Tuberöse Sklerose und Psychose: Ein möglicher Zusammenhang

Einführung

Tuberöse Sklerose (TSC) ist eine seltene, genetisch bedingte Multisystemerkrankung, die durch das Wachstum von (meist gutartigen) Tumoren in verschiedenen Organen, einschließlich des Gehirns, gekennzeichnet ist. Diese Erkrankung manifestiert sich oft durch eine Vielzahl von Symptomen, darunter Epilepsie, kognitive Beeinträchtigungen, Hautveränderungen und TSC-assoziierte neuropsychiatrische Störungen (TAND). Obwohl der Fokus in der Forschung und klinischen Praxis häufig auf den neurologischen und körperlichen Aspekten liegt, rücken die psychiatrischen Dimensionen von TSC zunehmend in den Vordergrund. Dieser Artikel beleuchtet den möglichen Zusammenhang zwischen tuberöser Sklerose und dem Auftreten von Psychosen, wobei sowohl genetische als auch klinische Faktoren berücksichtigt werden.

Grundlagen der Tuberösen Sklerose

Genetische Ursachen und Pathophysiologie

TSC wird durch Mutationen in den Genen TSC1 (9q34) oder TSC2 (16p13.3) verursacht. Diese Gene kodieren für Proteine, die indirekt den mTOR-Signalweg hemmen. Bei TSC führt ein Übermaß an mTOR zu erhöhtem Zellwachstum und -proliferation sowie zu einer unverhältnismäßigen Glutamataktivität, was eine gestörte synaptische Plastizität zur Folge hat. Diese molekularen Veränderungen tragen maßgeblich zur Entwicklung der vielfältigen klinischen Manifestationen der TSC bei.

Klinische Manifestationen

Die klinischen Zeichen der TSC sind vielfältig und können sich im Laufe des Lebens verändern. Zu den häufigsten Manifestationen gehören:

  • Hautveränderungen: Hypomelanotische Makulae, Angiofibrome im Gesicht, unguale Fibrome, fibröse Plaques im Kopf- und Lendenbereich (Chagrin-Flecken) und konfettiartige Hautveränderungen.
  • Gehirnbeteiligung: Kortikale Dysplasien ('Tubers'), subependymale Knötchen und/oder subependymale Riesenzellastrozytome (SEGA).
  • Epilepsie: Früh einsetzende Epilepsie (fokale Anfälle und/oder infantile Spasmen) tritt bei etwa 85% der Patienten auf.
  • TAND: TSC-assoziierte neuropsychiatrische Störungen, einschließlich Intelligenzminderung, ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen (ASD), psychiatrische Störungen, neuropsychologische Defizite sowie schulische und berufliche Schwierigkeiten.
  • Renale Angiomyolipome (AML): Entwickeln sich oft in der Kindheit und können im Jugend- und Erwachsenenalter fortschreiten.
  • Lymphangioleiomyomatose (LAM) und Lungenzysten: Treten häufiger im Erwachsenenalter auf.
  • Kardiale Rhabdomyome: Treten in der Fetalperiode auf und bilden sich in der Regel in der frühen Kindheit zurück.

Diagnostische Kriterien

Die Diagnose der TSC basiert auf klinischen Kriterien. Eine eindeutige Diagnose erfordert das Vorhandensein von ≥ 2 Hauptmerkmalen oder 1 Haupt- und ≥ 2 Nebenmerkmalen.

Psychische Gesundheit bei Tuberöser Sklerose

TAND - Ein breites Spektrum neuropsychiatrischer Störungen

TAND ist ein zentraler Aspekt der TSC und umfasst ein breites Spektrum neuropsychiatrischer Störungen. Diese Störungen können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und erfordern eine umfassende und multidisziplinäre Behandlung. Zu den häufigsten TAND-assoziierten Problemen gehören:

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  • Intellektuelle Beeinträchtigungen: Viele Menschen mit TSC haben eine Intelligenzminderung unterschiedlichen Grades.
  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS): ADHS ist eine häufige Begleiterkrankung bei TSC und kann sich in Form von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität äußern.
  • Autismus-Spektrum-Störungen (ASD): Ein erheblicher Anteil von Menschen mit TSC erfüllt die diagnostischen Kriterien für Autismus.
  • Psychiatrische Störungen: Angststörungen, Depressionen, Zwangsstörungen und psychotische Störungen können bei Menschen mit TSC auftreten.
  • Neuropsychologische Defizite: Beeinträchtigungen in Bereichen wie Gedächtnis, exekutive Funktionen und soziale Kognition sind häufig.
  • Schulische und berufliche Schwierigkeiten: Aufgrund der kognitiven und neuropsychiatrischen Beeinträchtigungen haben viele Menschen mit TSC Schwierigkeiten in der Schule und im Beruf.

