Notfallmedikamente bei Epilepsie: Leitlinien und Erste Hilfe

Epileptische Anfälle können vielfältig sein, von kurzen Bewusstseinspausen bis hin zu dramatischen Grand-Mal-Anfällen. Ein Notfall liegt jedoch erst bei einem Status epilepticus vor. Laien können Erste Hilfe leisten, während sich Ärzte an den Leitlinien zur Behandlung des Status epilepticus orientieren.

Erste Hilfe für Laien

Eltern, Angehörige, Betreuer und andere Laien können wichtige erste Hilfe leisten, um den Patienten vor Verletzungen zu schützen.

Maßnahmen der Ersten Hilfe

  • Schutz vor Verletzungen: Sorgen Sie dafür, dass sich der Patient nicht verletzen kann. Legen Sie etwas Weiches unter den Kopf und räumen Sie alle Gegenstände aus dem Weg, an denen sich der Patient verletzen könnte.
  • Zeit notieren: Behalten Sie die Zeit im Auge, um die Anfallsdauer zu dokumentieren.
  • Nicht alleine lassen: Lassen Sie den Patienten während des Anfalls nicht allein.

Notfallmedikamente für Laien

Ein Status epilepticus kann mit Notfallmedikamenten unterbrochen werden. Für Laien stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die unterschiedlich anzuwenden sind.

Verfügbare Medikamente

  • Diazepam als Rektiole: Diazepam ist ein bekanntes Medikament zur Ersten Hilfe, das rektal verabreicht wird. Die Tube muss vollständig entleert und beim Herausziehen gedrückt werden, um zu verhindern, dass das Medikament zurückgesaugt wird. Die Anwendung kann bei älteren Kindern oder Erwachsenen schwierig sein.
  • Chloralhydrat als Rektiole: Chloralhydrat kann ebenfalls als Rektiole wie Diazepam angewendet werden.
  • Lorazepam (Tavor expidet): Lorazepam ist in Form von kleinen Plättchen (Tavor expidet) erhältlich, die sich im Mund auflösen. Der Wirkstoff wird über die Mundschleimhaut aufgenommen, ohne dass der Patient schlucken muss. Dies ist die einfachste Methode zur Notfallbehandlung durch Laien. Bei vorhersehbaren Anfällen können auch Medikamente in Tropfenform eingenommen werden.

Wann sollte die Notfallmedikation verabreicht werden?

Die Medikamente sollten nach einer bestimmten Zeit verabreicht werden, die mit dem behandelnden Arzt vereinbart wurde. Dabei spielen das individuelle Anfallsgeschehen und die Verfassung der Beobachter eine Rolle. Unerfahrene Beobachter neigen dazu, bei dramatisch aussehenden Grand-Mal-Anfällen zu früh zu medikamentieren oder unnötig den Notarzt zu rufen.

Was tun bei Wirkungslosigkeit der Notfallmedikation?

Wenn das Medikament nicht wirkt, sollte der Notarzt gerufen werden, da weitergehende Behandlungen nicht von Laien durchgeführt werden können.

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Wichtige Hinweise zur Notfallmedikation

Wie bei der Dauerbehandlung der Epilepsie gilt auch bei der Notfallmedikation: "Probieren geht über Studieren". Jeder Patient muss sein individuell wirksames Notfallmedikament finden.

Epilepsie: Definition, Prävalenz und Ursachen

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch das wiederholte Auftreten von unprovozierten Anfällen gekennzeichnet ist. Diese Anfälle resultieren aus einer plötzlichen, abnormalen elektrischen Aktivität im Gehirn. Die Prävalenz in Industrieländern liegt bei 0,5-0,9 Prozent, wobei die Neuerkrankungsrate bei 40-70/100.000 Einwohnern pro Jahr liegt.

Definition und Leitsymptome

Ein epileptischer Anfall ist definiert als ein vorübergehendes Auftreten von subjektiven Zeichen und/oder objektivierbaren Symptomen aufgrund einer pathologisch exzessiven und/oder synchronisierten neuronalen Aktivität im Gehirn. Die Phänomenologie variiert je nach Ort und Ausprägung der Anfälle erheblich.

