Stürze im Alter sind ein ernstes Problem, das oft unterschätzt wird. Sie können zu erheblichen Verletzungen, einem Verlust der Selbstständigkeit und einer verminderten Lebensqualität führen. Besonders betroffen sind Menschen mit Multipler Sklerose (MS), einer chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für das erhöhte Sturzrisiko bei MS-Patienten und stellt umfassende Präventionsmaßnahmen vor.
Einführung
Das Sturzrisiko steigt mit zunehmendem Alter. Studien zeigen, dass etwa 30 Prozent der über 65-Jährigen mindestens einmal im Jahr stürzen. Bei MS-Patienten ist dieses Risiko jedoch deutlich erhöht, da die Erkrankung selbst verschiedene Faktoren mit sich bringt, die das Gleichgewicht, die Koordination und die Muskelkraft beeinträchtigen können.
Ursachen für das erhöhte Sturzrisiko bei Multipler Sklerose
Multiple Sklerose (MS) ist eine neurologische Erkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft. Die Erkrankung kann eine Vielzahl von Symptomen verursachen, die das Sturzrisiko erhöhen. Zu den Hauptursachen gehören:
Neurologische Beeinträchtigungen
MS schädigt die Myelinscheide, die die Nervenfasern umgibt. Dies führt zu einer verlangsamten oder blockierten Nervenleitgeschwindigkeit, was verschiedene neurologische Beeinträchtigungen zur Folge haben kann:
- Gleichgewichtsstörungen: Die Schädigung des Gleichgewichtssinns im Innenohr oder der zuständigen Nervenbahnen kann zu Unsicherheit und Schwindel führen. Betroffene geraten leichter aus dem Gleichgewicht, insbesondere bei schnellen Bewegungen oder plötzlichem Aufstehen.
- Koordinationsprobleme: MS kann die Koordination der Muskeln beeinträchtigen, was zu unkontrollierten Bewegungen und Schwierigkeiten bei der Ausführung komplexer Bewegungsabläufe führt.
- Spastik: Eine erhöhte Muskelspannung (Spastik) kann die Beweglichkeit einschränken und zu unnatürlichen Körperhaltungen führen, was das Sturzrisiko erhöht.
- Sensibilitätsstörungen: Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Schmerzen in den Beinen und Füßen können die Wahrnehmung des Untergrunds beeinträchtigen und die Trittsicherheit verringern.
- Ermüdung (Fatigue): MS-bedingte Fatigue kann zu einer raschen Erschöpfung der Muskeln führen, was die Kraft und Ausdauer beeinträchtigt und das Sturzrisiko erhöht.
- Sehstörungen: Sehstörungen wie Doppelbilder, verschwommenes Sehen oder Gesichtsfeldausfälle können die Orientierung erschweren und das Erkennen von Hindernissen behindern.
- Kognitive Beeinträchtigungen: Kognitive Probleme wie Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme oder Verwirrtheit können die Aufmerksamkeit beeinträchtigen und das Erkennen von Gefahrensituationen erschweren.
Medikamentenwirkungen
Einige Medikamente, die zur Behandlung von MS-Symptomen eingesetzt werden, können Nebenwirkungen haben, die das Sturzrisiko erhöhen:
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- Beruhigungsmittel und Schlafmittel: Diese Medikamente können Benommenheit, Schwindel und Koordinationsstörungen verursachen.
- Antidepressiva: Einige Antidepressiva können das Gleichgewicht beeinträchtigen und das Sturzrisiko erhöhen.
- Muskelrelaxantien: Diese Medikamente können die Muskeln entspannen, was zu Schwäche und Instabilität führen kann.
Begleiterkrankungen
MS-Patienten haben häufig Begleiterkrankungen, die das Sturzrisiko zusätzlich erhöhen können:
- Osteoporose: Knochenschwund (Osteoporose) erhöht das Risiko von Knochenbrüchen bei Stürzen.
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Erkrankungen wie niedriger Blutdruck oder Herzrhythmusstörungen können zu Schwindel und Ohnmachtsanfällen führen.
- Diabetes: Diabetes kann zu Nervenschäden (diabetische Neuropathie) führen, die die Sensibilität in den Füßen beeinträchtigen und das Sturzrisiko erhöhen.
- Arthrose: Arthrose kann zu Schmerzen und Bewegungseinschränkungen führen, was die Stabilität beeinträchtigt.
Umweltfaktoren
Auch die Umgebung kann eine Rolle bei Stürzen spielen:
- Stolperfallen: Teppichkanten, Türschwellen, herumliegende Kabel oder unordentliche Räume können zu Stürzen führen.
