Depressionen sind eine weit verbreitete und belastende Erkrankung. Weltweit kämpfen mehr als 300 Millionen Menschen mit Depressionen. Nach Schätzungen der WHO sind Depressionen bis zum Jahr 2020 der zweithäufigste Grund für Erwerbsunfähigkeit. Rund jeder Fünfte erkrankt einmal in seinem Leben daran. Diese Zahlen verdeutlichen die Dringlichkeit, die Erkrankung besser zu verstehen und wirksame Behandlungswege zu finden. Ein Viertel der Betroffenen spricht weder auf Psychopharmaka noch auf Psychotherapie an. Besonders belastend: Meist vergehen Wochen, bis sich zeigt, ob sich eine Verbesserung einstellt oder nicht. Einer von zehn Betroffenen nimmt sich das Leben, weil er die Krankheit nicht mehr erträgt.
Die Grenzen der medikamentösen Behandlung
Viele Versuche, Depressionen wie andere Krankheiten mit Medikamenten zu behandeln, erscheinen mittlerweile fragwürdig. In Deutschland sind über 40 Antidepressiva auf dem Markt. Der amerikanische Psychiater Dr. Irving Kirsch von der Harvard Medical School hat Studien von Pharmafirmen ausgewertet, mit denen sie sich um die Zulassung ihrer Präparate bewarben - sowohl veröffentlichte als auch unveröffentlichte. Das Ergebnis: Ein Placebo war in allen Studien fast genauso wirksam wie das Medikament. Der Unterschied ist laut Kirsch zwar "statistisch, aber nicht klinisch relevant". Diese Erkenntnisse werfen ein kritisches Licht auf die gängige Praxis der medikamentösen Behandlung von Depressionen und fordern eine differenziertere Betrachtung der Therapieansätze.
Alternative Behandlungsansätze
Angesichts der begrenzten Wirksamkeit von Medikamenten und der langen Wartezeiten auf Therapieplätze rücken alternative Behandlungsmöglichkeiten immer stärker in den Fokus. Zu diesen gehören:
Elektrokrampftherapie (EKT): Obwohl die EKT bei schweren, therapieresistenten Depressionen sehr effektiv ist, vertrauen selbst viele Fachärzte dieser Methode nicht, obwohl EKT bei schweren, therapieresistenten Depressionen sehr effektiv ist und heute schon lange nicht mehr die Brachialtherapie ist, wie sie in den 1950er-Jahren angewandt wurde. Bei der EKT werden Stromschläge ins Gehirn gegeben.
Transkranielle Magnetstimulation (TMS): Die TMS ist eine Weiterentwicklung der Hirnstimulation, die zielgerichtet bestimmte Hirnareale ansteuert und - im Gegensatz zur EKT - ambulant durchgeführt wird.
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Ketamin: Auch Ketamin, als Narkosemittel und Partydroge bekannt, rückt immer mehr in den Fokus der Psychiater. Die antidepressive Wirkung tritt sehr schnell ein - eine Erlösung für schwerstdepressive Patienten, die vorher auf keine andere Therapieform angesprochen haben. In den USA ist seit Anfang 2019 ein Ketamin-Nasenspray zugelassen. In Deutschland greift man noch auf Infusionen zurück. Malek Bajbouj von der Berliner Charité rechnet aber mit einer baldigen Zulassung des Nasensprays in Deutschland.
Achtsamkeit als Therapieansatz
Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) als das am häufigsten verwendete Achtsamkeits-Trainingsprogramm produziert nachweislich positive Effekte auf das psychologische Wohlergehen und verbessert signifikant eine ganze Reihe von Beschwerden.
Eine Übersicht:
- MBSR verbessert die Konzentrations- und Aufmerksamkeitsfähigkeit und führt zu mehr Klarheit und Einsicht.
- Es ermöglicht und intensiviert ein tieferes Körpergefühl für sich.
- Es schützt mehr vor Grübelein und Ängsten. Auch mit depressiven Verstimmungen kann besser umgegangen werden.
- Schwierige Gefühle, wie Alleinsein, Traurigkeit, Zweifel, Unruhe können besser akzeptiert werden und wieder in positivere Gefühle umgewandelt werden.
- Die Resilienzfähigkeit wird gesteigert und ein leichterer Umgang mit Schmerzen wird erreicht.
Die Wirksamkeit der Achtsamkeitsübungen ist nachgewiesen für:
- die Steigerung der Aufmerksamkeitsregulation,
- die Vertiefung des Körper-Gewahrseins und damit eine Verbesserung des eigenen gesundheitsfördernden Verhaltens,
- die Wahrnehmung der Gedanken, Grübeleien und Ängste und gleichzeitig ein besserer Umgang damit und die präventive Wirkung u.a. für Depressionen,
- die Veränderung im Umgang mit Gefühlen, besonders mit schwierigen Gefühlen.
Ebenfalls belegt sind Effekte auf die Hirnaktivität sowie die Hirnstruktur in acht Regionen darunter die Emotionsregulation und die Selbstregulation.
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Achtsamkeit gegen Schmerzen: Mehr als nur Placebo
Achtsamkeits-Meditation gegen Schmerzen wirkt besser und anders als gedacht, wie eine Studie enthüllt. Demnach unterscheiden sich die Reaktionen des Gehirns auf diese Form der Meditation deutlich von denen bloßer Placebo-Behandlungen. Während diese eher unspezifische Effekte zeigen, drosselt die Achtsamkeits-Meditation gezielt die neuronalen Schmerzschaltkreise - und trägt damit spezifisch zur Verringerung der Schmerzempfindung bei, wie die Forscher berichten.
