Die Versorgung von Menschen mit Tetraplegie erfordert ein tiefes Verständnis der spezifischen Herausforderungen, die mit dem Verlust von Motorik und Sensorik einhergehen. Ein zentraler Aspekt der Pflege ist die korrekte Lagerung, insbesondere die Standard-Rückenlagerung, um Komplikationen wie Dekubitus, Kontrakturen und respiratorische Probleme zu vermeiden.
Einführung in die Tetraplegie und ihre Herausforderungen
Tetraplegie, auch Quadriplegie genannt, ist eine Form der Querschnittlähmung, bei der alle vier Extremitäten betroffen sind. Dies resultiert aus einer Schädigung des Rückenmarks im Bereich der Halswirbelsäule. Die Betroffenen erfahren einen teilweisen oder vollständigen Verlust der willkürlichen Kontrolle über ihre Muskeln und der sensorischen Wahrnehmung unterhalb des Verletzungsniveaus.
In Deutschland erleiden jährlich etwa 2070 Menschen eine Querschnittlähmung. Ursachen hierfür sind traumatische Ereignisse wie Verkehrsunfälle oder nichttraumatische Ursachen wie Krankheiten. Die Betreuung von Menschen mit Tetraplegie erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der pflegerische, therapeutische und medizinische Aspekte berücksichtigt.
Die Bedeutung der korrekten Lagerung bei Tetraplegie
Bei Tetraplegie ist die Fähigkeit, Druck und Berührungsempfindungen wahrzunehmen, oft stark eingeschränkt oder nicht vorhanden. Dies führt dazu, dass Betroffene eine zu starke oder lang anhaltende Druckbelastung nicht spüren und sich folglich nicht selbstständig umpositionieren können. Die daraus resultierende kontinuierliche Druckeinwirkung auf bestimmte Körperstellen kann zur Entstehung von Dekubitus (Druckgeschwüren) führen.
Die korrekte Lagerung ist daher von entscheidender Bedeutung, um den Druck von gefährdeten Bereichen zu nehmen und eine gleichmäßige Druckverteilung zu gewährleisten. Dies wird durch den Einsatz spezieller Lagerungsmaterialien und regelmäßige Positionswechsel erreicht.
Lesen Sie auch: Ursachen und Behandlung von Hemiplegie
Ziele der Lagerung bei Tetraplegie
Die Lagerung bei Tetraplegie verfolgt mehrere wichtige Ziele:
- Dekubitusprophylaxe: Vermeidung von Druckgeschwüren durch regelmäßige Druckentlastung und Verteilung des Körpergewichts auf eine größere Auflagefläche.
- Kontrakturenprophylaxe: Verhinderung von Gelenkversteifungen durch Förderung der Beweglichkeit und Vermeidung von Fehlstellungen.
- Atemphysiologie: Unterstützung der Atmung und Lungenmechanik durch Positionierung, die eine optimale Entfaltung des Brustkorbs ermöglicht.
- Körperwahrnehmung: Optimierung der Körperwahrnehmung, insbesondere in den Bereichen, in denen die sensorische Wahrnehmung eingeschränkt ist.
- Komfort und Wohlbefinden: Förderung des Komforts und des psychischen Wohlbefindens des Patienten.
Standard-Rückenlagerung: Grundlagen und Techniken
Die Standard-Rückenlagerung ist eine der grundlegenden Positionen in der Pflege von Menschen mit Tetraplegie. Sie wird häufig in der Akutphase nach einer Verletzung angewendet, kann aber auch langfristig ein wichtiger Bestandteil des Lagerungsplans sein.
Grundprinzipien der Rückenlagerung
- Druckentlastung: Ziel ist es, den Druck von besonders gefährdeten Bereichen wie dem Kreuzbein, den Fersen und den Knöcheln zu nehmen.
- Ausrichtung: Der Körper sollte in einer neutralen Position ausgerichtet sein, um unnötige Belastungen der Gelenke und Muskeln zu vermeiden.
- Unterstützung: Der Körper sollte ausreichend unterstützt werden, um Stabilität und Komfort zu gewährleisten.
Durchführung der Rückenlagerung
- Vorbereitung: Stellen Sie sicher, dass alle benötigten Materialien griffbereit sind, einschließlich Kissen, Rollen und spezieller Matratzen. Erklären Sie dem Patienten den Ablauf der Lagerung.
