen, z.B. ausgeprägte Freude, tiefe Trauer, heftige Schreckreaktion, Angst
  • evtl. Medikamente z.B.

Viele Migränepatienten wissen mit der Zeit, auf welche Dinge oder Situationen bei ihnen eine Attacke folgt. Solch mögliche Auslöser, auch Trigger genannt, sind:

  • Aufregung oder Stress
  • Entspannungsphasen nach Stresssituationen, z.B. der abrupte Wechsel vom stressigen Alltag in die erholsame Urlaubszeit
  • Schlafmangel oder veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus, z.B. durch späteres Zubettgehen oder längeres Ausschlafen am Wochenende
  • Körperliche Anstrengung bei Sport, Freizeitaktivitäten oder der Arbeit
  • Nackenschmerzen
  • Hormonelle Veränderungen durch Periode, Schwangerschaft oder Wechseljahre
  • Auslassen von Mahlzeiten
  • Lebensmittel, z.B.: Käse, Alkohol, Kaffee und das darin enthaltene Koffein (auch die Reduzierung des Kaffeekonsums), Cola, Schokolade
  • Wetterumschwünge und Klimawechsel
  • Temperaturanstieg mit plötzlicher Hitze, Luftdruckveränderungen, Föhnwetter
  • Düfte und Gerüche
  • Parfüm, Zigarettenrauch, Duftbaum im Auto, Raumsprays
  • Licht
  • Blendende Scheinwerfer, Helles oder flackerndes Licht, Neonlicht

Mögliche Trigger sind individuell sehr verschieden und können bei jedem anders ausgeprägt sein. Die gute Nachricht: Wenn Sie Ihre Trigger kennen, lassen sich manche davon bewusst vermeiden. Finden Sie Ihre persönlichen Auslöser heraus, indem Sie ein Kopfschmerztagebuch führen.

Symptome von Migräne

Die Symptome von Migräne können vielfältig sein und variieren von Person zu Person. Typische Symptome sind:

  • Kopfschmerzen: Mäßige bis starke Kopfschmerzen, oft auf einer Seite des Kopfes, die als pulsierend, pochend oder hämmernd empfunden werden. Sie verstärken sich bei körperlicher Aktivität.
  • Übelkeit und Erbrechen: Viele Menschen mit Migräne leiden unter Übelkeit und/oder Erbrechen.
  • Licht- und Geräuschempfindlichkeit: Während eines Migräneanfalls sind viele Menschen sehr empfindlich gegenüber Licht und Geräuschen.
  • Aura: Etwa ein Viertel der Menschen mit Migräne erlebt vor dem Kopfschmerz eine Aura, die sich durch neurologische Symptome wie Sehstörungen, Sprachstörungen oder Missempfindungen äußern kann.

Migräne mit Aura

Bei etwa 15 bis 25 Prozent der Patientinnen mit Migräne treten Aura-Symptome auf. Die meisten Patientinnen mit einer Migräne mit Aura kennen Migräne-Anfälle mit und ohne Aura-Symptomen. Häufig tritt die Aura vor Beginn der Kopfschmerzen auf, sie kann aber auch währenddessen oder danach auftreten. Bei Vielen tritt die Aura manchmal auch ganz ohne Kopfschmerzen auf. Das nennt man dann eine „isolierte Aura“.

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Symptome einer Migräne-Aura:

  • Zickzack-Formen, Blitze oder Wortfindungsstörungen: Bevor der eigentliche Migränekopfschmerz einsetzt, kommt es bei etwa 10-15 % der Migränepatienten zu neurologischen Reiz- und Ausfallerscheinungen. In der Regel klingen die Symptome spätestens nach einer Stunde wieder vollständig ab. Der typische Migränekopfschmerz tritt entweder zusammen mit den Ausfallerscheinungen auf oder etwas verzögert.
  • Sehstörungen, die bei geöffneten und geschlossenen Augen auftreten
  • Sehfeldeinschränkung
  • Flimmersehen
  • Blendende Kreise oder Vierecke, die sich immer weiter ausbreiten
  • Lichtblitze, Zickzackstrukturen oder Sterne vor den Augen
  • Gefühlsstörungen
  • Taubheitsgefühle in Arm, Bein oder im Gesicht
  • Sensibilitätsstörungen, z.B. Kribbeln in Armen oder Beinen
  • Essen kann anders schmecken oder geschmacklos werden
  • Lähmungserscheinungen
  • Sprech- und Wortfindungsstörungen
  • Aussprache und/oder die richtige Verwendung von Worten ist beeinträchtigt

Dauer einer Migräne-Aura:

Eine typische Migräne-Aura dauert 5 bis 60 Minuten, seltener auch mal etwas länger.

