Die Frage, ob besseres Hören vor Demenz schützen kann, beschäftigt Wissenschaftler und Betroffene gleichermaßen. Es gibt Hinweise darauf, dass Hörverlust das Risiko für Demenz erhöhen kann, aber moderne Hörsysteme bieten eine wirksame Möglichkeit, das Verstehen, die Lebensqualität und die geistige Fitness zu unterstützen. Dieser Artikel beleuchtet den aktuellen Stand der Forschung und gibt Empfehlungen, wie Sie Ihr Gehirn fit halten können.
Was ist Demenz?
Demenz ist ein Sammelbegriff für Erkrankungen, bei denen die geistigen Fähigkeiten nach und nach nachlassen. Betroffen sind unter anderem das Gedächtnis, die Orientierung, das Verhalten und die Sprache. Die häufigste Form ist die Alzheimer-Krankheit, bei der sich abnorme Ablagerungen bestimmter Proteine in und um Nervenzellen bilden. Diese Ablagerungen schädigen die Zellen und stören die Kommunikation im Gehirn. Andere Demenzformen sind beispielsweise die vaskuläre Demenz oder die Lewy-Körperchen-Demenz.
Typische Symptome einer Demenz können sein:
- Vergesslichkeit (Gedächtnisprobleme), besonders bei neuen Informationen oder Terminen
- Schwierigkeiten beim Lernen neuer Dinge
- Veränderungen im Verhalten und in der Persönlichkeit (z. B. Rückzug, Reizbarkeit)
- Orientierungsprobleme, etwa in ungewohnter Umgebung oder bei Zeiträumen
- Herausforderungen bei alltäglichen Aufgaben, wie Kochen, Einkaufen oder dem Umgang mit Geld
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jede Vergesslichkeit gleich Demenz bedeutet. Viele Faktoren - zum Beispiel Stress, Schlafmangel oder unbehandelter Hörverlust - können das Gedächtnis vorübergehend beeinträchtigen.
Der Zusammenhang zwischen Hörverlust und Demenz
Schätzungsweise könnten rund 7 % aller Demenzfälle durch Vorbeugung oder Behandlung von Hörverlust im mittleren Lebensalter verhindert werden. Der genaue Grund für diesen Zusammenhang ist komplex und noch nicht vollständig geklärt. Es gibt mehrere Theorien, die diskutiert werden:
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- Gemeinsame krankhafte Veränderungen: Dieselben Prozesse, die die Hörbahn (z. B. die Cochlea oder den Hörnerv) schädigen, können auch Bereiche des Gehirns betreffen, die für Gedächtnis und Denken wichtig sind.
- Weniger geistige Anregung: Wer schlechter hört, bekommt weniger Reize aus der Umgebung. Weniger soziale Interaktion und geistige Stimulation können dazu führen, dass sich das Gehirn schneller abbaut oder weniger Reservekapazität aufbaut.
- Erhöhter kognitiver Aufwand beim Hören: Wenn das Hören anstrengender wird, muss das Gehirn mehr Energie aufbringen, um Sprache zu verstehen. Diese Ressourcen fehlen dann für andere geistige Aufgaben.
Andere Erklärungsansätze beziehen sich auf psychosoziale Faktoren wie Einsamkeit, Depression und soziale Isolation infolge von Hörverlust.
Kann gutes Hören Demenz vorbeugen oder verlangsamen?
Einige Studien deuten darauf hin, dass Hörgeräte bei Menschen mit Hörverlust sowohl kurz- als auch langfristig positive Effekte auf die geistige Leistungsfähigkeit haben können. Andere Untersuchungen finden dagegen keinen eindeutigen Unterschied. Es bedarf weiterer Forschung, um sicher zu klären, ob und inwiefern Hörhilfen oder Hörtraining Demenz tatsächlich direkt vorbeugen können.
Unbestritten ist jedoch, dass gutes Hören die Lebensqualität in vielen Bereichen verbessert. Menschen, die Hörsysteme nutzen, berichten häufiger über besseren Schlaf, mehr Selbstvertrauen, ein aktiveres Sozialleben, ein gesteigertes Sicherheitsgefühl und bessere Leistungsfähigkeit.
