Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, anfallsartige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Diese Kopfschmerzen werden oft von weiteren Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet. In den meisten Fällen verstärken Bewegung und körperliche Aktivität die Kopfschmerzen, was die Migräneattacke von anderen primären Kopfschmerzen unterscheidet.
Was ist Migräne?
Migräne ist ein primärer Kopfschmerz, der sich durch anfallsweise auftretende Kopfschmerzen auszeichnet, die durch Bewegung und körperliche Aktivität verstärkt werden. Häufig treten zusätzliche Symptome wie Übelkeit, Appetitlosigkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit oder Konzentrationsstörungen auf. Bei manchen Menschen kündigt sich die Migräne durch eine sogenannte Aura an, die sich meist in Form von Sehstörungen äußert (z.B. Flimmern, Flackern, Zackenmuster, wandernde Skotome, verzerrtes Sehen). Es können aber auch Kribbelmißempfindungen, Taubheit, Lähmungen, Schwindel oder Sprachstörungen auftreten.
Migräne ist eine chronische Erkrankung, die nicht heilbar ist, aber gut behandelbar, so dass die Lebensqualität der Betroffenen weniger eingeschränkt wird.
Migräne verstehen
Wiederholte Kopfschmerzattacken, die unbehandelt 4-72 Stunden anhalten, meist nur eine Kopfseite betroffen, wobei der Schmerz die Seite wechseln kann. Dumpfer, drückender Schmerz, Bewegung (Aufstehen, Gehen, Bücken, Treppensteigen) verschlimmert den Schmerz, er wird stechend, pulsierend oder pochend. Mittlere bis starke Schmerzintensität, die zu Beeinträchtigung im Alltag führt. Typische Begleiterscheinungen sind Übelkeit und/oder Erbrechen, Lichtempfindlichkeit, Geräusche wie Musik oder Straßenlärm werden unerträglich, Geruch von z.B. Parfüm oder Blumenduft wird als störend empfunden, allgemeines Krankheitsgefühl, erhöhtes Ruhebedürfnis und der Wunsch, sich zurückzuziehen, Appetitlosigkeit.
Phasen einer Migräneattacke
Eine Migräneattacke weist unterschiedliche Phasen auf:
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- Prodromalphase (Vorboten): Diese Phase kann Stunden oder Tage vor dem eigentlichen Kopfschmerz auftreten. Symptome können Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Heißhunger sowie Licht-, Lärm- und Geruchsempfindlichkeit sein. Etwa 30 Prozent der Patienten spüren vor einem Migräneanfall unterschiedliche Anzeichen.
- Auraphase: Bei etwa 10-15% der Migränepatienten treten neurologische Reiz- und Ausfallerscheinungen auf, die sogenannte Aura. Sie kündigt die nächste Migräneattacke an. In der Regel klingen die Symptome spätestens nach einer Stunde wieder vollständig ab. Der typische Migränekopfschmerz tritt entweder zusammen mit den Ausfallerscheinungen auf oder etwas verzögert. Diese Phase tritt nicht bei allen Migränepatienten auf. Sie ist durch fokale Hirnausfall- oder Reizsymptome gekennzeichnet, wie z.B. Sehstörungen (Flimmern, Flackern, Zackenmuster), Kribbelmißempfindungen, Taubheit, Lähmungen, Schwindel oder Sprachstörungen.
- Kopfschmerzphase: Nach der Prodromalphase oder der Auraphase setzt der eigentliche Kopfschmerz ein. Er ist häufig (aber nicht obligat) halbseitig mit pulsierend-pochendem Charakter. Es besteht Ruhebedürfnis, bei Bewegung nimmt der Kopfschmerz zu. Häufig treten Übelkeit und Erbrechen auf, und die Betroffenen sind licht- und lärmempfindlich. Die Schmerzphase dauert bei erwachsenen Menschen zwischen 4 und 72 Stunden, bei Kindern ist sie meist kürzer und oft bereits nach 1 Stunde beendet. Neben Kopfschmerzen können bei der Migräne auch Schmerzen im Gesicht, am Nacken, in den Augen oder den Zähnen auftreten.
- Rückbildungsphase: Das Schlimmste ist überstanden. Die Symptome sind zwar noch da, werden aber weniger intensiv. Die Kopfschmerzen sind nicht mehr pulsierend, sondern eher gleichbleibend. Patienten sind oft sehr müde.Die Übelkeit und die Empfindlichkeit z.B. gegen Licht werden weniger, sind aber noch nicht verschwunden.
