Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, anfallsartige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Diese Kopfschmerzen können von einer Vielzahl von Symptomen begleitet sein, darunter Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit und Geräuschempfindlichkeit. Obwohl die genauen Ursachen der Migräne noch nicht vollständig verstanden sind, deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. In den letzten Jahren hat die Forschung auch die Bedeutung psychologischer Faktoren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Migräne hervorgehoben. Dieser Artikel untersucht die Beziehung zwischen Migräne und Psychoanalyse und untersucht die Rolle psychologischer Faktoren bei der Entstehung und Behandlung von Migräne.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine primäre Kopfschmerzerkrankung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist, die 4 bis 72 Stunden dauern können. Die Kopfschmerzen sind typischerweise einseitig, pulsierend und von mäßiger bis starker Intensität. Sie können durch körperliche Aktivität verstärkt werden und von Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit und Geräuschempfindlichkeit begleitet sein. Bei manchen Menschen geht den Kopfschmerzen eine Aura voraus, eine vorübergehende neurologische Störung, die visuelle, sensorische oder motorische Symptome verursachen kann.
Die Diagnose der Migräne basiert auf der Anamnese und der neurologischen Untersuchung. In einigen Fällen können zusätzliche diagnostische Maßnahmen erforderlich sein, um andere Ursachen der Kopfschmerzen auszuschließen.
Ursachen von Migräne
Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Experten sind sich jedoch weitgehend einig, dass es nicht nur einen auslösenden Faktor gibt. Als relativ gesichert gilt eine genetische Komponente mit polygenetischer Disposition. Einige der betroffenen Gene spielen bei der Regulation neurologischer Schaltungen eine Rolle, andere beim oxidativen Stresslevel. Über welche biologischen Mechanismen die Mutationen eine Migräne im Detail begünstigen, ist bislang nicht geklärt.
Eine Sonderform stellt die familiäre hemiplegische Migräne (FHM) dar, bei der es sich um eine monogenetische Erkrankung mit dominantem Erbgang handelt. Drei Formen werden unterschieden: Bei der FHM1 finden sich Mutationen im CACNA1A-Gen (Kodierung für einen Kalziumkanal) auf Chromosom 19, bei FHM2 Mutationen im ATP1A2-Gen (Kodierung für eine K/Na-ATPase) auf Chromosom 1 und bei der FHM3 liegen Mutationen im SCN1A-Gen (Kodierung für einen Natriumkanal) auf Chromosom 2 vor. Möglicherweise existieren noch weitere, bisher nicht identifizierte Genloci.
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Triggerfaktoren
Etwa 90 Prozent der Migränepatienten können als Auslöser der Kopfschmerzattacken interne oder externe Faktoren benennen. Diese Trigger sind von Mensch zu Mensch verschieden. Häufig werden Schlafmangel und Stress als migränefördernd angegeben, bei Frauen ist ein direkter Zusammenhang mit der Menstruation oder Ovulation zu beobachten. Auch sollen bestimmte Nahrungs- und Genussmittel (insbesondere Käse, Rotwein, Schokolade, Zitrusfrüchte, Nikotin, Coffein und Alkohol), Fasten oder Flüssigkeitsmangel einen Migräneanfall provozieren können.
Der genaue Pathomechanismus ist bislang unklar. Nach aktueller Lehrmeinung in der Migräneforschung ist die neurogene Entzündungshypothese in Verbindung mit einer neuronalen Überaktivität am wahrscheinlichsten. Demnach verändern biochemische Impulse und mechanische Reize die neuronale elektrische Aktivität im Gehirn.
Die Rolle der Psyche bei Migräne
Körper und Geist sind eng miteinander verwoben und beeinflussen sich gegenseitig. Daher kann eine Psychotherapie zur Behandlung von Migräne und Kopfschmerzen durchaus erfolgreich sein. Zum einen hilft eine Verhaltenstherapie dabei, mit den Schmerzen umzugehen und ihnen vorzubeugen. Zum anderen lassen sich psychische Belastungen erkennen und behandeln. Weiterhin profitieren Betroffene von einer psychotherapeutischen Behandlung, wenn sie neben Migräne an weiteren Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Burnout oder unter belastenden Lebenssituationen (zum Beispiel Scheidung, Arbeitslosigkeit) leiden.
Sinnvoll ist die Therapie auch dann, falls andere Maßnahmen zur Migräne-Prophylaxe nicht den gewünschten Erfolg bringen, etwa die Anwendung von Medikamenten. Manche Patienten wollen keine Arzneimittel einnehmen oder können es nicht, zum Beispiel Schwangere. Andere wiederum nehmen zu viel der Mittel ein. Für diese Gruppen sind psychologische Behandlungen ebenfalls geeignet.
Da jeder Migräne-Patient eine individuelle Krankheitsgeschichte hat, läuft die Psychotherapie zugeschnitten auf die Bedürfnisse jedes einzelnen ab. Hast du also das Verlangen nach einer solchen Therapie, sprich mit deinem Arzt darüber.
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Psychoanalytische Perspektiven auf Migräne
Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, litt selbst an Migräne und war fasziniert von der Krankheit. Er glaubte, dass Migräne seelische Wurzeln hat und als Ventil für unbewusste Konflikte dient. Freud spekulierte, dass der Ödipuskomplex, die unterschwelligen Gefühle des Sohnes für die Mutter, die geistigen und körperlichen Manifestationen der Migräne verursachen könnte.
