Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung, die mit einem Verlust kognitiver Fähigkeiten wie Gedächtnis, Denkvermögen und Orientierung einhergeht. Sie stellt eine erhebliche Belastung für Betroffene und ihre Familien dar. Neben den klassischen medizinischen Behandlungen gewinnen alternative und unterstützende Therapieformen zunehmend an Bedeutung. Eine dieser Therapieformen ist die tiergestützte Therapie, die darauf abzielt, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu verbessern.
Was ist Demenz?
Wenn der Geist langsam schwindet, spricht man von Demenz. Man vergisst und ist verwirrt. Viele geistige Funktionen, wie Denken, Erinnern, Orientieren und Verknüpfungen zwischen Erlebtem herstellen, sind beeinträchtigt. Demenz führt dazu, dass man alltägliche Handlungen nicht mehr eigenständig durchführen kann.
Die Grundlagen der tiergestützten Therapie
Tiergestützte Therapien basieren darauf, dass Patienten mit Tieren interagieren, für Tiere sorgen oder mit Tieren kommunizieren. Sie vermittelt Glücksgefühle, mehr Teilhabe und verbessern die Lebensqualität. Gleichzeitig müssen die Bedürfnisse der Tiere wie artgerechte Unterbringung, Ernährung und Hygiene berücksichtigt werden. Therapietiere sind beispielsweise Hunde, Katzen, Hühner, Pferde, Delfine und Lamas.
Die tiergestützte Therapie nutzt die positive Wirkung von Tieren auf Menschen, um physische, psychische, soziale und kognitive Aspekte zu fördern. Tiere können eine beruhigende und tröstliche Wirkung auf Menschen haben. Studien legen nahe, dass der Kontakt zu Tieren positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden von Demenzkranken hat. Die Doktorarbeit von Sabine Naber „Wirkungen tiergestützter Interventionen auf Menschen mit Demenz in ambulant betreuten Wohngemeinschaften“ zeigt, dass regelmäßiger Umgang mit Tieren Stress reduziert, Aggressionen mindert und Freude sowie soziale Interaktion fördern kann. Zudem sorgen sie für mehr Aktivität und ein verbessertes Sozialverhalten von vielen Menschen, die von Demenz betroffen sind.
Wie Tiere bei Demenz helfen können
Tiere haben eine bemerkenswerte Fähigkeit, einem Menschen ein starkes Gefühl des Wohlbefindens zu schenken und eine emotionale Verbindung herzustellen. Carola Otterstedt beschreibt in ihrem Buch “Menschen brauchen Tiere. Die Anwesenheit von Hunden, Katzen, Vögeln und sogar kleinen Tieren, wie Kaninchen oder Meerschweinchen, kann zu einer Reduktion von Stress, Angst und Depressionen führen. Die einfache Berührung eines weichen Fells oder das Streicheln eines Haustieres kann ein Gefühl der Entspannung und des inneren Friedens hervorrufen. Erkrankte zeigten während der Interaktion mit Tieren oft eine gesteigerte Konzentration, verbesserte Sprachfähigkeit und eine erhöhte soziale Interaktion. Darüber hinaus kann die Präsenz von Tieren Erinnerungen und positive Emotionen wecken. Beispielsweise haben das Füttern oder Streicheln besagte Effekte hervorgerufen. Das Leben mit Tieren schafft oft eine Struktur im Alltag, die wiederum dem Gedächtnis und der Orientierung dienlich ist. Ebenfalls kann die soziale Interaktion durch die tiergestützte Therapie positiv beeinflusst werden. Tiere schaffen oft eine entspannte und ungezwungene Atmosphäre, in der sich Demenzerkrankte sicher und akzeptiert fühlen. Die Anwesenheit von Tieren kann zu Gesprächen, dem Austausch von Erinnerungen und zwischenmenschlichen Beziehungen führen. Tiertherapie kann darüber hinaus auch Gruppenaktivitäten fördern, bei denen Demenzerkrankte miteinander und mit den Tieren interagieren können. Spazieren mit einem Hund, das Streicheln einer Katze oder das Bürsten eines Ponys ermutigt die Betroffenen, sich zu bewegen und aktiv zu sein. Die regelmäßige Interaktion mit Tieren kann die Muskulatur stärken, die Balance verbessern und die Mobilität fördern.
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Tiere bei Demenz: Der Kontakt zu Tieren kann das Leben von Menschen mit Demenz verbessern: körperlich, seelisch und sozial. Tiere beobachten, füttern, streicheln und mit ihnen kommunizieren, das fördert Vertrauen und Selbstvertrauen, stimuliert alle Sinne, motiviert zu körperlicher Bewegung, verbessert Motorik und Gleichgewichtssinn, sorgt für Stressabbau, steigert die Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit und wirkt beruhigend.
