Studien zu Qigong bei Parkinson

Einführung

Parkinson-Krankheit ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die hauptsächlich die Bewegung beeinträchtigt. Die Symptome entwickeln sich allmählich und beginnen oft mit einem kaum merklichen Zittern in einer Hand. Neben medikamentösen Behandlungen werden zunehmend auch komplementäre Therapieansätze untersucht, darunter Qigong, eine traditionelle chinesische Bewegungskunst. Dieser Artikel fasst die aktuelle Forschungslage zu den Auswirkungen von Qigong auf Parkinson-Patienten zusammen.

Was ist Qigong?

Qigong ist eine alte chinesische Therapieform, die in zwei Hauptvarianten existiert:

  • Aktives (inneres) Qigong: Eine Bewegungskunst, die durch den Fluss der Lebensenergie (Qi) die Gesundheit von Körper und Geist fördern soll. Es beinhaltet fließende Bewegungen, Meditation und Atemtechniken. Es hat fließende Übergänge mit Taiji Quan, einer weiteren chinesischen Bewegungskunst. Beide werden auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) angewendet. Sie beeinflussen die physiologischen Systeme der Stressverarbeitung und führen zu einem Energieverbrauch, der dem von zügigem Gehen entspricht. Bei regelmäßiger Anwendung - es reichen bereits 15 Minuten pro Tag - verbessern sie den Umgang des Organismus mit Stressoren und fördern die aerobe Kapazität, Flexibilität, Kraft und Koordination.

  • Passives (äußeres) Qigong: Eine Behandlung, bei der Qigong-Therapeuten Energie zuführen, um Qi-Blockaden aufzulösen und den Qi-Fluss zu harmonisieren.

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Studienlage zu Qigong und Parkinson

Es existieren zahlreiche klinische Studien, die Hinweise auf gesundheitsfördernde Wirkungen von Qigong geben, einschließlich des begleitenden Einsatzes bei Parkinson-Erkrankungen. Eine Analyse von 27 Studien, die sich mit Taiji/Qigong und Parkinson befassen, lässt erkennen, dass sich mit diesen chinesischen Bewegungsübungen eine Verbesserung des Gleichgewichts, eine Reduktion der Sturzhäufigkeit und eine Verbesserung der Schlafqualität der Parkinson-Betroffenen erzielen lässt.

Metaanalysen und systematische Übersichtsarbeiten

Acht Metaanalysen konnten identifiziert werden, die die Wirkung von Qigong bzw. Tai-Chi bei Parkinson untersuchten. Die Evidenz für positive Effekte auf motorische Funktionen und ADL (Aktivitäten des täglichen Lebens) wird auf Level IIb berichtet. Die Effekte werden in Werten bis zu 0,56 eingeschätzt (i. e., Hoehn Yahr 2-3).

Einzelstudien und spezifische Effekte

Einige Studien untersuchen spezifische Aspekte von Qigong bei Parkinson:

  • Verbesserung der Lebensqualität: Die Ergebnisse systematischer Übersichtsarbeiten deuten darauf hin, dass Qigong einen positiven Einfluss auf die Lebensqualität haben kann.
  • Reduktion von Ängsten und Depressivität: Die Studienergebnisse zum Einfluss von Qigong auf Angst und Depressivität sind nicht einheitlich, sodass keine klare Aussage möglich ist, ob mit der Anwendung von Qigong ein positiver Einfluss auf diese seelischen Belastungen genommen werden kann
  • Verbesserung der Schlafqualität: Auch die Studienergebnisse zum Einfluss von Qigong auf Schlafqualität sind nicht einheitlich, geben aber einen Anhaltspunkt für eine den Schlaf verbessernde Wirkung.
  • Ai Chi: Eine Kombination von Tai Chi- und Qi Gong-Übungen, die stehend in etwa hüft- bis brusthohem, 30 °C warmem Wasser ausgeführt werden. Studien zeigen, dass ein mehrwöchiges Ai Chi-Training sowohl in Bezug auf eine Schmerzreduktion als auch auf eine Verbesserung der motorischen Fähigkeiten positive Effekte erzielen kann. Der Vorteil eines Bewegungstrainings im Wasser besteht unter anderem darin, dass durch den Auftrieb die Gelenke und Muskeln entlastet werden, das warme Wasser gleichzeitig zu einer Herabsetzung des Muskeltonus und einer allgemeinen Entspannung führt und dadurch die Bewegungsfähigkeit erhöht wird.