Obwohl Freuds Theorien heute nicht mehr so weit verbreitet sind, hat die Psychoanalyse einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der psychologischen Aspekte der Migräne geleistet. Psychoanalytische Konzepte wie unbewusste Konflikte, Abwehrmechanismen und die Bedeutung der frühen Kindheit können helfen, die psychologischen Faktoren zu verstehen, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Migräne beitragen.
Psychotherapeutische Behandlungsansätze bei Migräne
Verschiedene psychotherapeutische Verfahren haben sich bei der Behandlung von Migräne als wirksam erwiesen. Dazu gehören:
- Verhaltenstherapie: Die Verhaltenstherapie konzentriert sich auf die Veränderung von Verhaltensweisen und Denkmustern, die zur Migräne beitragen. Sie kann helfen, Stressoren zu identifizieren und zu bewältigen, Entspannungstechniken zu erlernen und gesunde Lebensgewohnheiten zu entwickeln.
- Kognitive Therapie: Mithilfe kognitiver Techniken lernt der Patient, sich selbst zu beobachten und dabei Probleme und Blockaden zu erkennen. Anschließend soll er diese neu bewerten, indem er sich zum Beispiel geistig davon distanziert. Für Migräne- und Kopfschmerzpatienten gibt diese Methode wichtige Impulse: Sie merken, dass sie den Schmerzen nicht ausgeliefert sind, sondern erlangen ein Gefühl von Kontrolle.
- Entspannungstechniken: Regelmäßig Körper und Geist zu entspannen, fördert das Wohlbefinden und kann die Schmerztoleranz erhöhen. Vor allem als Migräne-Prophylaxe sind Entspannungstechniken beliebt, aber Patienten berichten auch davon, dass sie damit akute Attacken abmildern konnten. Voraussetzung dafür ist, dass Menschen mit Migräne die Technik erlernen und in den Alltag integrieren. Dabei können sie wählen, welche Methode ihnen am meisten zusagt. Besonders empfehlenswert ist die progressive Muskelentspannung, die mit einer schrittweisen An- und Entspannung verschiedener Muskelgruppen arbeitet.
- Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie: Neben der Verhaltenstherapie gibt es ein weiteres von den Krankenkassen genehmigtes Behandlungsverfahren, dass unter der Bezeichnung „tiefenpsychologisch-fundierte Psychotherapie“ geführt wird und zu den Methoden gehört, die unter dem Oberbegriff „Psychodynamische Psychotherapie“ fallen. Die tiefenpsychologisch-fundierte Psychotherapie (offizielle Abkürzung „TP“) beruht auf den theoretischen Grundlagen der Psychoanalyse, die von Siegmund Freud begründet und dann weiterentwickelt wurde. Tiefenpsychologie verweist u.a. auf die unbewussten, verdrängten bzw. unverarbeiteten Konflikte aus der Vergangenheit, deren fortdauernder Einfluss sich heute noch auf unser Erleben negativ auswirken kann.
Die Wahl der geeigneten Therapie hängt von den individuellen Bedürfnissen und Vorlieben des Patienten ab.
Der Weg zum Psychotherapeuten
Du hast dich entschlossen, die Möglichkeiten der Psychologie bei Migräne auszuprobieren? Dann vereinbare am besten einen Termin bei einem Psychotherapeuten oder einem Psychiater, der sich auf Schmerz- und Verhaltenstherapie, bestenfalls auch bei Migräne, spezialisiert hat. Zunächst lernst du deinen Therapeuten im Rahmen eines Erstgesprächs kennen. Darin schildern du dein Anliegen und klärst, ob er dir helfen kann. Anschließend folgen einige weitere Sitzungen, die als Probestunden dienen (probatorische Sitzungen).
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Diagnostiziert ein Psychotherapeut eine psychische Erkrankung, trägt die Krankenkasse häufig die Kosten für die Therapie. Meist musst du dafür erst einige Probesitzungen durchlaufen haben, welche die Krankenkasse bezahlt. Dann stellst du zusammen mit deinem Therapeuten den Antrag auf Kostenübernahme für die folgende Therapie. Nach der Genehmigung kannst du mit der Behandlung beginnen.
Hinweis: Jede Krankenkasse handhabt das Verfahren anders - egal, ob gesetzlich oder privat.
Medikamentöse Behandlung von Migräne
Grundsätzlich wird bei der Therapie von Migräne zwischen der Akuttherapie und Intervallprophylaxe unterschieden.
Bei akuten Migräneattacken wird eine möglichst frühzeitige Einnahme von nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) empfohlen, bei unzureichender Wirksamkeit und mittelschweren bis schweren Attacken die Anwendung von Triptanen. Letztere sind in verschiedenen Applikationsformen erhältlich, zum Beispiel als Schmelztablette, Nasenspray oder subkutane Injektion.
Leichtere Migräneanfälle können mit Acetylsalicylsäure und NSAR, auch kombiniert mit Coffein, behandelt werden.
Werden die Kopfschmerzen von vegetativen Reizsymptomen wie Nausea und Emesis begleitet, sollten die Analgetika zwingend mit antiemetischen Wirkstoffen kombiniert werden. Selbst Patienten, die keine Übelkeit zeigen, werden aufgrund der prokinetischen Wirkung Antiemetika nahegelegt, die idealerweise 10-20 Minuten vor den Analgetika eingenommen werden.
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