Tanzen als Präventionsmaßnahme gegen Alzheimer: Studien und Erkenntnisse

Die Alzheimer-Krankheit stellt eine wachsende Herausforderung für alternde Gesellschaften dar. Neben medikamentösen Ansätzen rücken präventive Maßnahmen immer stärker in den Fokus. Studien deuten darauf hin, dass Tanzen eine besonders effektive Methode sein könnte, um das Risiko einer Demenzerkrankung zu senken. Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesem Thema und zeigt, warum Tanzen mehr als nur ein Hobby ist - es ist ein ganzheitliches Training für Körper und Geist.

Der aktuelle Stand der Forschung: Bewegung und Kognition

Die Zusammenhänge von Alterungsprozessen und körperlicher Aktivität werden schon seit längerer Zeit wissenschaftlich untersucht. Die positive Auswirkung von körperlicher Aktivität auf kognitive Funktionen lässt sich auch in der aktuellen WHO-Empfehlung „Risikominimierung von kognitivem Abbau und Demenzprävention“ wiederfinden. Kernaussage der Empfehlung ist, dass Erwachsene ab 65 Jahren wöchentlich mindestens 150 Min. (ideal 300 Min.) mäßig intensive aerobe körperliche Aktivität oder mindestens 75 Min. intensive aerobe körperliche Aktivität (oder eine entsprechende Kombination) durchführen sollten, um einem körperlichen & kognitiven Abbau entgegen zu wirken.

Harvard-Studie: Moderate Bewegung zeigt Wirkung

Eine aktuelle Harvard-Studie bringt neue Erkenntnisse: Bereits 3.000 bis 5.000 Schritte täglich verlangsamen den kognitiven Verfall messbar. Eine Anfang November in Nature Medicine veröffentlichte Analyse von Dr. Jasmeer Chhatwal und seinem Team der Harvard Medical School zeigt einen direkten Zusammenhang zwischen moderater Bewegung und reduzierten Tau-Protein-Ablagerungen im Gehirn. Diese Proteine gelten neben Beta-Amyloid-Plaques als Haupttreiber der Alzheimer-Erkrankung.

Studie aus den USA und Kanada: Schrittzahl und Gehirnaktivität

In ihrer Studie, die diese Woche in "Nature Medicine" erschienen ist, hat ein Wissenschaftler-Team aus den USA und Kanada um die Neurologen Way-Ying Wendy Yau und Jasmeer P. Chhatwal knapp 300 ältere Personen untersucht. Bei 88 von ihnen hatten sich bereits Beta-Amyloid-Ablagerungen und Tau-Proteine im Gehirn befunden, die als für Alzheimer ursächlich vermutet werden. Die Probanden zeigten aber noch keine Symptome der Gehirnerkrankung. Zu Beginn der Studie haben die Forscher sieben Tage lang die Zahl ihrer Schritte pro Tag mittels eines Schrittzählers gemessen. Die Probanden teilten sie daraufhin in vier Gruppen ein: "Inaktive" mit 3.000 oder weniger Schritten, "wenig Aktive", die zwischen 3.001 bis 5.000 Schritte gingen, "mäßig Aktive" mit 5.001 bis 7.500 und "Aktive" mit mehr als 7.501 Schritten. 14 Jahre lang führten die Forscher mit den Probanden einmal jährlich kognitive Tests durch und maßen die Amyloid- und Tau-Ablagerungen im Gehirn. Das Ergebnis: Bei den Probanden, die mehr als 3.000 Schritte am Tag gingen, zeigte sich eine signifikante Verbesserung gegenüber den "Inaktiven", also eine geringere Anreicherung der Ablagerung. Die größte Reduktion gab es bei 5.001 bis 7.500 Schritten - zusätzliche Bewegung darüber hinaus brachte keine zusätzliche Verbesserung. Auch bei den Tests zur kognitiven Leistungsfähigkeit schnitten die Probanden mit der "mäßigen Aktivität" am besten ab. Die Studien-Autoren gehen daher davon aus, dass schon ein moderates Maß an körperlicher Aktivität, das auch ältere Personen schaffen können, ausreicht, um Alzheimer entgegenzuwirken.