Bewegungstherapie und Parkinson

Zahlreiche neurologische Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass sich der Verlauf der Parkinson-Erkrankung durch eine Bewegungstherapie positiv beeinflussen lässt. Der positive Effekt von Sport ist besonders hoch im Frühstadium der Erkrankung, aber auch alle anderen profitieren. Dabei ist es fast egal, was man macht - ob Nordic Walking, Radfahren oder Schwimmen: Moderater Ausdauersport, auch sportliches Training, inkl. Besonders geeignet sind Übungen, die große Bewegungen, Bewegungsrhythmus und Schnelligkeit beinhalten.

Auch in späteren Phasen der Erkrankung sollte weiter regelmäßige Bewegung erfolgen, mit krankengymnastischer Begleitung und angepassten Sicherheitsmaßnahmen. Auch der krankheitsbegleitenden Demenz von Parkinson kann ausreichend Bewegung entgegenwirken - insbesondere, wenn nicht nur der Körper, sondern gleichzeitig auch der Geist gefordert wird. Das ist etwa der Fall bei Sportarten, die komplexere Bewegungsabläufe erfordern, oder auch Gruppensportarten, weil soziale Kontakte immer auch das Gehirn anregen.

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Weitere Therapieansätze bei Parkinson

Die heutige, sehr effektive Therapie des Parkinson-Syndroms ist auf 4 Pfeilern aufgebaut:

  1. Medikamentöse Kombinationsbehandlung: Diese Therapieform hat in den letzten 40 Jahren große Erfolge erzielt und wird ständig weiterentwickelt.
  2. Begleittherapie: Sie dient hauptsächlich dem Ziel, dass die Patienten die verloren gegangenen oder eingeschränkten Fähigkeiten und automatischen Bewegungen wieder erlernen. Durch diese Lernprozesse kommen sie im Alltagsleben deutlich besser aus, was die Lebensqualität der Parkinson-Patienten erheblich steigert.

In den Parkinson-Spezialkliniken und -Abteilungen werden die Begleittherapien während des stationären Aufenthaltes intensiv durchgeführt. Voraussetzung der erfolgreichen Physiotherapie der Parkinson-Krankheit ist die möglichst genaue Registrierung der Ausprägung der Symptomatik und der spezifischen Funktionen aus krankengymnastischer Sicht. Aufgrund der so aufgezeichneten Anfangssituation kann das therapeutische Ziel gesteckt und ein gezielter Therapie-Plan aufgestellt werden.

Krankengymnastik bei Parkinson

Die Krankengymnastik zur Linderung der hypokinetischen Symptome versucht einerseits, die noch vorhandenen Bewegungsmuster optimal auszunutzen, andererseits die verloren gegangenen erlernten oder automatisierten Bewegungen durch neuerlernte zu ersetzen. Weil die Lernmöglichkeiten infolge der Krankheit von Anfang an eingeschränkt sind, hat die Motivierung der Patienten für diese ergänzende Therapie sehr früh, schon bei der Diagnosestellung eine große Bedeutung. Auch die Notwendigkeit der Kontinuität dieser Übungsbehandlungen sollte dem Patienten klar sein.

Um die noch vorhandenen automatischen Bewegungen zu erhalten, ist die ständige Wiederholung der Bewegungen nötig. Die Bewegungen werden häufig mit Musik bzw. mit Rhythmus ausgeführt, einzeln mit dem Therapeuten oder in der Gruppe. Auch die optische Gestaltung des Übungsraumes (Streifen oder Stäbe auf dem Fußboden, Schachbrettmuster usw. fördern den Trainingseffekt). Es werden auch einfache Geräte wie Bälle, Stäbe, Tücher verwendet. Entsprechend des Schweregrades der Symptomatik werden die Übungen im Gehen, stehend oder sitzend durchgeführt, bei schwerkranken Patienten sogar im Bett. Um die Gleichgewichtsreflexe zu unterstützen, werden auch bewegliche Untergründe (Schaukelbrett, Trampolin, Laufband, Pezziball) verwendet. In der letzten Zeit werden außerdem Trainingsgeräte eingesetzt.