Psychosen bei Tuberöser Sklerose

Psychotische Störungen, einschließlich Schizophrenie und schizoaffektive Störungen, sind bei Menschen mit TSC möglicherweise häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Es gibt verschiedene Theorien, die diesen Zusammenhang erklären könnten:

  • Genetische Faktoren: TSC wird durch Mutationen in Genen verursacht, die eine wichtige Rolle bei der neuronalen Entwicklung und Funktion spielen. Diese Mutationen könnten auch das Risiko für psychotische Störungen erhöhen. Studien haben gezeigt, dass genetische Varianten mit hoher Effektstärke transdiagnostisch sowohl zu einem erhöhten Risiko schizophreniformer Syndrome oder Entwicklungsstörungen als auch neurologischer Erkrankungen wie Epilepsie oder Dystonien beitragen können.
  • Neuroanatomische Veränderungen: Die kortikalen Dysplasien ('Tubers') und subependymalen Knötchen, die typisch für TSC sind, können die normale Gehirnfunktion beeinträchtigen und das Risiko für psychische Störungen erhöhen.
  • Epilepsie: Epilepsie ist eine häufige Begleiterkrankung bei TSC. Es gibt Hinweise darauf, dass Epilepsie und psychotische Störungen miteinander in Verbindung stehen könnten.
  • Soziale und psychologische Faktoren: Menschen mit TSC erleben oft soziale Ausgrenzung, Stigmatisierung und Schwierigkeiten in der Schule und im Beruf. Diese Erfahrungen können das Risiko für psychische Störungen erhöhen. Das Gefühl, nicht akzeptiert zu werden, nicht dazuzugehören, irgendwie anders zu sein, als man sein sollte, begleitet viele ihr Leben lang. Das kann zu einer tiefen Verunsicherung und Selbstzweifeln führen.

Differentialdiagnostische Überlegungen

Es ist wichtig zu beachten, dass psychische Symptome bei Menschen mit TSC auch andere Ursachen haben können. Differentialdiagnostisch sollten folgende Faktoren berücksichtigt werden:

  • Nebenwirkungen von Medikamenten: Einige Medikamente, die zur Behandlung von Epilepsie oder anderen Symptomen der TSC eingesetzt werden, können psychische Nebenwirkungen verursachen.
  • Organische Ursachen: Stoffwechselstörungen, Infektionen oder andere organische Erkrankungen können psychische Symptome auslösen.
  • Andere psychische Störungen: Menschen mit TSC können auch an anderen psychischen Störungen leiden, die nicht direkt mit der TSC zusammenhängen, wie z.B. Depressionen, Angststörungen oder Zwangsstörungen.

Diagnostische Verfahren

Die Diagnose einer psychotischen Störung bei Menschen mit TSC erfordert eine umfassende psychiatrische Untersuchung. Diese sollte folgende Elemente umfassen:

  • Anamnese: Erhebung der persönlichen und familiären Krankengeschichte, einschließlich Informationen zu psychischen Erkrankungen, neurologischen Erkrankungen und Entwicklungsstörungen.
  • Klinische Untersuchung: Beurteilung des psychischen Zustands, einschließlich Kognition, Affekt, Wahrnehmung und Verhalten.
  • Psychologische Tests: Einsatz von standardisierten Fragebögen und Tests zur Erfassung von psychischen Symptomen und kognitiven Funktionen.
  • Neurologische Untersuchung: Beurteilung der neurologischen Funktionen, einschließlich Reflexe, Koordination und Sensorik.
  • Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns zur Darstellung der kortikalen Dysplasien und subependymalen Knötchen.
  • Elektroenzephalographie (EEG): Ableitung der Hirnströme zur Erfassung von epileptischen Aktivitäten.
  • Genetische Untersuchung: Analyse der TSC1- und TSC2-Gene zur Bestätigung der Diagnose und zur Identifizierung von Mutationen.

Therapieansätze

Die Behandlung von psychotischen Störungen bei Menschen mit TSC erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der sowohl pharmakologische als auch nicht-pharmakologische Interventionen umfasst.