Epilepsie-Syndrome

Neben den einzelnen Anfällen existieren auch sogenannte Epilepsie-Syndrome wie das Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom.

Diagnose

Die Diagnose wird anhand des Anfallgeschehens und durch Zusatzbefunde wie epilepsietypische Potenziale im EEG und/oder passende strukturelle Läsionen in der Bildgebung gestellt.

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Behandlung

Die Behandlung basiert meist auf einer medikamentösen Therapie, ggf. begleitet von nicht pharmakologischen Maßnahmen wie ketogener Diät und Psychotherapie.

Ursachen von Epilepsie

Epilepsien können verschiedene Ursachen haben, die in folgende Kategorien unterteilt werden:

  • Strukturelle Ursachen: Umschriebene pathologische Hirnveränderungen wie Hirntumore, Hirninfarkte, Kontusionsdefekte, vaskuläre Malformationen, Enzephalozelen, fokale kortikale Dysplasien, Polymikrogyrie, hypothalamische Hamartome oder Hippocampussklerose.
  • Genetische Ursachen: Mutationen in Genen, die die neuronale Erregbarkeit beeinflussen. Die Mehrzahl der Fälle der idiopathischen generalisierten Epilepsien (IGE) sind polygenetische Erkrankungen.
  • Infektiöse Ursachen: Infektionen des Gehirns wie Neurozystizerkose, Tuberkulose, HIV, zerebrale Malaria, subakute sklerosierende Panenzephalitis, zerebrale Toxoplasmose und kongenitale Infektionen.
  • Metabolische Ursachen: Stoffwechselstörungen, die epileptische Anfälle als Kernsymptomatik aufweisen, wie Hypoparathyreoidismus, Hämochromatose, Porphyrie, Störungen des Aminosäurestoffwechsels, Pyridoxin-abhängige Epilepsie (PDE), Hyponatriämie beim Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion (SIADH), Urämie, Hyper-/Hypoglykämie und zerebraler Folsäuremangel.
  • Immunologische Ursachen: Autoimmun vermittelte Entzündungen des ZNS wie die Kalium-Kanal-Antikörper (LGI1)-bedingte limbische Enzephalitis und die NMDA-Rezeptor-Antikörper assoziierte Enzephalitis.
  • Unbekannte Ursachen: Formen, deren Ursache (noch) nicht bekannt ist.

Pathophysiologie

Die dem epileptischen Anfall zugrunde liegenden paroxysmalen Depolarisationsstörungen sind meist auf ein Ungleichgewicht bzw. einer fehlerhaften Verteilung von exzitatorischen und inhibitorischen Neurotransmitterwirkungen zurückzuführen. Dabei spielen die Aminosäuren Glutamat und Aspartat als erregende Neurotransmitter sowie Gamma-Aminobuttersäure (GABA) als hemmende Signalsubstanz eine entscheidende Rolle.

Anfallsformen

Die Symptome der unterschiedlichen Epilepsieformen variieren stark. Das klinische Bild richtet sich nach der Lokalisation und dem Ausmaß der neuronalen Fehlerregung sowie nach der Art des Anfallgeschehens. Die ILAE unterscheidet grundsätzlich zwischen Anfällen mit fokaler, generalisierter oder unbekannter Ausbreitung.

Anfälle mit fokalem Beginn

Epileptische Anfälle mit fokalem Beginn haben ihren Ursprung in einem begrenzten Neuronensystem innerhalb einer Hemisphäre. Sie werden entsprechend der motorischen Initialsymptomatik klassifiziert und in Anfälle mit und ohne Bewusstseinsstörung eingeordnet.

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  • Fokal beginnende Anfälle mit motorischer Initialsymptomatik: Automatismen, atonische Anfälle, klonische Anfälle, epileptische Spasmen, hyperkinetische Anfälle, myoklonische Anfälle, tonische Anfälle.
  • Fokal beginnende Anfälle ohne motorische Initialsymptomatik: Autonom, mit Arrest-Symptomatik, kognitiv, emotional, sensorisch.
  • Fokal beginnende Anfälle ohne Bewusstseinseinschränkung: Entsprechen den bisher als „einfach-fokal“ bezeichneten Anfällen.