- Schlechte Beleuchtung: Mangelnde Beleuchtung kann das Erkennen von Hindernissen erschweren.
- Rutschige Böden: Glatte Böden, insbesondere im Badezimmer, können das Sturzrisiko erhöhen.
- Ungeeignetes Schuhwerk: Schuhe mit hohen Absätzen, glatten Sohlen oder fehlendem Halt können zu Stürzen führen.
Präventionsmaßnahmen zur Reduzierung des Sturzrisikos bei Multipler Sklerose
Eine umfassende Sturzprophylaxe umfasst verschiedene Maßnahmen, die auf die individuellen Bedürfnisse und Risikofaktoren des Patienten abgestimmt sind.
Ärztliche Untersuchung und Beratung
- Regelmäßige Kontrolluntersuchungen: Der behandelnde Arzt sollte regelmäßig den neurologischen Zustand, das Gleichgewicht, die Koordination, die Muskelkraft und die Sensibilität überprüfen.
- Medikamentenüberprüfung: Die Medikation sollte regelmäßig überprüft werden, um mögliche Nebenwirkungen, die das Sturzrisiko erhöhen, zu identifizieren und gegebenenfalls anzupassen.
- Behandlung von Begleiterkrankungen: Begleiterkrankungen wie Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes sollten optimal behandelt werden.
- Individuelle Beratung: Der Arzt sollte den Patienten und seine Angehörigen über die Risikofaktoren für Stürze und die Möglichkeiten der Prävention aufklären.
Physiotherapie und Ergotherapie
- Gleichgewichtstraining: Gezielte Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts und der Körperkontrolle können die Stabilität erhöhen.
- Koordinationstraining: Übungen zur Verbesserung der Koordination der Muskeln können die Bewegungsabläufe sicherer machen.
- Krafttraining: Kräftigungsübungen für die Bein-, Rumpf- und Armmuskulatur können die Stabilität und die Fähigkeit, Stürze abzufangen, verbessern.
- Gangschulung: Eine Gangschulung kann helfen, ein sicheres und effizientes Gangbild zu entwickeln.
- Anpassung von Hilfsmitteln: Bei Bedarf können Hilfsmittel wie Gehstöcke, Rollatoren oder Orthesen angepasst und richtig eingesetzt werden.
- Ergotherapeutische Maßnahmen: Ergotherapeuten können helfen, den Alltag sicherer zu gestalten, indem sie beispielsweise Hilfsmittel für den Haushalt empfehlen oder Anpassungen in der Wohnung vornehmen.
Anpassung des Wohnumfelds
- Beseitigung von Stolperfallen: Teppichkanten sollten befestigt, Türschwellen entfernt oder abgeflacht, herumliegende Kabel beseitigt und unordentliche Räume aufgeräumt werden.
- Verbesserung der Beleuchtung: Eine ausreichende und blendfreie Beleuchtung in allen Räumen, insbesondere in Fluren, Treppenhäusern und im Badezimmer, ist wichtig.
- Anbringen von Haltegriffen: Haltegriffe im Badezimmer (Dusche, Badewanne, WC) und in Fluren können die Stabilität erhöhen.
- Rutschfeste Böden: Rutschfeste Matten oder Beläge im Badezimmer und in anderen gefährdeten Bereichen können das Sturzrisiko verringern.
- Anpassung von Möbeln: Möbel sollten stabil und standsicher sein. Sitzmöglichkeiten sollten eine angemessene Höhe haben, um das Aufstehen zu erleichtern.
- Treppenlifts oder Rampen: Bei Bedarf können Treppenlifts oder Rampen den Zugang zu verschiedenen Etagen erleichtern.
Verhaltensänderungen im Alltag
- Tragen von geeignetem Schuhwerk: Schuhe mit rutschfesten Sohlen, guter Passform und niedrigem Absatz sind wichtig.
- Vermeidung von Stolperfallen: Vorsichtiges Gehen und Achten auf mögliche Stolperfallen ist wichtig.
- Langsame Bewegungen: Plötzliche Bewegungen oder schnelles Aufstehen sollten vermieden werden.
- Benutzung von Hilfsmitteln: Gehstöcke oder Rollatoren sollten bei Bedarf benutzt werden.
- Regelmäßige Pausen: Bei Ermüdung sollten regelmäßige Pausen eingelegt werden.
- Vermeidung von Ablenkungen: Beim Gehen sollte die Aufmerksamkeit auf die Umgebung gerichtet sein.
- Tragen von Hüftprotektoren: Hüftprotektoren können bei Stürzen das Risiko von Hüftfrakturen verringern.
