Einführung
Essentieller Tremor und Parkinson-Tremor sind neurologische Bewegungsstörungen, die das tägliche Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Am Universitätsklinikum Bonn wird nun eine innovative Methode zur Behandlung dieser Erkrankungen eingesetzt: der magnetresonanzgesteuerte, hoch fokussierte Ultraschall (MRgFUS). Dieses Verfahren bietet eine vielversprechende Alternative zu etablierten Behandlungsmethoden wie der Tiefenhirnstimulation, insbesondere für Patienten mit erhöhtem OP-Risiko oder einer ablehnenden Haltung gegenüber chirurgischen Eingriffen.
Was ist essentieller Tremor?
Essentieller Tremor ist eine der häufigsten Bewegungsstörungen weltweit. Er tritt auf, wenn der Betroffene aktiv etwas tut, beispielsweise beim Unterschreiben oder beim Führen eines Glases Wasser zum Mund. Im Gegensatz dazu zittert ein Mensch mit Parkinson-Erkrankung typischerweise in Ruhe. Die Symptome des Essentiellen Tremors umfassen:
- Zittern: Unwillkürliches Zittern, das besonders bei feinen Bewegungen auffällt.
- Verschlechterung bei Belastung: Der Tremor kann sich bei Stress oder körperlicher Anstrengung verstärken.
- Verbesserung in Ruhe: Im Gegensatz zum Parkinson-Tremor verbessert sich der Essentielle Tremor oft in Ruhe.
- Familiäre Häufung: Es gibt eine genetische Komponente, und viele Betroffene haben Familienmitglieder mit ähnlichen Symptomen.
Der Essentielle Tremor kann viele Aspekte des täglichen Lebens beeinträchtigen und zu Frustration, Einschränkungen bei der Arbeit oder im sozialen Leben führen.
MRgFUS: Eine innovative Behandlungsmethode
Die Magnetresonanz-gesteuerte fokussierte Ultraschallkoagulation (MRgFUS) ist ein neues Verfahren zur Tremorbehandlung, bei dem spezifische Kerne des Thalamus ausgeschaltet werden können. Dies geschieht durch die Fokussierung von unterschwelliger Energie durch die intakte Haut von 1024 Sendern, die um den Kopf angeordnet sind. Nur an der vorbestimmten Stelle wird die zur Thermokoagulation nötige Temperatur von ca. 55 bis 60 Grad Celsius erreicht.
Das Bonner Team aus Neurologen, Radiologen und Neurochirurgen nutzt das deutschlandweit erste Gerät dieser Art bei schwerem, nicht-therapierbarem essentiellem Tremor und Parkinson-Tremor - gezielt und ohne den Schädel zu öffnen. Bei dem neuen Verfahren schalten fokussierte hochintensive Schallwellen von außen diejenigen Areale im Gehirn ab, die für den essentiellen Tremor oder Tremor bei Parkinson verantwortlich sind. Für die notwendige hochpräzise Lokalisation sorgt die mit Hilfe der Magnetresonanztomografie gesteuerte Neuronavigation, damit nur der gewünschte, etwa zwei Millimeter große Bereich in der Tiefe des Gehirns inaktiviert wird. Dazu werden von 1.024 Positionen rund um den Schädel Ultraschallwellen - jede für sich ungefährlich für das Hirngewebe - auf den Zielpunkt gesendet und dort gebündelt.
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Der Behandlungsablauf
- Vorbereitung: Der Kopf des Patienten wird kahl rasiert und lokal betäubt. Anschließend wird eine Art Helm mit integrierter Wasserkühlung für das Schädeldach aufgesetzt, der über 1.000 kleine Ultraschallsender enthält.
- Lokalisierung: Im MRT erstellen die Behandelnden zunächst eine sehr genaue dreidimensionale Karte des betroffenen Bereichs im Gehirn.
- Testphase: Mit dem fokussierten Ultraschall wird die genaue Stelle gesucht. Dies ist mit einer Temperatur unter 50 Grad Celsius möglich, ohne Nervenzellen zu zerstören. Der Patient berichtet dabei, ob das Zittern wie gewünscht abnimmt. Dazu macht er Bewegungen, die normalerweise den Tremor auslösen.
- Inaktivierung: Ist der richtige Punkt für den Tremor gefunden, kommt der entscheidende Schritt. Bei 55 bis 60 Grad Celsius werden die betroffenen Nervenzellen mit den gebündelten Schallwellen zerstört. Dies findet in mehreren Intervallen statt, währenddessen das MRT laufend Bilder zur Kontrolle erzeugt.
Die Behandlung dauert ungefähr drei Stunden.
Vorteile der MRgFUS
- Nicht-invasiv: Der Schädel muss nicht geöffnet werden, was das Risiko von Komplikationen wie Blutungen oder Infektionen reduziert.
- Präzise: Die MR-Steuerung ermöglicht eine sehr genaue Inaktivierung des Zielgebiets im Gehirn.
