Skoliose und Kyphose: Ursachen, Diagnose und Behandlung von Wirbelsäulendeformitäten

Die Wirbelsäule ist ein zentrales Stütz- und Bewegungsorgan des Körpers. Bei einer gesunden Wirbelsäule verläuft sie von vorne betrachtet gerade. Von der Seite betrachtet beschreibt die Wirbelsäule eine doppelt-S-förmige Krümmung. Skoliose und Kyphose sind Deformitäten der Wirbelsäule, die sich in unterschiedlicher Ausprägung zeigen können und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können.

Einleitung

Skoliose ist definiert als eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule von mehr als 10 Grad, die mit einer Verdrehung der Wirbelkörper einhergeht. Die Verkrümmung kann C- oder S-förmig sein. Kyphose hingegen ist eine übermäßige Rundung der oberen Wirbelsäule nach vorne, die oft als "Buckel" oder "runder Rücken" bezeichnet wird.

Die idiopathische Skoliose tritt mit einer Häufigkeit zwischen 0,5 und 5 Prozent auf, eine Scheuermann-Kyphose findet sich mit einer Häufigkeit von bis zu 10 Prozent in der Bevölkerung. Bei bestimmten Patientengruppen können die Häufigkeiten sehr hoch sein: 90 Prozent der Patienten mit einer Muskeldystrophie Duchenne entwickeln eine Skoliose, nahezu alle Patienten, die vor dem zehnten Lebensjahr eine Querschnittlähmung erlitten haben, entwickeln eine Deformität.

Ursachen von Skoliose und Kyphose

Skoliosen und Kyphosen können zahlreiche unterschiedliche Ursachen haben. Jede Art der Skoliose oder Kyphose hat ihre Eigenart und unterscheidet sich zum Teil erheblich in Bezug auf Symptomatik, Verlauf, Prognose, Diagnostik und Behandlung.

Skoliose

Die häufigsten Ursachen und somit Typen von Skoliosen sind:

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  • Idiopathische Skoliose: Die Ursache ist nicht abschließend geklärt. Genetische Faktoren spielen eine Rolle, vor allem Mädchen und Frauen sind betroffen. Hormonelle Faktoren werden diskutiert. Patienten mit idiopathischer Skoliose sind meist mit Ausnahme der Skoliose gesund. Die idiopathische oder primäre Skoliose kommt besonders häufig bei Kindern oder Jugendlichen vor. Idiopathische Skoliosen werden dann oft mit dem Wachstum und hormonellen Veränderungen in Verbindung gebracht: Teile der Wirbelsäule passen sich nicht schnell genug an.

  • Neuromuskuläre Skoliose: Dies ist eine sehr große inhomogene Gruppe von Skoliosen. Als Grunderkrankung liegt eine häufig den gesamten Körper betreffende Muskel- und/oder Gehirn-/Rückenmark-/Nervenerkrankung zugrunde, die dazu führt, dass das Zusammenspiel von Muskeln, Nervensystem und Skelettsystem nicht normal funktioniert und schlussendlich ein Fehlwachstum der Wirbelsäule resultiert. Zu diesem Typ der Skoliose gehören zum Teil Patienten, die sehr schwer durch die Grunderkrankung beeinträchtigt werden. Verursacht durch Störungen der Reizweiterleitung von Nerven (neurologische) oder des Muskels wie z.B. Poliomyelitis (virale Infektionskrankheit), Muskeldystrophie (Muskelschwäche), Querschnittlähmung (Unterbrechung der Signale vom Gehirn am Rückenmark) oder Zerebralparese (Entwicklungsstörung des Gehirns).

  • Degenerative Skoliose: Dieser Typ der Skoliose entsteht im Laufe des Erwachsenen-Lebens, meist ab über 60 Jahren, durch Verschleißerscheinungen der Wirbelsäule, die meist an der Lendenwirbelsäule auftreten. und oft asymmetrisch verlaufen. Dies führt dazu, dass es zu Verkippungen zwischen benachbarten Wirbeln kommt, die schlussendlich zu einer Skoliose führen. Durch Alterungsprozesse bedingte Veränderungen der Wirbelsäule.

