Tysabri und das Risiko einer Hirnhautentzündung: Eine umfassende Betrachtung

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die das Gehirn und das Rückenmark betrifft. Tysabri® (Natalizumab) ist ein Medikament, das zur Behandlung der schubförmig-remittierenden MS (RRMS) eingesetzt wird. Es gehört zur Gruppe der Immuntherapeutika und wirkt, indem es den Übertritt von Immunzellen ins Gehirn verhindert. Obwohl Tysabri® eine wirksame Therapieoption darstellt, ist es mit potenziellen Risiken verbunden, insbesondere dem Risiko einer progressiven multifokalen Leukoenzephalopathie (PML), einer schweren und oft tödlichen Hirninfektion.

Tysabri® (Natalizumab): Ein Überblick

Natalizumab (Tysabri®) ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper, der intravenös verabreicht wird. Er blockiert die α4-Untereinheit des VLA-4 (Very Late Antigen-4) auf der Oberfläche von Lymphozyten. Dadurch wird die Interaktion mit VCAM-1 (Vascular Cell Adhesion Molecule-1) auf Endothelzellen der Blut-Hirn-Schranke verhindert, was die Migration von Immunzellen ins Gehirn reduziert.

Tysabri® ist indiziert als Monotherapie zur Behandlung von Erwachsenen mit hochaktiver schubförmig-remittierender Multipler Sklerose (RRMS) in folgenden Fällen:

  • Hochaktive Erkrankung trotz Behandlung mit einer vollständigen und angemessenen Zyklusdauer von mindestens einer krankheitsmodifizierenden Therapie.
  • Hochaktive Erkrankung, definiert als rasch fortschreitende RRMS, gekennzeichnet durch zwei oder mehr Schübe mit Behinderungsprogression innerhalb eines Jahres und MRT-Aktivität, unabhängig von einer Immuntherapie.

Die Dosierung beträgt 300 mg Natalizumab, die alle 4 Wochen als intravenöse Infusion über etwa 90 Minuten verabreicht wird. Nach der Infusion ist eine 30-minütige Nachbeobachtungszeit erforderlich, um mögliche Nebenwirkungen wie infusionsbedingte Reaktionen frühzeitig zu erkennen.

Das Risiko einer progressiven multifokalen Leukoenzephalopathie (PML)

Die schwerwiegendste Nebenwirkung von Tysabri® ist die progressive multifokale Leukoenzephalopathie (PML). PML ist eine seltene, aber potenziell tödliche Hirninfektion, die durch das JC-Virus (JCV) verursacht wird. Das JC-Virus ist ein weit verbreitetes Virus, das bei vielen Menschen latent vorhanden ist. Bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem, wie z. B. bei der Behandlung mit Tysabri®, kann das JC-Virus reaktiviert werden und PML verursachen.

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Risikofaktoren für PML unter Tysabri®

Mehrere Faktoren erhöhen das Risiko, unter Tysabri® eine PML zu entwickeln:

  • Vorhandensein von Anti-JCV-Antikörpern: Ein positiver Anti-JCV-Antikörper-Test zeigt an, dass eine Person mit dem JC-Virus infiziert wurde und somit ein höheres Risiko für PML hat. Der JCV-Index-Wert, ein quantitatives Maß der Serologie, ermöglicht eine weitere Differenzierung bei Anti-JCV-Antikörper-positiven Patienten. Ein Wert über 0,9 deutet auf eine relevante Risikoerhöhung hin.
  • Dauer der Tysabri®-Behandlung: Das PML-Risiko steigt mit der Dauer der Behandlung.
  • Vorherige Anwendung von Immunsuppressiva: Patienten, die zuvor mit Immunsuppressiva behandelt wurden, haben ein höheres PML-Risiko.

Überwachung auf PML

Um das Risiko einer PML zu minimieren, sind regelmäßige Überwachungsmaßnahmen erforderlich:

  • Anti-JCV-Antikörper-Test: Vor Beginn der Behandlung mit Tysabri® sollte ein Anti-JCV-Antikörper-Test durchgeführt werden. Bei JCV-negativen Patienten sollte der Test alle sechs Monate wiederholt werden, um eine mögliche Serokonversion zu erkennen.
  • MRT-Untersuchungen: Vor Therapiebeginn mit Tysabri® ist eine MRT-Aufnahme des Gehirns erforderlich. Diese sollte alle sechs bis zwölf Monate wiederholt werden, es sei denn, es treten neue ungewöhnliche neurologische Symptome auf, die eine sofortige MRT-Aufnahme erfordern.

Symptome von PML

Die Symptome einer PML können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Bereiche des Gehirns betroffen sind. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Schwäche oder Lähmung einer Körperseite
  • Sehstörungen
  • Sprachschwierigkeiten
  • Koordinationsprobleme
  • Verwirrtheit
  • Gedächtnisverlust

Bei Verdacht auf PML sollte umgehend ein Arzt aufgesucht werden.

