Die Impfung gegen das SARS-CoV-2-Virus löst Reaktionen des Immunsystems aus. In seltenen Fällen können nach einer Impfung gegen das Coronavirus seltene neurologische Komplikationen auftreten. Eine Studie des britischen Forschungsteams im Fachmagazin "Nature Medicine" befasste sich mit seltenen neurologischen Impfkomplikationen wie bestimmten Lähmungen und Schlaganfällen.Im Zusammenhang mit der Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin können in sehr seltenen Fällen Hirnvenenthrombosen auftreten, ausgelöst durch ein Blutgerinnsel.
Hirnvenenthrombosen nach AstraZeneca-Impfung
Transfusionsmediziner um den Greifswalder Forscher Professor Dr. Andreas Greinacher haben herausgefunden, was diese Thrombosen auslöst und wie diese behandelt werden können. „Dies ist ein echter Fortschritt, denn die Menschen können sich nun bedenkenlos mit diesem Impfstoff impfen lassen“, so Greinacher zur Bedeutung der Forschungsergebnisse. Die Komplikationen treten ohnehin nur in extrem seltenen Fällen auf. „Sollten die Hirnvenenthrombosen zukünftig auftreten, können wir sie erfolgreich behandeln“, so der Experte.
Nach einer Impfung bildet der Körper Abwehrstoffe. In sehr seltenen Fällen bilden Geimpfte spezielle Antikörper, die sich an Thrombozyten, auch Blutplättchen genannt, binden. Die Blutplättchen werden durch die Bindung aktiviert. Normalerweise dichten diese Thrombozyten bei der Wundheilung Schädigungen an Gefäßen ab, damit es zum Stopp einer Blutung kommt. Werden Blutplättchen aktiviert, ohne dass eine Blutung besteht, können sich Gerinnsel im Blut bilden, welche die Gefäße verstopfen können. Es kommt zu einer sogenannten Thrombose. Die Forschungsergebnisse sind von großer Bedeutung für die weitere Bewältigung der Pandemie, da der AstraZeneca-Impfstoff weiterhin angewendet werden kann und es nun für die sehr selten auftretenden Thrombosen Behandlungsmöglichkeiten gibt.
Untersuchung und Testverfahren
Transfusionsmediziner um Professor Greinacher haben jetzt das Blut von sieben Betroffenen untersucht, um die Entstehung der Thrombosen nachzuvollziehen. Außerdem haben die Forscher ein Testverfahren entwickelt, das hilft, die nach der Impfung auftretenden Antikörper zu erkennen. „Dieses Verfahren testet, ob die speziellen Abwehrstoffe im Blut vorhanden sind. Dieser Test kann angewendet werden, wenn es nach der Impfung zu entsprechenden Symptomen einer Thrombose kommt“, sagt Greinacher. Menschen, die nach der Impfung Schmerzen im Bein oder ungewöhnlich starke Kopfschmerzen spüren, sollten umgehend einen Arzt aufsuchen. Hierbei ist die Immunreaktion, die ein bis zwei Tage nach der Impfung auftritt, zu unterscheiden von Komplikationen, die sich in der Regel erst ab Tag vier nach der Impfung bemerkbar machen. „Ich rate Patientinnen und Patienten daher einen Arzt aufzusuchen, wenn sie nach drei Tagen noch immer Symptome haben oder diese nach kurzer Pause wieder neu auftreten“, so der Transfusionsmediziner. Da es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich Thrombosen nach einer Impfung bilden, betont der Experte, dass es keinen Grund gebe, bereits bei leichten Immunreaktionen ein bis zwei Tage nach der Impfung eine Untersuchung auf Thrombosen zu beginnen.