  • Congenitale Skoliose: Bei dieser Form der Skoliose liegen von Geburt an Fehlbildungen der Wirbelsäule vor, zum Beispiel asymmetrisch angelegte Wirbel, zusätzliche Wirbel, knöcherne Spangenbildungen über mehrere Wirbel. Verursacht durch angeborene Wirbelsäulenfehlbildungen (Halb-, Keil-, Blockwirbelbildung).

  • Sonstige Skoliosen: (zum Beispiel im Rahmen bestimmter Syndrom-Erkrankungen)

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Weitere Skoliose-Ursachen:

  • Fibro-pathisch: Narbenzug, Marfan-Syndrom (Bindegewebeschwäche)
  • Myopathische Skoliosen: Diesen Wirbelsäulen-Verkrümmungen liegen Muskel-Erkrankungen (unter anderem vererbbare Muskelschwäche-Krankheiten) zugrunde. Am häufigsten ist die Muskeldystrophie Duchenne, bei der ein bestimmtes Muskel-Eiweiß nicht gebildet wird. Infolgedessen leiden die Kinder bereits im frühen Alter an zunehmender Muskel-Schwäche und -Schwund. Mehr als die Hälfte aller Betroffenen entwickelt im Verlauf der Muskeldystrophie Duchenne eine Skoliose, meist im frühen Jugendalter und nach Verlust der Gehfähigkeit. Auch eine Arthrogryposis führt in schweren Fällen oft zu ausgeprägten Skoliosen. Es handelt sich dabei um eine angeborene Gelenk-Steife, die durch Veränderungen der Sehnen, Muskeln und des Bindegewebes entsteht.
  • Neuropathische Skoliosen: Bei dieser Form führen Schäden im Nervensystem zu einer schiefen Wirbelsäule. Muskeln, die die Wirbelsäule stabilisieren (Bauch- und Rücken-Muskulatur) funktionieren dann nicht mehr wie gewohnt. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht und die Wirbelsäule krümmt sich in die Richtung der schlaffen Muskeln. Unter anderem führen diese Erkrankungen des Nervensystems zu einer Skoliose: Myasthenia gravis (Muskel-Lähmung), Virale Rückenmarks-Entzündungen (Myelitis), Frühkindliche Hirn-Schädigungen (etwa infantile Zerebralparese), Neurodegenerative Krankheiten mit Schädigung und Verlust von Nervenzellen (beispielsweise spinale Muskel-Atrophie mit Rückgang der zweiten Nervenbahn zur Muskulatur), Höhlen-Bildungen im Rückenmark durch Hirnwasser-Stau (Syringomyelie), Bös- oder gutartige Wucherungen (wie spinale Tumore)
  • Bindegewebs-Störungen: Marfan-Syndrom, Ehlers-Danlos-Syndrom
  • Rheumatische Erkrankungen: Rheumatoide Arthritis
  • Fehlbildungen der Knochen-Knorpel-Strukturen (Osteo-Chondro-Dysplasien): Mukopolysaccharidosen, Spondyloepiphysale Dysplasie, Multiple epiphysäre Dysplasie, Achondroplasie, Diastropher Kleinwuchs
  • Osteoporose
  • Knochen-Infektionen (akut, chronisch): Osteitis, Osteomyelitis
  • Stoffwechsel-Erkrankungen (metabolische Störungen): Rachitis, Osteogenesis imperfecta, Homozystinurie, Melatonin-Stoffwechselstörung
  • Lumbosakrale Veränderungen im Lendenwirbel-Kreuzbein-Bereich: Spondylolyse, Spondylolisthesis (Wirbelgleiten)
  • Unfälle: Zu diesen posttraumatischen Skoliosen kommt es beispielsweise nach dem Buch eines Wirbelknochens, Verbrennungen oder Rückenmarks-Verletzungen.
  • Ärztliche Eingriffe: Des Weiteren verursachen manche ärztliche Eingriffe eine Wirbelsäulen-Verkrümmung, wie etwa Bestrahlungen oder Laminektomien. Bei Letzteren entfernt man einen Teil des Wirbelknochens (Wirbelbogen eventuell mit Dornfortsatz).

