Tetraplegie und Paraplegie: Unterschiede, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Eine Querschnittslähmung stellt einen gravierenden Einschnitt im Leben der Betroffenen dar, vor allem, wenn sie dauerhaft besteht. Heilbar ist sie (noch) nicht. Doch zum Glück gibt es Möglichkeiten, die Lebensqualität deutlich zu heben und trotz aller Einschränkungen ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Weltweit sind etwa 2,7 Mio. Menschen querschnittsgelähmt, jedes Jahr kommen 13.000 neue Fälle hinzu. In Deutschland leben circa 140.000 Menschen mit einer Querschnittlähmung - um die 2.350 neue Fälle kommen hier jährlich hinzu.

Was ist eine Querschnittslähmung?

Von einer Querschnittslähmung spricht man, wenn die Nerven im Rückenmark teilweise oder vollständig durchtrennt sind (engl. Spinal Cord Injury). Das Rückenmark kann man sich als eine Nervenleitung vorstellen, die im Wirbelkanal den Rücken entlangläuft und Signale zwischen Körper und Gehirn austauscht. Sind die Nerven im Rückenmark durchtrennt, ist diese Leitung unterbrochen. Dann kann der Informationsaustausch zwischen Körper und Gehirn nicht mehr oder nur noch eingeschränkt stattfinden. Es kommt zu Lähmungen, Empfindungsstörungen und anderen Symptomen.

Das Ausmaß bei einer Querschnittslähmung ist abhängig von der Schwere der Verletzung und der Lage des betroffenen Rückenmarksabschnitts. Grundsätzlich gilt: Je höher das Wirbel- bzw. Rückenmarkstrauma, umso schlimmer das Ausmaß der Lähmung und die damit verbundenen Beeinträchtigungen. Denn je höher der Querschnitt ansetzt, umso weniger kann der Betroffene eigenständig steuern. Eine Querschnittslähmung ist immer die Folge einer vollständigen oder teilweisen Schädigung bzw. Verletzung der Nervenbahnen im Rückenmark: Die Schädigung der absteigenden Nervenfasern, die motorische Signale vom Gehirn an Rumpf, Beine und Arme übertragen, ziehen eine Muskellähmung nach sich.

Arten der Querschnittslähmung: Tetraplegie und Paraplegie

Man unterscheidet inkomplette und komplette Querschnittlähmungen. Außerdem spielt die Höhe der Verletzung eine wichtige Rolle. Die wichtigsten Unterschiede der verschiedenen Querschnitt-Formen sind:

  • Paraplegie/Paraparese: Eine Verletzung in Höhe des Brust oder Lendenmarks hat eine Lähmung bzw. Funktionsstörung der Rumpfmuskulatur und der Beine, sowie den Verlust von Empfindungen wie Berührung, Druck, Schmerz und Temperatur zur Folge. Bei einer Paraplegie ist das Rückenmark auf Höhe der Brust oder Lendenwirbelsäule geschädigt. Untere Extremitäten und Anteile des Rumpfs sind von der Lähmung betroffen. Hat das Rückenmark in Höhe der Lendenwirbelsäule Schaden erlitten, sind beide Beine und Teile des Rumpfes gelähmt. Diese Form der Querschnittslähmung wird in der Fachsprache Paraplegie genannt.

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  • Tetraplegie/Tetraparese: Bei einer Schädigung des Halsmarks sind zusätzlich die oberen Gliedmaßen (Arme, Hände) betroffen. Bei einer Tetraplegie liegt die Verletzung im obersten thorakalen Segment (Th 1) und höher. Arme, Beine und der Rumpf sind betroffen. Bei einer kompletten oder inkompletten Tetraplegie ist das Rückenmark im Halsbereich verletzt. Arme, Beine und der gesamte Rumpf sind ganz oder zum Teil gelähmt, wobei auch die Atemmuskulatur betroffen sein kann. Von einer Tetraplegie spricht man meist, wenn das Rückenmark oberhalb des siebten Wirbels (Wirbel C1 bis C7) beschädigt ist. Der Begriff Tetraplegie meint, dass alle vier Gliedmaßen von der Lähmung betroffen sind. Die Tetraplegie ist eine komplette Lähmung (Plegie) aller vier Extremitäten und gehört zu den Formen der Querschnittslähmung. Ursache für diese Form der Plegie ist in der Regel eine Schädigung des Rückenmarks im Bereich der Halswirbelsäule. Die Tetraplegie bezeichnet die komplette Lähmung beider Arme und beider Beine. Aufgrund einer Quetschung oder Durchtrennung des Rückenmarks im Halswirbelbereich wird der Muskulatur das Empfinden für Schmerz, Druck oder Temperatur genommen und sie kann weder angespannt noch bewegt werden. Verletzungen der Halswirbelsäule sind oft so gravierend, dass Klient*innen von Hals an abwärts vollständig gelähmt sind. Somit sind diese Personen auf eine umfassende Pflege angewiesen. Ab der Schädigung des vierten Halswirbels (Tetraplegie C4 aufwärts) geht mit der Lähmung der vier betroffenen Gliedmaßen (Arme und Beine) die Lähmung des Zwerchfells einher.