Generalisierte Anfälle

Generalisierte Anfälle betreffen von Beginn an beide Hirnhälften. Es gibt verschiedene Arten von generalisierten Anfällen, darunter:

  • Tonisch-klonische Anfälle (Grand-Mal-Anfälle): Diese Anfälle sind durch einen plötzlichen Verlust des Bewusstseins, gefolgt von einer tonischen Phase (Muskelversteifung) und einer klonischen Phase (rhythmische Muskelzuckungen) gekennzeichnet.
  • Absencen: Kurze Bewusstseinspausen, die oft unbemerkt bleiben.
  • Myoklonische Anfälle: Kurze, unwillkürliche Muskelzuckungen.
  • Atonische Anfälle: Plötzlicher Verlust des Muskeltonus, der zu Stürzen führen kann.

Medikamentöse Behandlung der Epilepsie

Epilepsie-Medikamente können Anfällen vorbeugen, helfen aber nicht allen Betroffenen. Sie wirken, indem sie die übermäßige Aktivität der Nervenzellen im Gehirn hemmen.

Auswahl der Medikamente

Die Auswahl der Medikamente hängt von der Epilepsieform, der Wirksamkeit, möglichen Nebenwirkungen, Lebensumständen und persönlichen Bedürfnissen ab. In der Regel beginnt die Behandlung mit einem einzelnen Wirkstoff in einer niedrigen Dosierung.

Verfügbare Medikamente

Zur Behandlung einer Epilepsie sind über 20 verschiedene Wirkstoffe zugelassen, darunter:

  • Carbamazepin
  • Gabapentin
  • Lamotrigin
  • Levetiracetam
  • Pregabalin
  • Valproinsäure

Erfolg der medikamentösen Behandlung

Medikamente helfen vielen Menschen mit Epilepsie, Anfälle dauerhaft zu vermeiden. Etwa 5 von 10 Personen werden schon mit dem ersten Medikament anfallsfrei oder haben seltener Anfälle. Insgesamt treten bei etwa 7 von 10 Menschen mit Epilepsie keine Anfälle mehr auf, wenn sie Medikamente einnehmen.

Nebenwirkungen und Wechselwirkungen

Die zu Beginn der Behandlung meist nur niedrig dosierten Medikamente werden in der Regel gut vertragen. Wird die Dosis erhöht oder werden Medikamente kombiniert, sind Nebenwirkungen wahrscheinlicher. Es kann außerdem zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kommen. Mögliche Nebenwirkungen sind unter anderem Müdigkeit, Schwindel, verlangsamtes Denken, Übelkeit und Hautausschlag.

Anfallskalender

Es ist hilfreich, einen Anfallskalender zu führen, um Medikamente, Anfälle und deren Auswirkungen zu dokumentieren.

Absetzen von Medikamenten

Wer mehrere Jahre anfallsfrei war, möchte die Medikamente häufig absetzen. Dies ist oft möglich, sollte aber zusammen mit einem Arzt abgewogen werden. Um die Einnahme zu beenden, wird die Dosis schrittweise über mindestens 2 bis 3 Monate reduziert.

Epilepsie und Verhütung

Bestimmte Antiepileptika können die Wirksamkeit der Antibabypille herabsetzen. Umgekehrt kann die Pille die Wirksamkeit bestimmter Antiepileptika beeinflussen. Deshalb ist es für junge Frauen mit Epilepsie wichtig, frühzeitig mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt über das Thema Verhütung zu sprechen.

Epilepsie und Schwangerschaft

Die meisten Frauen mit Epilepsie bringen gesunde Kinder zur Welt. Wichtig ist, sich rechtzeitig ärztlich beraten zu lassen und sich auf eine Schwangerschaft vorzubereiten. Es kann sein, dass die Behandlung der Epilepsie während einer Schwangerschaft angepasst werden muss.

Epilepsie im höheren Lebensalter

Ein Drittel der Menschen mit Epilepsie erkrankt erst nach dem 60. Lebensjahr. Ältere Menschen sind oft anfälliger für Nebenwirkungen von Medikamenten. Als älterer Mensch ist es daher besonders wichtig, am besten nur ein Epilepsie-Medikament in möglichst niedriger Dosis einzunehmen.

