Temporallappenepilepsie: Erfahrungen, Diagnose und Behandlung

Die Temporallappenepilepsie (TLE) ist eine Form der fokalen Epilepsie, die ihren Ursprung im Temporallappen des Gehirns hat. Sie kann sich durch eine Vielzahl von Symptomen äußern und stellt oft eine Herausforderung in der Diagnose und Behandlung dar. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte der TLE, von den Symptomen und Diagnoseverfahren bis hin zu Behandlungsoptionen und persönlichen Erfahrungen von Betroffenen.

Einführung

Die Temporallappenepilepsie ist die häufigste Form der fokalen Epilepsie bei Erwachsenen. Sie entsteht durch abnormale elektrische Aktivität im Temporallappen, der für Gedächtnis, Emotionen, Sprache und sensorische Verarbeitung zuständig ist. Die Anfälle können sich unterschiedlich manifestieren, was die Diagnose erschweren kann.

Symptome der Temporallappenepilepsie

Die Symptome der TLE sind vielfältig und können von subtilen Veränderungen des Bewusstseins bis hin zu generalisierten tonisch-klonischen Anfällen reichen. Die Unterscheidung zwischen mesialen und lateralen Temporallappenanfällen anhand der Semiologie ist oft schwierig.

Auren

Auren sind häufige Vorboten von Anfällen bei TLE-Patienten. Sie können sich als verschiedene Empfindungen äußern:

  • Abdominell: Aufsteigendes Gefühl im Bauchraum
  • Visuell oder auditiv: Halluzinationen
  • Vestibulär: Schwindelgefühle
  • Sprachstörungen: Schwierigkeiten, Worte zu finden oder zu verstehen
  • Versive Kopfbewegungen: Unwillkürliche Drehungen des Kopfes

Psychische Symptome

Psychische Symptome sind ebenfalls typisch für TLE-Anfälle:

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  • Traumhaftes Erleben (Dreamy State): Das Gefühl, sich in einem Traum zu befinden
  • Déjà-vu: Das Gefühl, eine Situation bereits erlebt zu haben
  • Jamais-vu: Das Gefühl, eine vertraute Situation sei fremd
  • Angst, Freude, Wut: Plötzliche und unerklärliche emotionale Zustände

Ein persönlicher Bericht von Anna, einer 21-jährigen Frau, schildert, wie intensive Déjà-vus zu Übelkeit und Erbrechen führten und schließlich zur Diagnose einer TLE führten.

Autonome Symptome

Autonome Symptome umfassen:

  • Übelkeit
  • Dyspnoe: Atemnot
  • Herzklopfen
  • Hunger
  • Speichelfluss

Weitere Symptome

  • Starrer Blick, "Innehalten": Unterbrechung der Aktivität und Fixierung des Blicks
  • Pupillen zentral: Veränderung der Pupillengröße
  • Bewusstseinsstörung (mit Amnesie): Verlust des Bewusstseins, begleitet von Gedächtnisverlust
  • Motorische Handlungen: Nesteln, Gestikulieren
  • Orale Automatismen: Lecken, Kauen, Schmatzen

Postiktale Phase

Nach dem Anfall können folgende Symptome auftreten:

  • Desorientiertheit
  • Müdigkeit
  • Unruhe
  • Fokal neurologische Defizite: In seltenen Fällen

Diagnose der Temporallappenepilepsie

Die Diagnose der TLE basiert auf einer Kombination aus Anamnese, neurologischer Untersuchung und verschiedenen diagnostischen Tests.

Anamnese

Eine detaillierte Anamnese ist entscheidend, um die Anfallssymptome, Häufigkeit, Dauer und mögliche Auslöser zu erfassen.

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EEG (Elektroenzephalogramm)

Das EEG ist ein wichtiges diagnostisches Instrument, um die elektrische Aktivität des Gehirns zu messen. Bei TLE können einseitige oder beidseitige temporale Spikes oder Spike-Waves auftreten. Ein Langzeit-EEG kann erforderlich sein, um Anfälle aufzuzeichnen und die Diagnose zu bestätigen.

MRT (Magnetresonanztomographie)

Ein hochauflösendes MRT des Kopfes wird durchgeführt, um strukturelle Veränderungen im Gehirn zu identifizieren, wie z.B. Hippocampussklerose, Gliome, arteriovenöse Malformationen, Astrozytome, Oligodendrogliome oder zerebrovaskuläre Erkrankungen.

Weitere Abklärungen

Bei Verdacht auf Vaskulitis oder Sinusvenenthrombose (SVT) können weitere Abklärungen erforderlich sein.

Behandlung der Temporallappenepilepsie

Die Behandlung der TLE zielt darauf ab, die Anfallshäufigkeit zu reduzieren und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie ist die erste Wahl bei der Behandlung der TLE. Es gibt eine Vielzahl von Antiepileptika, die zur Verfügung stehen. Die Wahl des Medikaments sollte patientenorientiert und auf das individuelle Nebenwirkungsprofil abgestimmt sein.

