Das zentrale Nervensystem (ZNS), bestehend aus Gehirn und Rückenmark, ist von entscheidender Bedeutung für die Steuerung lebenswichtiger Körperfunktionen und die Verarbeitung von Informationen. Schädigungen des ZNS können schwerwiegende und dauerhafte neurologische Beeinträchtigungen zur Folge haben. Während einige neurologische Erkrankungen relativ häufig vorkommen, gibt es eine Vielzahl seltener neurologischer Erkrankungen des ZNS, die oft schwer zu diagnostizieren und zu behandeln sind. Dieser Artikel beleuchtet einige dieser seltenen Erkrankungen, ihre Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten.
Regeneration im ZNS: Eine Herausforderung
Nach einer Verletzung des ZNS können geschädigte Nervenfasern (Axone) sich oft nicht regenerieren. Dies führt zu dauerhaften Funktionsverlusten, wie z.B. Querschnittslähmungen nach Rückenmarksverletzungen oder Erblindungen nach Sehnervschädigungen. Die Gründe hierfür sind komplex. Einerseits sind die Neurone selbst nicht in der Lage, ein regeneratives Wachstumsprogramm zu starten. Andererseits ist die Umgebung im verletzten ZNS für die regenerierenden Axone hemmend. Die Forschung konzentriert sich daher auf die Entwicklung von gentherapeutischen und pharmakologischen Ansätzen, um die axonale Regeneration zu fördern und verlorene Funktionen nach Schädigungen des Gehirns und Rückenmarks wiederherzustellen.
Erkrankungen des Sehnervs
Der Sehnerv, der die Nervenfasern der Ganglienzellen der Retina enthält, leitet die Sehinformation aus dem Auge ins Gehirn weiter. Schädigungen des Sehnervs äußern sich durch Gesichtsfeldausfälle. Da der Sehnerv zum ZNS gehört, ist eine Regeneration der Nervenfasern nicht möglich.
Ursachen von Sehnervschädigungen
Zahlreiche Erkrankungen können den Sehnerv schädigen, darunter:
- Glaukom (Grüner Star): Eine Gruppe von Augenerkrankungen, die zum Verlust von Nervenfasern und Gesichtsfeldausfällen bis hin zur Erblindung führen. Ursächlich ist oft ein erhöhter Augeninnendruck oder ein ungünstiges Verhältnis zwischen Augeninnendruck und Durchblutung des Sehnervs.
- Diabetische Retinopathie: Eine durch Diabetes verursachte Schädigung der Netzhaut, die auch den Sehnerv beeinträchtigen kann.
- Sehnerventzündungen: Entzündungen des Sehnervs können durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden, z.B. durch Autoimmunerkrankungen oder Infektionen.
- Tumore am Sehnerv: Tumore, die auf den Sehnerv drücken, können dessen Funktion beeinträchtigen.
- Unfälle oder Gefäßverschlüsse: Traumatische Ereignisse oder Gefäßverschlüsse können den Sehnerv direkt schädigen.
Symptome und Behandlung
Eine vollständige Schädigung des Sehnervs führt zur Erblindung des betroffenen Auges. Bei Teilschädigungen bleiben Sehreste erhalten. Die Behandlung zielt darauf ab, ein Fortschreiten der Schädigung zu verhindern, z.B. durch Senkung des Augeninnendrucks bei Glaukom oder Kontrolle des Blutzuckers bei diabetischer Retinopathie. Bereits aufgetretene Schäden sind irreversibel.
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Erkrankungen des Rückenmarks
Das Rückenmark verläuft im Wirbelkanal und verbindet Gehirn und Extremitäten. Es enthält Motoneurone, die die Skelettmuskulatur innervieren und für die Bewegungsausführung verantwortlich sind, sowie sensorische Neurone, die Informationen aus der Peripherie zum Gehirn leiten.
Ursachen von Rückenmarkschädigungen
Störungen des Rückenmarks können vielfältige Ursachen haben:
- Traumatische Verletzungen: Verletzungen des Rückenmarks, z.B. durch Unfälle, können zu Ausfallerscheinungen und Lähmungen führen.
- Neurodegenerative Erkrankungen: Erkrankungen wie die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) können zum Absterben von Neuronen im Rückenmark führen.
- Infektionen: Infektionen des Rückenmarks können Entzündungen und Schädigungen verursachen.
- Kompressionen: Kompressionen des Rückenmarks, z.B. durch Tumore oder Bandscheibenvorfälle, können die Nervenbahnen schädigen.
Folgen von Rückenmarkschädigungen
Je nach Art und Schwere der Schädigung kann es zu Ausfallerscheinungen und Lähmungen kommen, obwohl die peripheren Nerven intakt sind. Es gelangen keine sensorischen Informationen mehr ins Gehirn, und umgekehrt erreichen keine Signale die Muskeln.
Schädel-Hirn-Trauma (SHT)
Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) entsteht durch eine traumatische Krafteinwirkung auf das Gehirn. Die leichteste Form ist die Gehirnerschütterung, schwerere Verletzungen können Hirnblutungen und andere Komplikationen verursachen.