Was Sie konkret tun können
Um Ihr Gehirn fit zu halten, können Sie folgende Maßnahmen ergreifen:
- Regelmäßige Hörtests machen
- Hörgeräte benutzen (bei Hörverlust)
- Gezieltes Hörtraining und kognitive Übungen durchführen
- Andere Risikofaktoren behandeln (z. B. Diabetes, Bluthochdruck, Depression)
- Regelmäßig Sport treiben
- Sich gesund ernähren
- Den Konsum von Tabak und Alkohol reduzieren (oder ganz darauf verzichten)
- Sozial aktiv bleiben
- Sehverlust früh behandeln
Auch wenn Sie bereits seit längerer Zeit schlechter hören, lohnt es sich, aktiv zu werden. Moderne Hörsysteme, Training und Prävention können helfen, geistige Fähigkeiten zu unterstützen und Lebensqualität zurückzugewinnen. Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt, Ihrem HNO-Arzt oder einem qualifizierten Hörakustiker, um sich beraten zu lassen.
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Tinnitus als Warnzeichen?
Tinnitus und Schwindel treten im Alter häufig auf und werden oft als Begleitsymptome bei Patienten mit Demenz beobachtet. Forscher vermuten, dass altersbedingter Hörverlust für höhere Tinnitusraten bei älteren Menschen verantwortlich ist und zur Reduktion der kognitiven Leistung und zur Entwicklung der Alzheimer-Krankheit und anderer Demenzerkrankungen beitragen kann. Eine Studie hat gezeigt, dass bei Patienten mit einem bereits vorhandenen Tinnitus ein 63 % höheres Risiko besteht, im Alter von 30 bis 64 Jahren von einer Demenz betroffen zu sein.
Es ist wichtig zu beachten, dass Tinnitus viele Ursachen haben kann und nicht zwangsläufig ein Vorbote von Demenz sein muss. Dennoch sollte Tinnitus ernst genommen und von einem Arzt abgeklärt werden, um mögliche Ursachen zu identifizieren und zu behandeln.
Ginkgo Biloba bei Tinnitus und Schwindel
Klinische Studien haben gezeigt, dass der Ginkgo biloba-Extrakt EGb 761® bei älteren Patienten Tinnitus und Schwindel lindern kann. Eine Metaanalyse von fünf Studien mit insgesamt 1972 Patienten ergab, dass die Einnahme von 240 mg Ginkgo biloba-Extrakt pro Tag über einen Zeitraum von rund einem halben Jahr zu einer signifikanten Reduktion des Schweregrads von Tinnitus und Schwindel im Vergleich zu Placebo führte. Die ermittelte mittlere Differenz entsprach einer 27% bis 40% stärkeren Reduktion der Tinnitusschwere unter Ginkgo-Extrakt im Vergleich zu Placebo. Für Schwindel lag die Verringerung der Symptomschwere unter Ginkgo-Extrakt um 18% bis 31% höher als unter Placebo.
Die Autoren der Metaanalyse schlossen daraus, dass Ginkgo biloba-Extrakt EGb 761® bei Patienten mit Demenz wirksam neurosensorische Symptome lindert.
Schwerhörigkeit und Demenz: Was passiert im Gehirn?
Wenn das Gehör nachlässt, muss das Gehirn mehr leisten, um Sprache zu verstehen. Es verarbeitet ständig unvollständige Informationen, was langfristig kognitive Reserven erschöpft. Das Sprachzentrum wird weniger gefordert, während andere Areale überlastet werden - dies führt zu kognitiver Unterforderung in manchen Bereichen und Überforderung in anderen. Je länger ein Hörverlust unbehandelt bleibt, desto schwerer ist der geistige Rückgang zu bremsen.
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Laut der Johns Hopkins Universität (USA) erhöht ein unbehandelter mittlerer Hörverlust das Demenzrisiko um bis zu 200 %. Ein schwerer Hörverlust sogar um über 500 %. Auch der deutsche Neurowissenschaftler Prof. Dr. med. Frank Huppertz warnt: 'Hörverlust kann ein stiller Risikofaktor für Alzheimer sein, wenn er nicht frühzeitig erkannt wird.' Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht in frühzeitiger Hörgeräteversorgung eine der wichtigsten Maßnahmen zur Demenzprävention im Alter.
Frühzeitige Versorgung mit Hörgeräten senkt das Risiko
Studien zeigen, dass Menschen mit Hörgeräten seltener an Demenz erkranken. Eine dänische Studie aus dem Jahr 2024 unterstreicht, dass Menschen mit audiometrisch diagnostiziertem Hörverlust häufiger an einer Demenz erkranken als Hörgesunde und dass das Risiko geringer ist, wenn sie ein Hörgerät verwenden.
Es ist wichtig, das Hörvermögen regelmäßig professionell untersuchen zu lassen. Bei nachlassender Hörleistung kann ein Hörgerät in den meisten Fällen die Defizite ausgleichen. Ist die Hörminderung krankheitsbedingt, sollten möglichst die Ursachen behandelt werden. Betroffene können dann wieder aktiv am Leben teilnehmen, wodurch sich kognitive Schwächen verhindern lassen.