Bewegungsmangel als Risikofaktor

Für den Direktor des Instituts für kognitive Neurologie und Demenzforschung am Uni-Klinikum Magdeburg, Emrah Düzel, passt das Ergebnis zu bisherigen Erkenntnissen: "Bewegungsmangel ist ein etablierter Risikofaktor für die Alzheimererkrankung." Erstmals zeige diese Studie Effekte auch bei Menschen, die bereits Alzheimer-typische Veränderungen im Gehirn haben. Körperliche Aktivität scheint demnach die Ausbreitung der Krankheit zu verlangsamen und die mentale Leistungsfähigkeit zu schützen. Welche Reaktion die Bewegung im Gehirn auslöst, wird durch die Studie nicht klar. Aber Düzel geht davon aus, dass Bewegung auch die Kognition trainiert: "Die Personen müssen navigieren, sich orientieren und mit ihrer Umgebung interagieren."

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Kritik an der Studie

An der jetzt vorgelegten Studie gibt es aber auch Kritik. René Thyrian vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Rostock bemängelt, dass nur einmal, zu Beginn der Studie, das Ausmaß der Bewegung gemessen wurde. Und andere Bewegungsformen, wie Radfahren, nicht berücksichtigt wurden. Außerdem könne mit dem gewählten Studiendesign keine Kausalität gezeigt werden, was die Autoren auch selbst als Schwachpunkt vermerken - sprich: es könnte auch sein, dass die Probanden sich mehr bewegten, weil sie weniger Ablagerungen im Gehirn hatten. Dennoch passt das Studien-Ergebnis zu vielen anderen Studien, die ähnlich positive Wirkung von körperlicher Aktivität für die Gehirngesundheit zeigen.

Warum Tanzen mehr als nur Bewegung ist

Tanzen kombiniert Bewegung mit Koordination - und könnte damit zur effektivsten Präventionsmaßnahme gegen Alzheimer werden. Doch Tanzen bietet mehr als bloße Schritte. “Was gut für das Herz ist, ist auch gut für den Kopf”, betont das Forscherteam. Die Kombination aus Bewegung und komplexer Koordination aktiviert Hirnareale, die beim reinen Gehen kaum beansprucht werden.

Neuromuskuläre Koordination im Fokus

Lange dominierten Cardio-Training und Muskelaufbau die Fitnessdebatten. Doch angesichts alternder Gesellschaften rückt ein anderer Faktor in den Fokus: neuromuskuläre Koordination. Die Fähigkeit, komplexe Bewegungsmuster abzurufen, schützt vor Stürzen - einer Hauptursache für Pflegebedürftigkeit im Alter. Tanzen trainiert dabei gezielt Kleinhirn und Basalganglien, Hirnareale für Feinmotorik und Gleichgewicht.

Emotionale und soziale Aspekte des Tanzens

Eine im März 2025 in Psychology of Sport & Exercise veröffentlichte Studie der University of Surrey ergänzt das Bild: Tanzen aktiviert durch die Synchronisation von Bewegung und Musik das Belohnungszentrum massiv. Die Ausschüttung von Endorphinen und Oxytocin stärkt die psychische Widerstandskraft weit stärker als reines Fitnesstraining.

Tanzen als "Multipillen-Strategie"

Während Schwimmen oder Radfahren hervorragend für die Ausdauer sind, fehlt ihnen die kognitive Komponente des Neulernens. Neue Schrittfolgen merken, im Takt bleiben, das Gleichgewicht halten - diese komplexe Dreifachforderung macht Tanzen zur “Multipillen-Strategie” für die Gesundheit. Die Kombination aus körperlicher Bewegung, kognitiver Herausforderung und emotionaler Entlastung trainiert Neuroplastizität - die Formbarkeit des Gehirns. Genau diese Eigenschaft gilt als entscheidend für den Erhalt kognitiver Fähigkeiten im Alter.

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OVGU/ DZNE MAGDEBURG - Forschungsvorhaben: „DiADEM - Dance Against DEMentia“

