Trauer ist eine natürliche und oft schmerzhafte Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen. Während die meisten Menschen ihre Trauer ohne professionelle Hilfe bewältigen, erlebt eine Minderheit anhaltende und schwerwiegende Trauersymptome, die als anhaltende Trauerstörung diagnostiziert werden können. Diese tiefgreifende Trauer kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden, die die Bewältigungsfähigkeiten des Einzelnen übersteigen.
Anhaltende Trauerstörung: Wenn Trauer zum Leiden wird
Die anhaltende Trauerstörung betrifft schätzungsweise vier Prozent der Bevölkerung in Deutschland. Sie zeichnet sich durch eine Reihe von Kriterien aus, die erfüllt sein müssen, um die Diagnose zu stellen. Dazu gehört, dass der Tod einer nahestehenden Person mindestens sechs Monate zurückliegt. Betroffene erleben ein starkes Verlangen nach dem Verstorbenen oder eine anhaltende Beschäftigung mit ihm, begleitet von intensiven Gefühlen wie Trauer, Schuldgefühlen, Wut oder emotionaler Taubheit.
Menschen mit anhaltender Trauerstörung haben oft Schwierigkeiten, den Verlust zu akzeptieren, soziale Interaktionen zu pflegen oder anderen Aktivitäten nachzugehen. Nicht hilfreiche Gedankenmuster, wie "Ich hätte da sein oder mehr tun müssen", "Ich sollte anders trauern" oder "Ich werde nie wieder glücklich sein", können die Trauerreaktion verstärken.
Standardisierte Interviews oder Fragebögen helfen dabei, die anhaltende Trauerstörung von einer normalen akuten Trauerreaktion abzugrenzen und ihren Schweregrad zu bestimmen. In diagnostischen Gesprächen ist es wichtig, sensibel vorzugehen und den Betroffenen genügend Zeit und Raum zu geben, um Vertrauen aufzubauen.
Der Witweneffekt und das Broken-Heart-Syndrom: Wenn der Verlust körperliche Auswirkungen hat
Der Verlust eines Partners ist eines der einschneidendsten Ereignisse im Leben und kann zu physiologischen Reaktionen des Körpers führen. Dieses Phänomen wird oft als "Witweneffekt" bezeichnet. Der Körper reagiert mit Stress auf diese emotional belastende Situation, was sich in psychischen Symptomen wie Angst, Depression, Schuld und Hoffnungslosigkeit äußern kann.
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Studien haben gezeigt, dass der Verlust eines Partners mit einer erhöhten Krankheitshäufigkeit, häufigeren Krankenhausaufenthalten und einer erhöhten Sterblichkeit vergesellschaftet ist, insbesondere aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mit zunehmendem Alter wird der Körper anfälliger für solche Stressoren, da Organe und Gewebe im Laufe der Zeit anfälliger werden.
In der Literatur gibt es Hinweise darauf, dass der Verlust eines Partners zu erhöhtem Blutdruck, erhöhter Herzfrequenz und zu veränderter Herzfrequenzvariabilität beim Hinterbliebenen führen kann. Die Herzratenvariabilität spiegelt die Anpassungsfähigkeit des Herzens an unterschiedliche physische und psychische Belastungen wider. Diese Veränderungen können Herzrhythmusstörungen, Vorhofflimmern oder sogar einen Herzinfarkt verursachen.
Ein weiteres Beispiel für eine Herzerkrankung, die durch Stress oder einen Schicksalsschlag ausgelöst werden kann, ist die Stress-Herzmuskelerkrankung, auch bekannt als Stresskardiomyopathie oder "Broken-Heart-Syndrom". Diese Erkrankung wurde erstmals 1990 in Japan beschrieben und betrifft häufiger Frauen als Männer, insbesondere im höheren Alter.
Die Symptome des Broken-Heart-Syndroms ähneln denen eines Herzinfarktes, wie Brustschmerz, Luftnot oder Ohnmachtsanfälle. Auslöser können emotionale oder körperliche Belastungen sein. Die genauen Mechanismen der Krankheitsentstehung sind noch unklar, aber es werden die übermäßige Ausschüttung von Stresshormonen, eine Funktionsstörung der kleinsten Blutgefäße im Herzen oder das Verkrampfen von großen Herzkranzgefäßen diskutiert.
Glücklicherweise kann diese Stresserkrankung durch unterstützende Maßnahmen, insbesondere durch die Behandlung des auslösenden Stressfaktors, gut behandelt werden. Neben Medikamenten spielen auch psychologische und psychiatrische Behandlungsmethoden eine Rolle.
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Dissoziative Anfälle: Wenn die Psyche den Körper beeinflusst
Dissoziative Anfälle sind plötzliche Bewegungsstörungen oder Bewusstseinsveränderungen ohne organische Ursache im Gehirn. Betroffene verlieren vorübergehend die Kontrolle über ihren Körper, was sich in Zuckungen, Ohnmachtsanfällen oder Verkrampfungen äußern kann. Es kann sich anfühlen, als würde man sich von seinem eigenen Körper oder seinen eigenen Emotionen entfernt selbst beobachten.