- Notrufsysteme: Notrufsysteme können im Falle eines Sturzes schnelle Hilfe ermöglichen.
Psychologische Unterstützung
- Angstbewältigung: Bei Sturzangst kann eine psychologische Beratung helfen, die Angst zu reduzieren und das Selbstvertrauen zu stärken.
- Soziale Kontakte: Regelmäßige soziale Kontakte können Isolation und Depressionen vorbeugen, die das Sturzrisiko erhöhen können.
Spezielle Übungen zur Sturzprophylaxe
Es gibt eine Vielzahl von Übungen, die speziell zur Sturzprophylaxe entwickelt wurden. Einige Beispiele sind:
- Kniebeugen am Stuhl: Diese Übung stärkt die Oberschenkelmuskulatur und verbessert die Stabilität.
- Der Patient stellt sich hinter einen Stuhl und hält sich an der Lehne fest.
- Die Beine stehen hüftbreit auseinander.
- Der Patient beugt die Knie, wobei das Gesäß nach hinten geschoben wird, als ob er sich hinsetzen wollte.
- Die Knie sollten nicht über die Fußspitzen hinausragen.
- Die Übung wird 20-mal in zwei Sätzen wiederholt.
- Hanteltraining im Sitzen: Diese Übung kräftigt die Muskeln im Oberkörper und verbessert die Körperhaltung.
- Der Patient sitzt auf einem Stuhl, wobei der Rücken etwa 10 cm von der Lehne entfernt ist.
- In jeder Hand hält er eine Hantel (0,5-1 kg schwer).
- Er hebt die Hanteln mit einigem Abstand vor der Brust in die Höhe.
- Anschließend zieht er die Hanteln zur Seite, bis sich die Schulterblätter auf dem Rücken annähern.
- Die Hanteln dürfen sich vor der Brust berühren, aber die Ellbogen sollten bei der Seitwärtsbewegung stets gebeugt sein.
- Es werden zwei Serien mit jeweils 10 Wiederholungen durchgeführt.
- Einbeinstand: Diese Übung verbessert das Gleichgewicht.
- Der Patient steht auf einem Bein und versucht, das Gleichgewicht zu halten.
- Das andere Bein kann leicht angewinkelt oder seitlich ausgestreckt werden.
- Die Arme können zur Seite ausgestreckt werden, um das Gleichgewicht zu unterstützen.
- Die Übung wird für 10-30 Sekunden gehalten und dann mit dem anderen Bein wiederholt.
- Zehenstand: Diese Übung stärkt die Wadenmuskulatur und verbessert die Stabilität.
- Der Patient steht aufrecht und hebt die Fersen an, so dass er nur noch auf den Zehen steht.
- Die Position wird für einige Sekunden gehalten und dann langsam wieder abgesenkt.
- Die Übung wird 10-15 Mal wiederholt.
- Fersenstand: Diese Übung stärkt die Schienbeinmuskulatur und verbessert die Stabilität.
- Der Patient steht aufrecht und hebt die Zehen an, so dass er nur noch auf den Fersen steht.
- Die Position wird für einige Sekunden gehalten und dann langsam wieder abgesenkt.
- Die Übung wird 10-15 Mal wiederholt.
- Seitliches Gehen: Diese Übung verbessert die laterale Stabilität und Koordination.
- Der Patient geht seitwärts, indem er kleine Schritte zur Seite macht.
- Die Arme können zur Seite ausgestreckt werden, um das Gleichgewicht zu unterstützen.
- Die Übung wird für einige Meter in jede Richtung durchgeführt.
- Tandemstand: Diese Übung verbessert das Gleichgewicht und die Koordination.
- Der Patient steht mit einem Fuß direkt vor dem anderen, so dass sich Ferse und Zehen berühren.
- Die Arme können zur Seite ausgestreckt werden, um das Gleichgewicht zu unterstützen.
- Die Position wird für 10-30 Sekunden gehalten und dann mit dem anderen Fuß vorne wiederholt.
- Tandemgang: Diese Übung verbessert das Gleichgewicht und die Koordination beim Gehen.
- Der Patient geht, indem er einen Fuß direkt vor den anderen setzt, so dass sich Ferse und Zehen berühren.
- Die Arme können zur Seite ausgestreckt werden, um das Gleichgewicht zu unterstützen.
- Die Übung wird für einige Meter durchgeführt.
Es ist wichtig, dass die Übungen unter Anleitung eines qualifizierten Therapeuten erlernt und regelmäßig durchgeführt werden.
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