  • Komplette Querschnittslähmung (Plegie, Paralyse): Bei einer kompletten Lähmung = (Plegie) werden die Rückenmarksnerven komplett durchtrennt und beeinträchtigen die Muskelkraft und das Empfindungsvermögen der betroffenen Regionen vollständig. In diesem Fall sind die Nerven an der betroffenen Stelle komplett durchtrennt. Arme und/oder Beine und der jeweilige Teil des Rumpfes sind vollständig gelähmt. Zusätzlich sind Körperfunktionen wie die Entleerung von Harnblase und Darm gestört. Bei einer kompletten motorischen Lähmung (Plegie) und vollständiger Durchtrennung der Nerven an einer bestimmten Stelle des Rückenmarks fehlen Muskelkraft und Empfindungsvermögen von dieser Stelle an fußwärts. Im ersten Fall sind unterhalb der letzten beiden Wirbelkörper (Kreuzbeinwirbel 4 und 5) sämtliche motorische und sensible Funktionen ausgefallen. Das heißt, in der Anus-Region funktioniert der Schließmuskel nicht. Die Betroffenen fühlen dort auch nichts mehr.

  • Inkomplette Querschnittslähmung (Parese): Besteht eine Schädigung des Rückenmarks, sind die Nerven aber nicht komplett durchtrennt, bleiben Empfindungsvermögen und Muskelkraft teils erhalten.

Noch genauer lässt sich das Lähmungsausmaß mithilfe der „American Spinal Injury Association (ASIA) Impairment Scale“ klassifizieren. Diese reicht von ASIA A, was einer kompletten Querschnittlähmung von Armen und Beinen entspricht, bis zu ASIA E, dem gesunden Normalzustand. Ob ein Mensch komplett oder inkomplett gelähmt ist, wird durch Sensibilität und Muskelfunktion am Anus definiert. Spüren Betroffene Berührungen in diesem Körperbereich oder können dort willentlich den Schließmuskel bewegen, gelten sie als inkomplett gelähmt. Dementsprechend gelten Menschen mit einer tiefen Rückenmarksverletzung, die eigenständig gehen, aber weder die Blase noch den Enddarm kontrollieren können und denen jegliche Sensibilität im Anus-Bereich fehlt, als komplett gelähmt. Andererseits gibt es Menschen mit hoher Tetraplegie, die praktisch vollständig auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind, jedoch aus oben genannten Gründen als inkomplett gelähmt gelten (Koch, Geng, 2021). Sie haben z. B.

Weitere Formen der Querschnittlähmung

Eine weitere Möglichkeit, Formen der Querschnittslähmung zu definieren, ergibt sich durch die Unterscheidung zwischen schlaffer und spastischer Lähmung. Ausschlaggebend ist, welche Motoneurone geschädigt sind, die oberen oder die unteren. Die Motoneurone innervieren die Muskulatur und ermöglichen alle willkürlichen Bewegungen des menschlichen Körpers durch deren Aktivierung. Obere Motoneurone (engl. Untere Motoneurone (engl. lower motor neuron, LMN), sitzen im Rückenmark.

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Eine Schädigung des ersten Motoneurons oder dessen Axons führt zu einer spastischen Lähmung, die als Upper Motor Neuron Lesion (UMNL) bezeichnet wird. Beim querschnittgelähmten Menschen zeigt sich die UMNL u.a. in Form von gesteigerten, ungebremsten Reflexen und erhöhtem Muskeltonus, d.h. einer erhöhten Grundspannung der gelähmten Muskulatur sowie Muskelkrämpfen (Koch, Geng, 2021). Ist das Rückenmark in einem oder mehreren Segmenten zerstört (und damit auch die dort liegenden zweiten motorischen Neuronen), spricht man von einer Lower Motor Neuron Lesion (LMNL). Diese hat eine schlaffe Lähmung zur Folge. Betroffenen begegnen die Fachbegriffe LMNL sowie UMNL hauptsächlich im Zusammenhang mit neurogenen Blasenfunktionsstörungen.