Behandlungsmethode
Die Forscher haben auch eine Behandlungsmethode gefunden. Durch ein intravenöses Immunglobulin (ivIgG) können die Blutplättchen blockiert werden, sodass der Mechanismus gehemmt wird. Die Blutgerinnsel können dann durch gerinnungshemmende Medikamente aufgelöst werden. Die Diagnosestellung erfolgt durch den behandelnden Arzt vor Ort, die Therapie sollte in jedem mittelgroßen Krankenhaus verfügbar sein. „Die Forschungsergebnisse sind von großer Bedeutung für die weitere Bewältigung der Pandemie, da der AstraZeneca-Impfstoff weiterhin angewendet werden kann und es nun für die sehr selten auftretenden Thrombosen Behandlungsmöglichkeiten gibt“, so Professor Dr. Hubert Schrezenmeier, 1. Vorsitzender der DGTI.
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Guillain-Barré-Syndrom (GBS) als seltene neurologische Erkrankung
Die Nervenkrankheit Guillain-Barré-Syndrom kann laut der US-Arzneimittelbehörde FDA in sehr seltenen Fällen Folge einer Corona-Impfung sein. Die Folgen sind Lähmungen. Sie beginnen meist beidseitig in den Beinen, dann geht es weiter bei Armen und Gesicht. Bei einigen Patientinnen und Patienten kann sogar die Atemmuskulatur betroffen sein, sodass sie beatmet werden müssen.
Das Guillain-Barré-Syndrom, kurz GBS, ist eine schwere neurologische Krankheit. Sie kann in sehr seltenen Fällen Folge einer Covid-19-Infektion sein, wie die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) mitteilt.
In sehr seltenen Fällen kann sie aber womöglich auch Folge einer Corona-Schutzimpfung sein, wie die US-Arzneimittelbehörde FDA jetzt bekanntgab. Das Vakzin von Hersteller Johnson & Johnson, ein sogenannter Vektorimpfstoff, wurde deshalb mit einen neuen Warnhinweis versehen.
Auch im Zusammenhang mit der Verimpfung des Vektorvakzins des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca gibt es nach Angaben der DGN Hinweise auf Erkrankungen mit GBS. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA habe bis einschließlich Ende Mai bei bis dato etwa 40 Millionen verimpften Dosen 156 Fälle eines GBS im zeitlichen Zusammenhang mit der Gabe des Vakzins von Astrazeneca gezählt, teit die DGN mit.
Die von den Behörden erhobenen Zahlen stellten aber keine besorgniserregende Erhöhung der GBS-Rate dar, sagt DGN-Generalsekretär Prof. Peter Berlit. „Derzeit gibt es auch noch keinen Beleg für einen kausalen Zusammenhang.“
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Inzidenz und Ursachen von GBS
Die Inzidenz des GBS in Deutschland beträgt laut DGN 1,6 bis 1,9 pro 100.000 Einwohner. Bei 83,13 Millionen Einwohnern treten in Deutschland jährlich zwischen 1300 und 1570 GBS-Fälle auf.
Dreiviertel aller GBS-Fälle treten nach Angaben der DGN in Folge von Infektionen auf. Sei es durch eine Darmentzündung mit dem Bakterium Campylobacter jejuni oder eine Infektion der oberen Atemwege mit dem Zytomegalie-Virus oder anderen Viren.
Therapie bei GBS
„Nachweisbar sind beim GBS oft Autoantikörper gegen Baubestandteile der Nervenmembranen im Blut. Folgen sind Lähmungen“, teilt die DGN mit. Zur Therapie erhalten Betroffene entweder Antikörper, hochdosiert und intravenös, oder eine Blutwäsche, bei der die krankheitsauslösenden Autoantikörper herausgefiltert werden. „Oft dauert es viele Wochen, bis sich die Symptome zurückbilden“, so die DGN.
