Taubheitsgefühl im Arm: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Viele Menschen erleben gelegentlich ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl in Armen und Beinen, oft nach langem Sitzen in einer bestimmten Position. Dieses Phänomen, das umgangssprachlich als "eingeschlafene Gliedmaßen" bezeichnet wird, ist meist harmlos und verschwindet schnell wieder. Doch wann sind solche Empfindungen ein Warnsignal, das eine ärztliche Untersuchung erfordert? Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen für Taubheitsgefühle im Arm, von harmlosen Auslösern bis hin zu ernsthaften Erkrankungen, und gibt Hinweise, wann man einen Arzt aufsuchen sollte.

Harmloses "Einschlafen" der Gliedmaßen

Ein Kribbeln, Prickeln oder Taubheitsgefühl in Armen und Beinen, das nach längerem Verharren in einer bestimmten Körperhaltung auftritt, ist in der Regel unbedenklich. In solchen Situationen können Nerven eingeengt oder schlechter durchblutet werden, was zu den typischen Missempfindungen führt. Durch Bewegung und Strecken der betroffenen Gliedmaßen lässt sich das Problem meist schnell beheben.

Ältere Menschen neigen aufgrund des weniger straffen Bindegewebes häufiger zu eingeschlafenen Gliedmaßen. Bereits das Anlegen des Arms an einer Tischkante kann dazu führen, dass Nerven schneller gequetscht werden.

Warnzeichen: Wann ist ein Arztbesuch ratsam?

Ein Taubheitsgefühl, das über einen längeren Zeitraum anhält oder ohne erkennbaren Auslöser auftritt, sollte ärztlich abgeklärt werden. Insbesondere wenn das Gefühl dauerhaft besteht, ist es wichtig, der Ursache auf den Grund zu gehen. Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis.

Mögliche Ursachen für Taubheitsgefühle im Arm

Die Ursachen für Taubheitsgefühle im Arm können vielfältig sein. Im Folgenden werden einige der häufigsten neurologischen und gefäßbedingten Ursachen näher erläutert:

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Neurologische Ursachen

  • Bandscheibenvorfall: Drückt Bandscheibengewebe auf Nerven, kann dies zu Taubheit und Kribbeln führen. Bei einem Bandscheibenvorfall im Bereich der Halswirbelsäule sind häufig Hände und Finger betroffen, während bei einem Vorfall im Bereich der Lendenwirbelsäule Empfindungsstörungen in Gesäß und/oder Beinen auftreten können.
  • Karpaltunnelsyndrom: Durch den Karpaltunnel, einen Durchgang zwischen Hand und Unterarm, verläuft der Mittelnerv. Ist dieser Nerv eingeengt, können seine Signale nicht mehr richtig in der Hand ankommen. Typische Symptome sind Kribbeln, Taubheit oder Schmerzen in Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Ursache ist oft eine übermäßige Beanspruchung des Handgelenks, beispielsweise durch die Arbeit am Computer. Bereits bei ersten Anzeichen sollte man prophylaktisch ergonomische Tastaturen und Mäuse verwenden.
  • Ulnarisparese (Radfahrerlähmung): Durch das Halten des Lenkers in einer bestimmten Stellung kann der Ulnarisnerv im Arm beeinträchtigt werden, was zu Taubheitsgefühlen in Ring- und kleinem Finger führen kann. Ein korrekt eingestellter Lenker, regelmäßige Pausen und gut gepolsterte Handschuhe können helfen.
  • Polyneuropathie: Bei dieser Schädigung der peripheren Nerven reagieren besonders die feinen Nervenenden in den Füßen und Händen empfindlich, wodurch erste Beschwerden oft dort beginnen. Typisch ist eine beidseitige Ausbreitung der Missempfindungen in strumpf- oder handschuhartiger Verteilung. Auslöser können unter anderem Diabetes, Alkoholkonsum über längere Zeit, ein Vitamin-B12-Mangel, Infektionen oder Gifte sein.
  • Multiple Sklerose (MS): Gefühlsstörungen, Sensibilitätsstörungen und Missempfindungen wie Kribbeln, Taubheit oder neuropathische Schmerzen zählen zu den frühesten und häufigsten Symptomen einer Multiplen Sklerose (MS). Bei der chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems greift das körpereigene Immunsystem die Nervenfasern an, was zu einer gestörten Reizweiterleitung im Gehirn und Rückenmark führen und u. a. ausgeprägte Empfindungsstörungen versuchen kann.
  • Parkinson: Bei Parkinson handelt es sich um eine neurodegenerative Erkrankung, bei der bestimmte Nervenzellen im Gehirn allmählich absterben. Neben den typischen Symptomen wie Muskelsteifigkeit, Bewegungsverlangsamung und dem charakteristischen Zittern können auch Gefühlsstörungen wie Kribbeln, Taubheitsgefühle oder ein diffuses Missempfinden auftreten - vor allem dann, wenn neben den Bewegungszentren auch sensorische Bahnen oder die Wahrnehmungsverarbeitung betroffen sind.
  • Migräne: Insbesondere bei einer Migräne mit Aura können Gefühlsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle frühe Anzeichen einer beginnenden Attacke sein. Die Missempfindungen treten häufig im Gesicht oder den Extremitäten auf und gehören zur sogenannten Aura-Phase, die der eigentlichen Kopfschmerzphase vorausgeht.
  • Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Bei der seltenen Autoimmunerkrankung richtet sich das Immunsystem gegen die peripheren Nerven, greift sie an und zerstört sie. Zunächst äußert sich das häufig durch Kribbeln und Taubheitsgefühle in Händen und Füßen. Im Verlauf können Lähmungserscheinungen hinzukommen, die sich mitunter auf den ganzen Körper ausbreiten. Einem GBS geht oft eine Infektion voraus. Die meisten Erkankten erholen sich innerhalb von einigen Wochen bis Monaten.
  • Ulnartunnel- und Ulnarrinnensyndrom: Zwischen Axel und Hand liegt der Ellen-Nerv (Nervus ulnaris). Hinten am Ellenbogen verläuft dieser Nerv durch eine Knochenrinne; an der Hand passiert er den Ulnartunnel. Gerät der Nerv etwa durch falsche Hand-Haltung beim Radfahren unter Druck, äußert sich das durch Taubheitsgefühle - vor allem am kleinen Finger und teilweise am Ringfinger („Radfahrerlähmung“). Ist der Nerv im Ellenbogen-Bereich eingeklemmt, ruft das ebenfalls Missempfindungen an den Händen hervor. Ursache sind zum Beispiel Unfälle oder Fehlbelastungen wie häufiges Arm-Aufstützen auf hartem Untergrund.

