Muskelverletzungen sind ein häufiges Problem, insbesondere bei sportlicher Betätigung. Sie reichen von leichten Zerrungen bis hin zu schwerwiegenden Rissen. Oftmals ist es für Laien schwierig, die verschiedenen Arten von Muskelverletzungen zu unterscheiden. Dieser Artikel soll die Unterschiede zwischen Muskelkrampf, Muskelzerrung und Muskelfaserriss aufzeigen und Informationen zu Ursachen, Symptomen, Diagnose, Behandlung und Prävention geben.
Einführung in Muskelverletzungen
Muskelzerrung, Muskelfaserriss und Muskelriss sind unterschiedliche Grade von Muskelverletzungen, die meist durch Überdehnung oder Muskelermüdung entstehen. Ein Ungleichgewicht zwischen Belastung und Belastbarkeit eines Muskels ist oft die Ursache.
Was sind Muskelzerrung, Muskelfaserriss und Muskelriss?
Prinzipiell beruhen alle drei Verletzungen auf dem gleichen Mechanismus, unterscheiden sich aber im Ausmaß. Ein Skelettmuskel ist von den größten Baueinheiten hin zu den kleinsten folgendermaßen aufgebaut: Muskel > Muskelfaserbündel > einzelne Muskelfaser > Myofibrille > Sarkomer. Die Sarkomere bilden die kleinsten Funktionseinheiten.
- Muskelzerrung: Die leichteste der drei Verletzungsarten. Geschädigt werden die kleinsten funktionellen Einheiten des Muskels (Sarkomere). Hierbei werden die Sarkomere über das normale Maß hinaus gedehnt und dadurch in ihrer Funktion beeinträchtigt.
- Muskelfaserriss: Dabei zerreißen einzelne oder ganze Muskelfasern im Muskel. Häufig geschieht dies am Übergang von Muskel und Sehne. Bei besonders tiefen Rissen sprechen Fachleute von einem Muskelbündelriss. Dabei wird ein sekundäres Muskelfaserbündel mit seiner Hülle aus Bindegewebe durchtrennt.
- Muskelriss: Bei einem Muskelriss ist ein komplettes Muskelbündel durchtrennt. Es handelt sich um die schwerste der drei genannten Verletzungen. Ein Muskelriss tritt häufig bei (Sport-)Unfällen auf und wird oft durch eine direkte Gewalteinwirkung wie zum Beispiel einen Schlag auf den Muskel ausgelöst.
Ursachen von Muskelverletzungen
Verschiedene Faktoren können zur Entstehung von Muskelzerrungen und Muskelfaserrissen beitragen:
- Statisches oder muskuläres Ungleichgewicht in der Wirbelsäule oder den Extremitäten
- Überlastung und Ermüdung der Muskulatur durch Überforderung
- Ungünstige Witterung (Regen und Kälte) bei sportlicher Aktivität
- Mangelnde Dehnfähigkeit der Muskulatur bzw. Überdehnung
- Nicht ausgeheilte, "verschleppte", vorangegangene Verletzungen
- Schlechtes oder fehlendes Aufwärmen vor einer Belastung
- Gerade entstehende oder bereits vorhandene Übersäuerung der Muskulatur, da sich durch die Übersäuerung die Koordination zwischen den einzelnen Muskelsträngen verschlechtert
- Müde und geschwächte Muskulatur
Risse und Zerrungen passieren besonders leicht bei Sportarten, die mit abrupten Bewegungen verbunden sind, wie den schnellen Sprints und Stopps bei Fußball oder Tennis. Bei Zerrungen liegt häufig eine Überlastung vor, bei Muskelfaserrissen oder gar Rissen ganzer Muskelbüdel ist häufig eine direkte Gewalteinwirkung auf einen gedehnten Muskel aufgetreten, beispielsweise bei einem Unfall oder beim Zusammenprall mit einem anderen Spieler beim Sport. Aber auch Anabolika-Doping begünstigt Muskelrisse, da die Muskelmasse dabei unnatürlich schnell anwächst. Neben diesen Gründen können auch Entzündungsherde innerhalb des Körpers einen Muskelfaserriss oder eine -zerrung fördern. In diesem Zusammenhang sind zum Beispiel kariöse Zähne, chronisch entzündete Nasennebenhöhlen und chronische Mandelentzündungen zu nennen.