Bewertung des GBS-Risikos im Zusammenhang mit Impfungen
Das abschließende Fazit von Peter Berlit lautet: Die Fälle des impfassoziierten GBS müssten mit denen bei Covid-19-Infektion gegenübergestellt werden. „Aus heutigem Kenntnisstand ist das GBS-Risiko durch die Impfung gegen Sars-CoV-2 insgesamt als sehr gering einzustufen - und wir haben zum Glück eine wirksame Therapie dieses Krankheitsbildes zur Verfügung.“
EMA-Einschätzung zum Zusammenhang zwischen AstraZeneca und GBS
Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat das Guillain-Barré-Syndrom auf die Liste „sehr seltener“ Nebenwirkungen des Coronaimpfstoffs von Astrazeneca aufgenommen.
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Die Wahrscheinlichkeit, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung mit dem Astrazeneca-Vakzin und dem Auftreten der Nervenerkrankung gebe, sei „zumindest begründet“, heißt es in einer Erklärung der EMA.
Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Astrazeneca-Impfung am Guillain-Barré-Syndrom zu erkranken, sei sehr gering, betonte die EMA aber auch. Von 10.000 Menschen sei weniger als einer betroffen.
Bis Ende Juli wurden weltweit 833 Fälle des Guillain-Barré-Syndroms nachgewiesen - bei rund 592 Millionen verabreichten Dosen des Astrazeneca-Impfstoffs.
Studie zu neurologischen Komplikationen nach COVID-19-Impfung
Zwei Signale konnten die britischen Forscher ausmachen: Die Impfung mit dem Vakzin von AstraZeneca konnten sie in Verbindung bringen mit einem höheren Risiko für das Guillain-Barré-Syndrom. Außerdem haben sie beim Impfstoff von Pfizer/Biontech gesehen, dass damit ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle durch Gehirnblutungen assoziiert ist.
Die Forscher betonen, dass diese Ergebnisse keine Erklärung dafür liefern, wie es zu diesem Zusammenhang von Impfungen und Komplikationen kommt. Sie können also nicht sagen, was dabei im Körper genau geschieht.
Zerebrovaskuläre Ereignisse nach Impfung
Eine in Deutschland durchgeführte Studie unter der Projektleitung der Klinik für Neurologie an der Uniklinik RWTH Aachen beschreibt das Auftreten von zerebrovaskulären Ereignissen, insbesondere Sinus- und Hirnvenenthrombosen im Gehirn, nach Impfung gegen SARS-CoV-2. Auffällig war, dass nicht nur jüngere Frauen ein höheres Risiko für zerebrale Sinus- und Hirnvenenthrombosen nach Impfung mit dem Vakzin ChAdOx1 (AstraZeneca) hatten, sondern auch ältere Frauen.
Die DGN-Studie „Cerebral venous thrombosis associated with vaccination against COVID-19“ zeigt, dass es nach Impfung mit dem SARS-CoV-2-AstraZeneca-Impfstoff zu signifikant mehr zerebralen Sinus- und Hirnvenenthrombosen (CVT) kam als nach Impfung mit den mRNA-Impfstoffen. Die Rate der aufgetretenen CVT-Ereignisse war nach einer Erstimpfung mit Vakzinierung mit ChAdOx1 um mehr als neunmal höher als nach Impfung mit den mRNA-Impfstoffen.
Insgesamt gingen im Rahmen der Abfrage 87 Meldungen ein, von denen 62 durch das Expertenteam bestätigt wurden. In 95,2 Prozent der Fälle waren die unerwünschten Ereignisse nach erster Gabe des Impfstoffs aufgetreten: bei 45 Fällen handelte es sich um zerebrale Venenthrombosen, bei neun um ischämische Schlaganfälle, bei vier um Hirnblutungen und bei weiteren vier um andere thrombotische Ereignisse. 53 der insgesamt 62 bestätigten Fälle (85,5 Prozent) waren nach Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff ChAdOx1 aufgetreten, neun Fälle (14,5 Prozent) nach Impfung mit dem BioNTech-Vakzin BNT162b2. Es wurden keine Ereignisse nach Gabe des Impfstoffes mRNA-1273 von Moderna beobachtet.