Kyphose

Die häufigsten Ursachen und somit Typen von Kyphosen sind:

  • Scheuermann-Kyphose: Dabei handelt es sich um eine typische Rundrückenbildung aufgrund von Wachstumsstörungen benachbarter Wirbel im Bereich der sogenannten Boden- und Deckplatten, die häufig in der Jugend in Erscheinung tritt (Einzelheiten: siehe link Morbus Scheuermann).
  • Congenitale Kyphose: Hier liegt eine ähnliche Ursache wie bei congenitalen Skoliosen vor. Von Geburt an besteht eine Fehlbildung der Wirbelsäule in einem bestimmten Bereich, welche zur Kyphose führt.
  • Anschlusssegmentkyphose: Hier handelt es sich um ein Nach-vorne-Kippen der direkt an einen „versteiften“ Wirbelsäulenabschnitt angrenzenden Wirbelsäule, meist oberhalb, seltener unterhalb. Zahlreiche Gründe für ein solches Phänomen werden in der wissenschaftlichen Welt diskutiert, abschließend ist diese Kyphose noch nicht vollständig aufgeklärt.
  • Osteoporosebedingte Kyphose: Bei älteren Menschen können einzelne Wirbel aufgrund ihrer schlechten Knochenqualität zusammensintern, das heißt eine Keilform entwickeln. Dies führt schlussendlich zu einer Rundrückenbildung.
  • Haltungsbedingte Kyphose: Häufigste Form, meist durch schlechte Haltung verursacht.

Symptome und Verlauf

Die Symptome und der Verlauf der Erkrankung sind für jeden Typ der Deformität in Abhängigkeit vom Alter des Patienten und dem Ausmaß der Wirbelsäulenkrümmung (Messung mithilfe des sogenannten Cobb-Winkels) unterschiedlich.

Beispielhaft für idiopatische jugendliche Skoliose-Patienten: Sie sind häufig subjektiv nahezu beschwerdefrei, haben nur selten Rückenschmerzen, keine neurologischen Ausfälle, können allerdings an ihrer Deformität psychisch in unterschiedlichem Ausmaß leiden. Der Verlauf ist abhängig vom Patientenalter und dem Cobb-Winkel. Risikofaktoren für eine rasche Verschlechterung der Skoliose sind vor allem ein Cobb-Winkel von über 30 Grad bei Erstdiagnose und ein langes noch verbleibendes Restwachstum. Ein Patient mit einem 35 Grad Cobb-Winkel hat im Alter von elf Jahren eine Wahrscheinlichkeit für eine relevante Verschlechterung von 90 Prozent, im Alter von 14 Jahren von 70 Prozent und im Alter von 16 Jahren von 30 Prozent.

Diagnose

Klinisch, das heißt in der körperlichen Untersuchung, fallen typische Veränderungen bei Skoliosen bzw. Kyphosen auf:

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  • Skoliose: Bei Skoliosen finden sich in der Ansicht des Rückens von hinten häufig ein Beckenschiefstand, ein Schulterschiefstand, ein asymmetrisches Taillendreieck, eine Abweichung des Lotes von der unteren Halswirbelsäule in Bezug auf die Mitte des Beckens und ein prominenter Rippenbuckel sowie ein Lendenwulst. Im sogenannten Vorneigetest (maximale Rumpfneigung nach vorne bei gestreckten Beinen im Stand) sind Rippenbuckel und Lendenwulst am deutlichsten sichtbar. Eltern können kontrollieren, ob beide Schultern gleich hoch stehen - ob eine Schulter höher steht oder ob ein Schulterblatt höher steht als das andere. Oder in der Taille eine Rechts-Links-Asymmetrie da ist.

  • Kyphose: Bei Kyphosen fällt entweder in der seitlichen Ansicht eine Rundrückenbildung („Buckel“) im Bereich der Brustwirbelsäule oder eine Aufhebung des normalen Hohlkreuzes der Lendenwirbelsäule auf.

