Spätfolgen von Hirntumoren: Müdigkeit und Erschöpfung als Herausforderung für Betroffene

Einführung

Viele Krebspatienten überleben heutzutage dank moderner Medizin. Doch was kommt nach der Therapie? Oft stellt sich heraus, dass die Krankheit nicht einfach verschwindet. Langzeit- und Spätfolgen können das Leben der Betroffenen weiterhin beeinträchtigen. Ein häufiges Problem ist Fatigue, ein Zustand extremer Müdigkeit und Erschöpfung, der oft lange nach der Behandlung anhält. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten von Fatigue nach Hirntumoren, um Betroffenen und ihren Angehörigen ein besseres Verständnis dieser Herausforderung zu ermöglichen.

Was ist Fatigue?

Fatigue ist mehr als nur normale Müdigkeit. Es ist ein Zustand anhaltender Erschöpfung, der sich durch Ruhe oder Schlaf nicht bessert. Patienten beschreiben es oft als lähmende Müdigkeit, die ihre Fähigkeit, alltägliche Aufgaben zu erledigen, stark beeinträchtigt. Prof. Volker Diehl (Köln) beschreibt das Fatigue-Phänomen bei Tumorpatienten so: "Patienten, die Krebs überlebt haben und als geheilt gelten, haben oft Probleme, die wir Ärzte lange nicht wahrgenommen haben: 40 Prozent oder mehr sind müde und antriebslos, einfach nicht mehr so frisch wie vorher."

Symptome von Fatigue

Fatigue kann sich auf verschiedene Weisen äußern:

  • Physische Erschöpfung: Kurzatmigkeit, schnelle Ermüdbarkeit, Herzrasen.
  • Psychische Erschöpfung: Antriebslosigkeit, Depression, verminderte Gedächtnisleistung, Konzentrationsschwierigkeiten.
  • Emotionale Erschöpfung: Gefühle von ständiger Müdigkeit, Erschöpfung selbst bei kleinen Tätigkeiten, fehlende Kraft, Ängste, Gefühl, ausgebrannt zu sein.

Diese Symptome können Monate oder sogar Jahre nach der Behandlung auftreten und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.

Ursachen von Fatigue nach Hirntumoren

Die Ursachen von Fatigue sind vielfältig und oft schwer zu fassen. Sie reichen von direkten Auswirkungen des Tumors und seiner Behandlung bis hin zu psychischen und sozialen Faktoren.

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Direkte Auswirkungen des Tumors und der Behandlung

  • Chemotherapie: Fatigue ist eine häufige Nebenwirkung der Chemotherapie. Je nach Therapieschema sind 50 bis 96 Prozent der Patienten betroffen. Die Symptome beginnen in der Regel drei bis vier Tage nach Beginn der Chemotherapie und steigern sich bis zum zehnten Tag. Erklärbar sind diese Reaktionen auf die Chemotherapie zum einen durch anämie-induzierende Faktoren, wie die Verringerung funktionsfähiger Knochenmarkzellen oder die verminderte Erythropoetinbildung durch Schädigung der Nieren.
  • Strahlentherapie: Je größer das bestrahlte Areal, desto ausgeprägter sind die Fatigue-Symptome. Mit jedem Behandlungszyklus nimmt die Müdigkeit zu.
  • Operation: Müdigkeit ist zehn Tage nach der Operation am meisten ausgeprägt und verschwindet in der Regel nach drei Monaten wieder.
  • Immuntherapie: Müdigkeit und Schwäche sind bekannte Nebenwirkungen der Immuntherapie, bei der die Patienten Zytokinen wie Interferonen, Interleukinen, Tumornekrosefaktoren oder Wachstumsfaktoren ausgesetzt sind.
  • Anämie: Sowohl der Tumor selbst als auch Tumormedikamente oder eine Strahlentherapie können zu einem Mangel an Erythropoetin oder einer Verminderung der blutbildenden Zellen im Knochenmark führen, was zu einer Blutarmut (Anämie) führt.
  • Hormonmangel: Hormonstörungen, etwa der Schilddrüse oder der Nebennieren, können eine Ursache von Fatigue sein.
  • Mangelernährung und Muskelschwäche: Die Krebserkrankung selbst beziehungsweise deren Behandlung kann zu Mangelernährung und Muskelschwäche führen.
  • Tumorkachexie: Etwa die Hälfte aller Krebspatient*innen erleidet im Laufe der Erkrankung einen Verlust an Fett- und Muskelmasse und damit an Körpergewicht. Bösartige Tumoren verursachen chronische Entzündungen und regen den Stoffwechsel an. Botenstoffe des Immunsystems, sogenannte Zytokine, werden aktiv und beeinflussen den Hormonhaushalt und Stoffwechsel, sodass trotz des zunehmenden Verlusts an Fett- und Muskelmasse Appetit-steigernde und Hungergefühl-auslösende Wirkungen ausbleiben.