Risikobewertung und Empfehlungen
Bei Frauen unter 60 Jahren, die eine Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin erhalten hatten, betrug die Ereignisrate für CVT innerhalb eines Monats nach der Erstimpfung 24,2/100.000 Personenjahre, bei gleichaltrigen Männern 8,9/100.000, lag damit also deutlich niedriger. Bei unter 60-Jährigen, die den BioNTech-Impfstoff erhalten hatten, betrug die Ereignisrate 3,6/100.000 Personenjahre bei Frauen und 3,5/100.000 bei Männern.
„Die Inzidenzrate der Hirnvenenthrombosen bei Frauen unter 60 nach Gabe des AstraZeneca-Impfstoffs betrug 24,2/100.000 Personenjahre, die von Frauen über 60 nach Gabe des gleichen Impfstoffs 20,5/100.000 Personenjahre. Unsere Daten zeigen also: Auch ältere Frauen haben ein erhöhtes Risiko, Hirnvenenthrombosen nach Gabe des AstraZeneca-Vakzins zu erleiden.
Nach der Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin ChAdOx1 kann es in sehr seltenen Fällen zu einer Vakzine-induzierten immunogenen thrombotischen Thrombozytopenie (VITT) kommen. In der vorliegenden Studie konnten 57,8 Prozent der gemeldeten Fälle von Hirnvenenthrombosen mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit durch die Kliniker auf eine solche VITT zurückgeführt werden.
„Wir denken, dass der AstraZeneca-Impfstoff mit einem sehr geringen Risiko für zerebrale Sinus-und Venenthrombosen bei Männern einhergeht. Bei Frauen aller Altersklassen traten zwar mehr Fälle thrombotischer Ereignisse auf, die Rate war aber in Anbetracht der vielen Millionen verimpften Dosen insgesamt immer noch sehr gering. Bei der Abwägung muss auch berücksichtigt werden, dass das Risiko einer Sinusvenenthrombose bei einer COVID-19-Infektion um den Faktor 10 erhöht ist, die Erkrankung führt verhältnismäßig häufig zu thrombotischen Ereignissen mit Todesfolge, die Impfung nur extrem selten.
Höchste Priorität, gerade auch vor dem Hintergrund neu aufkommender Mutationen, ist, die Bevölkerung so schnell wie möglich durchzuimpfen. Global gesehen überwiegt der Nutzen der in Deutschland zugelassenen Impfstoffe die sehr geringen Risiken um ein Vielfaches. Doch das Sicherheitssignal, dass nicht nur jüngere, sondern auch ältere Frauen ein erhöhtes Risiko für thrombotische Ereignisse nach Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin haben, ist neu und muss transparent kommuniziert werden. Wir stellen damit also nicht die Impfung in Frage, auch nicht das AstraZeneca-Vakzin, denken aber, dass alle Personen, vor allem Frauen vor der Impfung über dieses Risiko aufgeklärt werden müssen, gerade auch im Hinblick darauf, auf welche Symptome sie im Nachgang zu achten haben. Das sehr geringe Risiko für Hirnvenenthrombosen ließe sich weiter minimieren, wenn Frauen grundsätzlich bevorzugt mit den mRNA-Vakzinen geimpft würden.
Transverse Myelitis
Nach der Covid-19-Impfung mit einem Vektorimpfstoff kann es zu einer transversen Myelitis kommen, warnt die EMA. Die beiden in der EU zugelassenen Vektorimpfstoffe gegen das Coronavirus, Vaxzevria® von Astra-Zeneca und die Vakzine von Janssen (Johnson & Johnson), werden mit einem neuen Warnhinweis versehen. Er soll Gesundheitspersonal und Geimpfte auf die sehr seltene Komplikation transverse Myelitis (TM) aufmerksam machen, die laut EMA nach einer Impfung mit einem der Präparate auftreten kann. Die seltene neurologische Erkrankung TM geht mit einer Entzündung des Rückenmarks einher und kann zu Schwäche in Extremitäten, Empfindungsstörungen und Problemen mit der Funktion von Blase und Darm führen. Nach Prüfung von gemeldeten Fällen und der wissenschaftlichen Literatur kam der Pharmakovigilanzausschuss der EMA zu der Einschätzung, dass für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den beiden Impfstoffen und TM »zumindest eine begründete Wahrscheinlichkeit« bestehe. Angehörige von Gesundheitsberufen sollen laut EMA bei Geimpften auf Anzeichen einer TM achten und so eine frühe Diagnose und Behandlung ermöglichen.
Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS)
Die Produktinformationen von Vaxzevria erhalten noch eine weitere Änderung, die die sehr seltene Nebenwirkung Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS) betrifft. Der Pharmakovigilanzausschuss habe die verfügbare Evidenz hierzu ausgewertet und sei zu dem Schluss gekommen, dass ein TTS häufiger nach der ersten Vaxzevria-Impfung aufgetreten sei als nach der zweiten, so die EMA.
Erhöhtes Risiko für das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) nach der Janssen-Impfung
Die Covid-19-Vakzine Jcovden (COVID-19-Impfstoff Ad26.COV2-S [rekombinant]) von Johnson & Johnson könnte mit einem erhöhten Risiko für das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) assoziiert sein. Das ergab eine im „JAMA Network Open“ publizierte Auswertung der Fälle, die an die US-Nebenwirkungsdatenbank VAERS gemeldet wurden. Die GBS-Melderaten innerhalb von 21 und 42 Tagen nach der Janssen-Impfung waren neun- bis zwölfmal höher als nach einer mRNA-Impfung mit den Covid-19-Vakzinen von BioNTech/Pfizer (Comirnaty) und Moderna (Spikevax). Für die beiden mRNA-Impfstoffe konnte kein entsprechender Zusammenhang ermittelt werden.
Analyse der VAERS-Daten
Die retrospektive Kohortenstudie wertete die von Dezember 2020 bis Januar 2022 beim Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS) eingegangenen Meldungen über Erkrankungen am Guillain-Barré-Syndrom nach einer Covid-19-Impfung aus. Als Vakzine kamen Ad26.COV2.S (Johnson & Johnson), BNT162b2 (BioNTech/Pfizer) und mRNA-1273 (Moderna) zum Einsatz. Die Forschenden verglichen die Meldemuster in den 21 und 42 Tagen nach der Coronaimpfung. In Summe umfasste die Analyse 487.651.785 Covid-19-Impfdosen.
Ergebnisse der Studie
Bei den Impfdosen entfielen 3,7% auf den Janssen-Impfstoff, 54,7% auf die mRNA-Vakzine von BioNTech/Pfizer und 41,6% auf den mRNA-Impfstoff von Moderna. Insgesamt verzeichnete das VAERS 295 GBS-Fälle nach einer Covid-19-Impfung; in 275 Berichten (93,2%) war eine Hospitalisierung dokumentiert.
Innerhalb von 21 Tagen nach der Covid-19-Impfung gingen 209 gemeldete Fälle von Guillain-Barré-Syndrom ein, innerhalb von 42 Tagen waren es 253.
Die 21-Tage-Raten an Meldungen pro 1.000.000 Impfdosen betrugen 3,29 für Ad26.COV2.S (Johnson & Johnson), 0,29 für BNT162b2 (BioNTech/Pfizer) und 0,35 für mRNA-1273 (Moderna). Die entsprechenden Raten in den 42 Tagen nach der Impfung lagen bei 4,07 (Johnson & Johnson), 0,34 (BioNTech/Pfizer) und 0,44 (Moderna).