Anders als bei Epilepsie fehlt bei dissoziativen Anfällen eine krankhafte elektrische Entladung im Gehirn. Die Anfälle entstehen meist als Folge unbewusster seelischer Belastung. Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Epilepsie, Migräne, Depression, Angst- oder Schlafstörungen haben ein erhöhtes Risiko.
Die Diagnose stützt sich auf das typische Erscheinungsbild der Anfälle. Eine individuell angepasste Psychotherapie kann sehr wirksam sein, und jeder zweite Betroffene wird mit Therapie anfallsfrei.
Posttraumatische Belastungsstörung: Wenn die Vergangenheit nicht loslässt
Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine anhaltende Stressreaktion auf traumatische Lebenserfahrungen wie Unfälle, körperliche oder seelische Gewalt, sexuellen Missbrauch, Naturkatastrophen, Kriegserlebnisse, lebensbedrohliche Erkrankungen oder Todesfälle. Auch Verwahrlosung kann eine PTBS verursachen.
Symptome der PTBS können sich innerhalb kurzer Zeit nach dem Ereignis bemerkbar machen, aber auch erst nach Jahren auftreten. Dazu gehören das ständige Wiedererleben der traumatischen Erlebnisse, belastende Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit, Aggressionen, Schuldgefühle und Trauer. Starke Anspannungszustände mit Herzrasen, Schwitzen, Schlafstörungen, Albträumen, Schmerzen und Magen-Darm-Beschwerden sind ebenfalls typisch.
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Betroffene vermeiden oft die Auseinandersetzung mit den belastenden Ereignissen und deren Folgen. Dissoziative Zustände, selbstverletzendes Verhalten, Selbstmordgefährdung und Kontakt- oder Beziehungsprobleme können ebenfalls auftreten.
Eine gezielte Traumatherapie mit speziellen psychotherapeutischen Methoden hilft, sich wieder zu stabilisieren und den Alltag zu bewältigen. Die traumatischen Ereignisse werden so verarbeitet und in das eigene Leben integriert, dass sie die Lebensqualität nicht mehr beeinträchtigen. Die Traumatherapie basiert auf einem 3-Phasen-Modell: Stabilisierung, Konfrontation und Integration.
Multiple Sklerose und die Psyche: Eine wechselseitige Beziehung
Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der die Psyche eine entscheidende Rolle bei der Krankheitsverarbeitung spielt. Die Diagnose MS kann Unsicherheiten, Ängste und Probleme auslösen, da viele Lebenspläne in Frage gestellt werden. Die Vielfalt möglicher Symptome und die Schwierigkeit, eine klare Prognose über den Krankheitsverlauf zu stellen, können zusätzlich verunsichern.
Die Seele reagiert sowohl auf tatsächliche als auch auf befürchtete MS-bedingte körperliche und soziale Beeinträchtigungen. Die Reaktion ist individuell und hängt von der Persönlichkeit, dem Zeitpunkt des erstmaligen Auftretens, dem Verlauf der Erkrankung und der individuellen familiären, beruflichen und sozialen Situation ab.
Häufige Reaktionen bei Diagnosestellung sind Schock und Verleugnung. Betroffene können sich fragen, warum gerade sie diese Erkrankung bekommen haben oder welche lebensgeschichtlichen Ursachen es dafür geben könnte. Schuldgefühle und die Befürchtung, MS als Strafe bekommen zu haben, sind ebenfalls möglich. Viele Betroffene durchlaufen auch eine Phase der Depression.
Nach einer Zeit des Rückzugs und der Trauer beginnt bei vielen Menschen ein Akzeptieren der Tatsache, erkrankt zu sein. Das ermöglicht es ihnen, sich aktiv mit der Erkrankung auseinanderzusetzen, Wege zu einem sinnvollen, befriedigenden Leben zu suchen und neue Lebenspläne zu schmieden.
Psychologische Beratung und Psychotherapie können MS nicht heilen, aber sie können Betroffene bei der Krankheitsbewältigung unterstützen, sie durch schwierige Zeiten begleiten und ihnen bei jeder Veränderung oder Verunsicherung durch einen Schub oder eine Symptomverschlechterung eine Stütze sein.
Spastik bei Multipler Sklerose: Ursachen, Symptome und Behandlung
Spastik ist eine Erhöhung der Muskelspannung, die den Muskel versteifen, verkrampfen oder lähmen kann. Sie wird durch die MS-bedingte Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS) hervorgerufen. Betroffen sind Nervenbahnen, die über Gehirn und Rückenmark die Aktivität der Skelettmuskulatur steuern. Durch die Schäden können die Impulse nicht mehr fehlerfrei auf die Muskeln übertragen werden, was zu einer dauerhaften Anspannung oder anfallsartigen Zusammenziehungen der Muskeln führt.