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Symptome
Das Verletzungsereignis verursacht üblicherweise einen plötzlichen Schmerz an der betroffenen Stelle. Zusätzlich kann es häufig zu Schwellungen und Blutergüssen kommen.
Muskelzerrung
Nach einer Muskelzerrung entstehen Schmerzen vor allem bei Belastung oder Bewegung der betroffenen Partie. Sie nehmen dann kontinuierlich zu, bis die Tätigkeit abgebrochen werden muss. Auch eine reine Muskelanspannung - bei der die Länge des Muskels unverändert bleibt - wird als unangenehm empfunden, bei einer Dehnung des Muskels dagegen nehmen die Schmerzen eher ab. Im betroffenen Bereich ist der Spannungszustand (Tonus) der Muskulatur meist erhöht. Ein krampfartiger und schnell zunehmender Schmerz ist zu spüren.
Muskelfaserriss
Bei einem typischen Muskelfaserriss kommt es unvermittelt zu starken, anhaltenden Schmerzen. Sie machen es praktisch unmöglich, die betroffene Muskelpartie zu belasten oder mit den Muskeln Kraft auszuüben. Der natürliche Bewegungsablauf ist gestört. Betroffene nehmen eine Schonhaltung ein, die den Muskel entlastet. Die Muskelspannung (der Muskeltonus) ist im geschädigten Bereich erhöht. Der Schmerz tritt meist plötzlich auf und ist stechend. Oft ist ein Reißgeräusch zu hören. Manchmal bildet sich ein sichtbarer Bluterguss (Hämatom). Oft ist bei einer Muskelverletzung auch eine Schwellung sichtbar.
Muskelbündelriss
Der Muskelbündelriss macht sich ganz ähnlich wie ein Muskelfaserriss bemerkbar. Zusätzlich fällt häufig eine sichtbare Beule auf, da der gerissene Muskel sich zusammenzieht - ähnlich eines gerissenen Gummibandes. Im Bereich des Risses kann nun aufgrund des fehlenden Muskels eine Eindellung entstehen. Es kommt zu einem vollständigen Funktionsverlust des betroffenen Muskels.
Der wohl entscheidendste Unterschied ist ein Bluterguss, der sich an der Verletzungsstelle bei einem Muskelfaserriss bildet und leicht zu ertasten ist.
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Diagnose
Der Arzt wird den Patienten zunächst befragen, insbesondere nach dem genauen Unfallhergang und den Beschwerden. Dann folgt die körperliche Untersuchung. Der Mediziner prüft Aussehen und Funktion der betroffenen Stelle. Eine Zerrung ist nicht sichtbar, aber tastbar und lässt sich auch in einer Ultraschall-Untersuchung in Einzelfällen nachweisen. Bei Muskel(faser)rissen ist eventuell eine Lücke tastbar, begleitend kann auch ein Bluterguss (Hämatom) bestehen. Eine Gewebslücke (Delle) oder Beule sind starke Indizien für einen Muskelriss. Der Verdacht erhärtet sich, wenn der Muskel seit dem auslösenden Ereignis nicht mehr funktionstüchtig ist. Eine endgültige Aussage darüber, ob ein Muskel(faser)riss vorliegt, lässt sich häufig nur mithilfe einer Ultraschall-Untersuchung treffen. Auf dem Ultraschall-Bild kann der Arzt eine Schwellung der betroffenen Region und meist auch den eigentlichen Riss erkennen. Im Zweifel kommt als weiteres bildgebendes Verfahren, die Magnetresonanztomografie infrage.
