Ein Taubheitsgefühl in den Fingern kann viele Ursachen haben, von harmlosen vorübergehenden Beschwerden bis hin zu ernsthaften Erkrankungen. Wenn das Gefühl über einen längeren Zeitraum anhält, ist es wichtig, die Ursache zu ermitteln und eine geeignete Behandlung einzuleiten.
Ursachen für Taubheitsgefühl in den Fingern
Vorübergehende Ursachen
- Eingeschlafene Gliedmaßen: Eine vorübergehende gestörte Durchblutung durch eingequetschte Blutgefäße oder Nerven kann zu Kribbeln und Taubheitsgefühlen in den Gliedmaßen führen. Dies ist meist harmlos und verschwindet, sobald die Glieder wieder bewegt werden.
- Überlastung: Stundenlanges Tippen auf einer Tastatur oder Maus, handwerkliche Tätigkeiten mit Drehbewegungen oder Vibration können zu Überlastung des Handgelenks führen. Verdickungen oder Schwellungen an den Sehnen können Druck auf den Nerv ausüben.
- Schlafposition: Unbewusstes Abknicken des Handgelenks während des Schlafens kann zu Kribbeln oder Taubheitsgefühlen führen, die sich meist durch Ausschütteln oder Reiben der Hand verflüchtigen.
- Schwangerschaft: Vermehrte Flüssigkeitsansammlungen während der Schwangerschaft können ebenfalls zu Taubheitsgefühlen führen.
Nervenkompressionssyndrome
- Karpaltunnelsyndrom (KTS): Das Karpaltunnelsyndrom ist die am häufigsten vorkommende Nerveneinengung an der Hand. Es entsteht durch eine Kompression des Nervus medianus im Bereich des Handgelenks. Die Folge sind Schmerzen, Gefühlsstörungen und Einschränkungen in der Feinmotorik am Daumen bis zum Mittelfinger. Frauen leiden drei- bis viermal häufiger an einem Karpaltunnelsyndrom als Männer. Das Durchschnittsalter liegt dabei zwischen 50 und 70 Jahren.
- Kubitaltunnelsyndrom: Ein Kubitaltunnelsyndrom führt dazu, dass der kleine Finger und der Ringfinger kribbeln oder taub werden. Die Symptome können sich auf die Handfläche ausbreiten und auch den Unterarm betreffen.
- Sulcus-ulnaris-Syndrom: Hier wird der Ellennerv im Bereich des Ellenbogens eingeklemmt. In der Folge treten Kribbeln und Taubheitsgefühle am kleinen Finger und Ringfinger auf, später eventuell auch Handlähmungen bis hin zur „Krallenhand“.
Erkrankungen der Halswirbelsäule
Erkrankungen der Halswirbelsäule können ausstrahlende Schmerzen verursachen, die bis in die Arme und Hände reichen.
- Knöcherne Enge im Wirbelkanal: Manche Menschen haben beispielsweise eine knöcherne Enge im Wirbelkanal, wodurch Nerven eingeengt werden.
- Geschwülste oder Bandscheibenvorfall: Auch gut- oder bösartige Geschwülste oder ein Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule können auf Nerven drücken und zu Taubheitsgefühlen in den Händen und Armen führen.
Weitere Ursachen
- Diabetes mellitus: Diabetes mellitus gehört zu den Risikofaktoren für ein Karpaltunnelsyndrom. Das liegt daran, dass die Erkrankung langfristig Gefäße und Nerven schädigt.
- Vitaminmangel: Insbesondere ein Vitamin-B12-Mangel kann Nervenschädigungen mit sich bringen und zu Taubheitsgefühlen und einem Kribbeln in den Fingern führen.
- Medikamente: Verschiedene Medikamente können als Nebenwirkungen zu Missempfindungen wie tauben Fingerspitzen führen.
- Vergiftungen: Ebenso kann eine Vergiftung taube Fingerspitzen auslösen.