- Positionierung: Positionieren Sie den Patienten auf dem Rücken, wobei der Kopf leicht erhöht sein kann, falls dies die Atmung erleichtert. Vermeiden Sie jedoch eine übermäßige Beugung des Halses.
- Druckentlastung: Platzieren Sie ein Kissen unter den Kniekehlen, um die Fersen frei zu lagern. Verwenden Sie kleine Rollen oder Kissen, um die Knöchel zu entlasten.
- Ausrichtung: Achten Sie darauf, dass die Wirbelsäule gerade ausgerichtet ist. Verwenden Sie bei Bedarf eine kleine Rolle unter der Lendenwirbelsäule, um die natürliche Krümmung zu unterstützen.
- Armpositionierung: Die Arme können entweder seitlich am Körper oder leicht erhöht auf Kissen gelagert werden, um Schwellungen zu vermeiden und die Schultern zu entlasten.
- Beinpositionierung: Ein Kissen zwischen den Beinen verhindert eine Adduktion (das Zusammenführen der Beine) und beugt Druckstellen vor.
Spezielle Lagerungsmaterialien
- Antidekubitusmatratzen: Diese Matratzen sind speziell entwickelt, um den Druck auf den Körper zu verteilen und die Durchblutung zu fördern. Es gibt verschiedene Arten von Antidekubitusmatratzen, darunter Weichlagerungsmatratzen und Wechseldruckmatratzen.
- Kissen und Rollen: Kissen und Rollen werden verwendet, um bestimmte Körperteile zu entlasten und die Ausrichtung des Körpers zu unterstützen.
- Gleithilfen: Gleithilfen erleichtern die Umlagerung des Patienten und reduzieren die Belastung für die Pflegenden.
Weitere wichtige Aspekte der Lagerung bei Tetraplegie
Neben der Standard-Rückenlagerung gibt es weitere Lagerungspositionen, die in der Pflege von Menschen mit Tetraplegie Anwendung finden. Dazu gehören die Seitenlagerung, die Bauchlagerung und die 30-Grad-Lagerung.
Regelmäßige Positionswechsel
Der regelmäßige Wechsel von einer Lagerungsposition zur anderen ist entscheidend, um den Druck von bestimmten Körperstellen zu nehmen und die Durchblutung zu fördern. In der Akutphase erfolgt die Lagerung in der Regel alle zwei bis drei Stunden passiv. Später können Pflegende, Therapeuten und Patienten gemeinsam daran arbeiten, die selbstständige Lagerung zu erlernen.
Einbeziehung des Patienten
Es ist wichtig, den Patienten so weit wie möglich in den Lagerungsprozess einzubeziehen. Dies kann bedeuten, dass man ihm erklärt, warum die Lagerung notwendig ist, wie sie durchgeführt wird und welche Vorteile sie bietet. Die jeweiligen Vor- und Nachteile der verschiedenen Positionen sollten auf beiden Seiten bekannt sein, und der Abbau von Hilfestellung sollte ein Ziel sein, das Pflegende und Patienten gemeinsam im Auge haben.
Lesen Sie auch: Leben mit Tetraplegie C4: Freizeit und Alltag
Berücksichtigung individueller Bedürfnisse
Jeder Mensch mit Tetraplegie hat individuelle Bedürfnisse und Einschränkungen. Daher ist es wichtig, den Lagerungsplan an die spezifischen Bedürfnisse des Patienten anzupassen. Dies kann bedeuten, dass bestimmte Lagerungspositionen vermieden werden müssen oder dass spezielle Lagerungsmaterialien erforderlich sind.
Bewegungsgrenzen
Zu Beginn der Behandlung sollten keine Bewegungen bis zur Bewegungsgrenze ausgeführt werden, da der Patient keine Schmerzen empfinden und signalisieren kann und einen schlaffen Muskeltonus hat.
Körperwahrnehmung
Der Lagewechsel im Bett bietet auch sehr weich gelagerten Patienten die Möglichkeit, Körperwahrnehmungen zu optimieren, wenn Pflegende dies entsprechend unterstützen. Er erfordert von Liegenden umso mehr Kraft, je weicher die Unterlage ist. Zur Dekubitusprophylaxe hingegen kann ein Material kaum weich genug sein. Um diesem Dilemma zu begegnen, empfiehlt der Fachkrankenpfleger Uwe Wagner den Einsatz einer Gleithilfe.