Mögliche Vorboten einer Migräne

Bereits ein paar Tage vor der eigentlichen Migräneattacke können sogenannte Vorboten Hinweise auf den nächsten Anfall liefern. Etwa 30 % der Menschen mit Migräne ohne Aura beschreiben dieses Phänomen.

Mögliche Symptome, die auf eine bevorstehende Migräneattacke hindeuten, sind:

  • Stimmungsschwankungen
  • Häufiges Gähnen
  • Heißhunger oder Appetitlosigkeit
  • Extremer Durst
  • Verdauungsprobleme

Diagnose von Migräne

Für die Diagnose macht die Ärztin oder der Arzt eine körperliche Untersuchung und benötigt eine detaillierte Beschreibung der Beschwerden, die während eines Anfalls auftreten. Entscheidend sind Angaben, wo genau der Schmerz sitzt und wie lange er anhält. Ebenfalls wichtig ist der Abstand zwischen den Attacken und eventuelle Begleitsymptome. Ein Kopfschmerz-Fragebogen und -Tagebuch (in Papierform oder als App) erleichtern die Diagnose.

Behandlung von Migräne

Auch wenn Migräne eine nicht heilbare Krankheit ist, lässt sie sich mit Medikamenten gut behandeln. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen Medikamenten für akute Migräne und zur Rückfallprophylaxe. Für eine erfolgreiche Medikation muss die Therapie zu Beginn der Migräne angewandt werden. Laut deutscher Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft ist eine schrittweise und für den Bedarf gerechte Medikation vorgesehen. Dabei gibt es gegen Übelkeit und Erbrechen ein Antiemetikum, während bei Schmerzen Analgetika, Triptane oder Cortison eingesetzt werden können. Zudem empfiehlt die deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft die Medikation der jeweiligen Patientin bzw.

Akutbehandlung

Die Leitlinie zur Therapie von Migräne der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) empfiehlt bei akuten Attacken, möglichst früh Medikamente einzunehmen. Denn grundsätzlich gilt: je früher der Zeitpunkt der Einnahme, desto besser die Wirkung.

Medikamente zur Akutbehandlung:

  • Schmerzmittel: Paracetamol, entzündungshemmende Schmerzmittel (NSAR) wie ASS, Diclofenac oder Ibuprofen.
  • Triptane: Spezielle Migränemittel, die auf Rezeptoren der geweiteten Blutgefäße im Gehirn wirken, die sich daraufhin wieder verengen. Außerdem verhindern sie die Aktivierung entzündungsauslösender Eiweißstoffe. Triptane mit den Wirkstoffen Almotriptan, Naratriptan und Sumatriptan gibt es als Tabletten in kleiner Packung rezeptfrei in der Apotheke. Voraussetzung: Die Migräneerkrankung wurde ärztlich bestätigt. Größere Packungen sowie die Wirkstoffe Eletriptan, Frovatriptan, Rizatriptan und Zolmitriptan gibt es nur auf Rezept.
  • Antiemetika: Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen.

Wichtig bei einer Migräne mit Aura ist, dass Triptane erst nach Abklingen der Aura-Symptome eingenommen werden sollten.

Vorbeugende Behandlung (Prophylaxe)

Wenn eine Patientin oder ein Patient an vier oder mehr Tagen im Monat Migräne hat oder wenn die Behandlung mit Triptanen keine ausreichende Besserung von Anfällen bietet, gibt es die Möglichkeit, die Migräne vorbeugend zu behandeln.

