Ruhepotential, Gleichgewichtspotential und ihre Unterschiede

Das Membranpotential ist ein entscheidender Faktor für die Funktion von Zellen, insbesondere Nerven- und Muskelzellen. Es ermöglicht die Erregbarkeit und Signalweiterleitung. Dieser Artikel beleuchtet die Unterschiede zwischen Ruhepotential und Gleichgewichtspotential, ihre Entstehung und Bedeutung.

Einführung in das Membranpotential

Das Membranpotential ist die elektrische Spannung, die über die Zellmembran einer Zelle besteht. Diese Spannung entsteht durch Unterschiede in der Konzentration von Ionen zwischen dem Zellinneren (intrazellulär) und dem Zelläußeren (extrazellulär). Die Membran trennt zwei Flüssigkeitsräume mit unterschiedlichen Ionenkonzentrationen. Da die Membran selektiv permeabel ist, d.h. sie lässt bestimmte Ionen leichter passieren als andere, kommt es zu einer Ladungstrennung, die das Membranpotential erzeugt. Es kann als Transmembranspannung bezeichnet werden.

Entstehung des Ruhepotentials

Das Ruhepotential ist das Membranpotential einer Zelle im Ruhezustand, also wenn sie nicht durch einen Reiz erregt ist. Es ist der Grundzustand erregbarer Zellen wie Nerven- oder Muskelzellen und liegt typischerweise zwischen -70 mV und -90 mV. Dieser Wert ist zelltypabhängig und entspricht in etwa dem Kalium-Gleichgewichtspotential.

Selektive Permeabilität der Zellmembran

Die Zellmembran ist semipermeabel, was bedeutet, dass sie für bestimmte Ionen besser durchlässig ist als für andere. Dies wird durch Ionenkanäle ermöglicht, die spezifisch für bestimmte Ionen sind. Die Axonmembran ist besonders permeabel für Kaliumionen (K+), weniger für Chloridionen (Cl-) und am wenigsten für Natriumionen (Na+). Große Anionen (A-) können die Membran überhaupt nicht passieren.

Die selektive Permeabilität führt dazu, dass Kaliumionen leichter aus der Zelle diffundieren können, während Natriumionen und negativ geladene Proteine weitgehend zurückgehalten werden. Dies liegt daran, dass Kaliumkanäle im Ruhezustand meist offen sind, während Natriumkanäle geschlossen sind.

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Ionenverteilung und Konzentrationsgradienten

Die unterschiedliche Konzentration von Ionen innerhalb und außerhalb der Zelle ist entscheidend für die Entstehung des Ruhepotentials. Besonders wichtig ist die hohe intrazelluläre Konzentration von Kaliumionen im Vergleich zur extrazellulären Konzentration.

Die folgende Tabelle zeigt die typischen Ionenkonzentrationen intra- und extrazellulär:

IonKonzentration extrazellulär (mmol/L)Konzentration intrazellulär (mmol/L)
Natrium (Na+)ca. 140ca. 10
Kalium (K+)ca. 5ca. 150
Calcium (Ca2+)ca. 2ca. 10^-5
Chlorid (Cl-)ca. 105ca. 7

Diese Konzentrationsunterschiede erzeugen Konzentrationsgradienten für jedes Ion. Die Ionen streben danach, diese Gradienten auszugleichen, was zu Ionenflüssen über die Membran führt.

Natrium-Kalium-Pumpe

Um das Ruhepotential aufrechtzuerhalten, ist ein aktiver Transportmechanismus erforderlich: die Natrium-Kalium-ATPase (Na+/K+-Pumpe). Diese Pumpe transportiert unter Energieverbrauch (ATP) kontinuierlich drei Natriumionen aus der Zelle heraus und zwei Kaliumionen in die Zelle hinein. Dadurch werden die Konzentrationsgradienten von Natrium und Kalium aufrechterhalten und das Ruhepotential stabilisiert.

Zusammenspiel von Konzentrationsgradient und Ladungsausgleich

Das Ruhepotential entsteht durch das Zusammenspiel zweier Kräfte: des Konzentrationsgradienten und des Ladungsausgleichs. Der Konzentrationsgradient treibt die Ionen an, sich gleichmäßig zu verteilen. Da die Ionen geladen sind, führt ihre Bewegung auch zu einer Ladungstrennung und einem elektrischen Gradienten.

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Wenn Kaliumionen aufgrund des Konzentrationsgradienten aus der Zelle diffundieren, wird das Zellinnere negativer und das Zelläußere positiver. Diese Ladungstrennung erzeugt ein elektrisches Feld, das der weiteren Diffusion von Kaliumionen entgegenwirkt. Es entsteht ein Gleichgewicht, bei dem der Konzentrationsgradient und der elektrische Gradient sich ausgleichen. Dieses Gleichgewichtspotential ist entscheidend für die Aufrechterhaltung des Ruhepotentials.

Das Gleichgewichtspotential

Das Gleichgewichtspotential (auch Nernst-Potential oder Umkehrpotential genannt) ist die Spannung, bei der sich der chemische Gradient (Konzentrationsgradient) und der elektrische Gradient für ein bestimmtes Ion im Gleichgewicht befinden. In diesem Zustand gibt es keinen Nettofluss dieses Ions über die Membran, da die treibenden Kräfte in beide Richtungen gleich groß sind.