- Tumoren: In seltenen Fällen können auch Krebserkrankungen hinter tauben Fingerspitzen stecken.
- Raynaud-Syndrom: Taube Finger, die kribbeln und weiß (blass) verfärbt sind, deuten auf das Raynaud-Syndrom hin. Dabei kommt es zu anfallsartigen, schmerzhaften Gefäßkrämpfen, die in einer vorübergehenden Mangeldurchblutung der Finger resultieren.
- Infektionen und chronische neurologische Entzündungen: Im zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) können Durchblutungs-Störungen, Verletzungen, Infektionen und chronische neurologische Entzündungen wie Multiple Sklerose das Kribbeln und Taubheitsgefühle verursachen.
- Stoffwechselstörungen und hormonelle Dysbalancen: Bei Diabetes, Vitamin-B12- und Calcium-Mangel droht ebenfalls Gefahr: Dysbalancen im Stoffwechsel und Hormonhaushalt können schnell zulasten der Nerven- und Gefäßfunktionen gehen.
Symptome des Karpaltunnelsyndroms
Die dem Karpaltunnelsyndrom zu Grunde liegende Einengung des Nervus medianus führt bei den Betroffenen anfangs zu leichten Empfindungsstörungen einzelner Finger oder der ganzen Hand. Besonders betroffen sind in der Regel der Daumen- und Zeigefinger sowie Teile des Ringfingers. In den meisten Fällen beschränkt sich das Karpaltunnelsyndrom auf eine Hand, jedoch kann es auch beidseitig auftreten.
- Kribbeln und Taubheitsgefühle: Anfangs eher nachts beim Schlafen oder früh morgens bemerkbar.
- Schmerzen: Aus dem anfänglichen Kribbeln und der leichten Taubheit entwickeln sich bald Schmerzen in den Fingern und der Hand, teilweise ausstrahlend bis hoch in den Arm.
- Einschränkungen der Feinmotorik: Sind die Finger oder die Hand über einen längeren Zeitraum komplett gefühllos, sind feinmotorische Tätigkeiten eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich.
- Muskelschwund: Besonders am Daumenballen (M. abductor pollicis brevis, M. opponens pollicis).
- Ausstrahlende Schmerzen: In Arm und Schultern ziehen.
Diagnose
Die Diagnose eines Karpaltunnelsyndroms erfolgt in der Regel durch eine Kombination aus:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und Beschreibung der Symptome durch den Patienten.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt prüft die Sensibilität, Motorik und Reflexe der Hand und Finger.
- Spezielle Tests:
- Hoffmann-Tinel-Zeichen: Durch Beklopfen des Nervs wird ein unangenehmes, elektrisierendes Gefühl in Daumen-, Zeige- oder Mittelfinger ausgelöst.
- Phalen-Test: Das Handgelenk wird 2 Minuten maximal gebeugt, was Kribbeln oder Taubheit in den Fingern auslöst.
- Flaschen-Test: Der Patient kann einen zylindrischen Gegenstand nicht vollständig umschließen.
- Elektrophysiologische Untersuchungen:
- Elektromyographie (EMG): Misst die elektrische Aktivität der Muskeln.
- Elektroneurographie (ENG): Misst die Nervenleitgeschwindigkeit.
- Bildgebende Untersuchungen:
- Röntgenaufnahme: Bei Verdacht auf knöcherne Ursachen.
- Magnetresonanztomographie (MRT) oder Ultraschalluntersuchung: Um andere Ursachen auszuschließen.
Behandlung
Die Behandlung von Taubheitsgefühlen in den Fingern richtet sich nach der Ursache.
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Konservative Behandlung
- Ruhigstellung: Eine Schiene kann das Handgelenk ruhigstellen und besonders nachts dessen Abknicken verhindern.
- Vermeidung von Überlastung: Überlastungen sollten vermieden und Bewegungen im Alltag wie das Fahrradfahren, Telefonieren oder Drehbewegungen im Handgelenk auf ein Minimum reduziert werden.