Psychische und soziale Faktoren

  • Angst und Depression: Eine Krebserkrankung löst bei vielen Betroffenen Ängste und depressive Verstimmungen aus.
  • Schlafstörungen: Schlafstörungen können durch Veränderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus, Sorgen und Ängste, Schmerzen oder andere körperliche Beschwerden verursacht werden.
  • Stress: Stress durch den Klinikaufenthalt, die Behandlung und die veränderte Lebenssituation kann Fatigue verstärken.
  • Soziale Isolation: Soziale Abgeschiedenheit kann zu Antriebslosigkeit und Depressionen führen, was die Fatigue verstärken kann.
  • Progredienzangst: Die Angst vor der Rückkehr einer Krebserkrankung kann eine langanhaltende Angststimmung aufbauen und enorm einschränken und belasten.

Weitere Faktoren

  • Vitamin- oder Eisenmangel: Ein Mangel an wichtigen Nährstoffen kann den Erschöpfungszustand begünstigen.
  • Chronische Infekte: Krebspatienten leiden zudem infolge der Therapien oft unter einer erhöhten Infektanfälligkeit, wobei die Reaktionen des Immunsystems an den Energiereserven zehren und die Erschöpfung verstärken.
  • Medikamente: Einige Medikamente, insbesondere Schmerzmittel wie Opioide, können Müdigkeit verursachen und eine bestehende Fatigue verstärken.
  • Begleiterkrankungen: Bestimmte Erkrankungen wie neurologische Erkrankungen (z.B. Morbus Parkinson, Multiple Sklerose), Schilddrüsenerkrankungen, Nierenerkrankungen, Herzerkrankungen oder Lungenerkrankungen können ebenfalls zu Fatigue-Beschwerden führen.

Diagnose von Fatigue

Um Fatigue zu erfassen, wurden verschiedene Fragebögen entwickelt. Diese helfen, das Ausmaß der Erschöpfung zu quantifizieren und von anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen abzugrenzen. Es ist wichtig, dass Ärzte und Angehörige aufmerksam darauf achten, ob der Betroffene niedergeschlagen ist, da Müdigkeit, Erschöpfung und Niedergeschlagenheit eng miteinander zusammenhängen.

Unterscheidung von Depression

Es ist wichtig zu unterscheiden, ob die depressive Verstimmung die Folge der Erschöpfung ist oder ob eine massive Erschöpfung ein Symptom einer echten Depression ist. Einige Fragen können bei der Unterscheidung helfen:

  • Gab es in Ihrem bisherigen Leben schon früher Episoden einer Depression?
  • Denken Sie häufig ans Sterben?
  • Haben Sie die Lebenslust verloren oder wollen Sie eigentlich mehr machen, können aber nicht?
  • Leiden Sie erst seit Ihrer Krebserkrankung an dieser Art von Müdigkeit?

Wenn Sie eine dieser Fragen oder mehrere mit Ja beantworten, dann spricht dies dafür, dass Ihre Müdigkeit auf eine Depression zurückzuführen ist.

Behandlung von Fatigue

Die Behandlung von Fatigue ist komplex und erfordert einen multidisziplinären Ansatz. Es gibt keine "Pille", die alle Probleme löst. Stattdessen müssen verschiedene Strategien kombiniert werden, um die individuellen Ursachen und Symptome zu behandeln.

Medizinische Behandlung

  • Behandlung von Anämie: Bei Blutarmut können rote Blutkörperchen übertragen oder die körpereigene Produktion roter Blutkörperchen durch das Hormon Erythropoetin angekurbelt werden.
  • Behandlung von Stoffwechselstörungen: Hormonstörungen, Mangelernährung und Muskelschwäche sollten gezielt behandelt werden.
  • Medikamentenüberprüfung: Medikamente, die Müdigkeit verursachen können, sollten überprüft und gegebenenfalls angepasst oder ersetzt werden.

Psychologische Behandlung

  • Psychotherapie: Psychologische Behandlungsansätze wie Entspannungstechniken und Stressbewältigungsprogramme sind hilfreich im Umgang mit der Krebserkrankung und ihren Folgeproblemen wie Fatigue. Eine Psychotherapie kann helfen, Konflikte, Stresssituationen und Ängste zu verarbeiten und durch Verhaltensänderungen wieder zu Kräften zu kommen.
  • Angstbewältigung: Wer seine Angst bewältigen will, muss sie sich zunächst eingestehen und angstauslösende Situationen definieren.
  • Schlafhygiene: Eine entspannte Einstellung zum Thema Schlaf ist wichtig. Der erste Schritt für PatientInnen ist, sich der Behandlerin/dem Behandler mitzuteilen. Unbehandelte Schlafprobleme können durch das angeeignete veränderte Schlafverhalten chronisch werden und auch noch nach dem Abschluss der Therapie auftreten.