Was passiert im Gehirn?
„Nach acht Wochen Achtsamkeitskurs reagiert die Amygdala, der Gehirnteil, der bewertet, ob eine Gefahr droht und den Körper in Alarmbereitschaft versetzt, schwächer. Viele Studien haben gezeigt, dass nicht nur bei Stress, sondern auch bei depressiver Verstimmung, Angst oder posttraumatischer Belastungsstörung die Amygdala häufig hyperaktiv ist und die Schwere und Dauer der Depression länger anhält.“
Achtsamkeitsübungen führen zu einer Verdichtung im Bereich der grauen Hirnmasse. Das systematische Trainieren und Anwenden von Achtsamkeitsmeditation als therapeutischen Ansatz hat zunehmend an Bedeutung gewonnen, wenngleich zum jetzigen Zeitpunkt noch wenig bekannt ist über neuronale Mechanismen, die durch diese Therapie aktiviert werden. Es wurden anatomische Magnetresonanzbilder von 16 gesunden Teilnehmern genommen, zunächst vor, und dann nachdem sie das 8-wöchige Programm absolviert hatten. Die Veränderungen/Verdichtungen der grauen Hirnsubstanz wurden durch Voxelbasierte Morphometrie (VBM) abgebildet und mit denen von 17 Probanden von einer Warteliste verglichen. Analysen in priori relevanten Regionen bestätigten eine Zunahme der grauen Hirnsubstanzkonzentration innerhalb des linken Hippocampus. Eine Analyse des Gesamthirns bestätigte eine Zunahme im posterioren Kortex, der temporo parietalen Verbindung sowie in dem Cerebellum, jeweils bei der Gruppe der MBSR Absolventen im Vergleich zu den Nicht-Absolventen. Die Resultate legen nahe, dass eine Teilnahme am MBSR Programm mit den Veränderungen der grauen Hirnmassenkonzentration in Verbindung steht.
Achtsamkeit im Arbeitskontext
Eine Initiative aus vier großen Verbänden der gesetzlichen Unfall- und Krankenversicherungen (iga) veröffentlichte eine Analyse zur Wirksamkeit der verschiedenen Achtsamkeitstechniken. Ein Team unter der Federführung von Dr. rer. oec. Maren Michaelsen vom Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung der Universität Witten/Herdecke identifizierte mit einer umfangreichen Literaturrecherche in fünf Forschungsdatenbanken 105 relevante und methodisch hochwertig angelegte Studien. Anschließend wurden diese danach ausgewertet, welche Wirkungen verschiedene Achtsamkeitstrainings für Parameter haben, die im Arbeitskontext eine Rolle spielen.
Zu den für die Arbeitswelt relevanten Parametern zählten die Forscher und Forscherinnen:
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- die psychischen und physiologischen Parameter der Gesundheit wie Blutdruck, Herzfrequenz oder Schmerz
- Psychische Parameter der Gesundheit wie Stress, Angst oder Affekt
- Wohlbefinden in Form von Lebens- und Arbeitszufriedenheit
- Erholung als Ausdruck der Fähigkeit zur Entspannung oder zum Schlafen
- Selbstregulation, wozu Resilienz oder Selbstwirksamkeit gezählt wurden
- Empathie, bezogen auf Mitgefühl und die Bereitschaft zu verzeihen
- Arbeitsbezogene Parameter wie Burnout, Absentismus oder Arbeitsengagement
Nahezu alle Programme zeigten eine deutliche Wirkung auf Aspekte der psychischen Gesundheit. Vor allem das Stresserleben wurde durch die Achtsamkeitstrainings stark gesenkt. Eine mittlere bis starke Wirksamkeit auf andere Parameter, vor allem auf physische und physiologische Parameter der Gesundheit, das Wohlbefinden, die Erholungsfähigkeit, die Bezugnahem auf sich selbst (Selbstreferenz) und die arbeitsbezogenen Faktoren konnte vor allem für MBSR-Kurse und bewegungsorientierte Verfahren wie Yoga gezeigt werden. Mikrointerventionen (weniger als 5 Stunden Gesamtdauer) zeigen größtenteils weniger starke bis keine Effekte. Gruppenbasierte Formate sind gegenüber individuellen Achtsamkeitstrainings erfolgreicher.
Die Dokumentation "Neustart fürs Gehirn: Wege aus der Depression"
Die Dokumentation "Neustart fürs Gehirn: Wege aus der Depression" von Julia Zipfel beleuchtet die Hintergründe der Krankheit und stellt neue Studienergebnisse sowie alternative Behandlungsmöglichkeiten zu Psychopharmaka vor. Julia Zipfel leidet selbst seit ihrer Kindheit an Depressionen. Aus erster Hand kann die Filmemacherin die Hintergründe der Krankheit sehr nachvollziehbar und authentisch beleuchten. Doch Zipfel nutzt ihre Dokumentation nicht etwa für einen Therapieversuch in eigener Sache. Sie verlässt klug ihre persönliche Geschichte und wendet sich vielmehr neuen durchaus alternativen Therapiemöglichkeiten zu.