Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Die Symptome sind vielfältig und reichen von pochenden Kopfschmerzen über Übelkeit und Erbrechen bis hin zu extremer Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Migräne, von den Ursachen und Symptomen bis hin zu Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten, und gibt Einblicke in das Leben von Menschen, die mit dieser Erkrankung leben.
Was ist Migräne?
Zentrales Symptom bei einer Migräne sind die häufig einseitigen, pulsierend-pochenden Kopfschmerzen. Migräne ist eine neurologische Erkrankung und entsteht nicht durch ein stressiges Leben. Die Bereitschaft zur Migräne ist in den Erbanlagen verankert. Man kann Migräne nicht einfach wegzaubern, ihr davonlaufen. Man muss sich darauf einstellen und sein Leben daran anpassen.
Symptome der Migräne
Die Symptome von Migräne sind vielfältig und können von Person zu Person variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Kopfschmerzen: Die Kopfschmerzen sind oft einseitig, pulsierend und pochend. Sie können sich bei Bewegung verstärken.
- Übelkeit und Erbrechen: Viele Migränepatienten leiden unter Übelkeit und Erbrechen.
- Licht- und Geräuschempfindlichkeit: Betroffene sind oft sehr empfindlich gegenüber Licht und Geräuschen.
- Geruchsempfindlichkeit: Einige Patienten reagieren empfindlich auf bestimmte Gerüche.
- Aura: Etwa 10 Prozent der Migräniker leiden auch an Aura Symptomen. Die gehen der eigentlichen Attacke voraus und sind oft mit Seh- und anderen Wahrnehmungsstörungen verbunden.
Migräne bei Kindern
Bei Kindern treten die Kopfschmerzen oft im ganzen Kopf auf, zusammen mit den genannten Begleitsymptomen. Dass Alexander Schön schon im Kindesalter Migräne hatte, ist keine Ausnahme. Auch eine Tochter von Julia Kühnel, Valentina, hat Migräne. Gleichzeitig sagen Studien aber: Migräne bei Kindern und Jugendlichen wird immer häufiger.
Ursachen und Auslöser
Wann und warum eine Migräneattacke entsteht, ist noch in weiten Teilen rätselhaft, auch was die genauen Ursachen der Schmerzen sind. Fest steht, dass sich die Gefäße in der Hirnhaut weiten und entzünden. Dahinter steckt eine unüberschaubare Kaskade von Abläufen im Gehirn, bei der verschiedenste Botenstoffe und Neurotransmitter eine Rolle spielen. Verspannungen in der Schulter- und Nackenmuskulatur scheinen als Auslöser und/oder Treiber bei den Attacken ebenfalls ausschlaggebend zu sein. Der Hirnstamm, der bei Migräne eine Rolle spielt, steht auch mit der Schulter- und Nackenmuskulatur in Verbindung. Wenn die dauerhaft verspannt ist, fördert das Migräneattacken. Stress in der Schule, mit Freunden oder in der Familie und auch der Umgang mit Smartphone etc. führen seiner Meinung nach zu steigenden Fallzahlen.
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Triggerfaktoren
Das Wort Trigger bedeutet Auslöser. Es ist wie bei einem Gewehr. Wenn man den Auslöser drückt, geht der Schuss los. Ein kleines Ereignis löst einen komplexen Ablauf aus. Die Kugel „wartet“ in der Pistole, aber erst wenn der Auslöser dazu kommt, wird die Bewegungsenergie freigesetzt. Das Wort leitet sich aus der früheren Vorstellung ab, dass etwas ursächlich die Migräne auslöst. So ist es aber nicht. Kausal ist ein Trigger nicht, sondern er löst nur aus, wie das Wort ja schon sagt.
Gemeinsamer Nenner all dieser Faktoren ist die Änderung. Was sich zu schnell, zu impulsiv, zu plötzlich ändert, beansprucht das Nervensystem. Stress steht ganz oben. Stress wird jedoch sehr individuell erlebt. Die Überaktivierung des Nervensystems, also wenn beispielsweise etwas beunruhigt, ist ein typischer Auslöser und eine Bedingung für ein Energiedefizit im Nervensystem. Das zweite auf der Hitliste ist die Angst. Viele Patienten leiden mehr unter der Angst vor dem nächsten Anfall als unter den Schmerzen selbst. Sie nehmen mehr Dinge als bedrohlich wahr - zum Beispiel die Angst vor der nächsten Migräneattacke und dann nicht zur Arbeit gehen zu können, nicht für die Kinder oder den Partner da sein zu können, Medikamente nehmen zu müssen. Die permanente Angst führt dazu, dass der Körper ständig in einer Alarm- und Fluchtbereitschaft ist. Das erzeugt wiederum Stress und Angst. Dazu gehört beispielsweise körperliche Überanstrengung. Der Körper verbraucht Energie, die nicht mehr für das Nervensystem zur Verfügung steht. Alles Unregelmäßige wie zu spät ins Bett gehen, in den Urlaub hetzen, Reisen, Jogging vor dem Frühstück, Auslassen von Mahlzeiten etc. kann Attacken auslösen. Daneben spielen physikalische Faktoren wie der berühmte Wetterumschwung eine Rolle. Nicht das Wetter an sich ist das Problem, sondern die Umstellung des Körpers auf eine neue Wettersituation, was wiederum Energie beansprucht.