  • Bei einer LMNL ist die Nervenverbindung zwischen Blase, bzw. Darm, und dem Miktionszentrum unterbrochen oder das Miktionszentrum ist zerstört. Die Folge: Blase bzw. Darm füllen sich, bleiben aber schlaff und müssen manuell oder mit Hilfsmitteln entleert werden (siehe auch Lower Motor Neuron Lesion (LMNL).
  • Bei einer UMNL ist das sakrale Reflexzentrum, das für die Steuerung der Darm- und Blasenfunktion zuständig ist, noch intakt. Reflexe (z.B. Analreflex oder reflexgesteuertes Zusammenziehen der Blase), sind weiterhin vorhanden. Sie können aber wegen der Schädigung von Nerven oberhalb von S3 bis S5 vom Hirn nicht adäquat verarbeitet werden. Die Meldung, dass Blase oder Darm voll sind, führt zu einer reflexartigen Entleerung. Willentliche Steuerung ist nicht mehr möglich (siehe auch Upper Motor Neuron Lesion (UMNL).

Ursachen von Querschnittslähmungen

Ursache für eine Querschnittslähmung ist in den meisten Fällen eine Verletzung oder eine Erkrankung. Noch vor wenigen Jahren war es so, dass die meisten Querschnittslähmungen Folge eines Unfalls waren - sei es ein Sportunfall, ein Arbeitsunfall oder ein Verkehrsunfall. Tritt der Verdacht auf Querschnittslähmung auf (nach einem Unfall oder durch eine Erkrankung) müssen Betroffene sofort in eine Klinik gebracht werden.

Wer Formen der Querschnittslähmung betrachtet, kann sein Augenmerk auch auf die Ursachen legen. Querschnittlähmungen können krankheitsbedingt, unfallbedingt oder angeboren sein.

Unfallbedingte (traumatische) Querschnittslähmungen

Bei unfallbedingten (traumatischen) Querschnittslähmungen liegt die Ursache meist in Verletzungen der Wirbelsäule durch Unfälle oder Stürze. Der Druck auf das Rückenmark führt letztlich zur Schädigung von Nerven mit der Folge einer Lähmung. Selten kommt es zur völligen Unterbrechung der Nervenbahnen. Schwere Stürze, Sportverletzungen oder Verkehrsunfälle beispielsweise führen dazu, dass starke Kräfte auf das Rückenmark einwirken und dieses geschädigt wird.

Wichtig: Bei einer traumatischen Querschnittlähmung kommt es fast immer nach der Verletzung zu einem spinalen Schock. Alle Funktionen unterhalb der Höhe der Verletzung fallen aus. Dieser Zustand kann einige Tage oder Wochen dauern. Wie ausgeprägt die Querschnittlähmung danach sein wird, lässt sich währenddessen nicht prognostizieren. Man spricht in diesen Fällen von einer traumatischen Querschnittslähmung; sie trifft vor allem Männer um die 40. Da das Rückenmark geschützt in dem knöchernen Wirbelkanal liegt, werden seine Nervenbahnen i.d.R. nicht direkt durchtrennt.

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Krankheitsbedingte (nicht-traumatische) Querschnittslähmungen

Den größten Anteil machen inzwischen krankheitsbedingte Querschnittslähmungen aus, die durch Druck auf das Rückenmark entstehen oder direkt im Rückenmark verursacht werden. Ursachen können u.a. sein:

  • Bandscheibenvorfälle
  • Tumore
  • Multiple Sklerose
  • Rückenmarksentzündungen, zum Beispiel durch Bakterien oder Viren
  • Rückenmarksinfarkte
  • Schlaganfälle
  • andere Erkrankungen

Abgesehen von Verletzungen können verschiedene Erkrankungen eine Querschnittlähmung zur Folge haben. Bei den anderen Betroffenen dagegen - sie machen gut die Hälfte aus - sind Tumoren, Durchblutungsstörungen, Entzündungen des Rückenmarks, die bei der Kinderlähmung oder Multiplen Sklerose auftreten können, ein Bandscheibenvorfall, Infektionskrankheiten oder Autoimmunerkrankungen Ursache einer sog. nicht-traumatische Querschnittslähmung.

