Tai Chi bei Parkinson: Eine ganzheitliche Bewegungstherapie

Einführung

Tai Chi, ursprünglich eine chinesische Kampfkunst, hat sich in der westlichen Medizin als wertvolle Bewegungslehre etabliert. Harmonische Bewegungsabläufe, Körperwahrnehmung und achtsame Atmung stehen im Vordergrund. Insbesondere ältere Menschen und Parkinsonpatienten können von verbesserter Stabilität, Beweglichkeit und Lebensqualität profitieren. Dieser Artikel beleuchtet die positiven Auswirkungen von Tai Chi auf Parkinson-Patienten, basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen und Expertenmeinungen.

Was ist Tai Chi?

Tai Chi, auch bekannt als "Schattenboxen", entwickelte sich im chinesischen Kaiserreich als Kampfkunst für den Nahkampf. Heutzutage wird es oft als System der Bewegungslehre oder als eine Form der Gymnastik betrachtet, die der Gesundheit, der Persönlichkeitsentwicklung und der Meditation dient. Millionen Menschen weltweit praktizieren Tai Chi, und in China sind diese Bewegungsfolgen fest in den Alltag vieler Menschen integriert.

Die Übungen bestehen aus langsamen, fließenden Bewegungen, die in festen Abläufen, den sogenannten Formen, miteinander verbunden sind. Anders als statische Kräftigungsübungen werden hier Haltung und Gewicht ständig verlagert. Ein zentrales Element ist die rhythmische Atmung, die den Parasympathikus aktiviert und somit Blutdruck und Herzfrequenz positiv beeinflussen kann.

Tai Chi und Parkinson: Wissenschaftliche Erkenntnisse

Parkinson ist gekennzeichnet durch Bewegungsverlangsamung (Bradykinese), Muskelstarre (Rigor) und Zittern (Tremor). Studien zeigen, dass Tai Chi Parkinsonpatienten helfen kann. Die ruhigen Bewegungsfolgen verbessern die posturale Kontrolle, verringern das Sturzrisiko und fördern die allgemeine Gehfähigkeit. Zudem deuten die Studienergebnisse darauf hin, dass regelmäßig ausgeführte Übungen die Feinmotorik fördern und Muskelsteifheit reduzieren kann.

Eine systematische Übersicht und Meta-Analyse von Lou et al. (2025) bewertete den Einfluss von Tai Chi auf die Balance, Mobilität und Gangfunktion bei Parkinson-Patienten. Die Analyse, die 16 Studien mit insgesamt 963 Teilnehmern einbezog, zeigte, dass Tai Chi gegenüber herkömmlichen Medikamenten signifikante Verbesserungen in der Balancefunktion, der Mobilitätsfunktion und der Ganggeschwindigkeit erzielte. Im Vergleich zu anderen Übungstherapien war Tai Chi überlegen in Balancefunktion, Mobilität und Gangumfang.

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Eine Forschergruppe untersuchte zwei Patientenkohorten über fünf Jahre von 2016 bis 2021. Eine Gruppe mit Morbus-Parkinson-Patienten nahm regelmäßig zweimal in der Woche an einem Tai-Chi-Training (n=143) teil. Der Schweregrad der Erkrankung wurde bei allen Teilnehmerinnen zu Beginn des Beobachtungszeitraums bewertet. Alle Probandinnen wurden danach im November 2019, Oktober 2020 und Juni 2021 erneut untersucht. Das Ausmaß der motorischen und nicht-motorischen Symptome wurde anhand validierter Skalen verfolgt. Es zeigte sich, dass das Tai-Chi-Training den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflusste. Auch die Zahl der Patientinnen, die ihre Medikation erhöhen mussten, war in der Vergleichsgruppe höher als in der Tai-Chi-Gruppe. Die Studienautorinnen weisen darauf hin, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, die keine eindeutigen Rückschlüsse auf Ursache und Wirkung zulasse.

Die Vorteile von Tai Chi für Parkinson-Patienten im Detail

  • Verbesserte Balance und Körperkontrolle: Tai Chi fördert die dynamische Balance durch koordinierte Bewegungsabfolgen, den Fokus auf die Körpermitte und eine bewusste Fuß- und Beinstellung. Dies ist besonders wichtig für Parkinson-Patienten, die einem erhöhten Sturzrisiko ausgesetzt sind.
  • Erhöhte Mobilität und Gehfähigkeit: Die langsamen, kontrollierten Schrittfolgen fördern die Standfestigkeit und Beinmuskulatur, ohne den Körper zu überlasten.
  • Reduzierung von Muskelsteifheit und Verbesserung der Feinmotorik: Durch die langsame Bewegungsführung und das konzentrierte Arbeiten mit der Körperachse werden die Bewegungen bewusst initiiert, durchgeführt und beendet. Das verbessert die motorische Steuerung und die propriozeptive Wahrnehmung.
  • Psychische Stabilisierung und Stressreduktion: Die bewusste Atmung kann psychisch stabilisieren und Stress reduzieren, was den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann.
  • Ganzheitlicher Ansatz: Tai Chi vereint Elemente der Bewegung, Atmung und Meditation zu einem ganzheitlichen Ansatz, der körperliche und psychische Ressourcen stärkt.