Medikamente zur Vorbeugung:

  • Betablocker: Blutdruckmittel, die auch zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
  • Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva können ebenfalls zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt werden.
  • Mittel gegen Epilepsie: Einige Medikamente, die eigentlich gegen Epilepsie wirken, sind auch in der Behandlung einer Migräne wirksam.
  • Migräne-Antikörper: Moderne Antikörper, die gegen CGRP (Calcitonin Gene-Related-Peptide) gerichtet sind, ein Molekül, das an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt ist. Sie werden alle vier Wochen unter die Haut gespritzt.
  • Gepante: Eine neue Wirkstoffgruppe, die verhindern sollen, dass sich überhaupt CGRP-Proteine bilden. Sie sollen nicht nur vorbeugend wirken, sondern auch bei akuten Migräneattacken.

Bevor moderne Antikörper zur Migräneprophylaxe verschrieben werden können, muss mindestens eine der Tablettentherapien versucht werden, manchmal auch mehrere.

Nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Vorbeugung:

  • Regelmäßiger Ausdauersport wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren.
  • Entspannungsverfahren wie Yoga, progressive Muskelrelaxation und autogenes Training.
  • Biofeedback-Techniken.
  • Psychologische, zum Beispiel so genannte verhaltenstherapeutische Verfahren, insbesondere wenn auch eine Depression oder eine Angststörung bestehen.
  • Regelmäßigkeit im Alltag (Schlafens- und Aufwachzeiten, Mahlzeiten).

Es wird empfohlen, Migräneauslöser möglichst zu vermeiden und ein Kopfschmerztagebuch zu führen, um die persönlichen Trigger zu identifizieren.

Alternative Behandlungsmethoden

Manche Menschen probieren auch Nahrungsergänzungsmittel, pflanzliche Arzneimittel oder Entspannungsverfahren aus, um ihren Migräneattacken vorzubeugen.

Verhaltenstherapie

Die kognitive Verhaltenstherapie kann helfen, negative Denkmuster und Verhaltensweisen zu ändern, die die Lebensqualität zusätzlich mindern. Manche Menschen probieren diese Methode aus, um besser mit ihrer Migräne zurechtzukommen.

Entspannungsverfahren

Andere versuchen es mit Entspannungsverfahren wie etwa autogenem Training. Dabei lernt man, sich in einen tiefen Entspannungszustand zu versetzen.

Daith-Piercing

In den sozialen Medien kursieren Gerüchte, dass ein Ohr-Piercing (Daith-Piercing) gegen Migräne helfen soll. Es wird im Bereich des Ohrknorpels an einem der Akupunkturpunkte, die zur Migränebehandlung genutzt werden, gesetzt. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) betont: "Das Verfahren beruht auf keiner nachvollziehbaren pathophysiologischen Grundlage." Außerdem gebe es keine wissenschaftlichen Studien, die die Wirksamkeit belegen. Mehr noch: Das Piercing könne sich entzünden und gerade im Bereich des Ohrknorpels sei das Risiko für eine gestörte Wundheilung höher.

Umgang mit chronischer Migräne

Chronische Migräne kann den Alltag und die Lebensqualität der Betroffenen extrem beeinträchtigen. Es ist wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen und eine individuelle Behandlungsstrategie zu entwickeln.

Kopfschmerztagebuch

Wer Tagebuch über seine Migräneattacken führt, kommt so möglicherweise den individuellen Triggern auf die Spur - und kann sie meiden.

Regelmäßigkeit im Alltag

Für viele Patientinnen und Patienten hilfreich ist Regelmäßigkeit. Das gilt für Schlafens- und Aufwachzeiten aber auch für Mahlzeiten. Hetze, Unregelmäßigkeit, Naschen und Überspringen von Mahlzeiten können Migränebeschwerden verschlimmern.

Status migraenosus: Wenn die Migräne nicht aufhört

Eine der Eigenarten von Migräneattacken aus Sicht der Betroffenen ist, dass sie immer dann auftreten, wenn man sie gerade überhaupt nicht gebrauchen kann. So wenig vorhersehbar der individuelle Verlauf der Migräne ist, sie hält sich jedoch auch an Regeln: spätestens nach 72 Stunden ist die Migräne vorbei. Aber bedauerlicherweise gibt es auch von dieser Regel eine Ausnahme: den Status migraenosus. Mit diesem Begriff bezeichnet man Migräneattacken, die aus welchen Gründen auch immer länger als 72 Stunden anhalten.

