Tönebön am See: Ein Lebensraum für Menschen mit Demenz in Hameln

„Tönebön am See“ in Hameln ist ein innovatives Wohnprojekt, das speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zugeschnitten ist. Es bietet einen geschützten und gleichzeitig selbstbestimmten Lebensraum, in dem Normalität und Teilhabe am Alltag im Vordergrund stehen.

Das Konzept von Tönebön am See

Das Projekt der Julius-Tönebön-Stiftung, auch bekannt als "Demenzdorf Tönebön", verfolgt einen alternativen Ansatz in der Betreuung von Demenzkranken. Anders als klassische Pflegeheime oder geschlossene Demenzdörfer wie De Hogeweyk in den Niederlanden, ist Tönebön am See keine komplett abgeschlossene Einrichtung mit einer eigenen Welt. Zwar ist das Gelände umzäunt, um die Sicherheit der Bewohner zu gewährleisten, aber es ist dennoch darauf ausgelegt, ihnen ein möglichst normales Leben zu ermöglichen.

Dieter Joschko, Vorsitzender des Stiftungskuratoriums, betont: „Wir wollen dem Alltag so viel Normalität wie möglich geben.“ Die Bewohner sollen weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilhaben können und nicht „abgeschoben“ oder „ausgegrenzt“ werden.

Die Struktur der Einrichtung

Das „Tönebön am See“ besteht aus sechs Häusern, die als "Villen" bezeichnet werden und in unterschiedlichen Farben gestaltet sind. Diese bieten Platz für insgesamt 52 Bewohner. Jede Villa beherbergt eine Hausgemeinschaft von 12 bis 13 Personen.

  • Individuelle Wohnräume: Jeder Bewohner hat ein individuell gestaltetes Einzelzimmer mit angrenzendem Badezimmer. Die Zimmer sollen eine wohnliche Atmosphäre schaffen, in der sich die Menschen wie zuhause fühlen. Oft hängen Jugendbilder der Bewohner an den Zimmertüren: Im Badeanzug und Sonnenhut am Strand, ein Passfoto mit dem strengen Kopfputz der 60er Jahre oder auch ein Bild der Tochter.
  • Gemeinschaftliche Wohnküchen: In den Wohnküchen können die Bewohner gemeinsam kochen, essen und Zeit verbringen.
  • Alltagsbegleiter: Pro Haus stehen drei Alltagsbegleiter zur Verfügung, die die Bewohner im Alltag unterstützen.
  • Pflegekräfte: Die Pflegekräfte sind im Haupthaus stationiert und 24 Stunden im Einsatz, aber nicht ständig präsent, um die Pflege so unsichtbar wie möglich zu gestalten.

Alltagsgestaltung in Tönebön am See

In Tönebön am See wird großer Wert auf die Alltagsgestaltung gelegt. Die Bewohner sollen so viel wie möglich selbst bestimmen und sich aktiv beteiligen.

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  • Selbstbestimmung: Was und wann die Bewohner essen möchten, bestimmen sie selbst. Die Kühlschranktür steht jedem jederzeit offen. „Wer mag, kann sich morgens einen Kaffee kochen oder einen Joghurt nehmen“, erklärt Regine Latzko, Vorstand der Julius-Tönebön-Stiftung.
  • Alltägliche Tätigkeiten: Ob Kochen, Wäsche waschen oder Blumen gießen - all diese Tätigkeiten, die die Demenzkranken von zuhause kennen, können sie in den vier Häusern ausüben.
  • Beschäftigung: Das Tönebön-Programm setzt auf Beschäftigung. Im Angebot ist unterstützendes Gedächtnistraining. Die Bewohnerinnen und Bewohner nehmen am Tanztee und der Singgruppe teil oder helfen bei der Gartenarbeit. Für Abwechslung und Freude sorgt der Kaninchenstall. Es gibt auch Aktivitäten, die außerhalb stattfinden.
  • Garten der Sinne: Der große Garten-Innenhof, der als "Garten der Sinne" gestaltet ist, lädt zum Verweilen und Spazierengehen ein.
  • Minimarkt und Café: Im Eingangsgebäude befinden sich ein Minimarkt und ein Café, die den Bewohnern und Gästen zur Verfügung stehen. Einkaufen gehört mit zum Leben. Alles was in den Hausgemeinschaften zubereitet und verspeist wird, besorgen die Alltagsgestalter mit den Bewohnern im eigenen Einkaufsmarkt. Es wird ein bedürfnisorientiertes Grundsortiment vorgehalten. Das Café steht den Bewohnern und Gästen zur individuellen Nutzung zur Verfügung.

Finanzierung und Kosten

Das Projekt „Tönebön am See“ wurde mit sechs Millionen Euro aus dem Stiftungsvermögen von Julius Tönebön finanziert. Für das besondere Konzept müssen Demenzkranke allerdings etwas tiefer in die Tasche greifen als bei anderen Heimen. So betragen die Investitionskosten 20,65 Euro am Tag. Angesichts einer unzureichenden Leistung der Pflegekasse bei stationärer Unterbringung von Demenzkranken werden sich dieses Angebot leider nur wenige leisten können.

Kritik und Kontroverse

Das Konzept des Demenzdorfs ist unter Experten nicht unumstritten. Reimer Gronemeyer, Mitglied im Stiftungsrat der Deutschen Hospiz und Palliativstiftung, bewertet diese separierte Wohnform als vermeintliche Freiheit, die durch einen Zaun oder andere Begrenzungen beschränkt wird. Er kritisiert, dass alte, kranke Menschen einfach ausgelagert werden und eine Scheinwelt aufgebaut wird.

Martina Knitter, Einrichtungsleiterin in Tönebön, ist jedoch überzeugt von dem Konzept. Sie betont, dass es darum geht, das aus dem Weg zu räumen, was die Menschen hier in Gefahr bringen könnte.

Die Bedeutung von Tönebön am See

Trotz der Kontroverse ist die Nachfrage nach Pflegeplätzen in Einrichtungen wie Tönebön groß. Angesichts der steigenden Zahl von Menschen mit Demenz in Deutschland sind innovative Wohnkonzepte wie dieses von großer Bedeutung. Sie bieten eine Möglichkeit, den Betroffenen ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Cornelia Rundt, die damalige niedersächsische Sozialministerin, lobte bei der Eröffnung die neue stationäre Pflegeeinrichtung: Einerseits biete sie "ein großes Stück Geborgenheit", ermögliche andererseits aber auch "Alltagssituationen". „Stationär voll versorgt und trotzdem selbstbestimmt“, fasst Ministerin Rundt das Konzept zusammen.

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Persönliche Eindrücke und Erfahrungen

Martina S. hat Tönebön am See besucht und ihre Eindrücke in einem persönlichen Erfahrungsbericht geschildert. Sie beschreibt die sechs Villen, das liebevoll gestaltete Gelände und die Bedeutung von Struktur und individueller Begleitung. Ihr Bericht vermittelt ein anschauliches und respektvolles Bild vom Leben in Tönebön am See.

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