Sialorrhö bei Alzheimer: Ursachen und Behandlungsansätze

Die Alzheimer-Krankheit ist eine der häufigsten Ursachen für Demenz und betrifft Millionen von Menschen weltweit. Neben den bekannten kognitiven Beeinträchtigungen wie Gedächtnisverlust und Verwirrtheit können auch körperliche Symptome auftreten, darunter Sialorrhö, auch bekannt als übermäßiger Speichelfluss. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Sialorrhö bei Alzheimer-Patienten und diskutiert verschiedene Behandlungsoptionen, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Neurologische Grundlagen und das Nervensystem

Um die Ursachen und Auswirkungen von Sialorrhö bei Alzheimer zu verstehen, ist es wichtig, die neurologischen Grundlagen zu betrachten. Die Neurologie ist ein großes Teilgebiet der Medizin, das sich mit dem Nervensystem, seinen Erkrankungen und deren Behandlung beschäftigt. Das Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk aus sensorischen und motorischen Neuronen, das das zentrale Nervensystem (ZNS) und das periphere Nervensystem (PNS) umfasst. Es ermöglicht die Kommunikation zwischen allen Teilen des Körpers und koordiniert wesentliche Funktionen wie willkürliche Handlungen (z. B. Körperbewegungen) und unwillkürliche Funktionen.

Neurologische Erkrankungen können erhebliche Beeinträchtigungen der Bewegungskontrolle zur Folge haben und zu starken Einschränkungen im Alltag der Patient*innen führen. Deshalb ist es wichtig, neurologische Störungen möglichst frühzeitig zu behandeln.

Was ist Sialorrhö?

Sialorrhö bezeichnet den unkontrollierten Speichelfluss, der dazu führt, dass der Speichel nicht im Mund behalten werden kann. Bei der Sialorrhö spielen vor allem eine verminderte Schluckfähigkeit und/oder eine erhöhte Speichelproduktion (Hypersalivation) eine Rolle. Sialorrhö kann zur Entstehung von Hautinfektionen und -ausschlägen bis hin zu potenziell lebensbedrohlichen Lungeninfektionen (Aspirationspneumonie) führen. Außerdem kann sie die Lebensqualität von Patienten*innen mit neurologischen Störungen, wie Parkinson, Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma und atypischen Parkinson-Syndromen, erheblich beeinträchtigen. Betroffene Menschen fühlen sich oft beschämt, was zu Vereinsamung, Ängsten, Depressionen und Selbstablehnung führt.

Ursachen von Sialorrhö bei Alzheimer

Bei Alzheimer-Patienten ist Sialorrhö oft eine Folge der fortschreitenden neurologischen Schädigung, die die Kontrolle über die Muskeln beeinträchtigt, die für das Schlucken verantwortlich sind. Im späteren Verlauf der Demenz kommt es häufig zu einer Beeinträchtigung des Schluckreflexes. Dies führt dazu, dass der Speichel nicht mehr automatisch und regelmäßig geschluckt wird, was zu einem übermäßigen Speichelfluss aus dem Mund führt.

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Weitere Faktoren, die Sialorrhö bei Alzheimer begünstigen können, sind:

  • Schluckstörungen (Dysphagie): Demenz-Erkrankungen können dazu führen, dass Betroffene das Schlucken vergessen oder nicht mehr richtig koordinieren können.
  • Veränderte Wahrnehmung: Menschen mit Demenz nehmen die Signale ihres Körpers oft nicht mehr richtig wahr, einschließlich des Bedürfnisses zu schlucken.
  • Medikamente: Einige Medikamente, die zur Behandlung von Alzheimer oder Begleiterkrankungen eingesetzt werden, können als Nebenwirkung Sialorrhö verursachen.
  • Motorische Unruhe: Manche Menschen mit Demenz verbrauchen durch motorische Unruhe, Umherlaufen und Stress mehr Kalorien. Gleichzeitig essen und trinken sie oft zu wenig aufgrund eines veränderten Hunger- oder Durstgefühls oder Gedächtnislücken.
  • Schlechter Zustand der Zähne bzw. ein schlecht sitzendes Gebiss: Nahrung kann nicht mehr ausreichend zerkleinert und gekaut werden.