Genetische Faktoren
Auch Valentinas Oma litt an der Erkrankung. Migräne steckt also in bestimmten Genen. Die legen fest, dass das Gehirn Migräne ‚kann‘. Bestimmte Risikogene in unseren Erbanlagen sind verantwortlich für eine hohe Migränebereitschaft. In der größten Migränestudie überhaupt mit über 375.000 Probanden, die an den weltweit führenden Zentren für Migräne durchgeführt worden ist, hat man 38 Risikogene und 44 Genvarianten entdeckt. Diese sind für zwei wesentliche Steuerungsmechanismen in unserem Körper verantwortlich: Einerseits betreffen diese das Herz-Kreislauf-System. Das führt auch dazu, dass das Risiko an Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erkranken, bei Migränepatienten fast doppelt so hoch ist wie bei Nicht-Betroffenen. Das zweite große Thema andererseits sind psychische und sensorische Mechanismen, für die unser Nervensystem verantwortlich ist, also Wahrnehmung, Denken, Kognition und Gefühle.
Diagnose
"Die Migräne wird sicherlich nach wie vor nicht wirklich als Krankheit gesehen und entsprechend ernst genommen. Die Hausärzte haben sicher das Knowhow, eine Migräne zu diagnostizieren, aber einfach häufig nicht die Zeit dazu. Die Diagnose ist im Prinzip einfach. Dafür ist aber eine umfangreiche Anamnese erforderlich. Ergänzend kann eine neurologische Untersuchung Gewissheit bringen, sowie der Ausschluss von anderen Ursachen, wie etwa einem Tumor.
Kopfschmerztagebuch
Es kann allerdings hilfreich sein, wenn Sie diese frühen Anzeichen erkennen. Tipp: Führen Sie ein Kopfschmerztagebuch und notieren Sie Trigger und Prodrom-Symptome. Du fühlst dich vielleicht manchmal hilflos, weil du nicht weißt, wann die nächste Migräneattacke kommt. Migräne kann nicht nur Pläne durchkreuzen, die dir wichtig sind, sondern auch verhindern, dass du überhaupt Pläne machst. Unser Tipp: Führe ein Kopfschmerztagebuch. So kannst du Muster erkennen und nachvollziehen, was die Migräne auslöst. Mit einem Migräne-Tagebuch kannst du deine Symptome vor dem Test genau beobachten und dokumentieren.
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Behandlungsmöglichkeiten
Standardschmerzmittel können bei einer akuten Migräneattacke nur bei milden Formen Hilfe leisten. Es gibt also eine Reihe von nicht medikamentösen Werkzeugen, um Migräne-Attacken vorzubeugen, sie seltener und erträglicher zu machen. Daneben gibt es aber auch vorbeugend wirkende Medikamente. Das wissen immer noch viel zu wenige Migräne-Patienten. Entscheidend ist, dass man sowohl medikamentös, als auch nicht medikamentös behandeln kann und dass die Kombination wahrscheinlich das Effektivste ist.
Akutbehandlung
Auch ASS (900 bis 1000 mg), Ibuprofen (400 mg), Naratriptan (2,5 mg), Paracetamol (1000 mg) bzw. Phenazon (1000 mg) gelten als Mittel der ersten Wahl. Die Kombination mit Coffein ist allerdings besonders wirksam und gleichzeitig gut verträglich. Allerdings bergen Triptane - wie auch alle anderen Schmerzmittel - ebenfalls eine Gefahr.
Vorbeugende Maßnahmen
Bei den Medikamenten, die vorbeugend gegen Migräne wirken können, handelt es sich ausschließlich um Pharmazeutika, die eigentlich für andere Erkrankungen entwickelt wurden, wie zum Beispiel Betablocker, Anti-Epileptika oder Psychopharmaka. Seit 2018 gibt es erstmals ein Prophylaxe-Medikament, das speziell für Menschen mit Migräne entwickelt wurde: monoklonale Antikörper. Sie blockieren den Botenstoff CGRP, der während der Attacke in den Hirnhäuten ausgeschüttet wird.