Spezifische Übungen und Techniken

  • Rigor: Die parkinsonbedingte Muskelsteifheit (Rigor) schränkt neben der Hypokinese die Beweglichkeit des Patienten zusätzlich ein. Mangels entsprechender Übung kann der Rigor auch zur Versteifung der Gelenke führen und so Kontrakturen verursachen. Zur Bekämpfung des Rigors sollen die Bewegungen großräumig durchgeführt werden, auch mit Schwung. Wichtig sind außerdem so genannte Dehnungs- und Lockerungsübungen. Auch alternierende oder schnell wiederholte Bewegungen mit Rhythmus wirken in diese Richtung.
  • Körperhaltung: Die vornübergebeugte Körperhaltung ist typisch für das fortgeschrittene Parkinson-Syndrom. Die Verbesserung der Körperhaltung ist ein weiteres Aktionsfeld für die Krankengymnastik. Unter optischer Kontrolle (Ganzkörperspiegel) durchgeführte Übungen, z.B. auch an der Sprossenwand oder neben einer Wand sind geeignet, um die Körperhaltung zu verbessern. In den Übungen soll die Rückenstrecker-Muskulatur gestärkt und - wenn nötig - die Beuge-Muskulatur entspannt werden.
  • Gangschulung: Ziel der Gangschulung der Patienten ist die Erhaltung der selbstständigen Gehfähigkeit. Auch mit den Gehübungen sollte man früh - beim Auftreten der ersten Gehprobleme - anfangen. Die einfachste Gehübung ist der tägliche Spaziergang, den man jedem Parkinson-Patienten empfehlen sollte. Wichtig ist die ständige Korrektur durch die Therapeuten. Es sollten die Schrittlänge, die Gangspur, das Mitschwingen der Arme kontrolliert werden. Hilfreich ist auch das Einrichten eines Gehgartens (Parcours) mit verschiedener Bodenbeschaffenheit und Hindernissen sowie mit optischen Reizen.
  • Starthemmungen (Freezing): Ein besonderes Problem sind beim Gehen die Starthemmungen des Patienten, die im fortgeschrittenen Zustand medikamentös nicht beeinflussbar sind. In solchen Fällen wird dem Patienten erklärt, er möge sich vorstellen, dass vorne eine unsichtbare Wand steht. Er kann nicht durch die Wand nach vorne treten, aber er kann mit einem Seitenschritt diese umgehen. Wichtig ist, dass der Patient nach dem ersten Schritt nicht stehen bleibt, sonst tritt die Starthemmung sofort wieder auf. Man kann die Starthemmung auch mit Fremd- oder Eigenkommandos unterbrechen. Auch das Tragen eines MP3-Players oder Walkmans mit rhythmischer Musik oder eines Metronoms kann hilfreich sein, wenn die Geräte beim Auftreten der Starthemmung eingeschaltet werden. Optische Reize am Boden können für Übungszwecke geeignet sein.
  • Gleichgewichtstörungen und Stürze: Die Gleichgewichtstörungen und die damit verbundenen Stürze mit hoher Verletzungsgefahr bedeuten bei der fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit ein großes Problem. Ein wichtiger Teil dieser Übungen ist das Erlernen von kompensatorischen Ausfallschritten. Der Patient soll lernen, diese plötzliche Veränderung der Körperlage und die dadurch entstandene Fallneigung durch einen Ausfallschritt nach hinten zu kompensieren. Die Sturzprophylaxe beinhaltet aber auch die Aufklärung der Patienten und der Angehörigen. Der Patient soll lernen, solche Situationen zu meiden, die die Gefahr des Hinfallens in sich bergen. Die Wohnraumgestaltung spielt in der Sturzprophylaxe eine wichtige Rolle.
  • Feinmotorik: Die Behandlung der feinmotorischen Tätigkeiten ist größtenteils Aufgabe der Ergotherapie, trotzdem wird sie ständiger Bestandteil der krankengymnastischen Übungen. Die schon erwähnten Dehn- und Lockerungsübungen werden auch mit den Händen ausgeführt, ergänzt mit Geschicklichkeitsübungen und mit dem Trainieren von schnell wiederholten Finger- und Handbewegungen.
  • Hypomimie: Eines der auffallenden Symptome der Hypokinese ist die mimische Verarmung des Patienten, genannt Hypomimie. Zur Behandlung der Hypomimie werden Übungen vor dem Spiegel empfohlen, einzeln oder in der Gruppe. Es werden die einzelnen Muskeln bzw. Die Übungen können durch taktile Reizung (Pinsel, Berührung) der einzelnen Muskeln unterstützt werden.
  • Atemstörungen: Die Hypokinese der Atemmuskulatur, der Rigor des Brustkorbes und die Haltungsstörungen führen dazu, dass die Atmung der Parkinson-Patienten sehr oberflächlich ist. Zur Beeinflussung der parkinson-bedingten Atemstörungen werden atmungsvertiefende Übungen verwendet, in Verbindung mit verbesserter Körper- bzw. Atemwahrnehmung. Der Patient kontrolliert durch Auflegen seiner Hände die Amplitude seiner Atembewegungen und wird angehalten, diese zu vergrößern.

Sicherheitshinweise

Qigong scheint sicher zu sein, obwohl Sicherheitsaspekte oft in Übersichtsarbeiten/Studien nicht berichtet werden. Da es sich um eine moderate Form der aeroben Bewegung handelt, kann es für Menschen mit bekannten Herzproblemen, schwerer Osteoporose oder Problemen des Bewegungsapparats von Vorteil sein, sich vorher bei ihren behandelnden Ärzt*innen oder qualifizierten Fachleuten zu informieren.

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