Diagnose von Sialorrhö

Um die Ursache von Sialorrhö zu ermitteln und eine geeignete Behandlung einzuleiten, ist eine gründliche Diagnose erforderlich. Diese umfasst in der Regel:

  • Anamnese: Eine detaillierte Befragung des Patienten oder der Bezugspersonen zu den Symptomen, Begleiterkrankungen und Medikamenteneinnahme.
  • Klinische Untersuchung: Eine Untersuchung des Mund- und Rachenraums, der Zungen- und Lippenbeweglichkeit sowie der Koordination des Schluckvorgangs.
  • Schlucktest: Beobachtung des Patienten beim Schlucken von Flüssigkeiten und fester Nahrung, um Schluckstörungen zu erkennen.
  • Instrumentelle Diagnostik: In einigen Fällen können spezielle diagnostische Verfahren wie die flexible endoskopische Evaluation des Schluckens (FEES) oder die Videofluoroskopie erforderlich sein, um den Schluckvorgang genauer zu beurteilen.

Behandlungsmöglichkeiten von Sialorrhö bei Alzheimer

Die Behandlung von Sialorrhö bei Alzheimer zielt darauf ab, den Speichelfluss zu reduzieren, die Schluckfähigkeit zu verbessern und die Lebensqualität der Betroffenen zu steigern. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die je nach Ursache und Schweregrad der Symptome eingesetzt werden können.

Logopädie

Eine logopädische Behandlung kann in einigen Fällen durch gezieltes Training und das Erlernen bestimmter Schlucktechniken eine Besserung der Sialorrhö bewirken. Eine Logopädie sollte fester Bestandteil in jeder Therapie einer Schluckstörung sein. Speziell ausgebildete Logopäd:innen führen dabei mit den Betroffenen gezielte Übungen durch. Diese Übungen können beispielsweise das Training der Zungen- und Mundbodenmuskulatur oder spezielle Schluckmanöver umfassen. So wird die Schluckmuskulatur gestärkt und die Schluckkoordination verbessert. Und das führt idealerweise dazu, dass der ganze Schluckvorgang sicherer und effizienter und das Risiko für Aspirationen (Eindringen von Nahrung in die Atemwege) reduziert wird.

Medikamentöse Therapien

Medikamentös wurde lange Zeit eine anticholinerge Behandlung praktiziert. Diese kann oral in Form von Tabletten oder transdermal erfolgen. Zum Einsatz kommen insbesondere Atropin, Scopolamin und Glycopyrronium. Allerdings gilt es zu beachten, dass für die meisten dieser Medikamente keine Zulassung zur Behandlung der Sialorrhoe vorliegt und dementsprechend eine Therapie nur off-label in Betracht kommt.

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Wenn dies nicht mehr ausreicht, ist Botulinum ein oft guter Weg. Dieser Wirkstoff (oft besser unter einem Handelsnamen Botox (r) bekannt), wirkt lokal anticholinerg, dort, wo es hingespritzt wird. Es wird daher Botulinum in die Speicheldrüsen injiziert. Dies kann prinzipiell auch die verbliebenen Schluckmuskeln und Kaumuskeln schwächen, dies ist in der Hand von geübten Ärzten jedoch meist zu vermeiden. Oft erfolgt bei starkem Speichelfluß die Ernährung bereits über eine PEG-Sonde, sodass dieser Aspekt dann weniger wichtig ist. Die Botulinum-Injektionen müssen ca.