Die Gesamtstatik der Wirbelsäule in der seitlichen Ansicht ist sehr wichtig. Im Stand sollten der Kopf und der Oberkörper mittig über dem Becken positioniert sein, um die Balance des Körpers zu halten und um möglichst wenig Muskel-Haltearbeit zur Aufrechterhaltung der Balance zu benötigen. Wandern Kopf und Oberkörper in Bezug auf das Becken nach vorne, kann dies katastrophale Folgen für die Statik haben mit schwerwiegenden klinischen Konsequenzen für den Patienten.

Das Ausmaß der Wirbelsäulendeformität wird auf im Stand angefertigten Röntgenaufnahmen der gesamten Wirbelsäule in zwei Ebenen ausgemessen. Dabei ist es wichtig, die gesamte Wirbelsäule inklusive des Beckens in Relation zur Wirbelsäule zu untersuchen. Das Ausmaß einer skoliotischen oder kyphotischen Krümmung wird nach dem gleichen Vermessungsprinzip (Cobb-Winkel-Bestimmung in Grad) erfasst.

Skoliose-Vermessung

Bei einer Skoliose-Vermessung ist zu berücksichtigen, dass die Wirbelsäule im Normalzustand von vorne betrachtet (Frontalebene) gerade verläuft, das heißt es liegt bei einer gesunden Wirbelsäule keine Krümmung vor. Bei minimalen Krümmungen in der Frontalebene von kleiner als 10 Grad spricht man von einer skoliotischen Fehlhaltung und noch nicht von einer Skoliose. Ab 10 Grad ist die Diagnose einer Skoliose gerechtfertigt. Wenn möglich werden alle vorhandenen Krümmungen der Wirbelsäule in der Frontalebene vermessen und bewertet. Skoliosen weisen in der Regel nicht nur Veränderungen in der Frontalebene auf, sondern auch eine krankhafte Rotation der Wirbel und ein verändertes seitliches Profil.

Kyphose-Vermessung

Bei einer Kyphose-Vermessung im seitlichen Röntgenbild ist zu berücksichtigen, wie ein gesundes seitliches Wirbelsäulenprofil aussieht. Im Bereich der Hals- und Lendenwirbelsäule ist eine sogenannte Lordose (Hohlkreuz) normal (Krümmung der Lendenwirbelsäule von circa -35 bis -55 Grad), im Bereich der Brustwirbelsäule eine sogenannte Kyphose (Rundrücken, circa 20 bis 40 Grad), der Bereich des Überganges zwischen Brust- und Lendenwirbelsäule sollte relativ gerade sind.

Weitere bildgebende Verfahren

Ein MRT ist nicht zwingend bei jeder Wirbelsäulen-Deformität durchzuführen. In besonderen Situationen, zum Beispiel bei angeborenen (congenitalen) Deformitäten, Deformitäten mit neurologischen Ausfällen, im Rahmen der Operationsplanung, etc. ist ein MRT sinnvoll zur Beurteilung von Rückenmark, Nerven, Bandscheiben, Knochen und von etwaigen Fehlbildungen. Ein CT ist nur selten notwendig, lediglich dann, wenn es um die Beurteilung knöcherner Strukturen geht, zum Beispiel bei älteren Patienten mit hochgradigen Deformitäten, bei denen eine Operation bevorsteht und bei denen man nach schon vorhandenen knöchernen Überbrückungen in bestimmten Wirbelsäulenabschnitten suchen möchte.

Neben Röntgenuntersuchungen gibt es für Verlaufsbeobachtungen die Möglichkeit einer strahlungsfreien Rasterstereographie-Untersuchung. Diese ersetzt Röntgenbilder nicht vollkommen, kann aber eine sehr sinnvolle Ergänzung darstellen. Da Kinder und Jugendliche mit Deformitäten über viele Jahre hinweg regelmäßig, häufig halbjährlich, kontrolliert werden, ist es ein üblicher Algorithmus, einmal pro Jahr eine Röntgenuntersuchung durchzuführen und einmal pro Jahr eine Rasterstereographie, jeweils um 6 Monate versetzt. So kann die Rasterstereographie zu einer deutlichen Reduktion der Röntgenuntersuchungen beitragen. Vor Operationen sind weitere spezielle Röntgenaufnahmen sinnvoll, um die Flexibilität der Wirbelsäulenbereiche zu untersuchen.