Berechnung des Gleichgewichtspotentials

Das Gleichgewichtspotential für ein einzelnes Ion (EA) kann mit der Nernst-Gleichung berechnet werden:

EA = (RT / zF) * ln([A]außen / [A]innen)

Dabei ist:

  • EA: Gleichgewichtspotential für Ion A
  • R: Gaskonstante
  • T: Absolute Temperatur in Kelvin
  • z: Wertigkeit des Ions (Ladungszahl)
  • F: Faraday-Konstante
  • [A]außen: Konzentration von Ion A außerhalb der Zelle
  • [A]innen: Konzentration von Ion A innerhalb der Zelle
  • ln: Natürlicher Logarithmus

Für eine einfachere Berechnung bei Raumtemperatur (ca. 25 °C) kann die Nernst-Gleichung vereinfacht werden zu:

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EA = (61 mV / z) * log10([A]außen / [A]innen)

Gleichgewichtspotentiale wichtiger Ionen

  • Kalium (K+): Aufgrund der hohen intrazellulären Konzentration und der Auswärtsbewegung von Kaliumionen ist das Gleichgewichtspotential für Kalium negativ (ca. -90 mV).

  • Natrium (Na+): Aufgrund der hohen extrazellulären Konzentration und der Einwärtsbewegung von Natriumionen ist das Gleichgewichtspotential für Natrium positiv (ca. +60 mV).

  • Chlorid (Cl-): Das Gleichgewichtspotential für Chlorid ist in der Regel negativ, da die extrazelluläre Konzentration höher ist als die intrazelluläre.

Bedeutung des Gleichgewichtspotentials

Das Gleichgewichtspotential ist ein theoretischer Wert, der angibt, bei welcher Spannung ein bestimmtes Ion im Gleichgewicht wäre. Es ist wichtig für das Verständnis der Ionenflüsse über die Membran und die Entstehung des Membranpotentials.

Unterschiede zwischen Ruhepotential und Gleichgewichtspotential

Obwohl die Begriffe Ruhepotential und Gleichgewichtspotential oft im Zusammenhang verwendet werden, beschreiben sie unterschiedliche Aspekte des Membranpotentials:

  • Ruhepotential: Das Ruhepotential ist das tatsächliche Membranpotential einer Zelle im Ruhezustand. Es ist ein messbarer Wert, der durch die Summe aller Ionenflüsse über die Membran bestimmt wird.
  • Gleichgewichtspotential: Das Gleichgewichtspotential ist ein theoretischer Wert, der das Potential beschreibt, bei dem ein einzelnes Ion im Gleichgewicht wäre. Es berücksichtigt nur die Konzentrationsunterschiede und die Ladung des Ions.

Das Ruhepotential ist also das Ergebnis des Zusammenspiels der Gleichgewichtspotentiale aller permeablen Ionen, gewichtet mit ihrer jeweiligen Permeabilität (Durchlässigkeit) der Membran.

Goldman-Gleichung

Um das Ruhepotential genauer zu berechnen, kann die Goldman-Gleichung verwendet werden. Diese Gleichung berücksichtigt die Permeabilität der Membran für verschiedene Ionen:

Em = (RT / F) * ln( (PK[K+]außen + PNa[Na+]außen + PCl[Cl-]innen) / (PK[K+]innen + PNa[Na+]innen + PCl[Cl-]außen) )

Dabei ist:

  • Em: Membranpotential
  • P: Permeabilität der Membran für das jeweilige Ion

Die Goldman-Gleichung zeigt, dass das Ruhepotential nicht nur von den Ionenkonzentrationen, sondern auch von der Membranpermeabilität für die verschiedenen Ionen abhängt. Da die Membran im Ruhezustand hauptsächlich für Kaliumionen permeabel ist, liegt das Ruhepotential nahe am Kalium-Gleichgewichtspotential.

Bedeutung des Ruhepotentials für erregbare Zellen

Das Ruhepotential ist essentiell für die Funktion erregbarer Zellen wie Nerven- und Muskelzellen. Es bildet die Grundlage für die Entstehung von Aktionspotentialen, die für die Signalübertragung und Muskelkontraktion notwendig sind.

Aktionspotentiale

Ein Aktionspotential ist eine schnelle, vorübergehende Änderung des Membranpotentials, die durch einen Reiz ausgelöst wird. Wenn das Membranpotential einen bestimmten Schwellenwert überschreitet, öffnen sich spannungsabhängige Natriumkanäle, wodurch Natriumionen in die Zelle einströmen und das Membranpotential depolarisieren. Anschließend öffnen sich spannungsabhängige Kaliumkanäle, wodurch Kaliumionen aus der Zelle ausströmen und das Membranpotential repolarisieren.

Das Ruhepotential ist notwendig, um die Zelle in einem erregbaren Zustand zu halten. Ohne das Ruhepotential wäre es nicht möglich, Aktionspotentiale auszulösen und Signale weiterzuleiten.

Klinische Bedeutung

Störungen des Ruhepotentials können zu schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen führen. Beispielsweise kann eine Hypokaliämie (erniedrigte Kaliumkonzentration im Blut) zu einer Hyperpolarisation führen, wodurch die Nervenzellen weniger erregbar werden und Lähmungen auftreten können. Eine Hyperkaliämie (erhöhte Kaliumkonzentration im Blut) kann zu einer Depolarisation führen und die Erregbarkeit der Zellen übermäßig steigern, was Herzrhythmusstörungen und Muskelkrämpfe zur Folge haben kann.

Messung des Ruhepotentials

Das Ruhepotential kann experimentell mit Mikroelektroden gemessen werden. Eine Messelektrode wird in die Zelle eingeführt, während eine Referenzelektrode außerhalb der Zelle platziert wird. Die Spannung zwischen den beiden Elektroden entspricht dem Ruhepotential.

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