Eine innovative & interdisziplinäre Forschergruppe aus Sport-, Neuro-, und Gesundheitswissenschaftlerinnen, untersucht die Wirkung eines multimodalen, musikunterlegten sportiven Tanztrainings auf kognitive, motorische, emotionale Funktionen, die Neuroplastizität sowie die Lebensqualität bei älteren Menschen, die an einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI) - einer möglichen Frühform der Demenz- erkrankt sind. Forschergruppen der Otto-von-Guericke Universität und des Deutschen Zentrums für Neurologische Erkrankungen (Magdeburg) konnten bereits positive Effekte eines sportiven Tanztrainings (im Vergleich zu einem klassischen Gesundheitssporttraining) auf die Neuroplastizität und die kognitiven Fähigkeiten bei gesunden Senioreninnen im Alter von 63 bis 80 Jahren wissenschaftlich belegen. Bei Teilnehmerinnen des Tanztrainings zeigten sich nach Kernspinaufnahmen des Kopfes Volumenzunahmen der grauen Hirnsubstanz in prämotorischen und parahippocampalen Regionen. Die Volumenzunahmen gingen mit einem signifikanten Anstieg des Nervenwachstumsfaktors BDNF (Brain-derived neurotrophic factor) im Blutplasma einher. Dafür wurde das Forscherteam 2017 mit dem Theo und Friedl Schöller Preis für Altersmedizin ausgezeichnet. Eine weitere signifikante Verbesserung, die nur in der Tanzgruppe registriert wurde, ist die Verbesserung der Gleichgewichtsfähigkeiten. Studienergebnisse zeigen außerdem, dass ein gezieltes Tanztraining effektiver als herkömmliche körperliche Aktivität sein kann, wenn es um die Verbesserung der Gangsicherheit, den Erhalt von kognitiven Fähigkeiten und die soziale Interaktion geht. Insbesondere die Isolation im Alter ist eine Gefahr für alleinstehende Senioreninnen, bzw. Paare bei denen nur ein Partner von Krankheit betroffen ist. Beim gemeinschaftlichen Tanztraining soll einer Vereinsamung entgegengewirkt werden. Die bisherigen Erkenntnisse geben Grund zur Annahme, dass ein spezielles Bewegungsprogramm mit ausgewählten Mitteln und Methoden des Tanzes ein kostengünstiges Präventionsangebot - sowohl auf gesundheitspolitischer als auch auf individueller Ebene- darstellen kann.

"Wir tanzen wieder!": Einblicke in die Praxis

Die Kombination von selbstbestimmtem Handeln und Bewegung ist genau das, was Stefan Kleinstück mit seiner Initiative „Wir tanzen wieder!“ seit 2005 umsetzt (www.wir-tanzen-wieder.de). Der Leiter des Demenz-Servicezentrums Region Köln und das südliche Rheinland setzt dabei nicht auf Tanzveranstaltungen im Seniorenheim, sondern in Tanzschulen. In Kooperation mit Schulen aus ganz Deutschland veranstaltet die Initiative monatlich 90-minütige Tanznachmittage für Menschen mit Demenz, Senioren und Angehörige. Menschen mit Gehhilfen, Rollatoren oder Rollstühlen sind ebenfalls ausdrücklich willkommen. Denn Ziel ist auch, ein Miteinander zu schaffen, das nicht zwischen gesund und krank unterscheidet, das die Tänzer für das Thema Alter und Demenz sensibilisiert. Und selbstbestimmt sind die Tänzer auf jeden Fall, wie die „Süddeutsche Zeitung“ treffend formulierte: „Warum die alte Dame lieber mit mit ihrem Rollator schunkelt?

NETZwerk Demenz im Kreis Kleve

Das NETZwerk Demenz im Kreis Kleve lädt Senioren, demenziell Erkrankte und ihre Angehörigen zum "Tanz im Mai" ein. Die Bewegung zur Musik unterstützt die Gehirnstrukturen, die für das Gedächtnis wichtig sind. Und je mehr und je öfters man tanzt, umso besser. Kurzum: Viel Tanzen hilft viel. Zudem macht die Tanzveranstaltung auch einfach unheimlich viel Freude. Statt Informationsveranstaltungen, wo Krankheit und Last immer im Vordergrund stehen, wollten wir auch einmal was Nettes für die Betroffenen und deren Angehörigen anbieten. Denn auch das ist wissenschaftlich erwiesen: Gemeinschaft und Freizeitaktivitäten reduzieren das Demenz-Risiko.

Gehirntraining auf dem Laufband

Schon vor 13 Jahren konnte ein Forscherteam des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin zeigen, dass Probanden mit einem speziellen Laufband-Training dem altersbedingten, nicht durch Alzheimer verursachten, Abbau von bestimmten Hirn-Arealen entgegenwirkten. Dazu mussten sie während des Geh-Trainings, über einen Bildschirm gesteuert, durch einen virtuellen Zoo navigieren, sich in einer Art Videospiel den Weg suchen. Dadurch wurde der Abbau des Hippocampus, der für die räumliche Orientierung verantwortlichen Hirnregion, verringert. Das legt nahe, dass eine umfassende, die Sinnesreize anregende Bewegung besonders förderlich ist. Emrah Düzel empfiehlt sich nicht nur mit 5.000 Schritten zufriedenzugeben, sondern Sportarten wie Radfahren, Tanzen oder Joggen auszuüben, die zusätzlich das Gehirn stimulieren.

