Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, von der in Deutschland mehr als acht Millionen Menschen betroffen sind. Frauen leiden etwa doppelt so häufig unter Migräne wie Männer. Die Erkrankung zeichnet sich durch wiederkehrende, anfallsartige Kopfschmerzen aus, die oft von Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet werden. Hamburger Forscher der Uniklinik Hamburg-Eppendorf haben die Ursache der Schmerzanfälle entdeckt und in MRT-Scans bewiesen, dass im sogenannten Trigeminus-System des Hirns die Aktivität der Nervenzellen steigt, je näher die Migräne-Attacke rückt.
Symptome und Diagnose
Unterscheidung zwischen Kopfschmerzen und Migräne
Es ist wichtig, Migräne von gewöhnlichen Kopfschmerzen zu unterscheiden, da die Behandlungsmethoden variieren.
Kopfschmerzen:
- Betreffen den ganzen Kopf
- Verursachen dumpfen Druck
- Halten einige Stunden an
- Werden bei Arbeit oder Bewegung nicht schlimmer
- Treten ohne weitere Beschwerden wie Übelkeit oder Erbrechen auf
Migräne:
- Treten meist halbseitig auf
- Sind pulsierend oder pochend
- Halten ein bis zwei Tage an
- Werden bei Bewegung und Arbeit stärker
- Können von Frieren, Übelkeit, Brechreiz und Empfindlichkeit gegen Sinnesreize (Licht, Gerüche, Berührung, Musik) begleitet sein
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Bei häufigeren Attacken, die an mehr als 15 Tagen pro Monat auftreten, oder bei täglicher Einnahme von Schmerzmitteln (Aspirin, Paracetamol) sollte ein Arzt konsultiert werden. Bei Migräne ist ein Arztbesuch schon beim ersten Auftreten ratsam, besonders wenn Sehstörungen oder Taubheitsgefühle in Arm oder Bein vor der Attacke auftreten.
Diagnosemethoden
Die Diagnose von Kopfschmerzen und Migräne erfolgt in der Regel durch eine ausführliche Befragung des Patienten und gegebenenfalls durch Tests, um organische Erkrankungen auszuschließen. Wichtige Hinweise bei Migräne sind Angaben zu typischen Vorboten wie Sehstörungen (Aura-Sehen, Tunnelblick).
Ursachen und Auslöser
Ursachenforschung
Die Ursachen der Migräne sind komplex und noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und äußeren Faktoren eine Rolle spielt. Eine Entzündung und Reizung von Hirnhautgefäßen wird als Ursache für Migräne vermutet.
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Eine umfangreiche Migränestudie entdeckte 44 neue Genvarianten, die mit einem erhöhten Migränerisiko verbunden sind und das Blutkreislaufsystem des Gehirns regulieren. Dies deutet darauf hin, dass eine Störung der Blutversorgung des Gehirns wesentlich für die Entstehung der Migräne ist.
Neurologen der Uniklinik Hamburg-Eppendorf erkennen Anzeichen für eine Art „Migränemotor im Hirnstamm“. Demnach sind die Energiepumpen an den Synapsen schneller überlastet als bei gesunden Menschen. In ihrer Not schütten sie Neurotransmitter und Peptide aus, die eine Nervenentzündung und Schmerzen triggern.
Häufige Auslöser
- Wetterwechsel
- Stress
- Hormonelle Schwankungen (kurz vor der Monatsblutung)
- Bestimmte Nahrungsmittel: Süße alkoholische Getränke (Rotwein, Sekt), Schimmel- und Schmelzkäse, Pökelfleisch (viel Nitrit), asiatische Lebensmittel (viel Glutamat)
Behandlungsmethoden
Akutbehandlung
Ziel der Akutbehandlung ist es, die Schmerzen und Begleitsymptome während einer Migräneattacke zu lindern.
- Ruhe: Zimmer abdunkeln, Radio und Fernseher ausschalten, Arbeit und Sport unterbrechen
- Alternative Methoden: Akupressur (Schläfen- und Nackendruck), kühlendes China-Öl (Apotheke) oder kalten Waschlappen auf Stirn und Hinterkopf
- Medikamente: Triptane (verschreibungspflichtig), Schmerzmittel (Acetylsalicylsäure, Ibuprofen, Paracetamol)
Vorbeugung
Eine gezielte Vorbeugung kann die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken reduzieren.