- Erholungsphase (Postdromalphase): Nach dem Abklingen des Kopfschmerzes fühlen sich viele Patienten erschöpft und müde. Die Symptome ähneln denen der Prodromalphase. Sie brauchen jetzt viel Ruhe.
Nicht jeder Patient durchläuft alle diese Phasen. Deshalb ist es schwierig, eine genaue Angabe über die Migräne-Dauer zu geben. Meist halten die Beschwerden der Migräne mehrere Tage an. Die eigentliche Attacke dauert meist zwischen vier und 72 Stunden. Von den Vorboten bis zur Erholungsphase kann die Migräne-Dauer eine Woche betragen.
Chronische Migräne
Meist handelt es sich bei der Migräne um einen Attacken-Kopfschmerz mit variabler Frequenz (wenige Male im Leben bis zu einmal pro Woche). Von einer chronischen Migräne spricht man, wenn Migränekopfschmerzen an mehr als 15 Tagen pro Monat bestehen. Bei einer chronischen Migräne bestehen seit 3 Monaten oder länger Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen im Monat, davon 8 oder mehr Tage mit Migräne. Haben Sie im Monat mehr Tage mit Kopfschmerzen als ohne, kann das ein Hinweis auf Chronische Migräne sein.
Ursachen und Auslöser
Wie bei anderen primären Kopfschmerzformen liegt keine im MRT oder mit anderen Standarduntersuchungen erfassbare Hirnerkrankung zugrunde. Man nimmt an, dass bei der Migräne das Gleichgewicht des Gehirnstoffwechsels gestört ist; besonderes Serotonin, Noradrenalin und CGRP (Calcitonin-Gene-Related-Peptide) scheinen fehlreguliert. Diese beeinflussen unter anderem die Schmerzempfindlichkeit der Blutgefäße. Offenbar sind bei der Migräne die kleinen Blutgefäße des Gehirns (Arteriolen) entzündlich verändert.
Es gibt zahlreiche Trigger Faktoren die Migräneattacken auslösen können. Viele Migränepatienten wissen mit der Zeit, auf welche Dinge oder Situationen bei ihnen eine Attacke folgt. Solch mögliche Auslöser, auch Trigger genannt, sind:
- Aufregung oder Stress
- Entspannungsphasen nach Stresssituationen
- Schlafmangel oder veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus
- Körperliche Anstrengung
- Nackenschmerzen
- Hormonelle Veränderungen
- Auslassen von Mahlzeiten
- Bestimmte Lebensmittel (Käse, Alkohol, Kaffee, Schokolade)
- Wetterumschwünge und Klimawechsel
- Düfte und Gerüche (Parfüm, Zigarettenrauch)
- Licht (Blendende Scheinwerfer, helles oder flackerndes Licht)
Mögliche Trigger sind individuell sehr verschieden und können bei jedem anders ausgeprägt sein. Wenn Sie Ihre Trigger kennen, lassen sich manche davon bewusst vermeiden. Finden Sie Ihre persönlichen Auslöser heraus, indem Sie ein Kopfschmerztagebuch führen.
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Migräne begünstigt Begleiterkrankungen
Menschen mit Migräne leiden häufig zusätzlich an Angststörungen und Depressionen. Zudem haben Migränepatienten ein erhöhtes Schlaganfallrisiko. Auch zeigt sich ein Zusammenhang von Migräne und hohem Blutdruck sowie Herzkreislauf-Erkrankungen und anderen Schmerzerkrankungen.
Diagnose
Die Diagnose der Migräne erfolgt durch die Anamnese und die unauffällige neurologische Untersuchung.
Behandlung
Es stehen verschiedene Medikamente gegen den Kopfschmerz und die Begleiterscheinungen einer Migräneattacke wie Übelkeit, Erbrechen etc. zur Verfügung.
Akutbehandlung
Im akuten Migräneanfall mit leichten bis mittelschweren Symptomen können verschiedene Schmerzmittel eingesetzt werden (z.B. Ibuprofen, Paracetamol, ASS, Naproxen, Novalgin). Die Wirksamkeit ist am besten wenn das Medikament frühzeitig und in ausreichender Dosierung eingenommen wird. Kau- oder Brausetabletten werden am schnellsten vom Körper aufgenommen während Paracetamol am besten als Zäpfchen wirkt.
