Bei etwa drei Viertel aller Fälle von Zerebralparese treten spastische Lähmungen auf, deren Ausprägung und betroffene Körperbereiche von der Lokalisation der Gewebeschädigung im Gehirn abhängen. Dieser Artikel widmet sich der spastischen Hemiparese des Beins, beleuchtet ihre Ursachen und stellt verschiedene Therapieansätze vor.
Was ist eine spastische Hemiparese?
Die spastische Lähmung, auch als Spastik oder Spastizität bezeichnet, ist durch eine erhöhte Eigenspannung der Skelettmuskulatur gekennzeichnet. Sie entsteht durch eine Schädigung des Gehirns oder des Rückenmarks. Eine Hemispastik betrifft Arm und Bein einer Körperseite, wobei sie links- oder rechtsbetont auftreten kann. Im Gegensatz dazu betrifft die Tetraspastik beide Beine und Arme. Wenn die Lähmung nicht vollständig ausgeprägt ist, sondern sich als Kraftminderung und Bewegungseinschränkung äußert, spricht man von einer Parese.
Bei einer spastischen Lähmung kann auch die Sprach- und Schluckmuskulatur beeinträchtigt sein, was zu Artikulationsschwierigkeiten oder Schluckbeschwerden führen kann. Ist die Augenmuskulatur betroffen, kann es zu Schielen und Doppelbildern kommen. Koordinationsstörungen, beispielsweise im Zusammenspiel von Auge und Hand, können ebenfalls auftreten.
Symptome der spastischen Hemiparese
Das klassische Bild eines Schlaganfallpatienten mit Hemiparese zeigt oft folgende Symptome:
- Herabhängendes Augenlid und Mundwinkel auf einer Gesichtshälfte
- Funktionseinschränkungen eines Arms und Beins
- Sprachstörungen (Aphasien)
Viele Patienten entwickeln das sogenannte Wernicke-Mann-Gangbild, bei dem der betroffene Arm vor dem Bauch angewinkelt und das Bein auf derselben Seite gestreckt ist. Beim Gehen schwingt der Patient das eingeschränkte Bein halbkreisförmig nach vorn. Eine Schwächung der Mundmuskulatur kann zu Problemen beim Essen führen.
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Ursachen der spastischen Hemiparese
Die Ursache für eine spastische Lähmung liegt in einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS). Betroffen sind die Nervenbahnen, die das Gehirn mit dem Rückenmark verbinden und die Muskulatur des Körpers versorgen.
Häufige Auslöser
- Hirninfarkt (Ischämischer Schlaganfall): Hierbei wird das Gehirn plötzlich nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Glukose versorgt.
- Sauerstoffmangel während der Geburt: Wenn das Neugeborene über die Nabelschnur nicht ausreichend versorgt wird, die eigene Atmung jedoch noch nicht steuern kann (frühkindliche Hirnschädigung).
- Hirnblutung: Ein Blutgefäß im Gehirn reißt.
- Tumoren: Tumoren in Gehirn oder Rückenmark können die Nervenbahnen schädigen.
- Multiple Sklerose: Diese Autoimmunerkrankung kann Entzündungen im ZNS verursachen.
- Entzündungen im Bereich des zentralen Nervensystems: Meningitis, Myelitis, Enzephalitis können ebenfalls eine Spastik auslösen.
- Schädel-Hirn-Verletzungen: Unfälle können zu Schädigungen des Gehirns führen.
- Genetische Erkrankungen: In seltenen Fällen kann eine spastische Hemiparese angeboren sein.
Pathophysiologische Mechanismen
Nach einer Schädigung des zentralen Nervensystems kommt es zu Veränderungen, die Nerven, Muskeln und Weichteile betreffen. Dies führt zu veränderten mechanischen Eigenschaften und Strukturen in den betroffenen Muskeln und Extremitäten, beispielsweise veränderte elastische Eigenschaften. Eine Spastik wird dabei immer durch mehrere Faktoren verursacht.
Diagnose der spastischen Hemiparese
Neben der körperlichen Untersuchung gibt es spezielle Diagnoseverfahren, um eine Spastik festzustellen. Hilfreiche Hinweise können im Einzelfall auch genetische Untersuchungen geben, insbesondere bei Verdacht auf seltenere Erkrankungen wie die hereditäre spastische Paraparese (HSP). Bildgebende Verfahren wie die Computer- (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) ermöglichen eine detaillierte Darstellung der Hirnschädigung.
Weitere diagnostische Verfahren
- Funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT): Darstellung der Durchblutung und Stoffwechselaktivität in bestimmten Gehirnregionen während einer Aufgabe.
- Elektroenzephalografie (EEG): Darstellung der elektrischen Hirnaktivität mit hoher zeitlicher Auflösung.
Therapie der spastischen Hemiparese
Die spastische Lähmung ist nicht heilbar. Das Ziel der Therapie ist es daher, Folgeschäden zu vermindern und eine Besserung zu erzielen.
Konservative Therapieansätze
- Physiotherapie: Eine intensive Physiotherapie ist essenziell, um Gelenke zu mobilisieren, verkürzte Muskeln zu dehnen und durch gezielte Kräftigungsübungen eine Balance zwischen betroffenen und weniger betroffenen Extremitäten herzustellen. Gerade bei einer Schädigung des zentralen Nervensystems kommt häufig Krankengymnastik nach Bobath in Betracht. Möglich sind zum Beispiel auch die manuelle Therapie oder Krankengymnastik an Geräten.