Tai Chi im Vergleich zu anderen Therapieformen

In der Zusammenschau zeigen verschiedene Studien, dass Tai-Chi für Parkinsonkranke mehrere Vorteile hat: Es gehört zu den Therapieformen mit dem größten Nutzen, ist günstig, man benötigt keine zusätzliche Ausrüstung und kann die Übungen überall und zu jeder Uhrzeit absolvieren. Ähnlich wie beim Yoga sind beim Tai-Chi Körper und Geist gemeinsam gefordert, werden aber nicht über die Maßen strapaziert.

Praktische Anwendung von Tai Chi bei Parkinson

Tai Chi kann prinzipiell gut in bestehende Therapiepläne oder als Komplementärmaßnahme integriert werden. Wichtig ist eine sorgfältige Einführung in die Grundhaltungen und Bewegungsabläufe. Da Tai Chi grundsätzlich langsam und kontrolliert ausgeführt wird, ist das Verletzungsrisiko gering. Um einen nachhaltigen Nutzen zu erzielen, braucht es Kontinuität. Idealerweise wird Tai Chi zwei- bis dreimal pro Woche praktiziert. Das Training kann in fast jeder Umgebung stattfinden und lässt sich unkompliziert in den Alltag integrieren. Die Tai-Chi-Sequenzen lassen sich individuell an die Bedürfnisse der älteren oder neurologisch Erkrankten anpassen, etwa durch vereinfachte Formen oder Übungen im Sitzen, um auch bei starken Bewegungseinschränkungen das Oberkörpergleichgewicht zu schulen.

Der Tai-Chi-Lehrer und Therapeut Mirko Lorenz hat mit „Keep Moving“ eine aus dem Tai-Chi abgeleitete und allseits anerkannte Taiji-Therapie für Bewegungsstörungen und Parkinson entwickelt. Keep Moving ist ein anerkanntes Trainingsprogramm bei Bewegungsstörungen und Parkinson, das sich den Gesundheitsaspekt der Bewegungslehre Taiji besonders zunutze macht. Es ist leicht erlernbar und hat einen baukastenähnlichen Aufbau. Das Training verbessert Gleichgewicht, Körperkontrolle und Motorik sowie die Fähigkeit zu Entspannung und Konzentration und es hebt die innere Stimmung.

Wichtige Aspekte für die Ausübung von Tai Chi

  • Weichheit: Hauptprinzip des Tai-Chi ist die „Weichheit“ - das heißt: Der Übende soll sich natürlich, entspannt, locker und fließend bewegen. Die Bewegungsabfolgen sind explizit mit einem Minimum an Kraft auszuführen und zumeist langsam angelegt, damit die technische Umsetzung möglichst korrekt erfolgt.
  • Entspannung: Der Körper soll „entspannt“ sein - allerdings nicht schlaff, sondern in fokussierter Anspannung jener Muskeln, die für eine bestimmte Bewegung oder Haltung wirklich benötigt werden. Ziel ist es, die Jin- oder Explosivkraft auszubilden: schnelle, gerichtete Bewegungen, die in manchen Situationen plötzlich erforderlich sind und keinerlei hemmenden Spannungen unterliegen dürfen.
  • Atmung: Der Atem geht stets tief und fließt locker und natürlich in den Bauch. Dadurch ist die Atemfrequenz deutlich niedriger als bei der normalerweise verwendeten Brustatmung.
  • Konzentration: Die Bewegungen im Tai Chi sind bewusst und aufmerksam auszuführen. Allerdings soll sich die Konzentration nicht ausschließlich auf die Vorgänge im Körperinneren richten, sondern neben einer Wahrnehmung der eigenen Bewegungen ausdrücklich auch jenen Reizen gelten, die die Umwelt bereithält.

Ernährung und Parkinson

Neben Bewegungstherapien wie Tai Chi spielt auch die Ernährung eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Parkinson. Professor Andreas Michalsen, Experte für klinische Naturheilkunde, betont die Bedeutung einer gesunden und ausgewogenen Ernährung sowie die potenziellen Vorteile des Fastens bei neurologischen Erkrankungen wie Parkinson. Er forscht auch zum Thema Mikrobiom und Darm-Hirn-Achse.

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