- Sofortige Wirkung: Die Verbesserung der Symptome tritt in den meisten Fällen unmittelbar nach dem Eingriff ein.
- Keine weiteren Eingriffe und Behandlungsepisoden: Die Behandlung des Tremors mittels MRgFUS zeigt sofortige Wirkung, ohne weitere Eingriffe und Behandlungsepisoden.
Nachteile der MRgFUS
- Irreversibel: Die Inaktivierung des Hirngewebes ist anders als bei der Tiefenhirnstimulation nicht reversibel.
- Potenzielle Nebenwirkungen: Nach den ersten internationalen Studien lässt sich durch die Kombination aus fokussierten Ultraschall und MR-Steuerung während des Eingriffs an einer Kopfhälfte das Händezittern auf der entgegengesetzten Körperseite signifikant verbessern. Zudem könnte eine beidseitige Behandlung des Tremors mit MRgFUS nach derzeitigen Erkenntnissen möglicherweise mit einem erhöhten Risiko für Sprechstörungen verbunden sein.
Erfahrungen am Universitätsklinikum Bonn
Am Universitätsklinikum Bonn wurde die MRgFUS bereits erfolgreich bei Patienten mit schwerem, therapieresistentem essentiellem Tremor eingesetzt. Dieter Z., einer der ersten Patienten, freut sich: „Es war faszinierend: Ich kam aus der Röhre und meine Hand war ruhig. Ich kann endlich wieder ein Glas halten.“ Auch Klaus J., der seit etwa 30 Jahren unter starkem Zittern litt, erfreut sich an seiner zurückgewonnenen Lebensqualität: „Den Eingriff habe ich für meine Kinder gewagt. Ich wollte ihnen für den Fall X zeigen: Es gibt eine greifbare Lösung.“
Prof. Dr. Ullrich Wüllner, Leiter der Sektion Bewegungsstörungen an der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikum Bonn, betont: „Es ist eine Alternative, da viele Patienten vor dem Öffnen des Schädels und der Vorstellung von ‘Elektroden im Kopf’ zurückschrecken.“ Prof. Dr. Hartmut Vatter, Direktor der Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Bonn, ergänzt: „Das Attraktive ist, dass es sich schon während des Eingriffs zeigt, ob es funktioniert oder ob gegebenenfalls nachjustiert werden muss.“
Vergleich mit anderen Behandlungsmethoden
Tiefe Hirnstimulation (THS)
Die Tiefe Hirnstimulation ist eine etablierte Behandlungsmethode für essentiellen Tremor und Parkinson-Tremor. Dabei werden Elektroden in bestimmte Bereiche des Gehirns implantiert, die elektrische Impulse aussenden, um die abnorme neuronale Aktivität zu unterdrücken.
Vorteile der THS:
- Langfristige Wirksamkeit
- Reversibilität (der Hirnschrittmacher kann bei Bedarf abgeschaltet werden)
- Geeignet für Patienten mit zusätzlichen motorischen Symptomen
Nachteile der THS:
- Invasiver Eingriff mit Risiken wie Infektionen oder Blutungen
- Regelmäßiger Batteriewechsel des Hirnschrittmachers erforderlich
Medikamentöse Therapie
Für die Behandlung des essenziellen Tremors stehen zahlreiche Medikamente zur Verfügung. Die medikamentöse Behandlung führt jedoch häufig nicht zu ausreichender Symptomkontrolle.
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Studienlage und Zukunftsperspektiven
Nach den ersten internationalen Studien lässt sich durch die Kombination aus fokussierten Ultraschall und MR-Steuerung während des Eingriffs der essentielle Tremor signifikant verbessern. Klinische Studien belegen ausführlich die Sicherheit und Wirksamkeit der Behandlungsmethode.
In einer Studie aus dem Jahr 2016 wurde die MRgFUS-Behandlung bei Patienten mit essentiellem Tremor mit einer Scheinbehandlung verglichen. Die Ergebnisse zeigten eine signifikante Besserung des Tremors in der MRgFUS-Gruppe im Vergleich zur Shamgruppe. Die Besserung war auch nach 12 und 24 Monaten anhaltend.
Aktuell läuft am Bonner Universitätsklinikum eine Studie, um das Ausmaß der Tremor-Besserung durch MRgFUS genauer zu untersuchen.
Fazit
Die Magnetresonanz-gesteuerte fokussierte Ultraschallkoagulation (MRgFUS) ist eine vielversprechende neue Behandlungsmethode für essentiellen Tremor und Parkinson-Tremor. Sie bietet eine nicht-invasive Alternative zur Tiefenhirnstimulation mit dem Potenzial, die Lebensqualität der Betroffenen deutlich zu verbessern. Die ersten Ergebnisse am Universitätsklinikum Bonn sind ermutigend, und weitere Studien werden dazu beitragen, die langfristige Wirksamkeit und Sicherheit dieser innovativen Therapie zu belegen.
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