Formen der tiergestützten Therapie
Für Menschen mit Demenz gibt es verschiedene Varianten von Tiertherapien.
- Besuchstherapien: Einen geringen Aufwand versprechen Besuchstherapien. Sie sind außerdem eine Möglichkeit für Bewohner von Alten- und Pflegeheimen oder für Menschen mit eingeschränkter Mobilität: In diesem Fall kommen Tierbesitzer und ihre Tiere regelmässig zu den Patienten. Hof Lichtblick bietet solche Besuchsdienste mit Hühnern und Kaninchen an. Für die Senioren ist dies das absolute Highlight. Noch Tage danach sprechen sie über den tierischen Besuch. Die Tiertherapie, also der Kontakt und das Streicheln der Tiere, beruhigt Demenzkranke. Sie kommen zur Ruhe, erinnern sich an Vergangenes und genießen die Abwechslung.
- Dauerhafte Tierhaltung: Eine andere Option ist, dass Tiere dauerhaft mit Heimbewohnern zusammenleben. Sinnvoll ist das auch dann, wenn sich Demenzpatienten noch selbst um die Tiere kümmern können.
- Tiertherapie auf Bauernhöfen: Mittlerweile bieten auch einige Bauernhöfe Tiertherapien an. In Schleswig-Holstein existiert seit 2015 das Projekt «Bauernhöfe als Orte für Menschen mit Demenz». Derzeit beteiligen sich 14 Höfe an der Initiative. Auch in Bayern, Brandenburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gibt es entsprechende Angebote. Auf der Farm von Monika Posmik in Garching bei München leben 35 verschiedene Tiere. Mit ihren „Mitarbeitern“ besucht sie Kindertagesstätten, Schulen, Kliniken und Altenheime. Die Bewohner im Seniorenheim Garching freuen sich jeden Dienstag auf die willkommene Abwechslung. Dann verwandelt sich das Pflegeheim in einen kleinen Bauernhof. Das weckt alte Erinnerungen. Die zumeist über 80jährigen Heimbewohner werden in der Regel gepflegt. Doch jetzt können sie sich einmal um ein anderes Lebewesen kümmern, indem sie es füttern und streicheln. Viele reden dann auch laut mit den Tieren, die mehr sind als ein mobiler Streichelzoo.
Geeignete Therapietiere
Die Bandbreite an Therapietieren ist groß. Eingesetzt werden Hunde oder Katzen, Meerschweinchen, Kaninchen oder in ländlicher Umgebung auch Nutztiere wie Pferde und Hühner. Manchen hilft sogar der Blick auf Fische in einem Aquarium, um die Beschwerden etwas vergessen zu machen, Verstimmungen oder gar eine Depression zu verbessern und den allgemeinen Gemütszustand aufzuhellen. Bei der Auswahl der Tierart sollte die Geschichte der Patientinnen und Patienten beachtet werden. Wer beispielsweise mit einem Hund aufgewachsen ist, für den ist dies vermutlich die beste Wahl. Vielen fällt die Beziehung zu einem Tier einfacher als zu einem Menschen.
- Hunde: Vor allem Hunde minderten aus Sicht der US-Forscher Angstzustände und verhalfen Betroffenen zu mehr Aktivität und einem verbesserten Sozialverhalten. Die besondere Eignung resultiert aus ihren Eigenschaften: Hunde reagieren auf Berührungen, Gesten und Augenkontakt, artikulieren Sympathie durch Anstupsen, Anschmiegen oder Schwanzwedeln und erfassen Stimmungen intuitiv. Hinzu kommt, dass ihre Zuneigung unabhängig ist von den Schwächen ihres menschlichen Gegenübers. So lassen sich Hunde nicht von unverständlichen Lauten oder ständigem Wiederholen von Wörtern irritieren. Ein Nebeneffekt tiergestützter Therapien ist die Entlastung von Angehörigen und Pflegepersonal. Figlia, ein Italienisches Windspiel, ist dafür gut geeignet, denn „das Zuchtziel war, charmant zu sein“, erläutert ihre Besitzerin Sieglinde Wenger. Da die kleine Hündin außerdem sehr ruhig und leicht ist, ist sie ideal für die therapeutischen Einsätze. Ein weiterer Vorteil ist, dass italienische Windspiele mit 39 Grad eine etwas höhere Körpertemperatur haben als andere Hunde. Die Nähe zum Hund ist besonders schön für Menschen, die Tiere gewöhnt sind und keine Angst vor ihnen haben.