- Ergotherapie: Die Ergotherapie hilft den Patienten, verloren gegangene Fähigkeiten wiederzuerlangen und/oder den Ausfall zu kompensieren. Die Betroffenen sollen Tätigkeiten wie Körperpflege, Anziehen usw. wieder so gut als möglich selbstständig ausführen. Viele Patienten müssen das Gehen wieder neu erlernen.
- Logopädie: Bei Sprach- und Sprechstörungen ist die Logopädie ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Schluckstörungen sollten schnellstmöglich behandelt werden, da es ansonsten unter Umständen zu einer Lungenentzündung (Aspirationspneumonie) durch Fremdkörper in der Lunge kommen kann.
- Hilfsmittel: Schienen, Splints, Verbände (Casts) und Orthesen können Lähmungen ausgleichen und günstige Effekte auf die Muskelspannung und Muskellänge haben. Für die Beine ist das Aufrichten der Betroffenen die beste Mobilisationsform. Durch das Anlegen von Casts kann schrittweise ein eingeschränkter Bewegungsumfang wieder ausgedehnt werden.
Medikamentöse Therapie
Bei ausgeprägten Spasmen werden ergänzend zur Physiotherapie auch Medikamente eingesetzt.
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- Muskelrelaxanzien: Sie bewirken eine Entspannung der Skelettmuskulatur. Betroffene sollten sich jedoch über die Nebenwirkungen informieren.
- Botulinumtoxin (Botox): Durch die Injektion des Nervengiftes in stark verdünnter Form wird die Reizweiterleitung von den Nervenfasern auf die Muskeln gehemmt. Für den Zeitraum von drei bis sechs Monaten lassen die Verspannungen deutlich nach. In Kombination mit einer intensiven Physiotherapie lassen sich so deutliche Behandlungserfolge erzielen. Botox kann langfristig eingesetzt werden.
- Orale Therapie: Mit Tabletten oder Spray (orale Therapie) werden vermehrte Muskelaktivität bei Spastik behandelt. Patienten mit einer Spastik beider Beine (Paraspastik) und nicht mobile Patienten mit generalisierter spastischer Tonuserhöhung profitieren in der Regel von einer oralen Therapie. Beispiele sind Dantrolen und Sativex®.
- Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB): Zur Behandlung einer schweren Spastik kann man das Medikament Baclofen auch über ein spezielles Infusionssystem mit einer Pumpe einsetzen. Das Mittel wird dabei direkt in den Nervenwasserraum des Rückenmarks injiziert (intrathekal).
Weitere Therapieansätze
- Elektrostimulation: Sie aktiviert über angeklebte Elektroden auf der Haut Nerven und Muskelfasern mit kleinen Strömen (transkutane elektrische Nervenstimulation, TENS). Hier gibt es positive Effekte auf Spastik und den Bewegungsumfang (ROM). Auch die funktionelle Elektrostimulation (FES) für Bewegungen, die vom Patienten ganz oder teilweise selbst ausgeführt werden (z.B. Greifen und Hantieren, Gehen), kann neben der Verbesserung motorischer Funktionen einen Spastik-mindernden Effekt aufweisen.
- Magnetstimulation: Eine spastische Tonuserhöhung lässt sich mit gezielten Magnetfeldreizen zur Stimulation ausgewählter Nerven, Nervenwurzeln oder Hirnarealen behandeln (periphere repetitive Magnetstimulation, prMS; repetitive transkranielle Magnetstimulation, rTMS).
- Stoßwellentherapie: Sie kann über Wochen anhaltend einen spastisch erhöhten Muskeltonus mindern mit einer begleitenden Erweiterung des Bewegungsumfangs (extrakorporale Stoßwellentherapie, ESTW).
- Robotik: Für die Therapie von Standsicherheit, Gang, Treppensteigen oder der Arm-Hand-Funktion sieht man vielversprechende Verbesserungen bei einer Spastik durch den Einsatz von Robotern.
Chirurgische Verfahren
Bei schwerster Spastik, die anders nicht zu behandeln ist, gibt es chirurgische Verfahren (dorsale Rhizotomie oder Eingriffe in der Eintrittszone der Hinterwurzel ins Rückenmark). Nach Versagen der Standardtherapieverfahren und damit verbundenen Schmerzen können in weiteren chirurgischen Verfahren bestimmte Stellen eines Nerven durchtrennt werden (motorische Endäste, z.B. Nervus tibialis bei spastischem Spitzfuß, „pes equinus“).
Leben mit spastischer Hemiparese
Da eine spastische Lähmung nicht heilbar ist und Betroffene dadurch dauerhaft im Alltag eingeschränkt sind, liegt eine chronische Erkrankung vor, die als Schwerbehinderung gilt. Der Grad der Behinderung (GDB) liegt bei mindestens 50. Je nach Schwere kann vom Versorgungsamt oder der örtlich zuständigen Behörde jedoch auch ein höherer Grad der Behinderung anerkannt werden.
Herausforderungen im Alltag
Menschen mit einer spastischen Bewegungsstörung leiden oft unter vielfältigen Einschränkungen im Alltag. Das selbstständige Ankleiden, Kochen und Essen, die Körperhygiene und das Gehen fallen vielen schwer. Sie sind auf Unterstützung und Hilfsmittel angewiesen.
Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Die Behandlung von Patienten mit spastischer Hemiparese erfordert eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen, darunter Ärzte, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden. Nur so kann ein individueller Therapieplan erstellt und optimal auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden.
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