Nicht-medikamentöse Therapien
Die Frühtherapie bei Kindern mit Migräne baut deshalb nicht auf Medikamente, sondern auf verschiedene interdisziplinäre Therapien. Physiotherapie steht dabei ganz oben, um die Muskeln wieder weich zu machen. Und sind die Muskeln weicher, wirkt das auch auf die Psyche zurück: Viele Migräniker wollen es allen Bezugspersonen recht machen. Auch unlösbare Aufgaben versuchen sie zu lösen. Die eigenen Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen, fällt dagegen schwer. Verhaltenstherapie kann diese Kanäle öffnen. Daneben können auch Entspannungsverfahren helfen. Stress abbauen, den Umgang mit Schmerzen trainieren - so verschwindet die Furcht vor der nächsten Attacke. Mit dieser Methode kann der Migräniker erlernen, seine unbewusst ablaufenden Prozesse, wie Anspannung im Körper oder die Weite der Gefäße im Kopf zu beeinflussen. Die Anspannung muss für die Patientin dabei aber wahrnehmbar und erfahrbar werden.
Leben mit Migräne
Migräniker ziehen sich oft aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Ihre Kopfschmerzen werden in ihrer Dimension von Außenstehenden kaum begriffen, geschweige denn als neurologische Erkrankung ernst genommen. Freizeit zu planen, sich mit Freunden regelmäßig und verlässlich zu verabreden, ist den Betroffenen oft nicht möglich. Migräne ist eine eigenständige primäre Erkrankung und nie das Symptom einer anderen Erkrankung! Betroffene sind weder arbeitsunwillig, psychisch krank noch suchen sie nach Aufmerksamkeit. Aufgrund der besonderen Erbanlagen muss man ein aktives Gesundheitsverhalten einhalten.
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Umgang mit der Erkrankung im Alltag
Im Alltag Stress zu vermeiden, Ruhepausen einzuplanen, Entspannungsverfahren und Ausdauersport können helfen. Regelmäßige Schlafens- und Essenszeiten senken die Wahrscheinlichkeit für eine Attacke zusätzlich. Völlig kontrollieren lässt sich die Erkrankung häufig trotzdem nicht.
Die Rolle des Arbeitgebers
Alexander Schön beginnt zu kämpfen. Der Betriebsarzt schreibt ihn schichtunfähig. Beim Sozialverband VdK erfuhr er, dass auch mit einer chronischen Erkrankung ein Grad der Behinderung erworben werden kann. Der wird bei Alexander Schön auf 30 Prozent festgesetzt. Damit und dem Nachweis, dass ihm seitens des Arbeitgebers aufgrund seiner Erkrankung die Kündigung droht, erwirkt er beim Arbeitsamt eine Gleichstellung. Alexander Schön erwirbt sich schließlich die Rechte eines Schwerbehinderten, mit besonderem Kündigungsschutz und angepassten Arbeitsbedingungen.
Mythen und Fakten über Migräne
Es besteht immer noch der Mythos, Migräne sei etwas für die alternative Behandlung mit Methoden ohne ausreichenden Wirksamkeitsnachweis. Und wenn man keinen Käse isst, Globuli nimmt und Akupunktur macht, wird alles gut. Der Glaube stammt aus der Vergangenheit, als man kaum wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis zur Migräne hatte. Deshalb waren Betroffene oft enttäuscht von der Medizin und suchten Alternativen, weil sie das Gefühl hatten, dass die Medizin sich nicht kümmert. Doch seit 30 Jahren haben wir eine enorme Wissensexplosion erlebt.
Was Migräne nicht ist
- Migräne ist keine Ausrede.
- Migräne ist keine Modekrankheit.
- Migräne ist nicht mit Hausmitteln heilbar.
- Migräne ist für Außenstehende nicht verständlich, ohne zuhören zu wollen.
Was Migräne ist
- Migräne ist neurologisch, nicht psychisch.
- Migräne ist chronisch, nicht eingebildet.
- Migräne ist komplex, nicht "nur Kopfschmerz".
- Migräne ist unberechenbar, auch wenn man sie kennt.
- Migräne ist anstrengend, zerstörerisch, einschränkend - aber nicht besiegbar.
Forschung und Entwicklung
Klinische Studien und Laboruntersuchungen liefern weitere Angriffspunkte für Migränebehandlungen. Nature Outlook 586, 2020; nach Headache 58, 2018, Supplement Article: Dodick, D.W.: A phase‐by‐phase review of migraine pathophysiology und GBD Headache Collaborators: Global, regional, and national burden of migraine and tension-type headache, 1990-2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. Lancet Neurology 17, 2018 (Ausschnitt)
Neue Medikamente
In den USA ist nun ein Medikament ohne diese Nebenwirkung zugelassen: Lasmiditan. Während Triptane den Rezeptor 5-HT1B für den Botenstoff Serotonin blockieren, besetzt Lasmiditan den Rezeptor 5-HT1F. Unter dem neuen Arzneimittel treten seltener Herz-Kreislauf-Probleme auf. Das zweite neue Medikament in den USA gegen akute Migräneattacken enthält sehr kleine Moleküle, die die Rezeptoren für CGRP blockieren, Gepante genannt.