- Andere Tiere: Neben Hunden können auch andere Tiere wie Katzen, Pferde oder sogar Fische im Aquarium eine positive Wirkung haben. So kümmerten sich in der forensischen Klinik im niederbayerischen Mainkofen psychisch kranke Straftäter um ein Bienenvolk und lernten dabei viel über sich selbst. Alpacas werden dort ebenfalls eingesetzt, um den Patienten zu helfen, Verantwortung zu übernehmen und Teamarbeit zu lernen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirksamkeit
Laut der Studie «Tiergestützte Intervention und Demenz» der Universität Purdue in West Lafayette von 2018 verringerten Therapien mit Hunden und Katzen aggressives Verhalten bei knapp zwei Dritteln der Patienten. Positive Auswirkungen registrierten die Wissenschaftler auch in den Bereichen körperliche Aktivität, Kommunikation und Gemütszustand. Für manche Menschen mit Demenz sei der Aufbau einer Beziehung zu einem Tier einfacher als zu einem Menschen, dokumentierten sie.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit fasst die Evidenz tiergestützter Interventionen im Kontext mit dem Verhalten und den psychischen Beschwerden von Demenzpatienten in Pflegeeinrichtungen zusammen. In neun der Studien konnte ein statistisch signifikanter Rückgang dieser Symptome durch die tiergestützte Therapie beobachtet werden. Die Mehrzahl der Studien verzeichnete eine signifikante Verbesserung des sozialen und kommunikativen Verhaltens der untersuchten Patienten. In einigen Studien konnte eine signifikante Verbesserung des Gemütszustands, aber nicht der depressiven Verstimmung erreicht werden, andere Studien verzeichneten eine deutliche Besserung der depressiven Symptome. Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass der Einsatz tiergestützter Maßnahmen eine lohnenswerte Therapieoption zur Verbesserung verhaltensspezifischer und psychischer Symptome demenzkranker Patienten darstellen kann.
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Assistenzhunde als Alltagsbegleiter
Im deutschen Sprachraum gibt es erst wenige Hunde als Alltagsbegleiter von Menschen mit Demenz. Das Potenzial ist gross: Die Hunde vermitteln dem Betroffenen Ruhe und Geborgenheit, sie leisten ihm Gesellschaft und ermuntern ihn zu einem wohltuenden (und sicheren) Spaziergang.
Interaktive Plüschtiere als Alternative?
Neben echten Tieren werden vermehrt speziell entwickelte interaktive Plüschtiere eingesetzt. Das Plüschtier - in diesem Fall die Aktivkatze® Smart Cat von Robicare®, die miauen und auf Bewegung reagieren kann -, bietet Trost und Gesellschaft.
So werden zunehmend Robotertiere als Ersatz für lebende Tiere auf ihre Eignung als Pflegemaßnahme körperlich und geistig eingeschränkter Menschen untersucht, wie z.B. die Roboterrobbe PARO, die unter anderem auch in der Therapie demenzkranker Menschen zum Einsatz kommt. Die ethische Plausibilität des therapeutischen Einsatzes von interaktiven Kuschelrobotern wie PARO (Robbe), AIBO (Hund), CuDDler (Eisbär), Nabaztag (Hase) und NeCoRo oder JustoCat (Katze) ist jedoch umstritten, da trotz höherer Praktikabilität, niedrigerer Kosten und Vorteile bzgl. des Schutzes lebender Therapietiere eine Verarmung und Stereotypisierung des Sozialverhaltens der Patienten befürchtet wird.
Worauf man achten sollte
Es ist wichtig, die individuellen Bedürfnisse und Einschränkungen von Demenzkranken zu berücksichtigen. Nicht alle Erkrankten reagieren positiv auf die Interaktion mit Tieren. Einige Personen können Ängste oder Allergien haben, die eine solche Therapieform einschränken. Eine Abstimmung mit den Erkrankten und ggf.
Für Angehörige und Pflege- bzw. medizinische Fachkräfte bieten sich folgende Tipps hinsichtlich tiergestützter Therapien an:
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- Individuelle Bedürfnisse berücksichtigen: Nicht jede Art der tiergestützten Therapie ist für jeden Demenzkranken geeignet. Beachten Sie die individuelle Geschichte und eventuelle Allergien.
- Sicherheit gewährleisten: Stellen Sie sicher, dass sowohl das Haustier als auch der Demenzkranke geschützt sind. Für beide geht es um den Aufbau einer Beziehung.