Weitere Risiken und Nebenwirkungen von Tysabri®

Neben dem Risiko einer PML gibt es weitere potenzielle Risiken und Nebenwirkungen von Tysabri®:

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  • Infektionen: Da Natalizumab das Immunsystem beeinflusst, steigt das Risiko für Infektionen, einschließlich Gehirnentzündungen (Enzephalitis) und Hirnhautentzündungen (Meningitis), die durch Herpes-simplex-Viren (HSV) und das Varizella-Zoster-Virus (VZV) verursacht werden.
  • Infusionsbedingte Reaktionen: Während der Infusion und eine Stunde danach können Überempfindlichkeitsreaktionen und Infusionsreaktionen auftreten.
  • Leberschädigungen: In seltenen Fällen kann Tysabri® zu schweren Leberschädigungen führen. Daher sind regelmäßige Leberkontrollen vor Therapiebeginn und im Verlauf wichtig.

Sicherheitsabstände zu anderen MS-Medikamenten

Die Verwendung von Tysabri® erfordert bestimmte Sicherheitsabstände nach dem Absetzen vorheriger MS-Medikamente, um das Risiko von Nebenwirkungen zu minimieren:

  • Nach Gilenya® (Fingolimod): 4 Wochen Abstand
  • Nach Lemtrada® (Alemtuzumab): 6 bis 12 Monate Abstand
  • Nach Mitoxantron, Azathioprin oder Methotrexat: Mindestens 3 Monate Abstand
  • Nach Aubagio® (Teriflunomid): Mindestens 4 Wochen Abstand
  • Nach Tecfidera® (Dimethylfumarat): Kein Sicherheitsabstand erforderlich, es sei denn, es bestehen niedrige weiße Blutkörperchen oder Leber- oder Nierenprobleme.

Tyruko®: Ein Biosimilar zu Tysabri®

Im September erhielt die Firma Sandoz von der Europäischen Kommission die Marktzulassung für das Präparat Tyruko®, ein Biosimilar zu Tysabri® mit dem Wirkstoff Natalizumab, das ab Februar auch in Deutschland verfügbar sein soll. Biosimilars sind Nachahmerprodukte eines bereits zugelassenen Arzneimittelwirkstoffes, welcher mit Hilfe eines lebenden Organismus (z.B. Mikroorganismen wie Bakterien, Pilze oder Algen) hergestellt wird. Derartige Wirkstoffe sind im Gegensatz zu klassischen über die Molekülstruktur definierten Arzneimitteln nicht völlig identisch mit dem Originalwirkstoff. Sie erfordern daher umfassendere Zulassungsverfahren und Überwachungsmaßnahmen als klassische Generika, auch wenn diese Prozesse weniger aufwändig sind als bei Originalpräparaten.

In der ANTELOPE Phase III Studie wurde das Biosimilar Natalizumab (Tyruko®) gegen die Referenz Natalizumab (Tysabri®) getestet. Das Biosimilar zeigte vergleichbare Effekte für Wirksamkeit, Sicherheit und Immunogenität wie das Originalpräparat.

Wie auch Tysabri® wird Tyruko® für die krankheitsmodifizierende Monotherapie bei Erwachsenen mit schubförmig-remittierender Multipler Sklerose (RRMS) angewendet, entweder mit hochaktiver Erkrankung trotz Behandlung mit einem vollständigen und angemessenen Zyklus mit mindestens einer krankheitsmodifizierenden Therapie oder mit hochaktiver Erkrankung, definiert als rasch fortschreitende RRMS, definiert durch zwei oder mehr Schübe mit Behinderungsprogression in einem Jahr, und MRT Aktivität unabhängig von einer Immuntherapie.

Für die Bestimmung des Risikos für das Auftreten einer PML unter der Behandlung mit Tyruko® sollte daher ebenso wie bei Tysabri® ein Test auf die im Serum vorliegenden anti-JCV-Antikörper und deren „Titer“ (als Maß für die Anzahl der anti-JCV-Antikörper, auch „JCV Antikörper Index“ genannt) erfolgen. Ratsam ist die Testung vor Beginn der Behandlung oder bei MS Betroffenen, die den Wirkstoff bei unbekanntem Antikörper-Status erhalten. Die Testung sollte unter Behandlung mit Natalizumab wenigstens alle 6 Monate wiederholt werden, um eine evtl. Änderung des JCV-Status von negativ zu positiv (sog. Konversion) oder auch „Titer“-Verläufe zu erfassen.

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Lagerung von Tysabri®

Tysabri® muss im Kühlschrank bei einer Temperatur von 2-8°C gelagert und vor Licht geschützt werden. Beim Transport von der Apotheke nach Hause empfiehlt es sich, eine Kühltasche zu verwenden.

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