Therapie und Nachsorge

Die Therapie richtet sich nach dem Typ der Deformität, dem Alter des Patienten, seinen körperlichen Beschwerden und dem Ausmaß der Deformität.

Beispielhaft für idiopathische jugendliche Skoliose-Patienten:

  • Noch im Wachstum befindliche Patienten, die keine oder nur sehr milde Beschwerden haben und eine nur sehr milde Skoliose (unter 25 Grad bei Krümmungen der Brustwirbelsäule, unter 20 Grad bei solchen der Lendenwirbelsäule) aufweisen, können ausreichend mit skoliosespezifischer Physiotherapie und rumpfstabilisierenden Übungen in Eigenregie behandelt werden. Sport ist erlaubt. Wichtig sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen, in der Regel halbjährlich, bis das Skelett vollständig ausgewachsen und ausgereift ist.

  • Überschreitet die Deformität ein gewisses Maß (an der Brustwirbelsäule 25 bis 50 Grad Cobb-Winkel; an der Lendenwirbelsäule 20 bis 40 Grad) und befindet sich der Patient noch im Wachstum (das heißt die Wirbelsäule ist noch flexibel genug), ist zusätzlich zu Physiotherapie und Eigenübungen eine regelmäßige Korsett-Therapie sinnvoll. Diese hat das Ziel, eine Verschlechterung der Skoliose zu vermeiden. Realistisch ist, dass bei den meisten Patienten nach Beendigung der Korsett-Therapie ein ähnlicher Cobb-Winkel vorhanden ist wie zu Beginn der Therapie. Röntgenkontrollen im Korsett während der oft mehrjährigen Therapie zeigen natürlich deutliche Besserungen im Vergleich zur Ausgangslage, nach Beendigung der Therapie nach Abschluss des Wachstums kann solch eine Korrektur aber in der Regel nicht gehalten werden. Eine erfolgreiche Therapie liegt dann vor, wenn es nicht zu einer Verschlechterung gekommen ist. Eine Korsett-Therapie ist besonders effektiv, wenn sie tagsüber und nachts durchgeführt wird. Sport ist erlaubt (ohne Korsett). Ähnlich einem jungen Baum, dessen Wuchsrichtung man nur durch permanente und nicht stundenweise Schienung an einen Pfahl korrigieren kann, ist eine Korsetttherapie auch nur sinnvoll, wenn sie quasi permanent über in der Regel mehrere Jahre erfolgt. Eine Korsett-Therapie zur Korrektur ist nur angebracht, wenn die Wirbelsäule noch weich und formbar ist, das heißt während des Wachstums des Patienten. Beim Erwachsenen verfolgt sie nicht mehr das Ziel der Korrektur, sondern vor allem das Ziel der Stabilisierung.

  • Überschreitet das Ausmaß der Skoliose weitere Grenzwerte (Brustwirbelsäule circa 50 Grad, Lendenwirbelsäule circa 40 Grad), so ist ein Korsett nicht mehr geeignet, die Skoliose zu behandeln und es wird eine operative Korrektur empfohlen. Dabei wird im betroffenen Wirbelsäulenabschnitt jeder Wirbel mit Implantaten, heutzutage in der Regel mit Schrauben (alternativ mit Haken oder Bändern) besetzt, die dann mittels stabiler Stäbe die Wirbelsäule in der korrigierten Form halten. Dieser Eingriff wird unter permanenter Kontrolle der Rückenmarksfunktion durchgeführt, um die Sicherheit des Patienten zu gewährleisten. Langfristig verknöchern die so miteinander durch Implantate verbundenen Wirbel miteinander zu einem langen soliden Wirbelsäulenabschnitt („knöcherne Stockbildung“), was zu einer mechanischen Entlastung der Implantate führt. Die Implantate werden in der Regel belassen und müssen nicht entfernt werden. Der operierte Patient kann direkt nach der Operation seine Wirbelsäule belasten und mobilisiert werden. Nach der Operation ist ein Sportverbot von vier bis 12 Monaten sinnvoll. Operierte Patienten werden regelmäßig in entsprechenden Ambulanzen nachkontrolliert.