Befragt man Patienten, ob sie auch schon einmal derartig lange Migräneattacken durchlitten haben, dann wird die Mehrzahl dies bestätigen. Bei den meisten Betroffenen wird es sich um eine Ausnahme gehandelt haben. Bei einigen jedoch sind die langen, zermürbenden und kräftezehrenden Migräneattacken die Regel.

Ursachen und Behandlung des Status migraenosus

Ein häufiger Auslöser von langen Migräneattacken sind die hormonellen Veränderungen zum Zeitpunkt der Menstruation. Nach zwei bis drei Tagen mit Migräne, die sich mehr oder weniger gut behandeln ließen, klingen die Kopfschmerzen ab.

Versagen der Akutmedikation:

Vielen Patienten steht eigentlich eine wirksame Attackenmedikation zur Verfügung, auf die sie sich meistens selbst bei schweren Attacken verlassen können. Immer wieder aber kommt es auch zu Attacken, in denen das sonst so wirkungsvolle Konzept versagt. Die erste Triptandosis bringt keinerlei Linderung, eine wider besseren Wissens doch eingenommene zweite Triptandosis verpufft auch ohne Wirkung. Man greift zu Schmerzmitteln, die sowieso noch nie wirklich geholfen haben und richtig, sie helfen auch jetzt wieder nicht. Es bleibt nur das Bett und die Hoffnung, dass die Migräne doch irgendwann von alleine abklingt.

Wiederkehrkopfschmerz:

Hier ist die Situation zunächst komplett entgegengesetzt. Die Migräne lässt sich gut durch die Medikation, meist ein Triptan, beenden, aber nur scheinbar. Mit Absinken des Triptanspiegels kehrt die Migräne nach 12 bis 24 Stunden wieder, ein Phänomen, das man als Wiederkehrkopfschmerz bezeichnet. Notgedrungen wiederholt man also die Triptaneinnahme (was ja einmal innerhalb von 24 Stunden im Rahmen der Anwendungsregeln möglich ist) und wieder funktioniert es: der Migräneschmerz klingt ab. Aber dieses Mal hält die Wirkung nicht mehr solange an. Die nächsten Stunden und Tage sind dann geprägt von einem Auf und Ab der Migräne. Durch immer neue Einnahmen von Schmerzmitteln und Triptanen kann zwar jeweils eine vorübergehende Besserung erreicht werden, die Wirkung wird jedoch immer geringer und hält immer kürzer an. Schmerzfreiheit wird nicht mehr erreicht, nur noch die Schmerzspitzen können gekappt werden. Das Schmerzbild wird immer weniger eindeutig, die schmerzfreien Zeiten nehmen kontinuierlich ab, die Schmerzen treten oft am frühen Morgen aus dem Schlaf heraus auf, die Widerstandskraft gegen die Migräne wird zunehmend weniger, die Stimmung wird gedrückt, der Schmerz erhöht Reizbarkeit, Anspannung, Energielosigkeit, der Antrieb und die Leistungsfähigkeit werden mehr und mehr reduziert. Irgendwann kommt dann der Moment, an dem nichts mehr hilft. Und wieder bleibt nur das Bett und die Hoffnung, dass die Migräne doch irgendwann von alleine abklingt.

Menstruationsassoziierter Status migraenosus:

Beim menstruationsassoziiertem Status migraenosus handelt es sich um ein vorhersehbares Ereignis, das damit gezielten vorbeugenden Maßnahmen zugänglich ist. Liegt keine Migräne mit Aura vor, kann versucht werden, den Hormonabfall, der diese Migräneattacke triggert, durch eine Hormongabe auszugleichen. Am einfachsten ist dies für Frauen, die sowieso eine hormonelle Kontrazeption mit einem Kombinationspräparat aus Östrogen und Gestagen durchführen. Anstatt die „Pille“ jeweils nach drei Wochen für sieben Tage zu pausieren, nimmt man sie als Langzyklus über 3 x 21 Tage oder 6 x 21 Tage durch. Dabei tritt die Regel und damit die menstruationsassoziierte Migräne damit nur noch alle drei bzw. sechs Monate auf.