Eine aktuell vermehrt gewählte Therapieoption zur Behandlung der Sialorrhoe bei Morbus Parkinson ist die Injektion von Botulinumtoxin. Dieses Nervengift reduziert die cholinerge Wirkungen, verringert auf diese Weise die Aktivität der Speicheldrüsen und vermindert dementsprechend auch die Speichelproduktion. Diese Behandlung bewirkt oft eine signifikante Reduktion des Speichelflusses und lindert die damit verbundenen Beschwerden maßgeblich. Die Botulinumtoxin-Injektionen erfolgen in der Regel in die Parotis- und submandibulären Speicheldrüsen; die Wirkung hält meist mehrere Monate an. Die Nebenwirkungen dieser Behandlung sind in der Regel mild und nur vorübergehend; so kann es z.B. vorübergehend Schmerzen an der Injektionsstelle, einem passageren Trockenheitsgefühl im Mund oder einer Veränderung des Geschmacksempfindens kommen.

Anpassung der Ernährung

Eine Anpassung der Konsistenz der Nahrung kann das Schlucken erleichtern. Breiförmige Speisen oder angedickte Flüssigkeiten sind leichter zu schlucken und können so das Risiko des Verschluckens minimieren. In den Einrichtungen von Asklepios testen die Expert:innen zusammen mit den Betroffenen verschiedene Konsistenzstufen, von fein passierten bis hin zu weichen Speisen, um die optimale Form für ihre Patient:innen zu finden.

  • Salate sollten deshalb fein geschnitten, Obst evtl. püriert und Fleisch weich geschmort werden, um ausreichendes Kauen zu ermöglichen.

Hilfsmittel und unterstützende Maßnahmen

  • Spezielles Geschirr: Bei einer nachlassenden Beweglichkeit der Hände und Arme kann spezielles Geschirr die Nahrungsaufnahme erleichtern. Es gibt Besteck mit dicken, rutschfesten Griffen, vertieften Löffelschalen oder speziell gebogenes Besteck.
  • Getränke anbieten: Getränke sollten den Tag über regelmäßig angeboten und an mehreren Stellen in der Wohnung positioniert werden. Das Trinkgefäß und das Getränkeangebot können für die Trinkbereitschaft eine Rolle spielen. Farbige Becher werden besser wahrgenommen und animieren zum Trinken. Schnabeltassen sind nur geeignet, wenn keine Schluckbeschwerden bestehen, da Getränke sonst unkontrolliert in Mund und Rachen fließen können.
  • Sicherheitstrinkbecher: Sicherheitstrinkbecher helfen, Verschlucken zu vermeiden, indem sie kontrollierte Flüssigkeitsmengen abgeben.

Chirurgische Maßnahmen

Chirurgische Maßnahmen sind nur bei einen kleinen Teil der Betroffenen eine in Erwägung zu ziehende Therapiemöglichkeit. Es sollte eine ebenso strenge Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen wie bei der Möglichkeit einer externen Bestrahlung.

Bedeutung der Mundhygiene

Eine gute Mundhygiene unterstützt die Gesundheit des Schluckapparates: Putzen Sie Ihre Zähne mindestens zweimal täglich gründlich und verwenden Sie Zahnseide, um Plaque und Essensreste zu entfernen. Besuchen Sie mindestens zweimal im Jahr eine Zahnärztin oder einen Zahnarzt, um Zahnprobleme wie Karies oder schlecht sitzende Prothesen frühzeitig zu erkennen und gegebenenfalls behandeln zu lassen.

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Prävention von Schluckstörungen

Gezielte Übungen zur Kräftigung der Schluckmuskulatur können helfen, Dysphagie vorzubeugen. Diese Übungen, die oft von einer Logopädin oder einem Logopäden angeleitet werden, verbessern die Kontrolle über den Schluckvorgang und stärken die beteiligten Muskeln. Beispielsweise können regelmäßige Zungenübungen oder das bewusste Schlucken von kleinen Mengen Wassers die Muskulatur trainieren.