Konservative Behandlungen

  • Korsetttherapie: Bei mittelschweren Fällen, besonders bei Jugendlichen. Das Korsett soll während der Behandlung die Skoliose aufrichten und ein Fortschreiten verhindern. Etwa jedes halbe Jahr muss der Erfolg kontrolliert werden. Da sich der Körper im Wachstum verändert, muss das Korsett auch immer wieder angepasst bzw. sogar neu angefertigt werden. Damit ein Korsett bei einer Wirbelsäule im Wachstum tatsächlich Wirkung zeigen kann, muss es mindestens 23 Stunden pro Tag getragen werden. Idealerweise sollte es nur zum Duschen abgelegt werden. Ein Korsett ist in Kombination mit passenden Rückenübungen oft eine wirkungsvolle Behandlungsmethode bei Skoliose. Es wird bei einem Cobb-Grad ab 20 eingesetzt.
  • Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Stärkung der Rückenmuskulatur. Kernbestandteil der Behandlung ist Physiotherapie. Die Übungen werden individuell zusammengestellt und angepasst. Wichtig ist auch die Therapie nach Schroth. Hierbei geht es vor allem um die richtige Atemtechnik. Jeder Skoliose-Fall erfordert andere Übungen. Dementsprechend wichtig ist es, mit fachmännischer Hilfe herauszufinden, welche Bewegungen sinnvoll für die Stärkung der Muskeln und Wirbelsäule sind.
  • Schmerzmanagement: Durch Medikamente und konservative Therapien.

Operative Behandlungen

  • Wirbelsäulenfusion: Bei schweren Fällen. Wird empfohlen, wenn konservative Therapien nicht ausreichen oder starke Beschwerden vorliegen. Ziel ist, den versteiften Bereich so gering wie möglich zu halten, um eine gute Beweglichkeit des Patienten zu gewährleisten.

Übungen und Lebensstilanpassungen

Empfohlene Übungen:

  • Rumpfstabilisation: Planks und Beckenkippungen
  • Dehnübungen: Katze-Kuh-Stretch und Seitdehnungen
  • Haltungsübungen: Wandengel und Brustöffner
  • Atemübungen: Zwerchfellatmung und Schroth-Atmung

Lebensstilanpassungen:

  • Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung
  • Regelmäßige Bewegung
  • Vermeidung von Kontaktsportarten bei schweren Fällen
  • Gute Schlafposition mit geeigneter Matratze

Prävention

Eine vollständige Prävention ist nicht möglich, besonders bei der idiopathischen Skoliose. Jedoch können folgende Maßnahmen hilfreich sein:

  • Früherkennung durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen
  • Gute Körperhaltung
  • Regelmäßige körperliche Aktivität
  • Gesunder Lebensstil

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Suchen Sie einen Arzt auf, wenn Sie:

  • Eine Asymmetrie im Rücken bemerken
  • Rückenschmerzen entwickeln
  • Atmungsprobleme haben
  • Eine auffällige Körperhaltung beobachten

Einteilung der Skoliose

Die Einteilung der Skoliose erfolgt in der Regel anhand verschiedener Faktoren, darunter Zeitpunkt der Entstehung, Grad der Krümmung, Ursache und Lokalisation. Alle diese Punkte werden vom Arzt in der Diagnostik erfasst und zu einer komplex anmutenden Diagnose zusammengefasst um die Skoliose zu beschreiben (zu klassifizieren). Es müssen die 5 „W“- Fragen wie: Wann? Warum? Wo? Wie schwer? und Wohin? beantwortet werden. Dementsprechend ist die Konsultation eines Skoliose-Spezialisten zwingend anzuraten.