Ein alternatives Konzept ohne Einsatz von Hormonen sieht vor, ein langwirksames Triptan wie Naratriptan oder Frovatriptan oder das langwirksame Schmerzmittel Naproxen jeweils morgens und abends vorbeugend über eine Woche einzunehmen. Die Behandlung beginnt dabei zwei Tage vor erwartetem Auftreten des menstruationsassoziierten Status migraenosus.

Allgemeine Maßnahmen zur Vermeidung eines Status migraenosus:

Tritt ein Status migraenosus unabhängig vom menstrualem Zeitfenster auf, so kommen grundsätzlich alle üblichen medikamentösen und nichtmedikamentösen Optionen zur Migränevorbeugung in Betracht. Eine weitere Option zur Vermeidung eines Status migraenosus ist die primäre Vermeidung von Wiederkehrkopfschmerzen. Gerade bei alleiniger Gabe von Triptanen ist der Wiederkehrkopfschmerz substanzabhängig bei 25 bis 50% der Attacken zu beobachten.

Behandlung eines bestehenden Status migraenosus:

Vorbeugende Maßnahmen kommen zu spät, wenn ein Status migraenosus bereits eingetreten ist. Die Erfahrung zeigt, dass die Einnahme von Triptanen und/oder Schmerzmitteln im Status migraenosus mit jedem Tag weniger und kürzer wirksam ist und anstatt die Migräne zu beenden, verlängern die Medikamente die Attacke nur noch. Daher gilt die generelle Empfehlung, ab dem vierten Tage einer Migräne auf Schmerzmittel und Triptane zu verzichten.

Auch wenn man es sich nicht vorstellen kann, die schnellste Art aus dem Status migraenosus herauszukommen, ist in dieser keine Akutmedikation wie Schmerzmittel oder Triptane mehr einzunehmen, die man bereits vorher eingenommen hat.

Medikamente gegen Übelkeit:

Zielführender sind Medikamente gegen Übelkeit. Das rezeptfrei erhältliche Dimenhydrinat, u.a. unter dem Handelsnamen Vomex® A bekannt, bietet jetzt gegenüber MCP den Vorteil einer zusätzlich leicht müde machenden Wirkung. Diesen sogenannten sedierenden Effekt erreicht man auch mit schwach wirksamen Neuroleptika wie Promethazin oder Melperon, mit trizyklischen Antidepressiva wie Amitriptylin, Doxepin oder Trimipramin. Im Ausnahmefall kann auch ein Beruhigungsmittel wie Diazepam erwogen werden, diese sollten jedoch wegen der möglichen Gewöhnungsproblematik sehr zurückhaltend eingesetzt werden. Die Substanzen sind durchweg rezeptpflichtig. Ziel ist letztlich über einen schmerzdistanzierenden Effekt dem Betroffenen zu ermöglichen, den Schmerz bewusstseinsfern zu halten, ohne ein Schmerzmittel oder ein Triptan nehmen zu müssen. Müdigkeit und Bettlägerigkeit muss dabei in Kauf genommen werden. Arbeitsfähigkeit wird verständlicherweise in dieser Phase nicht erreicht.

Kortison:

Ein weiterer Therapieansatz ist, die dem Migräneschmerz zugrundeliegende Entzündung an den Blutgefäßen der Hirnhäute durch Gabe von Prednisolon oder anderen Kortison-Zubereitungen zu blockieren und damit dem Schmerz die biologische Grundlage zu nehmen. In der Notfallsituation wird das Kortison meist intravenös verabreicht, was den Vorteil eines relativ schnellen Wirkeintritts unter Umgehung der Aufnahme im Magen-Darmbereich bietet. Bei vielen Betroffenen führt aber auch die selbständige Einnahme von Prednisolon 50 bis 100 mg als Tablette zu einer Besserung innerhalb einer akzeptablen Zeitspanne. Gegebenenfalls kann die morgendliche Einnahme für zwei oder drei Tage wiederholt werden, bis die Entzündung ganz abklingt. Notwendig ist jedoch immer eine individuelle Beratung und Untersuchung. Der jeweilige verlauf und das Anfallsmuster müssen analysiert werden. Vorbeugende Maßnahmen müssen optimiert werden. Diese schließen Verhalten und ggf. auch Medikamente ein. Letztere können meist nur zielgerecht und verträglich wirken, wenn sie sachgerecht eingesetzt werden.

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