Bei stärkeren oder schwereren Symptomen der Migräne können Triptane eingesetzt werden. Auch Triptane helfen am besten wenn sie frühzeitig eingenommen werden. Triptane gibt es auch als Schmelztablette um einen möglichst schnellen Wirkungseintritt zu erzielen, dieses ist vor allem bei Übelkeit zu empfehlen, denn hier ist die Aufnahme über den Magendarmtrakt verlangsamt oder reduziert.
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In der Attacke hilft es den Betroffenen meist, sich in einen dunkeln und ruhigen Raum zurückzuziehen. Schlaf wirkt häufig erleichternd.
Prophylaxe
Bei häufigen und auch schweren Migräneattacken ist eine Migräneprophylaxe ratsam. Eine medikamentöse Prophylaxe ist zu empfehlen ab 5-10 Kopfschmerztagen oder wiederholten Migräneattacken von 72 Std. Hier empfiehlt sich dann eine medikamentöse Prophylaxe mit einem Beta-Blocker, Flunarizin, Topiramat oder Amitriptylin über einen Behandlungszeitraum pro Medikament von mindestens 3 Monate, bis eine Bewertung der Wirkung auf die Migräne möglich ist. Limitierend können Nebenwirkungen sein, so dass eine Ausdosierung manchmal nicht möglich ist.
Bei Versagen oder Nebenwirkungen dieser Therapien können Antikörper gegen den Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP)-Rezeptor (Erenumab) oder monoklonale Antikörper gegen CGRP selbst (Galcanezumab und Fremanezumab) zur medikamentösen Prophylaxe der episodischen sowie der chronischen Migräne eingesetzt werden. Hierbei handelt es sich um Präparate, die monatlich in das Unterhautfettgewebe injiziert werden, alternativ Rimegepant als orale Migräneprophylaxe. Bei chronischer Migräne ggf. Behandlungsversuch Botox nach vorheriger Ausschöpfung der o.g.
Zur nicht medikamentösen Prophylaxe ist die positive Wirkung von aeroben Ausdauersportarten wie Schwimmen, Joggen, Walken oder Fahrradfahren sowie die die progressive Muskelentspannung belegt.
Medikamentenübergebrauch
Tripatane und auch freiverkäufliche Schmerzmittel dürfen nicht zu häufig eingenommen werden, da es sonst zu einem Dauerkopfschmerz kommen kann.
Status migraenosus: Wenn die Migräne nicht aufhören will
Dauert die Kopfschmerzphase einer Migräneattacke trotz Behandlung länger als 72 Stunden, wird diese als Status migraenosus bezeichnet. Die langen Migräne-Attacken lassen keine Zeit zur Erholung und sind extrem kräftezehrend. Die meisten Patienten empfinden die Symptome als besonders stark, was die Situation noch verschärft.
Ein Status migraenosus tritt nur selten als erstmalige Migräne auf. Vielmehr wird die tagelange Migräne bei Patienten beobachtet, die über längere Zeit ohne ärztliche Beratung viele Medikamente gegen ihre Erkrankung eingenommen haben.
Ursachen des Status migraenosus
- Medikamentenübergebrauch: Besonders bei Patienten, die wiederkehrend unter Migräne leiden, besteht die Gefahr, dass sie zu viele Schmerzmittel einnehmen. Und das kann problematisch sein, denn der Körper reagiert darauf nicht selten mit Kopfschmerzen - Ärzte sprechen von medikamenteninduzierten Kopfschmerzen. Weiterhin entsteht oft ein Teufelskreis durch die Verwendung von migränespezifischen Triptanen: Dabei nimmt der Patient bei einer Attacke das Mittel ein, die Symptome bessern sich - aber nur für einige Stunden. Anschließend flammen die Schmerzen erneut auf, was wieder mit der Einnahme von Triptanen bekämpft wird. Nun schlagen die Arzneien noch schlechter an, die Schmerzen sind wieder da, sodass sich der Betroffene schließlich nur noch zurückziehen kann. Bei ihm steigen Frust und Verzweiflung über die Situation, denn die Berg- und Talfahrt ist zermürbend.
- Hormonelle Faktoren: Eine weitere Ursache für die Migräne-Komplikation kann bei Frauen die hormonelle Situation sein, etwa während der Menstruation.
- Therapieresistenz: Im Vergleich zum Status migraenosus durch Medikamentenübergebrauch sprechen die Patienten der therapieresistenten Form auf ansonsten wirksame Medikamente gar nicht an. Sie greifen zunächst auf ihre sonst übliche Dosis an Schmerzmitteln zurück, doch ohne Erfolg. Anschließend probieren sie in der Regel viele verschiedene Präparate und Substanzen aus, ohne dass sich eine Wirkung zeigt.