Einteilung nach Zeitpunkt des Auftretens der Skoliose:

  • Säuglings- und Kleinkindalter (Infantil): zwischen 0-3 Jahre
  • Kindheit (Juvenil): zwischen 3-9 Jahre (Early- und Late-Onset-Skoliosen mit einer Grenze nach dem 5. Lebensjahr)
  • Pubertät und Adoleszenz (Adoleszent): zwischen 10-18 Jahre
  • Erwachsenenalter (Adulte): über 18 Jahre

Einteilung der Skoliose nach Ursache:

  • Idiopathische Skoliose: Die häufigste Form, deren Ursache unbekannt ist und oft während des Wachstums im Jugendalter auftritt (80-90% aller Skoliosen)
  • Neuro-muskuläre Skoliose: Verursacht durch Störungen der Reizweiterleitung von Nerven (neurologische) oder des Muskels wie z.B. Poliomyelitis (virale Infektionskrankheit), Muskeldystrophie (Muskelschwäche), Querschnittlähmung (Unterbrechung der Signale vom Gehirn am Rückenmark) oder Zerebralparese (Entwicklungsstörung des Gehirns).
  • Kongenitale (angeborene) Skoliose: Verursacht durch angeborene Wirbelsäulenfehlbildungen (Halb-, Keil-, Blockwirbelbildung)
  • Fibro-pathisch: Narbenzug, Marfan-Syndrom (Bindegewebeschwäche)
  • Degenerative (altersbedingte) Skoliose: durch Alterungsprozesse bedingte Veränderungen der Wirbelsäule.

Lokalisation der Krümmung

In der Analyse der Bilder wird festgestellt, in welchem Bereich die Krümmung der Wirbelsäule am Stärksten ausgeprägt ist. Dabei ist die Lage des sog. Scheitelwirbels von besonderer Bedeutung. Er ist der Wirbel in der Wirbelsäule, der den maximalen seitlichen Krümmungswinkel (Cobb-Winkel) bei einer Skoliose aufweist. Bei der Diagnose und Beurteilung von Skoliose ist es wichtig, den Scheitelwirbel zu identifizieren, da er ein Schlüsselindikator für die Schwere der Krümmung, als Referenzpunkt für die Behandlung, Überwachung des Fortschreitens der Skoliose und die Beurteilung der Wirksamkeit der Behandlung dient.

  • Thorakale Skoliose: Der (eine) Scheitelwirbel ist hauptsächlich im Brustbereich der Wirbelsäule lokalisiert.
  • Lumbale Skoliose: Der (eine) Scheitelwirbel ist hauptsächlich im Lendenwirbelbereich der Wirbelsäule lokalisiert.
  • Thorako-lumbale Skoliose: Der (eine) Scheitelwirbel befindet sich im Übergang zwischen Brust- und Lendenwirbelsäule.
  • Doppelte Krümmung (S-förmige Skoliose): Es sind (zwei) Scheitelwirbel an der Brust- und Lendenwirbelsäule zu finden, die zwei jeweils 2 voneinander unabhängige Krümmungen verursachen

Einteilung der Skoliose nach Grad der Krümmung:

  • Leichte Skoliose: Cobb-Winkel von 10-25 Grad.
  • Moderate Skoliose: Cobb-Winkel von 25-40 Grad.
  • Schwere Skoliose: Cobb-Winkel von über 40 Grad.

Am Häufigsten sind Skoliosen der Brustwirbelsäule, die zur rechten Seite (rechts-konvex) abweichen. Die Folge ist eine Gegen-Krümmung der Lendenwirbelsäule nach links (links-konvex). Die Haupt- und Nebenkrümmung sind Begriffe, die in der Diagnose und Behandlung von Skoliose verwendet werden. Die Hauptkrümmung ist die primäre seitliche Krümmung der Wirbelsäule, die bei Skoliose diagnostiziert wird. Sie ist die größte seitliche Abweichung von der normalen Wirbelsäulenachse. Die Hauptkrümmung ist der Hauptfokus der Behandlung, da sie die größte Auswirkung auf die Körperhaltung und Funktion hat. Die Nebenkrümmung ist eine zusätzliche seitliche Krümmung der Wirbelsäule, die oft in Verbindung mit der Hauptkrümmung auftritt. Sie kann oberhalb oder unterhalb der Hauptkrümmung auftreten und ist in der Regel kleiner als diese.

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