Wie man Bewegung in den Alltag integriert

Nicht nur ausreichende Bewegung schützt das Gehirn, sondern der Lebensstil. Damit man ausreichend Bewegung erlangt, sollte diese regelmäßig erfolgen. Das, so René Thyrian geht dann gut, wenn sie "Freude macht und gut in den Alltag integrierbar ist." Wichtig sei aber auch ein insgesamt gesunder Lebensstil, zum auch ausgewogene Ernährung, geistige Aktivität und soziale Kontakte gehören. Damit würde auch anderen Krankheiten vorgebeugt.

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Tanzen auf Rezept?

Die wissenschaftliche Beweislast wird erdrückend. Das Konzept des “Social Prescribing”, bei dem Ärzte Tanzkurse verschreiben, gewinnt in Großbritannien und Kanada bereits an Fahrt. Die Harvard-Daten dürften diesem Trend auch in Deutschland und Österreich Auftrieb geben. Krankenkassen und Gesundheitsdienstleister werden vermutlich in den kommenden Monaten verstärkt Pilotprojekte starten. Zertifizierte Tanzkurse als Präventionsmaßnahme - nicht nur für die physische, sondern explizit für die kognitive Gesundheit. Fitnessstudios und Sportvereine positionieren sich längst nicht mehr nur als Freizeitanbieter. Von Zumba bis Standard-Latein verstehen sie sich zunehmend als Partner der Gesundheitsvorsorge. Die Zahlen geben ihnen Recht: Jeder Takt zählt im Kampf gegen das Vergessen.

Geistige Aktivität als Schlüssel zur Vorbeugung

Wer geistig aktiv ist, kann die Leistungsfähigkeit seines Gehirns verbessern. Durch Anregung der Nervenzellen können sich diese besser vernetzen und sich die Verbindungen besser festigen. Die kognitive Reserve ist einer von mehreren Aspekten, die den Verlauf einer Alzheimer-Erkrankung beeinflussen können. So zeigen sich typische Alzheimer-Symptome nachweislich später bei Menschen, die ihr Leben lang geistig aktiv waren - zum Beispiel im Beruf oder im sozialen Leben. Auch wer schon älter ist, kann seine geistigen Reserven positiv beeinflussen. Wichtig ist, das Gehirn zu fordern und so die Neuronen zur Vernetzung anzuregen.

Welche Aktivitäten fordern das Gehirn?

Es hilft zum Beispiel nicht, jeden Tag ein Kreuzworträtsel zu lösen, denn dabei wird nur bereits bekanntes Wissen abgefragt. Eine eindeutige Empfehlung, welche Aktivität am besten geeignet ist, um eine Demenzerkrankung wie Alzheimer vorzubeugen, gibt es nicht. Welche geistigen Aktivitäten das Gehirn besonders gut fordern? Eine Auswahl:

  • Musik - hören oder machen
  • Lesen - Bücher, Zeitschriften, Zeitungen
  • Spiele - Kartenspiele, Gesellschaftsspiele, Puzzles, Computer- und Videospiele
  • Neues lernen - eine Fremdsprache, eine Sportart, ein Hobby

Dabei gilt: Je komplexer die Tätigkeit, desto anregender fürs Gehirn. Wer zum Beispiel tanzt, trainiert gleichzeitig Gedächtnis, Motorik und Koordination - und profitiert zudem vom sozialen Miteinander als Paar oder in der Gruppe.

Musik als Schlüssel zur Vorbeugung

Es gibt wenige Dinge, die das Gehirn so anregen wie Musik. So regt Musik neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn an und hilft so bei der Vorbeugung gegen Alzheimer. Ähnlich wie das Tanzen hat das Musizieren dabei einen der größten Trainingseffekte. Das Erlernen und Üben feinmotorischer Bewegungen, das Lesen von Noten und die Schulung des Gehörs stärken das Gehirn und tragen zur geistigen Fitness bis ins hohe Alter bei. Und es ist nie zu spät, um anzufangen. So fand eine Musikprofessorin der University of South Florida in einer Studie heraus, dass selbst Menschen, die erst im Seniorenalter ein Instrument erlernen, in relativ kurzer Zeit ihre kognitiven Fähigkeiten, wie Gedächtnis und Problemlösen verbessern können. Auch das bloße Musikhören trainiert das Gehirn - vor allem, wenn die Musik für uns neu ist. Ungewohnte Klänge, Melodien oder Akkorde bringen Abwechslung auf die Ohren.

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