Ursachen und Schweregrade
Ursachen für ein SHT sind meist Unfälle, aber auch Kontaktsportarten. Der Schweregrad wird anhand der Glasgow-Koma-Skala in leicht, mittelschwer und schwer unterteilt.
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Phasen der Schädigung und Behandlung
Die Schädigung des Gehirns erfolgt in zwei Phasen:
- Primäre Schädigung: Direkte Schädigung durch den Unfall, die nicht therapierbar ist.
- Sekundäre Schädigung: Durch pathophysiologische Prozesse im Gehirn, die prinzipiell therapierbar sind.
Die Behandlung zielt darauf ab, die Blut- und Sauerstoffversorgung des Gehirns aufrechtzuerhalten, um sekundäre Schäden zu minimieren.
Neurodegenerative Erkrankungen
Neurodegenerative Erkrankungen umfassen eine Vielzahl von Krankheiten, bei denen Neurone des ZNS nach und nach absterben.
Häufige Erkrankungen und Ursachen
Die häufigsten Erkrankungen sind Alzheimer, Parkinson und Chorea Huntington. Die Ursachen können genetisch oder sporadisch sein.
Zelluläre Mechanismen
Zelluläre Mechanismen, die zur Zellschädigung beitragen, sind:
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- Störungen der Proteinhomöostase (Amyloid- und Tau-Ablagerungen bei Alzheimer, Synuclein bei Parkinson und Huntingtin bei Chorea Huntington)
- Mutationen in Hitzeschockproteinen und Chaperonen
- Erhöhter oxidativer Stress
- Störungen der Mitochondrien oder des intrazellulären Transports
- Entzündungsreaktionen
Symptome und Behandlung
Je nach Erkrankung und betroffener Hirnregion können die Symptome vielfältig sein und Gedächtnisstörungen, motorische Störungen, Orientierungsprobleme, Persönlichkeitsveränderungen und Verhaltensänderungen umfassen. Bisher gibt es keine ursächliche Therapie, sondern nur symptomatische Behandlungen, die das Fortschreiten der Erkrankung verzögern.
Schlaganfall
Beim Schlaganfall kommt es zu einer plötzlichen Störung des Blutflusses im Gehirn, die zu einer Unterversorgung des Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen führt.
Ursachen und Symptome
Ursachen können ischämisch (Verstopfung eines Blutgefäßes) oder hämorrhagisch (Hirnblutung) sein. Typische Symptome sind Bewusstseinsstörungen, Taubheitsgefühle, Lähmungen, Schwäche, Sprachstörungen, Schwindel, Gangstörungen und Kopfschmerzen.
Therapie und Risikofaktoren
Die Therapie zielt darauf ab, die Durchblutung schnellstmöglich wiederherzustellen, z.B. durch Lyse-Therapie oder operative Eingriffe. Risikofaktoren sind hoher Blutdruck, Diabetes, Rauchen, Übergewicht und hohe Cholesterinwerte. Da die Neurone im Gehirn nicht regenerieren, ist die Schädigung irreversibel. Physiotherapie und Ergotherapie können jedoch dazu beitragen, dass andere Hirnareale Funktionen teilweise übernehmen.
Multiple Sklerose (MS)
Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, bei der Entzündungsherde in der weißen Substanz von Gehirn und Rückenmark entstehen.
Ursachen und Pathogenese
Die genauen Ursachen sind unklar. Das Immunsystem attackiert die Myelinschicht, die die Axone der Nervenzellen umgibt. Die Zerstörung der Myelinschicht führt zu Störungen der Signalweiterleitung.
Symptome und Behandlung
Die Symptome sind vielfältig und können Sehstörungen, Taubheit, Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Sprechstörungen, Koordinationsschwierigkeiten, Spastik, Blasenstörung, Sexualfunktionsstörung, Sprachstörungen und Schluckstörungen umfassen. Die Behandlung zielt auf eine Modulation des Immunsystems ab, um weitere Schübe zu verhindern.
Entzündliche Erkrankungen des Nervensystems
Entzündliche Erkrankungen des Nervensystems können erregerbedingt (infektiös-entzündlich) oder autoimmun (autoimmun-entzündlich) sein.
Autoimmunerkrankungen
Autoimmunerkrankungen des Nervensystems treten häufiger bei jungen Erwachsenen auf. Die häufigste ist die Multiple Sklerose. Weitere sind die Neuromyelitis optica (NMO) und MOG-Antikörper assoziierte Erkrankungen (MOGAD).
Infektiöse Erkrankungen
Bakterielle (Meningokokken, Pneumokokken, Hämophilus influenzae) und virale (Herpesviren) Hirnhaut- und Hirnentzündungen spielen eine Rolle. Auch opportunistische Infektionen wie mit dem John-Cunningham-Virus (JCV) oder Hirnentzündungen mit "neueren" viralen Erregern (West-Nile, Borna, Chikungunya) sind relevant.
Diagnose und Therapie
Modernste Verfahren zur Diagnostik und Prognoseabschätzung sind wichtig, um optimale, individualisierte Therapien durchzuführen.