Was lässt sich gegen einen Status migraenosus tun?
Zunächst einmal ist es wichtig, dass sich Betroffene medizinische Hilfe suchen: Hält die Migräne über mehrere Tage an, sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden.
Allgemein gestaltet sich die Behandlung eines Status migraenosus schwierig, da die Betroffenen auf die Wirkung der üblichen Medikamente nicht mehr ansprechen. Um den akuten Schmerz zu stoppen, werden gelegentlich Schmerzmittel und Triptane ausprobiert. Die Zweckmäßigkeit ist jedoch umstritten.
Akutbehandlung
Auch wenn man es sich nicht vorstellen kann, die schnellste Art aus dem Status migraenosus herauszukommen, ist in dieser keine Akutmedikation wie Schmerzmittel oder Triptane mehr einzunehmen, die man bereits vorher eingenommen hat. Zielführender sind Medikamente gegen Übelkeit. Das rezeptfrei erhältliche Dimenhydrinat, u.a. unter dem Handelsnamen Vomex® A bekannt, bietet jetzt gegenüber MCP den Vorteil einer zusätzlich leicht müde machenden Wirkung. Diesen sogenannten sedierenden Effekt erreicht man auch mit schwach wirksamen Neuroleptika wie Promethazin oder Melperon, mit trizyklischen Antidepressiva wie Amitriptylin, Doxepin oder Trimipramin. Im Ausnahmefall kann auch ein Beruhigungsmittel wie Diazepam erwogen werden, diese sollten jedoch wegen der möglichen Gewöhnungsproblematik sehr zurückhaltend eingesetzt werden. Die Substanzen sind durchweg rezeptpflichtig. Ziel ist letztlich über einen schmerzdistanzierenden Effekt dem Betroffenen zu ermöglichen, den Schmerz bewusstseinsfern zu halten, ohne ein Schmerzmittel oder ein Triptan nehmen zu müssen. Müdigkeit und Bettlägerigkeit muss dabei in Kauf genommen werden. Arbeitsfähigkeit wird verständlicherweise in dieser Phase nicht erreicht.
Ein weiterer Therapieansatz ist, die dem Migräneschmerz zugrundeliegende Entzündung an den Blutgefäßen der Hirnhäute durch Gabe von Prednisolon oder anderen Kortison-Zubereitungen zu blockieren und damit dem Schmerz die biologische Grundlage zu nehmen. In der Notfallsituation wird das Kortison meist intravenös verabreicht, was den Vorteil eines relativ schnellen Wirkeintritts unter Umgehung der Aufnahme im Magen-Darmbereich bietet. Bei vielen Betroffenen führt aber auch die selbständige Einnahme von Prednisolon 50 bis 100 mg als Tablette zu einer Besserung innerhalb einer akzeptablen Zeitspanne. Gegebenenfalls kann die morgendliche Einnahme für zwei oder drei Tage wiederholt werden, bis die Entzündung ganz abklingt. Notwendig ist jedoch immer eine individuelle Beratung und Untersuchung. Der jeweilige verlauf und das Anfallsmuster müssen analysiert werden. Vorbeugende Maßnahmen müssen optimiert werden. Diese schließen Verhalten und ggf. auch Medikamente ein. Letztere können meist nur zielgerecht und verträglich wirken, wenn sie sachgerecht eingesetzt werden.
Langfristige Maßnahmen
Nach der akuten Behandlung des Status migraenosus folgt in der Regel die Ursachenforschung. Bei Patienten, die viele Medikamente eingenommen haben, kann auch eine Medikamentenpause sinnvoll sein. Das bedeutet, die Betroffenen müssen unter stationärer oder ambulanter Kontrolle einen Entzug durchführen und dürfen bestimmte Substanzen nicht mehr verwenden. Dadurch soll sich die Schmerzempfindlichkeit wieder normalisieren.
Besteht ein Zusammenhang zwischen dem Status migraenosus und dem weiblichen Zyklus, kann eventuell die regelmäßige Einnahme von Östrogenen vorbeugend wirken. Weiterhin existiert die Möglichkeit, Antikörpertherapien einzusetzen.