Pharmakologische Therapie

  • Antipsychotika: Antipsychotische Medikamente können zur Behandlung von psychotischen Symptomen wie Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Denkstörungen eingesetzt werden. Es ist wichtig, die potenziellen Nebenwirkungen dieser Medikamente zu berücksichtigen, insbesondere bei Menschen mit TSC. Bei PatientInnen mit Mikrodeletionssyndrom 22q11.2 besteht eine erhöhte Anfallsbereitschaft unter Clozapin.
  • Antidepressiva: Antidepressiva können zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden, die häufig mit psychotischen Störungen einhergehen.
  • Anxiolytika: Anxiolytika können zur Behandlung von Angststörungen eingesetzt werden, die ebenfalls häufig mit psychotischen Störungen einhergehen.
  • Antiepileptika: Bei Menschen mit TSC und Epilepsie ist eine adäquate antiepileptische Behandlung wichtig, da epileptische Anfälle psychische Symptome auslösen oder verstärken können. Vigabatrin (GABA-Transaminase-Hemmer) wird bei infantilen Spasmen und früh einsetzenden fokalen Anfällen eingesetzt. Wenn Vigabatrin nicht anschlägt, können andere Antiepileptika, eine ketogene Diät, die Stimulation des Vagusnervs oder ein mTOR-Signalweg-Hemmer (Everolimus) hilfreich sein.

Nicht-pharmakologische Therapie

  • Psychotherapie: Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) kann hilfreich sein, um psychotische Symptome zu bewältigen, negative Denkmuster zu verändern und soziale Kompetenzen zu verbessern. Auch andere Therapieformen wie die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) oder die akzeptanz- und commitmenttherapie (ACT) können in bestimmten Fällen sinnvoll sein.
  • Soziotherapie: Soziotherapeutische Maßnahmen können Menschen mit TSC helfen, ihren Alltag besser zu bewältigen, soziale Kontakte zu knüpfen und berufliche Perspektiven zu entwickeln.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann Menschen mit TSC helfen, ihre motorischen und kognitiven Fähigkeiten zu verbessern und ihre Selbstständigkeit im Alltag zu fördern.
  • Logopädie: Logopädie kann Menschen mit TSC helfen, ihre sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten zu verbessern.
  • Elternberatung und -schulung: Eltern von Kindern mit TSC benötigen oft Unterstützung und Informationen, um die Erkrankung ihres Kindes besser zu verstehen und angemessen darauf reagieren zu können.
  • Familientherapie: Familientherapie kann helfen, die Kommunikation und das Zusammenleben in der Familie zu verbessern und Konflikte zu lösen.

Ketogene Diät

Die ketogene Diät ist eine spezielle Form der Ernährung, die reich an Fetten und arm an Kohlenhydraten ist. Sie wird seit langem zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt, insbesondere bei Kindern. Es gibt auch Hinweise darauf, dass die ketogene Diät bei einigen psychischen Störungen, wie z.B. Schizophrenie, hilfreich sein könnte. Die Ketogene Diät ist nicht möglich bei bestimmten Stoffwechselstörungen (insbesondere des Energie- oder Fett - Stoffwechsels), bei bestimmten Krankheiten des Herzens oder der Niere und bei Störungen der Leber oder Bauchspeicheldrüsenfunktion. Besondere Vorsicht ist bei der gleichzeitigen Einnahme von Barbituraten, Valproat, Topiramat, Sultiam oder Zonisamid geboten.

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Genetische Beratung

Eine genetische Beratung ist für Familien mit TSC wichtig, um das Risiko für weitere Kinder mit der Erkrankung zu beurteilen und um über Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik zu informieren. Für eine prädiktive Testung klinisch gesunder Personen - z. B. Angehörigen von PatientInnen mit einer nachgewiesenen genetischen Erkrankung - ist nach GenDG eine Beratung durch FachärztInnen für Humangenetik oder FachärztInnen mit o. g. Zusatzqualifikation zwingend notwendig.

Fazit

Der Zusammenhang zwischen tuberöser Sklerose und Psychosen ist komplex und erfordert weitere Forschung. Es gibt jedoch zunehmend Evidenz dafür, dass Menschen mit TSC ein erhöhtes Risiko für psychotische Störungen haben. Eine frühzeitige Diagnose und eine umfassende Behandlung sind wichtig, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Behandlung sollte einen multidisziplinären Ansatz umfassen, der sowohl pharmakologische als auch nicht-pharmakologische Interventionen beinhaltet. Genetische Beratung ist für Familien mit TSC wichtig, um das Risiko für weitere Kinder mit der Erkrankung zu beurteilen. Es ist wichtig, dass der Zugang zur Transition für autistische Menschen barrierefrei wird; derzeit ist das nicht der Fall. Wenn man das Gefühl hat, dass die Autismus-Diagnose nicht alles erklärt, sollte man auf einer gründlichen Diagnostik bestehen.

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