Gefäßbedingte Ursachen

  • Durchblutungsstörungen: Kribbeln und eingeschlafene Gliedmaßen können auf eine gefährliche Durchblutungsstörung hindeuten, etwa aufgrund von Thrombosen oder verkalkten Arterien. In solchen Fällen ist schnelles Handeln erforderlich, da die Muskulatur nicht ausreichend durchblutet wird und die Nerven Schaden nehmen können.
  • Schlaganfall: Bei einem Schlaganfall wird ein Teil des Gehirns nicht mehr richtig durchblutet. Häufig passiert das durch ein Blutgerinnsel, das ein Hirngefäß verstopft, seltener durch eine Hirnblutung. Die Minderdurchblutung führt zu einem Sauerstoffmangel, der je nach Ausmaß lebensbedrohlich sein kann. Kribbeln und Taubheitsgefühle oder Lähmungserscheinungen in Arm, Bein oder Gesicht können auf einen Schlaganfall hinweisen - vor allem, wenn sie nur eine Körperseite betreffen.
  • Periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK): Bei der PAVK ist der Blutfluss in den Beingefäßen behindert. Das äußert sich durch Schmerzen - zu Beginn nur beim Gehen. Typischerweise sind diese Schmerzen so ausgeprägt, dass sie immer wieder zum Stehenbleiben zwingen („Schaufensterkrankheit“).
  • Raynaud-Syndrom: Hier lösen zum Beispiel Kälte oder Stress Gefäßkrämpfe aus. Dies führt zu anfallsartigen Durchblutungsstörungen, vor allem in den Händen, manchmal auch an den Füßen. Bemerkbar macht sich das typischerweise durch kalte, blasse, bläuliche oder rote und gefühllose Finger, die wehtun und sich taub anfühlen können.

Weitere Ursachen

  • Muskelverspannungen: Chronische Muskelverspannungen im Schulter-Nacken-Bereich können ebenfalls zu nächtlichen Missempfindungen in Händen und Fingern führen.
  • Stoffwechselstörungen: Auch Stoffwechselstörungen, wie Diabetes mellitus, können mit einem Taubheitsgefühl in der Hand oder im Arm einhergehen.
  • Psychische Störungen: Missempfindungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle können auch im Zusammenhang mit Angstzuständen, Panikattacken oder chronischem Stress auftreten. In Stress-Situationen kann es zu Hyperventilation kommen, wodurch die Menge an Kohlendioxid im Blut abnimmt und Nerven und Muskeln kurzfristig zu stark erregt werden.
  • Mausarm (RSI-Syndrom): Der Mausarm, auch als Repetitive Strain Injury (RSI) Syndrom bekannt, betrifft in erster Linie Hand und Arm, kann aber auch Schulter und Nacken beeinträchtigen. Ursache ist eine chronische Über- und Fehlbelastung durch sich ständig wiederholende Bewegungsabläufe, wie sie beispielsweise bei der Arbeit am Computer auftreten.
  • Medikamente und Umweltgifte: Vergiftungen, zum Beispiel mit Schwermetallen, haben mitunter chronische Schäden an den Nerven zur Folge, die zu Missempfindungen führen. Auch einige Medikamente können als Nebenwirkung Kribbeln und Taubheitsgefühle verursachen.