Leben mit Migräne: Ein Erfahrungsbericht
Ein Betroffener berichtet: „Die Migräneanfälle waren bei mir in den letzten Jahren unterschiedlich häufig. Eine Zeit lang hatte ich sie exakt einmal pro Woche. Da konnte ich die Uhr danach stellen. Ich bin 43 Jahre alt und die ersten Migränebeschwerden hatte ich vor etwa 20 Jahren. Das war während meines Studiums. Die Symptome waren allerdings für eine Migräne relativ untypisch: Ich hatte zum Beispiel Schüttelfrost und das oft anfallartig so einmal pro Woche.
Später ist daraus im gleichen Rhythmus eine Migräne geworden mit den eher typischen Beschwerden: halbseitige Kopfschmerzen, Übelkeit, Lichtempfindlichkeit, Empfindlichkeit gegen bestimmte Gerüche, Geräusche und Berührungen. Daraufhin bin ich zu einem Neurologen gegangen. Als ich ihm meine Beschwerden geschildert habe, meinte er nur, dass ich ihm eben die klassische Lehrbuch-Symptomatik einer Migräne geschildert hätte.
Mit dem Begriff „Migräne“ wusste ich damals nichts anzufangen. Das hat mir der Arzt dann erstmal erklärt. Zu diesem Zeitpunkt waren die medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt. Der Arzt, bei dem ich in Behandlung war, war Experte im autogenen Training und das habe ich dann auch bei ihm gelernt. Diese Fähigkeiten habe ich heute noch, das ist wie mit dem Fahrradfahren, das verlerne ich nicht mehr. Das tut mir sehr gut und hilft mir, mich zu entspannen. Aber leider hat das autogene Training weder die Migränehäufigkeit noch die Anfallsschwere positiv beeinflusst. Ich habe es auch mit Akupunktur versucht, allerdings ohne Erfolg.
Das bedeutete für mich, dass ich mich einige Jahre durchquälen musste. Wenn die Migräne kam, dann musste ich mich in ein dunkles Zimmer begeben, möglichst kühl, möglichst ruhig.
Der durchbrechende Erfolg kam für mich erst mit der Erfindung der Triptane. Die nehme ich auch heute noch. Das sieht dann folgendermaßen aus: Wenn ich Migräne bekomme, dann fast immer in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden, so gegen vier Uhr. Ich werde dann wach und merke, dass die Migräne beginnt. Dann nehme ich so eine Triptan-Tablette und die Beschwerden sind dann meistens relativ schnell wieder weg. Ich kann dann ganz normal zur Arbeit gehen und bin topfit.
Manchmal starte ich den Versuch, aufzustehen und mich zu bewegen oder mich heiß zu duschen in der Hoffnung, dass ich die Migräne unterdrücken kann. Aber wenn ich das gemacht habe und die Kopfschmerzen sind immer noch da, dann nehme ich die Medikamente und hoffe, dass sie wirken und das tun sie meistens.
Es gibt ja eine ganze Palette von Triptanen, da hilft es eigentlich nur, einen guten Arzt zu finden und die einzelnen auszuprobieren. Ich habe etwa fünf Präparate ausprobiert und bin jetzt schon länger bei einem, mit dem es funktioniert. Als einzige Nebenwirkung der Medikamente spüre ich, dass ich am Abend früher müde werde. Das ist aber erst mal kein Problem für mich. Schwierig wird es, wenn die Migräne mal nicht verschwindet und am nächsten Tag wiederkommt, also wenn es eine mehrtägige Migräne ist. Dann nehme ich am nächsten Tag wieder eine Tablette und die Müdigkeit wird immer stärker. Manchmal dauert die Migräne leider auch drei Tage und dann kann die Müdigkeit so stark sein, dass ich schon am Nachmittag von der Arbeit nach Hause gehen muss.
Das ist, als hätte ich ein Schlafmittel bekommen, da kann ich mich nicht wehren. Mir hilft da nur hinlegen und schlafen. Aber gegenüber den Migränebeschwerden ist das alles zu vernachlässigen und ich nehme die Müdigkeit gern in Kauf. Damit kann ich gut leben.
Die Migräneanfälle waren bei mir in den letzten Jahren unterschiedlich häufig. Eine Zeit lang hatte ich sie exakt einmal pro Woche. Da konnte ich die Uhr danach stellen. Dann verstärkten sich die Beschwerden etwas, die Pausen zwischen den einzelnen Attacken wurden länger und es pendelte sich bei so alle 14 Tage ein. Meistens gehe ich arbeiten und normalerweise bekommt meine Umwelt gar nicht mit, dass ich eine Migräneattacke habe.