Grenzen und Herausforderungen
Das Problem bei der Tiertherapie: Es gibt noch keine standardisierte staatlich geprüfte Ausbildung. Der Beruf ist nicht geschützt. Jeder kann sich theoretisch Tiertherapeut nennen. Doch der „Berufsverband tiergestützte Therapie“, in dem Monika Posmik Mitglied ist, arbeitet daran, dass es in Zukunft offizielle Richtlinien gibt.
Einschränkungen im Einsatz tiergestützter Therapien sind jedoch zu berücksichtigen, wenn Demenzpatienten eine Tierhaarallergie aufweisen oder eine Aversion bzw. ängstliches Verhalten gegenüber den eingesetzten Tieren zeigen.
Was die Evidenz der tiergestützten Therapie bei Demenzpatienten betrifft, so kann es auf der Grundlage der vorliegenden systematischen Übersichtsarbeit keine eindeutige Empfehlung für eine Anwendung geben. Für die Etablierung tiergestützter Maßnahmen in der Pflege demenzkranker Menschen fehlt es bisher noch an randomisierten Studien, die höhere Patientenzahlen, einheitliche Messparameter sowie eine eindeutigere Differenzierung der Erkrankungsgrade aufweisen.
Demenz bei Haustieren
Nicht nur Menschen, auch Haustiere werden in Deutschland immer älter. Das liegt sowohl an einer immer besser werdenden medizinischen Versorgung als auch am besseren Futter. Diese an sich positive Entwicklung hat auch ihre Schattenseiten: Je älter die Tiere werden, desto höher steigt das Risiko zu erkranken. Beispielsweise an Demenz. Experten gehen davon aus, dass ungefähr ein Drittel der Hunde, die zwischen elf und zwölf Jahre alt sind, an Demenz erkrankt. "Bei Hunden mit 15 bis 16 Jahren sind es schon 70 Prozent", sagt Tierneurologin Nina Meyerhoff. Sie arbeitet an der Klinik für Kleintiere an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Man könne also davon ausgehen, dass im hohen Alter rund jeder zweite Hund von Demenz betroffen ist.
Symptome von Demenz bei Haustieren
Eine Demenz bei Hunden oder Katzen ist nicht leicht zu diagnostizieren. Die ersten Zeichen, der sogenannten "kognitiven Dysfunktion" werden oft übersehen. Wie beim Menschen gleicht die Erkrankung einem schleichenden Prozess. Aber es gibt bestimmte Symptome, die auf eine mögliche Erkrankung hinweisen. Dazu gehört der Verlust der Orientierung: Die Tiere finden sich räumlich nicht mehr so gut zurecht, erklärt Tierneurologin Nina Meyerhoff: "Katzen finden plötzlich ihre Toilette nicht mehr, oder sie wollen nach draußen, stehen aber vor der falschen Tür."
Auch die soziale Interaktion verändert sich. Manche Tiere ziehen sich zurück, wollen nicht mehr gekrault werden. Andere - das gilt besonders für Katzen - werden anhänglich und können kaum noch alleine sein. Ein weiterer Hinweis: Der Schlaf-Wach-Rhythmus gerät durcheinander. Die Tiere schlafen exzessiv am Tag und wandern nachts unruhig im Haus herum, miauen oder bellen viel. "Das ist natürlich sehr belastend für alle Beteiligten", erklärt Tierneurologin Nina Meyerhoff. Demente Tiere sind häufig nicht mehr stubenrein, setzen Kot oder Urin in der Wohnung oder an ungewohnten Orten ab, "beispielsweise plötzlich auf Beton, was der Hund vielleicht vorher nie gemacht hätte", erklärt Meyerhoff. Darüber hinaus sind Tiere, die an kognitiver Dysfunktion leiden, weniger erkundungsfreudig, weniger interessiert an Spielen oder anderen Aktivitäten. Stattdessen kann es vorkommen, dass sie aus unerfindlichen Gründen ausgiebig an Möbeln kratzen oder Löcher in die Erde graben. Besonders belastend für die Besitzer: Wie bei dementen Menschen nimmt auch bei Tieren das Angstverhalten zu.
Umgang mit dementen Haustieren
Wenn ein Haustier an Demenz erkrankt ist, kann sich sein Verhalten ändern. Gewohnte Alltagsroutinen sind oft nicht mehr möglich. Wenn ein Haustier an Demenz erkrankt, ist das für die Besitzer ein ziemlicher Einschnitt, "weil man das eigene Leben drumherum organisieren muss", erklärt Nina Meyerhoff. An der Tierärztlichen Klinik Hannover bietet die Neurologin eine Sprechstunde für betroffene Tierbesitzer an. Neben den vielen praktischen Umstellungen kommt die Trauer hinzu. Darüber, dass das Verhalten des Hundes oder der Katze sich verändert, dass bestimmte liebgewonnene Rituale nicht mehr möglich sind, weil sich das Tier nicht mehr daran erinnern kann.