Diagnose und Behandlung

Um die Ursache für Taubheitsgefühle im Arm zu ermitteln, ist eine sorgfältige Diagnose erforderlich. Diese umfasst in der Regel:

  • Anamnese: Ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt, in dem die Art, Dauer und Beg Begleitsymptome der Beschwerden erfasst werden.
  • Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht die betroffene Region, testet die Sensibilität und Beweglichkeit und prüft die Reflexe.
  • Neurologische Untersuchung: Bei Verdacht auf eine neurologische Ursache werden spezielle Tests durchgeführt, um die Funktion der Nerven zu überprüfen.
  • Elektrophysiologische Untersuchungen: Messungen der Nervenleitgeschwindigkeit können helfen, Nervenschäden zu identifizieren.
  • Bildgebende Verfahren: In einigen Fällen können Röntgenaufnahmen, Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) erforderlich sein, um beispielsweise einen Bandscheibenvorfall oder andere strukturelle Veränderungen auszuschließen.
  • Blutuntersuchungen: Bluttests können Hinweise auf Stoffwechselstörungen, Vitaminmangel oder Entzündungen liefern.

Die Behandlung richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Sie kann konservative Maßnahmen wie Physiotherapie, Schmerzmittel oder entzündungshemmende Medikamente umfassen. In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, beispielsweise bei einem Karpaltunnelsyndrom oder einem Bandscheibenvorfall.

Konservative Behandlungsmöglichkeiten

  • Physiotherapie: Durch gezielte Übungen können Verspannungen gelöst, die Muskulatur gestärkt und die Beweglichkeit verbessert werden.
  • Ergonomie: Eine ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes kann helfen, Fehlhaltungen und Überlastungen zu vermeiden.
  • Schmerzmittel: Bei Bedarf können Schmerzmittel eingenommen werden, um die Beschwerden zu lindern.
  • Entzündungshemmende Medikamente: Bei entzündlichen Prozessen können entzündungshemmende Medikamente eingesetzt werden.
  • Schiene: Bei einem Karpaltunnelsyndrom kann eine spezielle Schiene den Druck auf den Nerv reduzieren.
  • Wärme- und Kälteanwendungen: Wärme kann helfen, Muskelverspannungen zu lösen, während Kälte Entzündungen reduzieren kann.
  • Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen und Muskelverspannungen zu lösen.
  • Psychotherapie: Vor allem bei chronischem RSI-Syndrom wird außerdem Psychotherapie empfohlen. In dieser erklärt der Psychotherapeut den betroffenen Schmerzpatienten zum Beispiel den Zusammenhang zwischen den auslösenden Faktoren, den Vorgängen im Gehirn und dem auftretenden Schmerz.

Vorbeugende Maßnahmen

Einige Maßnahmen können helfen, Taubheitsgefühlen im Arm vorzubeugen:

  • Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung fördert die Durchblutung und kann helfen, Fehlhaltungen und Verspannungen zu vermeiden.
  • Ergonomischer Arbeitsplatz: Achten Sie auf einen ergonomischen Arbeitsplatz, um Fehlbelastungen zu vermeiden.
  • Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen ist wichtig für die Nervenfunktion.
  • Stressabbau: Vermeiden Sie Stress und sorgen Sie für ausreichend Entspannung.
  • Nicht Rauchen: Rauchen schädigt die Blutgefäße und kann Durchblutungsstörungen verursachen.
  • Regelmäßige Pausen: Legen Sie bei sitzenden Tätigkeiten regelmäßig Pausen ein, um die Durchblutung anzukurbeln und Verspannungen zu lösen.
  • Vermeidung von einengender Kleidung: Vermeiden Sie zu enge Kleidung oder Accessoires, die die Durchblutung beeinträchtigen können.
  • Körperbewusstsein trainieren: Entstehen Taubheitsgefühle im Rahmen von Panikattacken oder als Ausdruck einer psychischen Störung, helfen eventuell Übungen zur Verbesserung des Körperbewusstseins.

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