Schlussfolgerung der Studie
In der retrospektiven Studie wurden unverhältnismäßig viele Meldungen von Fällen an Guillain-Barré-Syndrom nach der Covid-19-Impfung mit der Janssen-Vakzine festgestellt. Demzufolge scheint dieser Impfstoff mit einem erhöhten Risiko für GBS verbunden zu sein. Das absolute GBS-Risiko nach der Janssen-Covid-19-Impfung liegt laut Schätzungen der Forschenden aber nur in einer Größenordnung von einigen Fällen pro Million Impfdosen.
Möglicher Zusammenhang mit Adenovirus-Vektor-Impfstoffklassen
Ad26.COV2.S ist ein rekombinanter Impfstoff, der einen nicht replizierenden Adenovirus-Vektor verwendet, welcher für das SARS-CoV-2-Spike-Protein kodiert, um eine immunologische Antikörperreaktion auszulösen. Theoretisch ist es möglich, dass durch den Janssen-Impfstoff induzierte Antikörper mit Glykoproteinen auf der Myelinscheide der Axone peripherer Nerven kreuzreagieren und ein Guillain-Barré-Syndrom auslösen.
Ebenso gab es Berichte über ein erhöhtes GBS-Risiko nach der Impfung mit der ChAdOx1 nCov-19 Vakzine (Vaxzevria von AstraZeneca). Dieser Impfstoff verwendet einen replikationsinkompetenten Schimpansen-Adenovirus-Vektor und wurde in Europa in großem Umfang verabreicht. In einer Studie war die Zahl der GBS-Fälle innerhalb von 14 Tagen nach einer Impfung mit der AstraZeneca-Vakzine 1,4- bis 10-mal höher als erwartet.
Ein erhöhtes GBS-Risiko nach diesen Impfstoffen könnte auf einen Zusammenhang mit Adenovirus-Vektor-Impfstoffklassen hindeuten, zumindest in Bezug auf Covid-19-Impfstoffe.
Fallbericht: Guillain-Barré-Syndrom nach AstraZeneca-Impfung
Der AkdÄ wurde der Fall eines 35-jährigen Patienten gemeldet, der zwei Wochen nach Erstimpfung gegen COVID-19 mit Vaxzevria® zunächst ein Taubheitsgefühl an den Füßen sowie Kribbelparästhesien an den Fingern entwickelt hat. Im Verlauf kamen innerhalb von neun Tagen eine schlaffe, leicht rechtsbetonte Tetraparese mit abgeschwächten bzw. ausgefallenen Muskeleigenreflexen sowie eine periphere Fazialisparese rechts hinzu, die zur stationären Aufnahme führte. Es wurde die Diagnose eines Guillain-Barré-Syndroms (GBS) gestellt. Da keine anderen Ursachen für ein GBS identifiziert werden konnten, wurde ein Kausalzusammenhang mit der Impfung gegen COVID-19 vermutet.
GBS im Zusammenhang mit COVID-19
GBS wurde wiederholt im Zusammenhang mit COVID-19 beschrieben. In einem systematischen Review mit Metaanalyse wurde die Prävalenz von GBS mit 15 pro 100.000 COVID-19-Patienten höher geschätzt als in der Allgemeinbevölkerung zu erwarten (2/100.000).
GBS nach Impfung mit COVID-19-Impfstoffen
Auch nach Impfung mit dem COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca und anderen Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 werden in der Literatur Fälle von GBS beschrieben.
Bewertung des Risikos
Der beschriebene Fallbericht sowie weitere Berichte in der Literatur und im Spontanmeldesystem deuten darauf hin, dass GBS eine mögliche Nebenwirkung von Vaxzevria® sein könnte. Allerdings sind angesichts der Vielzahl der Geimpften auch spontan bzw. durch andere Pathogene ausgelöste GBS zu erwarten. Es kann deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass es sich bei dem berichteten Fall um eine zufällige Koinzidenz handelt. Da die Inzidenz eines etwaigen Vaxzevria®-assoziierten GBS sehr niedrig eingeschätzt wird, überwiegt aus Sicht der AkdÄ nach wie vor der Nutzen der Impfung deren Risiken.