Spastiken zählen zu den häufigsten Symptomen der MS und treten meist im fortgeschrittenen Krankheitsverlauf auf. Betroffene können beispielsweise die Knie nicht mehr richtig beugen oder die Füße nicht mehr heben. Die Muskelaktivität kann nicht mehr willentlich kontrolliert werden.
Neben Schmerzen können Bewegungseinschränkungen und damit Einschränkungen der Mobilität bis hin zur Behinderung zu den gravierendsten Folgen der Spastiken zählen. Auch die Feinmotorik kann gestört sein, sodass alltägliche Tätigkeiten schwieriger auszuführen sind.
Nicht jede Spastik muss behandelt werden. Ist sie jedoch sehr behindernd oder schmerzhaft, gibt es verschiedene Möglichkeiten zur Linderung. Die Art der Behandlung ist individuell und hängt unter anderem von der Art der Beschwerden sowie dem Schweregrad ab. Die Behandlung hat das Ziel, Betroffenen eine höhere Lebensqualität und den Erhalt der Selbstständigkeit zu ermöglichen.
Zu den nicht-medikamentösen Behandlungen gehören gezielte Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage und der Einsatz von Hilfsmitteln wie Orthesen. In schweren Fällen kann die Physiotherapie durch Medikamente wie Antispastika, Cannabinoid-haltige Medikamente oder Botulinum-Toxin unterstützt werden.
Akute Belastungsreaktion: Wenn die Nerven blank liegen
Eine akute Belastungsreaktion ist eine vorübergehende, aber extreme Reaktion auf ein ebenso extremes Ereignis. Sie tritt meist wenige Minuten nach dem Auslöser ein und ist ein natürlicher Bestandteil des Bewältigungsprozesses unseres Körpers.
Ursachen können vielfältig sein, wie schwere Unfälle, Körperverletzungen, Krieg, Terroranschläge, Flucht, Vertreibung, Gewalt oder Naturkatastrophen. Auch Menschen, die bereits unter körperlichen oder seelischen Erkrankungen leiden oder erschöpft sind, haben ein erhöhtes Risiko.
Typische Anzeichen sind Sprachlosigkeit, veränderte Wahrnehmung, Einengung des Bewusstseins, Nacherleben der Situation in Form von Alpträumen und Flashbacks, Lücken in der Erinnerung, Überreizung, Stimmungsschwankungen und körperliche Reaktionen wie Schweißausbrüche, Herzrasen, Blässe und Übelkeit.
Wichtig ist schnelle, professionelle Unterstützung im Falle ihres Eintretens. Anlaufstellen sind psychiatrische Praxen oder Kliniken, der bundesweite Bereitschaftsdienst, die Telefonseelsorge oder die Nummer gegen Kummer für Jugendliche und Kinder.
Die akute Hilfe kann fließend in eine längerfristige Therapie übergehen. Je nach Art der Störung und abhängig von der betroffenen Person kommen verschiedene psychologische Therapien infrage. Wenn es als hilfreich für den Heilungsprozess angesehen wird, werden zusätzlich therapiebegleitende Medikamente verschrieben.
Umgang mit Stress: Vorbeugung und Bewältigung
Ein akuter Zusammenbruch in einer Stresskrise kann das Resultat von langanhaltendem psychischem Stress sein. Stress hat viele Gesichter und Ursachen, und wie stark er sich auf unseren Körper und unsere Psyche auswirkt, ist individuell verschieden.
Zu den häufigsten belastenden Stressauslösern zählen beruflicher Druck, Konflikte im privaten oder beruflichen Umfeld, Mehrfachbelastungen durch Familie und Beruf, ständiger Termindruck, kritische Lebensereignisse, eigene Ansprüche, Sorgen und Ängste sowie das Fehlen sozialer Unterstützung.
Dauerhafter seelischer Stress kann sich auf vielfältige Weise äußern: körperlich, emotional und mental. Zu den häufigsten körperlichen Anzeichen zählen Zittern, Weinkrämpfe, Schwitzen, Übelkeit, Herzklopfen und Kopfschmerzen. Betroffene fühlen sich oft nervös, innerlich unruhig, niedergeschlagen oder kraftlos. Auch Schlafprobleme, Schwindel, Muskelverspannungen, Atembeschwerden oder ein Kloßgefühl im Hals sind typische Begleiterscheinungen. Nicht zuletzt leidet auch die geistige Leistungsfähigkeit.
Um Stress zu regulieren oder ihm vorzubeugen, ist es wichtig, sowohl beruflich als auch privat kürzer zu treten, Warnzeichen ernst zu nehmen, einen gesunden Lebensstil zu pflegen, "Nein" zu sagen, Selbstfürsorge zu betreiben und soziale Kontakte zu pflegen.