Therapie
Nach einer Muskelverletzung sind möglichst rasch Erstmaßnahmen zur Behandlung empfehlenswert. Eine Merkstützte für Sofortmaßnahmen bei leichten Sportverletzungen bietet die PECH-Regel. Es ist ratsam, schnell eine ärztliche Praxis aufzusuchen. Eine Untersuchung kann feststellen, welche Form der Muskelverletzung vorliegt und - falls es im Einzelfall sinnvoll ist - daraus Behandlungen wie physiotherapeutische Anwendungen, Massagen, Elektrotherapie oder entzündungshemmende Medikamente wie Diclofenac abgeleitet werden. Solche Wirkstoffe werden manchmal auch in die betroffene Stelle eingespritzt (Infiltration). Wichtig ist eine Schonung des Muskels. Der Arzt kann eine Empfehlung geben, wie lange der Muskel nach dem Unfall geschont werden sollte und wann er wieder in vollem Umfang belastbar ist. Das hängt vom Ort und von der Schwere der Muskelverletzung sowie vom Alter des Patienten ab. Die betroffene Partie sollte im Schnitt etwa ein bis zwei Tage geschont werden. Bis sich der Muskel so weit erholt, dass er wieder voll belastet werden kann, vergeht aber deutlich mehr Zeit.
Therapie der einzelnen Verletzungsarten
- Muskelzerrung: Bei einer Muskelzerrung sind es meist vier bis sechs Tage. Bis zur vollen sportlichen Belastbarkeit des Muskels nach einer Zerrung kann es jedoch auch zwei Wochen oder länger dauern.
- Muskelfaserriss: Bei einem Muskelfaserriss können drei Wochen bis mehrere Monate vergehen, bis der Muskel komplett wiederhergestellt ist. Nach Rissen bleiben immer kleinste Narben zurück. Dadurch erhöht sich das Risiko für erneute Risse in der Narbenumgebung der alten Stelle.
- Muskel(bündel-)riss: Bei einem Muskel(bündel-)riss kann ein chirurgischer Eingriff notwendig werden. Dabei wird der entstandene Bluterguss entfernt, um zu verhindern, dass sich dort Kalk einlagert, der die Muskelfunktion stört. Sind viele Muskelfasern durchtrennt, werden diese im Rahmen einer Operation genäht, um die Heilung zu erreichen oder zu beschleunigen.
Erste Hilfe (PECH-Regel)
- P wie Pausieren: das Bein 1 bis 2 Tage nicht belasten
- E wie Eis: die schmerzende Stelle wiederholt kühlen, zum Beispiel mit einer Kühlkompresse oder einem Gel-Pack. Um die Haut nicht zu schädigen, werden gefrorene Packs mit einem Tuch umwickelt.
- C wie Compression (Druck): einen Druckverband oder eine elastische Bandage anlegen
- H wie Hochlagern: das Bein hochlegen, sodass es über dem Herzen liegt
Zusätzliche Maßnahmen
- Abkühlung: Eine Abkühlung der betroffenen Muskelpartie hilft, den entstehenden Bluterguss so klein wie möglich zu halten, was später die Heilungsdauer stark verkürzt. Außerdem lindert sie den Schmerz. Dafür sollte Eis mit einem Tuch umwickelt werden, bevor es auf den Muskel gelegt wird, um sogenannte "Eisverbrennungen" zu vermeiden.
- Verband: Der Verband soll den betroffenen Muskel stützen und damit entlasten.
- Hochlage: Um die Fortbildung eines Blutergusses einzuschränken, sollte das betroffene Gliedmaß (Bein, Arm) hochgelagert werden.
- Arztbesuch: Je schneller der Arzt aufgesucht wird, umso größer sind die Aussichten auf eine schnelle Genesung. Nur er kann eine genaue Diagnose stellen und weiter Maßnahmen durchführen. Dies ist umso wichtiger, da der Laie nur schwer zwischen einem Muskelfaserriss und einem Muskelriss unterscheiden kann.
Medikamente
Gegen die Schmerzen können für wenige Tage frei verkäufliche Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen eingenommen werden. Wer für einen längeren Zeitraum Schmerzmittel benötigt oder unsicher ist, welches Mittel geeignet ist, lässt sich am besten in der Arztpraxis oder Apotheke beraten. Zur Behandlung eines Muskelfaserrisses werden außerdem verschiedene Mittel und Verfahren angeboten. Hierzu zählen Salben, Bandagen oder das Taping, bei dem ein elastisches Klebeband (Kinesio-Tape) die Spannung des Muskels verringern soll. Ob diese Mittel und Verfahren die Heilung beschleunigen oder die Schmerzen lindern, lässt sich nicht sagen, weil es nicht genügend gute Studien dazu gibt. Das gilt auch für eine Behandlung mit Strahlen, Laser, Ultraschall oder elektrischer Stimulation. Ob Spritzen mit Blutbestandteilen den Wiedereinstieg in den Sport beschleunigen, ist ebenfalls unklar. Bei dieser Behandlung sind noch viele Fragen offen, beispielsweise zu geeigneten Wirkstoffen und deren Dosierung. Spritzen in den Muskel mit Kortison werden nicht empfohlen. Ein operativer Eingriff ist nur selten erforderlich.