Psychische Aspekte
Die Ausführung von pflegenden Tätigkeiten wie dem Umlagern kann indirekt Einfluss auf die psychische Entwicklung nehmen, auch wenn sie in erster Linie dem physischen Wohlergehen dient. Patienten sollten sobald wie möglich in alle Aktivitäten einbezogen werden, d. h. das Berühren von nicht spürbaren Körperregionen anregen, z. B. das Waschen und die Hautpflege der Beine und ggf. der Füße. Trickbewegungen vermitteln, die fehlende Muskelkraft kompensieren.
Kinaesthetics
In der Literatur kommt dem Konzept Kinaesthetics eine zentrale Bedeutung in der Pflege von Menschen mit Querschnittlähmung zu. Klassische Hebe- und Trageaktivitäten, die früher oft durch zwei Personen durchgeführt wurden, werden mithilfe kinaesthetischer Gesichtspunkte zum Teil auf den Patienten verlagert, indem seine Fähigkeiten aktiv integriert werden. Das ist ökonomischer für Pflegende, aber auch, wie oben beschrieben, wesentlich für Betroffene. Auch in der Lagerung hilft das Wissen um den Einfluss unterschiedlicher Positionen auf Atmen, Essen, Trinken, Verdauung, Prophylaxe und mehr bei der passenden Versorgung.
Lesen Sie auch: Detaillierte Analyse: Paraplegie, Tetraplegie, Quadriplegie
Fallbeispiele
Herr Müller
Herr Müller erlitt vor zwei Jahren bei einem Autounfall eine Querschnittlähmung. Trotz umfassender Rehabilitationsmaßnahmen besteht eine inkomplette Tetraplegie. Herr Müller ist immobil und kann seine Finger nur eingeschränkt bewegen. Er ist häufig traurig und schwer zu motivieren.
Lagerungsplan für Herrn Müller:
- Standard-Rückenlagerung mit Antidekubitusmatratze
- Regelmäßige Positionswechsel alle zwei Stunden
- Kissen unter den Kniekehlen und Rollen unter den Knöcheln zur Druckentlastung
- Arme leicht erhöht auf Kissen lagern
- Einbeziehung von Herrn Müller in den Lagerungsprozess durch Erklärungen und Anregung zur aktiven Mitarbeit
- Förderung der Körperwahrnehmung durch Berührungen und Hautpflege
Frau Meier
Frau Meier hat aufgrund eines Bandscheibenvorfalls eine Querschnittlähmung erlitten. In den vergangenen Wochen war sie zu schwach, um das Bett zu verlassen. Frau Meier leidet unter Spastiken und Schluckstörungen.
Lagerungsplan für Frau Meier:
- Wechsel zwischen Rücken- und Seitenlagerung
- Lagerungen zur Lösung von Spastiken
- Unterstützung der Atmung durch geeignete Positionierung
- Berücksichtigung der Schluckstörungen bei der Nahrungsaufnahme
- Anleitung der Pflegekräfte zur Durchführung von Übungen zur Förderung der Beweglichkeit
Komplikationen vermeiden
Die korrekte Lagerung und Mobilisierung von Patienten mit Tetraplegie ist entscheidend, um Komplikationen zu vermeiden.
Dekubitus
Dekubitus ist eine häufige Komplikation bei Menschen mit Tetraplegie. Durch regelmäßige Druckentlastung und die Verwendung von Antidekubitusmatratzen kann das Risiko eines Dekubitus jedoch deutlich reduziert werden.
Kontrakturen
Kontrakturen können die Beweglichkeit einschränken und Schmerzen verursachen. Durch regelmäßige Bewegungstherapie und korrekte Lagerung können Kontrakturen vorgebeugt werden.
Atemwegsprobleme
Tetraplegie kann die Atemmuskulatur beeinträchtigen und zu Atemwegsproblemen führen. Durch geeignete Lagerungspositionen und Atemübungen kann die Atmung unterstützt werden.
Kreislaufprobleme
Immobilität kann zu Kreislaufproblemen führen. Durch regelmäßige Mobilisierung und das Tragen von Kompressionsstrümpfen kann der Kreislauf stabilisiert werden.
Psychische Probleme
Eine Querschnittlähmung kann zu psychischen Problemen wie Depressionen und Angstzuständen führen. Eine umfassende Betreuung, die auch psychologische Unterstützung umfasst, ist daher von großer Bedeutung.
tags: #standart #ruckenlageerung #tetraplegie