Ein dementes Tier zu pflegen, bedeutet eine große Einschränkung für den Besitzer, ähnlich wie wenn man einen Verwandten pflegt. "Urlaube sind vielleicht nicht mehr ohne Weiteres möglich", sagt Tierärztin Nina Meyerhoff. Und die vielen Tierarztbesuche können zum finanziellen Problem werden. Manche Besitzer, die in ihre Sprechstunde kommen, hätten ein schlechtes Gewissen: "Sie fragen sich: Mache ich genug? Habe ich etwas falsch gemacht? Hätte ich das verhindern können?"
Andere fühlen sich von ihrer Umgebung nicht verstanden und alleingelassen, weil sie sich so "aufopfernd" um ihr krankes Haustier kümmern. Viele Tierbesitzer ziehen jedoch eine Befriedigung daraus, ein Gefühl der Nähe, wenn sie sich so intensiv um ihren Hund oder ihre Katze kümmern, sagt Meyerhoff.
Präventive Maßnahmen und Unterstützung
Es gibt ein paar schützende Faktoren, auf die man achten sollte, schon bevor die Krankheit auftritt. Dazu gehören ein gesundes Gewicht und eine anregende Umgebung. "Bei Katzen, die sehr reizarm leben, beispielsweise als Einzelkatze in einer Einzimmerwohnung, besteht ein größeres Risiko, an Demenz zu erkranken", sagt Nina Meyerhoff. Da helfe es, regelmäßig Spiele anzubieten oder eben zwei Katzen zu halten, wenn die Räumlichkeiten das zulassen. Allgemein gilt bei Menschen wie bei Tieren: Das Hirn will trainiert werden. Auch Hunde brauchen regelmäßig eine Aufgabe, wie beispielsweise Suchspiele oder andere Übungen, bei denen die Vierbeiner eine positive Bestätigung erleben.
Ab einem Alter von neun Jahren sollte auch die Ernährung angepasst werden. Vitamin-B und bestimmte Fettsäuren, mit einem hohen Anteil an Antioxidantien, wie sie beispielsweise in Kokosöl enthalten sind, haben eine schützende Wirkung auf bestimmte Hirnfunktionen. "Ich nenne das immer die Hautcreme fürs Gehirn", fasst Nina Meyerhoff zusammen.
Bei Anzeichen einer beginnenden Demenz sollte der Tierarzt aufgesucht werden, auch, um andere möglichen Erkrankungen auszuschließen, die zu einem veränderten Verhalten führen könnten. Um den zunehmend orientierungslosen Hunden oder Katzen Halt zu geben, rät Tierärztin Svenja Joswig dazu, den Alltag möglichst gut zu strukturieren und so stressfrei wie möglich zu gestalten. Dazu gehört: Lieber kürzer und häufiger Gassigehen, das hilft Hunden, die nicht mehr ganz stubenrein sind, rechtzeitig ihr Geschäft zu machen. Vorsichtshalber den Hund an der Leine ausführen und immer mal wieder andere Wege gehen, das trainiert das Hundehirn. Für einen ruhigen Schlafplatz sorgen. "Falls das Tier nachts unruhig in der Wohnung umherwandert, den Bewegungsradius begrenzen, zum Beispiel auf ein bestimmtes Zimmer", sagt die Spezialistin für geriatrische Tiermedizin Svenja Joswig. Auch eine gedämpfte Geräuschkulisse, wie beispielsweise ein laufendes Radio im Hintergrund, kann beruhigend auf einen verängstigten Hund wirken. Katzen sollte der Weg zur Lieblingsfensterbank erleichtert werden und auch der Zugang zu Futter und Wasser.
Die Pflege eines alten, dementen Tieres ist aufwendig und kann anstrengend sein. Umso wichtiger ist es, sich immer wieder vor Augen zu halten, dass das Tier nichts für seine Erkrankung kann. Wie bei einem kranken Angehörigen ist also immer wieder Geduld und Empathie gefragt. Gegen starke oder wiederkehrende Angstzustände helfen Medikamente, wobei das Angebot noch überschaubar ist, die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Für Hunde ist bisher ein einziges Präparat zugelassen, Selegelin. "Das ist im Prinzip ein Psychopharmakon, das sich auf den Botenstoffhaushalt im Hirn auswirkt", erklärt Tierneurologin Nina Meyerhoff.