Angeborene Querschnittslähmung

Außerdem gibt es noch Fälle von angeborener Querschnittslähmung. Im Vergleich zu den traumatischen und krankheitsbedingten Rückenmarksverletzungen treten sie jedoch sehr selten auf. In seltenen Fällen ist die Querschnittslähmung angeboren, und zwar wenn sich in der embryonalen Entwicklung im Mutterleib das Neuralrohr, das sich später zum Rückenmark entwickelt, nicht schließt und ein Wirbelspalt offenbleibt. Angeborene Fehlbildungen wie eine Spina Bifida, die zu einer schlaffen Lähmung führt.

Symptome einer Querschnittslähmung

Das zentrale Symptom einer Querschnittslähmung ist der Ausfall der Muskulatur und der Sensibilität (das heißt, dass beispielsweise Berührungen, Kälte und Wärme nicht mehr wahrgenommen werden). Das Ausmaß, in dem beides auftritt, hängt von der Art der Querschnittslähmung ab beziehungsweise davon, wie das Rückenmark geschädigt ist. Hinzu kommen oft Nervenschmerzen.

Außerdem kann eine Querschnittslähmung durch fehlende Bewegung zu Komplikationen wie Druckgeschwüren und Osteoporose führen. Fast alle Menschen mit einer Querschnittlähmung leiden unter Störungen der Darm- und Blasenentleerung sowie der Sexualfunktion.

Gut zu wissen: Manchmal entstehen Symptome einer Querschnittlähmung, wenn das Rückenmark nicht durchtrennt, sondern gequetscht oder in seiner Durchblutung beeinträchtigt wird. Dafür kann zum Beispiel ein Tumor verantwortlich sein. In solchen Fällen ist es möglich, dass sich die Beschwerden zumindest in Teilen zurückbilden. Die Funktionsbereiche des Rückenmarks sind bei einer Querschnittslähmung mehr oder weniger gestört.

Diagnose einer Querschnittslähmung

In der Folge der Akutbehandlung werden verschiedene fachneurologische Untersuchungen und Messungen der Nerven- und Muskelfunktion vorgenommen und eine komplexe Behandlung eingeleitet. Von zentraler Bedeutung bei der Diagnose einer akuten Querschnittslähmung ist der Zeitfaktor. Eine Chance auf eine Rückbildung einer kompletten Querschnittslähmung besteht nur innerhalb der ersten 24 Stunden.

Eine wesentliche Rolle spielen die bildgebenden Verfahren. Nach Erheben der Verdachtsdiagnose sollte zeitnah zumindest ein Computertomogramm (CT) und falls erforderlich ein Magnetresonanztomogramm (MRT) erfolgen. Bei einem Unfall muss allerdings zuerst nach lebensbedrohlichen Verletzungen der Lunge, des Bauches oder des Kopfes geschaut werden. Bilder der Computer- und Magnetresonanztomografie zeigen, wo und in welchem Ausmaß das Rückenmark beschädigt ist.

Anhand der bildgebenden Verfahren können die Ärzte auch entscheiden, ob und wie dringend der Betroffene operiert werden muss. Besteht noch eine Chance, das Rückenmark durch eine Entlastung, in der Fachsprache Dekompression genannt, zu retten, erfolgen die Eingriffe mit hoher Dringlichkeit zum ersten vertretbaren Zeitpunkt. Das ist besonders bei instabilen Wirbelbrüchen der Fall, das heißt, wenn Bruchstücke des Wirbels auf das Rückenmark drücken und weitere Schäden hervorrufen können. Ist das Rückenmark jedoch unwiederbringlich zerstört, dient ein Eingriff nur der Herstellung der Stabilität und ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Rehabilitation.

Behandlungsmöglichkeiten bei Querschnittslähmung

Wir haben es schon angesprochen: Aktuell gibt es keine Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass durchtrenntes Nervengewebe wieder zusammenwächst. Damit ist eine Heilung einer Querschnittlähmung nicht möglich. Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Behandlungsoptionen sowie Hilfsmitteln, die die Lebensqualität von Betroffenen spürbar verbessern und Einschränkungen im täglichen Leben reduzieren können.