- Regelmäßiger Tagesablauf: Feste Mahlzeiten, ausreichend Schlaf
- Stressmanagement: Stress vermeiden oder reduzieren, Yoga, Meditation, Muskelentspannung
- Ausdauersport: Regelmäßiges Joggen oder Radfahren
- Vermeidung von Auslösern: Genussgifte (Cola, Kaffee, Alkohol, Zigaretten) reduzieren, bekannte Triggerfaktoren meiden
Medikamentöse Prophylaxe
Bei häufigen oder schweren Migräneattacken kann eine medikamentöse Prophylaxe sinnvoll sein. Hierbei werden Medikamente eingesetzt, die ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt wurden, aber auch eine positive Wirkung auf Migräne haben können (z.B. Medikamente gegen hohen Blutdruck oder Epilepsie). Seit einigen Jahren gibt es auch Prophylaxemittel, zum Beispiel CGRP-Antikörper. CGRP steht für Calcitonin Gene-Related-Peptide, ein Molekül, dass an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt ist. Spritzt man Patienten Antikörper, wirken diese gegen das CGRP und machen es unschädlich. So entstehen die Migräneattacken erst gar nicht.
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Neue Behandlungsansätze
Gepante sollen verhindern, dass die CGRP-Proteine wirken können. Der Vorteil: Diese Art der Behandlung soll nicht nur prophylaktisch wirken, sondern auch bei akuten Attacken Schmerzen lindern. Gepante kann man auch in der Therapie bei Menschen einsetzen, die herkömmliche Medikamente wie Triptane aufgrund von Herzkreislauferkrankungen nicht einnehmen können.
Nicht-medikamentöse Behandlungsmethoden
- Regelmäßige Lebensführung
- Entspannungsverfahren
- Ausdauersport (mindestens zweimal wöchentlich)
- Biofeedbackverfahren
- Stressbewältigungstraining
Besonderheiten
Migräne bei Kindern
Auch Kinder können unter Migräne leiden. Hier stehen oft Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen im Vordergrund, während Kopfschmerzen fehlen können. Die Attacken sind meist kurz, und Schlaf wirkt oft Wunder.
Migräne in der Schwangerschaft
Infolge der hormonellen Umstellung kann es in der Schwangerschaft zu einer Reduktion der Migränehäufigkeit kommen. Viele Medikamente zur Akutbehandlung oder Prophylaxe sind in der Schwangerschaft jedoch nicht geeignet.
Bedeutung der leitliniengerechten Therapie
Eine Studie der Kopf- und Gesichtsschmerzambulanz am UKE zeigte, dass viele Migränepatienten nicht leitliniengerecht behandelt werden. Obwohl eine Indikation für eine medikamentöse Migräneprophylaxe vorlag, hatte mehr als die Hälfte der Patienten nie ein entsprechendes Medikament verschrieben bekommen oder eingenommen. Nach Einleitung einer leitliniengerechten Therapie in der Ambulanz wurde deren Wirksamkeit in 71 Prozent der Fälle als sehr gut oder gut bewertet.
Wirtschaftliche Folgen
Migräne verursacht nicht nur persönliches Leid, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Kosten durch Behandlungskosten und reduzierte Arbeitsleistung.
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Die Rolle des Kopfschmerzkalenders
Das Führen eines Kopfschmerzkalenders kann helfen, Auslöser zu identifizieren und die Wirksamkeit von Behandlungen zu beurteilen.
Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz
Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) weist darauf hin, dass bei 9 Prozent der Patienten ein Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz vorlag. Der Übergebrauch von Schmerzmitteln kann die Kopfschmerzen verstärken und chronifizieren.
Anlaufstellen und Selbsthilfe
Bei häufigen oder schweren Kopfschmerzen sollte ein Arzt aufgesucht werden. Es gibt spezialisierte Kopfschmerzambulanzen und Selbsthilfegruppen, die Betroffenen Unterstützung bieten können. Die Kopfschmerzambulanz des UKE besteht seit 2005 und wird von Herrn Prof. Dr. Arne May geleitet. Wir behandeln Patienten mit jeglicher Art von primären oder sekundären Kopf- und/oder Gesichtsschmerzen und sind dabei therapeutisch und wissenschaftlich spezialisiert auf Migräne, Spannungskopfschmerzen, Trigemino-autonome Kopfschmerzen (z. B. Clusterkopfschmerz), Trigeminusneuralgie, Persistierenden Idiopathischen Gesichtsschmerz (früher: Atypischer Gesichtsschmerz) sowie weitere seltene Kopf- und Gesichtsschmerzerkrankungen.