Rehabilitation
Muskelzerrungen und Muskelfaserrisse heilen normalerweise von allein. Nach der Ruhepause ist es sinnvoll, mit angepassten Bewegungen zu starten und das Bein nicht zu lange ruhigzustellen. Wichtig ist, dass die Bewegungen nahezu schmerzfrei möglich sind. Ein leichtes Ziehen ist kein Problem. Manchmal überweist die Ärztin oder der Arzt auch an eine Praxis für Physiotherapie, die bei der Regeneration und Vorbeugung einer erneuten Muskelverletzung unterstützen kann. Bei einer Muskelverletzung beginnt man - je nach Schwere der Verletzung - am besten nach etwa 2 bis 5 Tagen mit mobilisierenden Übungen. Welche Übungen geeignet sind, kann man mit der Ärztin, dem Arzt oder einer physiotherapeutischen Fachkraft besprechen. Die Belastung des Muskels wird schrittweise gesteigert. Neben Übungen für Kraft und Beweglichkeit eignen sich solche, die den Rumpf stabilisieren und das Körperbewusstsein erhöhen. Bei einem Muskelfaserriss ist ein leichtes Bewegungstraining meist schnell wieder möglich. Bei einem Muskelbündelriss dauert es hingegen deutlich länger, häufig etwa vier Wochen. Es ist wichtig, die Übungen - wie auch alle anderen Bewegungen - behutsam zu machen und den Muskel nicht zu überdehnen, damit er nicht erneut verletzt wird. In den ersten Wochen nach einem Muskelfaser- oder Muskelbündelriss ist das Risiko für eine weitere Muskelverletzung besonders hoch.
Vorbeugung
Für Sportler gibt es Möglichkeiten, das Risiko für Muskelzerrungen und Muskelfaserrisse zu reduzieren:
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- Kaltstart vermeiden: Vor dem Sport das Aufwärmen nicht vergessen! Um die Koordination zwischen den Muskeln zu verbessern und damit den Folgen einer Übersäuerung vorzubeugen, sollte man beim Aufwärmen spezielle Koordinationsübungen durchführen, die die im Folgenden besonders belasteten Muskelstrukturen aufeinander abstimmen.
- Training überprüfen: Es kann hilfreich sein, die Sportschuhe, die Körperstatik und die eigenen Bewegungsabläufe auf einseitige Belastungen hin zu kontrollieren - zum Beispiel unter Anleitung eines erfahrenden Trainers. Ungünstige Übungen sollten durch andere Übungsformen ersetzt werden.
- Überlastungen vermeiden: Zu große muskuläre Belastungen begünstigen die Entstehung von Muskelverletzungen. Für alle Muskelverletzungen wie Muskelfaserrisse gilt: Hören Sie auf die Signale Ihres Körpers und laufen Sie niemals über den Schmerz hinweg! Des Weiteren sollte, um die Gefahr von Muskelfaserrissen im Wadenbereich zu minimieren, beim Kauf von Sportschuhen darauf geachtet, dass der Schuh keinen zu hohen Fersenkeil besitzt. Das bedeutet aber nicht, dass man auf eine gute Dämpfung verzichten sollte, denn auch zu hartes Schuhwerk führt zu Verhärtungen der Muskulatur im Wadenbereich und macht sie dadurch anfälliger für Verletzungen.
- An erster Stelle steht dabei das Aufwärmen und Dehnen vor einer Belastung.
- Der dritte zu beachtende Punkt ist, dass müde und geschwächte Muskulatur vermieden werden sollte.
- Auf die Signale des Körpers achten und Überbelastungen vermeiden.
- Mit zunehmendem Alter werden Muskelzerrungen häufiger, vor allem bei ungenügendem Training.
- Ein gezieltes Training kann die Verletzungsgefahr verringern. So beugt Konditionstraining einer schnellen Ermüdung der Muskeln vor.
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