Bewegungstherapie

  • Bewegungsprogramm: Ein mit dem Arzt abgesprochenes Bewegungsprogramm ist ratsam, denn zu viel Bettruhe kann die Fatigue noch verstärken. Regelmäßige, leichte sportliche Aktivitäten können der Erschöpfung entgegenwirken und sogar helfen, sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Es wichtig, dass Sie sich nicht übermäßig belasten.
  • Rehabilitationssport: Jeder Krebsbetroffene hat das Anrecht auf Rehabilitationssport. Die Krankenkassen unterstützen die Teilnahme an einer Rehasportgruppe für 18 Monate.

Weitere Strategien

  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen ist wichtig.
  • Fatigue-Tagebuch: Ein Fatigue-Tagebuch, in dem Sie notieren, wie es Ihnen körperlich, mental und emotional geht, kann zu einem strukturierten Tagesablauf beitragen.
  • Energiemanagement: Patienten müssen lernen, mit der Müdigkeit zu leben und die verbleibende Energie für Dinge zu nutzen, die ihnen Freude machen. Haushalten Sie jedoch mit dem Geld und legen sich immer ein bisschen zur Seite, dann können Sie sich irgendwann eine größere Anschaffung leisten. Und genau hier hört die Parallele zur Energie auf, denn Kraft lässt sich nicht auf einem Konto ansparen.
  • Lichttherapie: Gute Ergebnisse für die Schlafqualität erzielt laut neuesten Studien die Lichttherapie. Die weniger bekannte Therapie scheint effektiv und zudem leicht durchführbar zu sein: Jeden Morgen setzt sich die Patientin/der Patient für 30 Minuten vor eine Lichtbox.

Bewegung und Sport bei Fatigue

Sport tut dem Menschen gut. Das gilt auch für Krebsbetroffene und besonders für die diejenigen, die an chronischer Erschöpfung leiden. Die positiven Einflüsse von Bewegung wirken sich auf das körperliche, seelische und soziale Befinden aus.

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Was können Sie mit Bewegung und Sport für den Körper erreichen?

  • Das Herz-Kreislauf-System verbessern
  • Die allgemeine Fitness verbessern
  • Die Beweglichkeit fördern und verbessern
  • Alltagsbewegungen und die Fähigkeit, sich fortzubewegen, fördern
  • Beweglichkeit und Gewandtheit verfeinern
  • Die Körperzusammensetzung verändern (weniger Fett- / mehr Muskelanteil)
  • Bei Bedarf Übergewicht verringern
  • Die Merk- und Gedächtnisfähigkeit verbessern

Was können Sie mit Bewegung und Sport für die Seele erreichen?

  • Den eigenen Körper neu oder wieder kennenlernen
  • Den eigenen (veränderten) Körper annehmen
  • Situationen mit niedergeschlagener Stimmung verringern
  • Angst und Stress abbauen
  • Die Schlafqualität verbessern
  • Selbstvertrauen in sich und den eigenen Körper aufbauen
  • Mut machen, wieder unter Menschen zu gehen
  • Einen eigenen Beitrag zur Genesung leisten
  • Die Lebensqualität verbessern

Was können Sie mit Bewegung und Sport auf sozialer Ebene erreichen?

  • Den Kontakt zu anderen fördern
  • Die Lust, etwas zu tun (Motivation), verbessern
  • Erfahrungen und Informationen mit anderen austauschen
  • Soziale Abgeschiedenheit abbauen
  • Kommunikation fördern
  • Spaß und Freude erleben
  • Gruppenzusammengehörigkeit erleben

Rehabilitation und soziale Unterstützung

Eine Rehabilitation kann Betroffenen mit Fatigue helfen, wieder berufstätig zu sein. Es ist sehr wichtig, dass Sie alle Probleme, die Sie aufgrund des Fatigue-Syndroms haben, genau abklären. Dazu können zum Beispiel die Verarbeitung Ihrer Erkrankung gehören, verminderte geistige Fähigkeiten sowie die verschiedenen körperlichen Beeinträchtigungen. Denn alle Beschwerden beeinflussen sich gegenseitig und wirken sich wiederum auf die Fatigue-Problematik aus.

Liegt ein ärztliches Gutachten vor, das besagt, dass Sie durch die Fatigue in ihrer Erwerbsfähigkeit erheblich gefährdet oder gemindert sind, und beziehen Sie noch Krankengeld, kann Ihnen die Krankenkasse eine Frist von zehn Wochen setzen, innerhalb derer Sie einen Antrag auf Maßnahmen zur Rehabilitation stellen müssen. Das gilt auch, wenn Sie die Voraussetzung für den Rentenbezug erfüllen.

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