Achten Sie darauf, während der Mahlzeiten eine aufrechte Sitzposition einzunehmen und den Kopf leicht nach vorne zu neigen. Diese Haltung erleichtert den Schluckvorgang und reduziert das Risiko, dass Nahrung in die Atemwege gelangt. Vermeiden Sie es, im Liegen zu essen oder zu trinken, da dies das Risiko für Aspirationen erhöht. Essen Sie langsam und kauen Sie gründlich. Nehmen Sie sich ausreichend Zeit für Ihre Mahlzeiten und vermeiden Sie Ablenkungen wie Fernsehen oder Telefonate. Lassen Sie Ihre Schluckfunktion regelmäßig überprüfen, insbesondere, wenn Sie unter chronischen Erkrankungen wie Parkinson leiden oder einen Schlaganfall überstanden haben.

Weitere Aspekte der Ernährung bei Demenz

Menschen mit Demenz haben wegen ihrer motorischen Unruhe oft einen höheren Kalorien- und Flüssigkeitsbedarf, können aber meist nicht mehr selbst für ihre Ernährung sorgen. Es ist wichtig, die Mahlzeiten angenehm zu gestalten. Mit fortschreitender Demenz treten oft Probleme wie verändertes Geschmacksempfinden, Schwierigkeiten beim Umgang mit Besteck und Schluckprobleme auf. Grundsätzlich sinkt der Energieverbrauch im Alter. Hungergefühl und Appetit nehmen bei den meisten Menschen ab, wodurch einige vergessen zu essen. Durch Medikamenteneinnahmen und mangelnde Flüssigkeitszufuhr kann sich der Speichelfluss verringern. Dies kann sich auf das Geschmacksempfinden und die Schluckfähigkeit auswirken. Es besteht die Gefahr einer Mangelernährung, die sich z.B. durch Müdigkeit, Kraftlosigkeit und Kreislaufprobleme äußert. Mangelnde Flüssigkeitszufuhr ist ein häufiges Problem im Alter. Viele Senioren vergessen schlicht zu trinken, andere trinken zu wenig, damit sie nicht zu oft auf die Toilette müssen, z.B. Flüssigkeitsmangel kann verschiedene Symptome und Krankheiten wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Lethargie und zu niedrigen Blutdruck hervorrufen.

Tipps für die Essenszubereitung und -darreichung

  • Es ist hilfreich, wenn Betroffene das Essen oder Trinken mit möglichst vielen Sinnen wahrnehmen können. Dazu gehören eine angenehme Atmosphäre und ansprechend dargereichte, angenehm riechende Speisen und Getränke.
  • Es kann hilfreich sein, Menschen mit Demenz in die Speisenzubereitung mit einzubeziehen. Durch verschiedene Gerüche werden positive Erinnerungen geweckt. Durch Aktivitäten wie Kochen können motorische Fähigkeiten erhalten bleiben.
  • Bieten Sie folglich Menschen mit Demenz einige Speisen in Form von Fingerfood an. Fingerfood verbessert die Selbstständigkeit und die Selbstbestimmung.
  • Durch gezielte Auswahl der Speisen (z.B. buntes Gemüse neben Kartoffelbrei) kann das Erkennen der Speisen und damit der Appetit gefördert werden.
  • Bei einer Demenzerkrankung essen Betroffene mehr und besser, wenn sie mit anderen gemeinsam am Tisch essen. Das könnte mit der Vorbildwirkung zu tun haben.

Forschung zu Biomarkern im Speichel

In unserem Labor interessieren wir uns dafür, ob Speichelanalysen ein möglicher Ansatz für eine Frühdiagnostik bei Alzheimerdemenz sein können. Speichel kann schnell und einfach gewonnen und im Labor aufgearbeitet werden. Leider zeigen unsere und andere Studien, dass die Speichelanalysen sehr heterogen sind und teilweise nicht direkt reproduzierbar. Daher ist es essenziell, Forschungen durchzuführen, um die Speichelgewinnung und Analyse zu optimieren. Wir konnten z.B. zeigen, dass Salivetten nicht geeignet sind, kleine Eiweiße zu extrahieren, oder dass Lipide im Speichel sehr instabil sind. In unseren Studien haben wir vorgeschlagen, den Speichel einfach mittels Spucken für exakt 2 Minuten in ein 50-ml-Röhrchen zu gewinnen; damit wird verhindert, dass Eiweiße verloren gehen.

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