Die Erstbehandlung ist darauf ausgerichtet, Schmerzen zu lindern und die Körperfunktionen des Patienten (Atmung, Kreislauf, Temperatur) zu stabilisieren. Außerdem wird darauf geachtet, eine mögliche Folgeerkrankung zu vermeiden bzw. An die Akutbehandlung schließt sich eine längerfristige Rehabilitationsbehandlung. Diese ist entscheidend für die Wiedergewinnung von Funktionen und soll dazu beitragen, dass der Patient so selbstständig und unabhängig wie möglich sein Leben weiterführen kann.

Grundsätzlich sollten Menschen mit einer Verletzung des Rückenmarks so früh wie möglich in einer spezialisierten Einrichtung versorgt werden.

Operation

Durch eine Operation lässt sich zwar die Querschnittlähmung selbst nicht beseitigen, trotzdem ist sie oft in der Akutphase nach einer Verletzung notwendig, um beispielsweise Knochensplitter aus dem Rückenmark zu entfernen. Es gilt, die Wirbelsäule zu stabilisieren, weitere Verletzungen zu vermeiden und den Nerven die Möglichkeit zu geben, sich zu regenerieren.

Medikamentöse Behandlung

Medikamente dienen zum Beispiel dazu, chronische Schmerzen zu senken oder Tumore beziehungsweise Gerinnungsstörungen zu behandeln. In der akuten Therapie erhalten die Patienten meist innerhalb der ersten 24 bis 48 Stunden hochdosiert Kortison, um Schwellungen des Rückenmarks zu verhindern. Oftmals ist auch der Herzschlag verlangsamt oder der Blutdruck gefährlich niedrig, was mit bestimmten Medikamenten therapiert wird.

Rehabilitation

Solange es nicht möglich ist, eine Querschnittlähmung zu heilen, spielt die Rehabilitation eine Schlüsselrolle in der Behandlung. Ziel ist es, dass Betroffene möglichst gut mit ihren Einschränkungen umgehen und ihren Alltag selbstständig meistern können. Eng verzahnt mit der Akut-Behandlung sind erste Schritte der Rehabilitation, die i.d.R. schon in der Akutphase auf der Intensivstation vorgenommen werden.

Zu diesem Zweck kommen verschiedene Methoden zur Anwendung:

  • Physiotherapie: Eine wichtige Säule der Rehabilitation ist die Physiotherapie. Hier lernen die Patienten z.B. im täglichen Stehtraining mithilfe eines Stehbrettes, in die aufrechte Position zu kommen, das Gleichgewicht im Sitzen zu halten und noch intakte Muskeln mit gezielten Übungen zu stärken. So ist eine kräftige Armmuskulatur enorm wichtig, um sich später mit dem Rollstuhl fortbewegen zu können oder sich aus dem Bett auf einen Stuhl zu bewegen. Die Betroffenen müssen mit der gesamten Armkraft ihren Körper versetzen. Ein weiteres Ziel ist es, auch wieder eine gute Rumpfstabilität zu erreichen.
  • Ergotherapie: In der Ergotherapie lernen die Patienten, im Haushalt selbstständig klarzukommen. Dazu gehört es, sich trotz der Behinderung anzuziehen, zu waschen, Mahlzeiten zuzubereiten und zu essen. Je nach Lähmungsausmaß lernen sie z.B., einen Löffel oder eine Gabel zu halten, zum Mund zu führen…
  • Rollstuhltraining: Zentral in der Rehabilitation ist das Rollstuhl-Training, in dem die Betroffenen lernen, den Rollstuhl anzutreiben und mit ihm in unterschiedlichen Situationen im Alltag zurecht zu kommen. Der Rollstuhl und das notwendige, druckentlastende Spezialsitzkissen müssen individuell angepasst sein, damit der Betroffene in seiner selbstbestimmten Mobilität nicht eingeschränkt ist. Mit der Auswahl des Hilfsmittels müssen mögliche Folgekomplikationen an Haut und Bewegungsapparat sowie Wirbelsäule bei schlechter Sitzhaltung, unzureichender Druckentlastung etc. Das Ausprobieren unterschiedlicher Modelle, Sitzdruckprüfungen, richtiges Ausmessen und Anpassen sind nur ein Teil notwendiger Maßnahmen.
  • Umgang mit Blase und Darm: Grundlegend in der Behandlung ist das Umgehen mit Blase und Darm, denn die Betroffenen leiden aufgrund der Lähmung an einer Harn- und Stuhlinkontinenz bzw. Verstopfung. Diese Beschwerden werden mit einem Blasenkatheter, Medikamenten oder Einläufen therapiert. Die Betroffenen lernen, die Blase vier- bis fünfmal täglich mit einem Einmalkatheter vollständig zu entleeren. Hierzu stehen unterschiedliche sterile Kathetersysteme verschiedener Hersteller zur Verfügung, sodass auf die individuellen Bedürfnisse und Notwendigkeiten eingegangen werden kann, um Folgekomplikationen möglichst zu vermeiden. Das Darmmanagement muss mit dem Ernährungs- und Flüssigkeitsmanagement eng abgestimmt sein. Ein verlässliches Darmmanagement kann durch unterschiedliche Hilfsmittel unterstützt werden.
  • Psychologische Betreuung: Ein wesentlicher Aspekt in der Behandlung ist die psychologische Begleitung, um sich mit der Behinderung, die das bisherige Leben völlig auf den Kopf stellt, auseinanderzusetzen.