Ich habe keine klassische Migräne mit einer Aura, bei der man bestimmte Vorboten wahrnehmen kann. Aber meine Stimmung ändert sich ein wenig. Am Vorabend der Migräne werde ich brummeliger und unzufriedener. Das nehme ich oft gar nicht selber wahr, aber meine Frau bemerkt es. Sie hat das im Laufe der Jahre oft genug erlebt. Auslöser für die Migräne kann ich bei mir kaum ausmachen. Es gibt Phasen, da sehe ich eine Verbindung mit dem Wetter oder manchmal hatte ich auch bestimmte Genussmittel im Verdacht, was sich aber bisher nicht bestätigt hat. Allerdings lösen normale Kopfschmerzen, beispielsweise von einer Erkältung oder einem Kater nach zu viel Alkohol, häufig eine Migräne bei mir aus.
Was mir aufgefallen ist: Ich habe unmittelbar vor einem Anfall heftige Träume. Das ist für mich auch ein typischer Hinweis, dass die Migräne kommt. Wenn ich spüre, dass die Migräne kommt, dann nehme ich eine Tablette und bleibe noch eine halbe Stunde im Bett liegen und dann war es das auch schon.
Die Attacken kann ich nicht verhindern: Ich habe versucht, vorbeugend Medikamente zu nehmen und habe das Register der Schulmedizin durchprobiert. Eigentlich ausnahmslos ohne jeglichen Effekt - bis auf die entsprechenden Nebenwirkungen der Medikamente. Das Beste, was ich für mich machen kann, ist, mich draußen zu bewegen und zu laufen. Ich habe das Gefühl, dass das die Häufigkeit der Migräne etwas reduziert. Dass es Migräne ist, merke ich daran, dass es so ein eigenartiges Gefühl ist. Das ist schwer zu beschreiben. Es ist nicht unbedingt nur der Kopfschmerz, es ist auch dieses Unwohlsein im Bauch. Das fühlt sich anders an, als wenn ich mir den Magen verdorben habe. Ich merke schon am Körpergefühl, dass es etwas anderes ist - also kein Kopfschmerz beispielsweise von einer Erkältung her oder von einer Magenverstimmung, sondern tatsächlich Migräne. Das kann ich ganz deutlich unterscheiden. Auch die Sinneswahrnehmungen sind etwas gestört. Das ist sehr schwer zu beschreiben, aber im Laufe der Jahre hat man die Zeichen kennengelernt. Es ist für mich relativ schnell klar: Das ist eine Migräne.
Ich habe jetzt schon seit 20 Jahren Migräneattacken. Anfangs hatte ich vor jedem sozialen Anlass Sorge, dass ich dort einen Migräneanfall bekomme könnte. Meine Sorge war, nicht daheim zu sein, wenn ich die Migräne bekomme. Die Migräne in gewohnter Umgebung aushalten zu müssen, ist schon schwer genug, aber irgendwo anders zu sein, macht es noch viel schlimmer.
Das hat mich schon eingeschränkt. Heute ist meine einzige Sorge, nicht genügend Tabletten bei mir zu haben. Ich verreise nie ohne die Medikamente. Meine Mutter hatte bis zu meiner Geburt auch Migräne, danach nicht mehr. Auch meine ältere Schwester hatte Migräneanfälle, nicht so oft wie ich, aber ich denke genauso heftig. Meine Mutter fragt sehr oft, wie es mir mit der Migräne geht. Es ist für sie nicht leicht zu wissen, dass ich auch unter der Migräne leide. Sie hat es ja selbst erlebt und kann mitfühlen.
Ich bin in einer Selbsthilfegruppe aktiv und finde das sehr hilfreich. Es tut mir einfach gut, mit Menschen zusammen zu sein, die ähnliche Probleme haben, sich mit ihnen auszutauschen und sich bei Bedarf auch mal zu trösten.
Ich finde es wichtig, möglichst schnell die Diagnose zu bekommen und dass der Arzt gemeinsam mit dem Patienten versucht, das richtige Medikament zu finden, möglichst ohne nennenswerte Nebenwirkungen. Ich finde es auch wichtig, sich nicht dem Leiden hinzugeben und zu meinen, dass man die Beschwerden aushalten muss.
Dafür, finde ich, ist das Leben zu kurz. Wenn die allerersten Anzeichen einer Migräneattacke zu spüren sind, dann sollten nach meiner Meinung auch die Medikamente genommen werden, ohne zu warten und zu zögern.“