- Medikamentöse Behandlung: Schmerzen, Entzündungen und Schwellungen können nach ärztlicher Rücksprache behandelt werden. Kortikosteroide können entweder in Tablettenform oder als Spritze verabreicht werden. Zusätzlich können außerdem Antiphlogistika (Entzündungshemmer) und ggf. Diuretika (zum Abtransport von Wasser aus dem Körper) verabreicht werden.
- Physiotherapie & Ergotherapie: Rehabilitation der Hand, um Operationen beweglicher zu machen. Nervenmobilisation, Elektrotherapie.
- Taping: In sehr leichten Fällen kann auch Taping eine gute Alternative darstellen.
Operative Behandlung
Sollten die konservativen Methoden keine Verbesserung des Zustands liefern, gibt es die Möglichkeit einer Operation, damit der Nervus medianus entlastet wird. Dabei wird das Dach des Karpalkanals durchtrennt, um so eine Druckentlastung zu schaffen. Der Eingriff erfolgt unter Voll- oder Teilnarkose. Die Hand kann am ersten Tag nach dem Eingriff bewegt und leicht belastet werden.
- Endoskopische Operation: Die Orthopäden der Gelenk-Klinik bevorzugen die endoskopische Operation, da sie für die Patienten schonender und mit einer sehr kleinen Narbe verbunden ist.
- Offene Operation: Die offene Operationsmethode benötigt einen größeren Schnitt. Sie bietet Vorteile, wenn umfassendere Erkrankungen der Sehnenscheiden oder anderer Weichteile vorliegen.
Weitere Behandlungsmöglichkeiten
- Extrakorporale Stoßwellentherapie (ESWT): Dabei sendet ein Gerät Schallwellen mit hohem Druck von außen durch die Haut. Die Kosten dieser Behandlung übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht.
- Alternative Therapien: Akupunktur, Ultraschalltherapie, Lasertherapie oder Magnetfeldtherapie. Dass sie bei einem Karpaltunnelsyndrom helfen können, ist jedoch nicht belegt.
- Schmerzmittel: Nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac, die ohne Rezept in Apotheken erhältlich sind.
- Vitamin-B6-Präparate: Sie sollen die Nerven stärken.
Erste Hilfe bei Karpaltunnelsyndrom
Die Möglichkeiten einer ersten Hilfe bei Verdacht auf ein Karpaltunnelsyndrom beschränken sich auf einige wenige Maßnahmen. Setzt ein Gefühl des Kribbelns oder leichte Taubheit ein, lässt sich dies anfangs schnell durch das Reiben oder Massieren der Hand sowie der Entlastung und Stabilisierung der Handgelenke beheben. Telefonieren eingestellt werden, um Erschütterungen und zu starkes Beugen im Handgelenk zu verhindern. So können Verklemmungen gelockert und der Nerv entlastet werden.
Prävention
- Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung: Bei der Computerarbeit ist eine ergonomisch geformte Tastatur ratsam sowie die Nutzung einer Maus, deren Maße zur Größe der Hand passen und die flüssig zu bewegen ist.
- Pausen: Menschen, die viel am Computer arbeiten und auch Sportler mit einseitigen Bewegungsabläufen sind besonders gefährdet, ein Karpaltunnel-Syndrom zu entwickeln. Sie können der Erkrankung durch Pausen und dem Beheben chronischer Fehlbelastung sowie durch Handgelenkschoner vorbeugen.
- Dehnübungen: In Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt Dehnübungen ausprobieren.
- Bewegungsübungen: Drehe die Finger nach außen und immer weiter zurück bis die Finger im besten Fall zu dir nach hinten zeigen. Du lässt deine Handfläche am Boden oder auf dem Tisch und erzeugst eine intensive Dehnung am Handgelenk. Um die Dehnung zu intensivieren, bewege die Schultern zurück.
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