Heilungschancen: Ein Blick in die Forschung

Auch wenn es noch lange dauern kann, gehen die meisten Forscher davon aus, dass Querschnittlähmungen irgendwann heilbar sein werden. Aktuelle Forschungsprojekte verfolgen verschiedene Ansätze. Einige konzentrieren sich darauf, Wege zu finden, wie sich die Regeneration von Zellen im Rückenmark stimulieren lässt. Große Hoffnungen ruhen auf Stammzelltherapien. Schließlich feiern Therapien erste Erfolge, die auf die Kombination aus Physiotherapie und Elektrostimulation, eine Art Rückenmarkschrittmacher, setzen.

Leben mit Querschnittslähmung

Eine Querschnittlähmung stellt einen gravierenden Einschnitt im Leben von Betroffenen dar. Wann ein querschnittgelähmter Mensch auf außerklinische Pflege angewiesen ist, hängt, neben dem Schweregrad der Lähmung, auch von seinem gesundheitlichen Gesamtzustand, seiner psychischen Stabilität und seinem Alter ab. Aber: Bei einem sogenannten hohen Querschnitt, also ab einer Schädigung des 4. Das Zwerchfell ist der wichtigste Atemmuskel, der 60 bis 70 Prozent zur Einatmung beiträgt. Wenn das Zwerchfell nicht funktionstüchtig ist, muss der Betroffene dauerhaft beatmet werden. Auch in Sachen Rehabilitation ist das Pflegepersonal gefordert, da es gilt, dem Betroffenen die noch verbleibende Restmobilität weitestgehend zu erhalten oder sogar wenn möglich zu verbessern.

Es ist wichtig, dass der betroffene Patient eine psychotherapeutische Behandlung oder eine psychologische Unterstützung erfährt. Betroffenen und Angehörigen ist sehr zu empfehlen, sich beraten zu lassen, für welche Hilfsmittel die Gesetzlichen Krankenkassen die Kosten übernehmen (müssen). Die Unterstützung durch die Fördergemeinschaft der Querschnittsgelähmten in Deutschland e.V. und ggf. die Mitgliedschaft in einer Selbsthilfegruppe sind dafür hilfreich. Ebenfalls hilfreich ist der Austausch der Betroffenen unter sich. Peers der Fördergemeinschaft der Querschnittsgelähmte in Deutschland e.V. (FGQ) unterstützen die Frischbetroffenen in der Klinik und später auch zuhause bei Bedarf. Gerade in Selbsthilfegruppen können „erfahrene“ Querschnittspatienten ihre Tricks weitergeben.

Was sollten Angehörige von Betroffenen beachten?

Eine Querschnittlähmung stellt auch für Menschen im engeren Umfeld von Betroffenen eine Herausforderung dar. Auf der einen Seite wollen diese der betroffenen Person so gut wie möglich helfen. Auf der anderen Seite ist es wichtig, eine Überforderung und Folgen wie einen Burn-out zu vermeiden. Dazu kommt, dass der anfängliche Schock, den die Diagnose Querschnittlähmung bedeutet, verarbeitet werden muss.

Deshalb sollten Angehörige möglichst früh Unterstützung in Anspruch nehmen. Neben Ärzten bieten sich dafür Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen an. Die Möglichkeit, sich an andere wenden zu können, kann entscheidend dazu beitragen, gemeinsam die Herausforderungen durch die Diagnose Querschnittlähmung zu meistern.

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