Empfehlungen
Wenn nach der Impfung insbesondere mit Vaxzevria® oder mit COVID-19 Vaccine Janssen neurologische Symptome auftreten, wie z. B. schlaffe Paresen oder distal symmetrische Sensibilitätsstörungen, sollte ein GBS erwogen und die Patienten entsprechend untersucht und behandelt werden.
Akute Makuläre Neuroretinopathie (AMNR)
Eine 20-jährige Patientin stellte sich mit seit 2 Wochen persistierender beidseitiger Wahrnehmung von hellen flimmernden Flecken im zentralen Sehfeld vor. Anamnestisch gab sie weiterhin an, dass die Beschwerden einen Tag nach erfolgter Corona-Impfung mit dem Impfstoff Vaxzevria® (AstraZeneca, Cambridge, UK) auftraten. Weitere Symptome wie Fieber, Schüttelfrost und Kopfschmerzen hielten für 2 Tage an.
Diagnose und Befunde
In der Spaltlampenuntersuchung zeigte sich ein regelrechter und reizfreier vorderer Augenabschnitt mit klaren optischen Medien beidseits. Fundoskopisch stellte sich die Papille beidseits randscharf begrenzt und vital gefärbt sowie die Makula beidseits mit dezenten Aufhellungen nahe der Fovea dar.
In der optischen Kohärenztomographie (OCT) zeigten sich in der Übersichtsaufnahme/Infrarotaufnahme der Makula dunkle ovale bzw. petaloide perifoveale Läsionen mit der Spitze zur Fovea zeigend. Die SD-OCT-Schnittbilder durch die Läsionen zeigten hyperreflektive Plaques in der äußeren plexiformen Zone, die zu einer fokalen Unterbrechung der inneren und äußeren Segmente („IS/OS junction“) und ellipsoiden Zone führten. In der SD-OCT-Angiographie-Kohärenztomographie (SD-OCT-A) stellten sich v. a. am rechten Auge reduzierte Flusssignale im tiefen retinalen Kapillarplexus dar.
Akute Makuläre Neuroretinopathie (AMNR)
Die akute makuläre Neuroretinopathie (AMNR) ist eine seltene Erkrankung, die in der Regel gesunde Frauen im Alter bis zum 30. Lebensjahr betrifft. Die Patientinnen berichten über ein plötzliches Auftreten von parazentralen Skotomen teilweise mit Visusminderung oder verschwommenem Sehen.
Mögliche Ursachen
Die genaue Ursache der AMNR ist noch nicht geklärt. Möglicherweise wird die AMNR durch eine mikrovaskuläre Ischämie der Choriokapillaris verursacht. Verursacht wird diese Ischämie möglicherweise durch die Freisetzung von Katecholaminen, den Gebrauch von Sympathomimetika, eine Hyperviskosität durch Leukozytose, eine erhöhte Kapillarpermeabilität, eine Koagulopathie, eine Thrombozytendestruktion oder eine konsumtive Koagulopathie.
AMNR im Zusammenhang mit der COVID-19-Impfung
In diesem Fall ist der Erkrankung eine Impfung mit Vaxzevria® von AstraZeneca vorausgegangen. Von einer impfinduzierten AMNR liegt jedoch derzeit noch kein Bericht vor. Da grippeähnliche Prodromi bei AMNR typisch sind, ist zu vermuten, dass die AMNR durch die COVID-Impfung ausgelöst worden sein könnte.
Therapie und Verlauf
Eine spezifische Therapie für die AMNR gibt es nicht, von einer spontanen Besserung berichten 48 % der Fälle. Tatsächlich konnte mittels OCT-Scans eine Erholung der ellipsoiden Zone bzw. eine partielle Wiederherstellung der inneren und äußeren Photorezeptorsegmente (IS/OS) mit dem Verschwinden der rötlich-braunen Läsionen bzw. hyperreflektiven Plaques festgestellt werden.
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