Häufige Beispiele
- Herpes-Simplex-Virus-Enzephalitis (HSVE): Eine der häufigsten sporadischen Enzephalitiden Westeuropas. Symptome sind Kopfschmerzen, Fieber und Bewusstseinsstörungen. Eine rasche antivirale Therapie mit Aciclovir ist entscheidend.
- Bakterielle Meningitis: Häufigste Erreger sind Streptokokken, Listerien und Meningokokken. Leitsymptome sind Kopfschmerzen, Fieber, Übelkeit, Erbrechen und Meningismus.
- Myelitis: Eine Entzündung des Rückenmarks, die diffus oder herdförmig auftreten kann. Die Symptome reichen von Muskelschwäche und Lähmungen bis hin zu Gefühlsstörungen und Fehlfunktionen von Enddarm und Harnblase.
- Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Eine akut oder subakut verlaufende Polyradikuloneuritis, die häufig nach Infektionen auftritt. Es kommt zu einer multifokalen Demyelinisierung und/oder axonalen Schädigung der peripheren Nerven und der Rückenmarkwurzeln.
Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD)
NMOSD umfasst eine Gruppe von seltenen Autoimmunerkrankungen, die vor allem das Rückenmark und die Sehnerven betreffen.
Pathogenese
Fehlgeleitete Abwehrzellen des Immunsystems greifen körpereigenes Gewebe an und verursachen Entzündungen. Autoantikörper binden an Aquaporin 4 (AQP4), ein Eiweiß auf Stützzellen in Gehirn und Rückenmark, was zur Schädigung der Astrozyten führt.
Symptome
NMOSD verläuft schubförmig und kann zu Sehstörungen, Muskelschwäche, Sensibilitätsstörungen, Störungen der Blasen- oder Darmfunktion, Fatigue, kognitiven Beeinträchtigungen, Schmerzen, Sprachstörungen, epileptischen Anfällen, Schwindel und Kopfschmerzen führen.
Diagnose
Die Diagnose erfolgt mithilfe von Magnetresonanztomographie (MRT) und dem Nachweis der NMOSD-typischen Autoantikörper gegen AQP4 im Blut.
Differentialdiagnose zur Multiplen Sklerose
Die Abgrenzung der NMOSD von der MS ist wichtig, da einige MS-Medikamente bei NMOSD unwirksam oder schädlich sein können. Wichtige Unterscheidungsmerkmale sind das Vorhandensein von AQP4-Autoantikörpern (bei 80% der NMOSD-Patienten) und größere, zusammenhängende Entzündungsherde in den Sehnerven und dem Rückenmark (bei NMOSD im Vergleich zu vielen kleinen Entzündungsherden bei MS).
Therapie
Die Therapie zielt darauf ab, Schübe zu verhindern und Symptome zu lindern. Neben medikamentösen Ansätzen spielen Physio- und Ergotherapie eine wichtige Rolle.
Weitere seltene neurologische Erkrankungen
Neben den oben genannten Erkrankungen gibt es eine Vielzahl weiterer seltener neurologischer Erkrankungen des ZNS, darunter:
- CAD - Cold Agglutinin Disease (Kälteagglutininkrankheit): Eine seltene Autoimmunhämolyse, bei der das Immunsystem bei Kälteeinwirkung Antikörper gegen körpereigene rote Blutkörperchen bildet.
- Dunbar-Syndrom: Seltene chronische Durchblutungsstörung des Darms.
- Hereditäre Fruktoseintoleranz: Sehr seltene, autosomal-rezessiv vererbte Krankheit, die durch einen genetisch bedingten Enzymdefekt verursacht wird.
- MEN (Multiple Endokrine Neoplasie): Eine seltene, erblich bedingte Erkrankung, bei der es durch Genveränderungen zur Bildung mehrerer Tumoren in hormonbildenden Drüsen kommt.
- Phenylketonurie (PKU): Eine seltene, erbliche Stoffwechselerkrankung, bei der der Körper die Aminosäure Phenylalanin nicht richtig abbauen kann.
- Roberts-Syndrom: Eine sehr seltene genetische Erkrankung, die zu schweren Wachstumsstörungen und Fehlbildungen führt.
- Tay-Sachs-Krankheit: Eine seltene genetische Stoffwechselerkrankung, bei der ein Enzymmangel dazu führt, dass eine Substanz in den Nervenzellen nicht abgebaut werden kann.
- Treacher-Collins-Syndrom: Eine seltene genetische Erkrankung, die das Gesicht und den Schädelknochen betrifft.
- Turner-Syndrom: Eine seltene genetische Störung, die nur bei Frauen auftritt und durch das Fehlen oder teilweise Fehlen eines X-Chromosoms gekennzeichnet ist.
- Van-der-Woude-Syndrom: Eine seltene genetische Störung, die Fehlbildungen im Gesicht verursacht.
- Morbus Wilson: Eine seltene, erbliche Stoffwechselstörung, bei der Kupfer nicht richtig ausgeschieden wird und sich in verschiedenen Organen, einschließlich des Gehirns, ansammelt.
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