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1. Wahl:

  • Lamotrigin
  • Levetiracetam
  • Lacosamid
  • Zonisamid
  • Eslicarbazepin

2. Wahl:

  • Carbamazepin
  • Cenobamat
  • Oxcarbazepin
  • Topiramat
  • Valproat

3. Wahl:

  • Gabapentin
  • Pregabalin

Es ist wichtig zu beachten, dass die Wirksamkeit der Medikamente individuell variieren kann und eine Anpassung der Dosierung oder ein Wechsel des Medikaments erforderlich sein kann.

Epilepsiechirurgie

Bei pharmakoresistenter TLE, d.h. wenn die Anfälle trotz medikamentöser Therapie nicht ausreichend kontrolliert werden können, kann eine Operation in Betracht gezogen werden. Eine Temporallappen-Teilresektion rechts kann in bestimmten Fällen eine Chance auf Anfallsfreiheit bieten.

Eine Kasuistik beschreibt einen 38-jährigen Patienten mit einer Hippocampussklerose rechts, der trotz Behandlung mit verschiedenen Antiepileptika weiterhin Anfälle hatte. Ihm wurde eine Temporallappen-Teilresektion rechts empfohlen, die er jedoch ablehnte.

Laserthermoablation

Die Laserthermoablation ist eine minimal-invasive Methode, bei der eine Lasersonde verwendet wird, um den Anfallsfokus im Gehirn zu veröden. Diese Methode bietet den Vorteil, dass der Schädel während der Operation nicht geöffnet werden muss.

Alexander Walter, ein 40-jähriger Kaufmann, berichtet von seinen Erfahrungen mit TLE und der Möglichkeit einer Laserthermoablation.

Hirnstimulation

Die Hirnstimulation ist eine weitere Behandlungsoption für Patienten mit pharmakoresistenter TLE. Dabei wird eine Elektrode in das Gehirn implantiert, um die elektrische Aktivität zu modulieren und Anfälle zu verhindern.

Eine Forschergruppe um Prof. Dr. Carola Haas entwickelte ein Verfahren, bei dem eine hochfrequente Stimulation des Gehirnareals während eines Anfalls durchgeführt wird, um diesen zu stoppen.

Frühe Operation

Eine US-amerikanische Studie (ERSET) zeigte, dass eine frühe Operation bei Patienten mit mesialer Temporallappenepilepsie (MTLE), die nicht länger als zwei Jahre an stark behindernden Anfällen gelitten hatten, zu besseren Ergebnissen führte als eine rein medikamentöse Therapie.

Erfahrungen von Betroffenen

Die Erfahrungen von Betroffenen mit TLE sind vielfältig und individuell. Einige berichten von Schwierigkeiten bei der Diagnose und Behandlung, während andere von positiven Erfahrungen mit bestimmten Therapien berichten.

Christine Becker schildert, wie sie im Kleinkindalter erste Symptome zeigte und in der Pubertät die Anfälle zunahmen. Nach einer Operation und medikamentöser Einstellung ist sie nun anfallsfrei und konnte ihren Führerschein machen.

Alexander Walter berichtet von seiner langen Suche nach der richtigen Medikation und Behandlung. Er engagiert sich in der Selbsthilfearbeit und betont die Bedeutung des offenen Umgangs mit der Erkrankung.

Anna beschreibt, wie Déjà-vus zu Übelkeit und Erbrechen führten und schließlich zur Diagnose einer TLE führten. Sie konnte durch Medikamente anfallsfrei werden und ihr Leben weiterleben.

Patientenaufklärung und Lebensführung

Eine umfassende Patientenaufklärung ist entscheidend für den Umgang mit TLE. Themen wie Fahrtauglichkeit, Arbeitstätigkeit und Lebensführung sollten ausführlich besprochen werden.

Fahrtauglichkeit

Die Fahrtauglichkeit ist ein wichtiges Thema für Menschen mit Epilepsie. Die gesetzlichen Bestimmungen variieren je nach Land und Anfallsfreiheit.

Arbeitstätigkeit

Die Arbeitstätigkeit kann durch Anfälle beeinträchtigt werden. Es ist wichtig, die individuellen Einschränkungen zu berücksichtigen und gegebenenfalls Anpassungen am Arbeitsplatz vorzunehmen.

Lebensführung

Eine gesunde Lebensführung mit ausreichend Schlaf, regelmäßiger Ernährung und Stressmanagement kann dazu beitragen, Anfälle zu reduzieren.

Vorstellung in einem Epilepsiezentrum

Im Verlauf der Behandlung ist eine Vorstellung in einem spezialisierten Epilepsiezentrum oft erforderlich, um eine umfassende Diagnostik und Therapieplanung zu gewährleisten.

Selbsthilfe

Selbsthilfegruppen bieten eine wichtige Unterstützung für Menschen mit Epilepsie und ihre Angehörigen. Hier können Erfahrungen ausgetauscht und Informationen erhalten werden.

Alexander Walter engagiert sich in der Selbsthilfearbeit und betont die Bedeutung von Unterstützungsangeboten.

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