Epilepsie und geistige Behinderung

Menschen mit geistiger Behinderung haben häufiger Epilepsie. Mit den Betroffenen über ihre Epilepsie zu sprechen, kann schwierig sein. Dies erschwert die Diagnose und auch die Behandlung.

Therapie-resistente Epilepsie

Etwa 3 von 10 Menschen haben trotz mehrerer Behandlungsversuche mit verschiedenen Medikamenten weiter Anfälle. Spätestens wenn zwei verschiedene Medikamente keine ausreichende Wirkung gezeigt haben, wird empfohlen, die Diagnose in einem spezialisierten Zentrum überprüfen zu lassen.

Alternative Behandlungsmethoden

Wirken Medikamente nicht, werden häufig alternative Behandlungsmethoden empfohlen:

  • Operation: Wenn sich bei fokalen Epilepsien feststellen lässt, welcher Bereich des Gehirns Anfälle auslöst, kann dieser Teil unter Umständen entfernt werden.
  • Vagusnerv-Stimulation: Dabei wird ein Schrittmacher an der Brust unter die Haut implantiert, der elektrische Impulse abgibt.

Status epilepticus: Ein Notfall

Von einem „Status epilepticus“ spricht man, wenn ein generalisierter epileptischer Anfall länger als fünf Minuten dauert oder mehrere Anfälle rasch hintereinander auftreten. Dann handelt es sich um einen Notfall, der schnell medikamentös behandelt werden muss. Deshalb muss sofort der Rettungsdienst unter der 112 gerufen werden.

Behandlung durch den Notarzt

Meist gibt die Notärztin oder der Notarzt zuerst ein Beruhigungsmittel (Benzodiazepin). Es wird in die Vene gespritzt, in die Wangentasche gegeben oder als Creme über eine kleine Tube in den After eingeführt. Danach ist eine Weiterbehandlung im Krankenhaus erforderlich.

Absetzen von Anfallssuppressiven Medikamenten (ASM)

Etwa zwei von drei Patientinnen werden mit ASM anfallsfrei. Auch wenn mithilfe von ASM eine langjährige Anfallsfreiheit erreicht wird, spricht man nicht von einer „Heilung“ der Erkrankung. Eine Epilepsie gilt als überwunden, wenn Patientinnen 10 Jahre anfallsfrei waren und mindestens in den letzten 5 Jahre kein ASM eingenommen haben.

Nutzen des Absetzens von ASM

Der Nutzen des Absetzens eines ASM kann in einem Wegfall etwaiger Nebenwirkungen und Wechselwirkungen und somit in der Verbesserung der Lebensqualität bestehen. Zudem können sich eine von Patientinnen empfundene Stigmatisierung und berufliche Einschränkungen bessern. Ein weiterer Nutzen ist die Reduktion von Kosten für das Gesundheitssystem und die Patientinnen.

Risiken des Absetzens von ASM

Den dargestellten Nutzen stehen Risiken eines Absetzversuchs gegenüber, die durch das Auftreten eines erneuten epileptischen Anfalls und die damit verbundenen Folgen entstehen. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass Patient*innen mit einem Anfallsrezidiv nach dem Absetzen von ASM trotz erneuter Einnahme nicht wieder anfallsfrei werden.

Studien zum Anfallsrezidiv nach Absetzen von ASM

Basierend auf Studien kann das Absetzen eines ASM nach einer Mindestdauer von 2 Jahren Anfallsfreiheit erwogen werden. Das Risiko eines erneuten Anfalls nach dem Absetzen des ASM sinkt, je länger Patient*innen anfallsfrei waren.

Risikofaktoren für ein Anfallsrezidiv

Es wurden unabhängige Risikofaktoren für ein Anfallsrezidiv identifiziert:

  • Längere Dauer der Epilepsie bis zur klinischen Remission
  • Höhere Anzahl epileptischer Anfälle bis zur klinischen Remission
  • Kürzeres anfallsfreies Intervall bis zum Absetzen
  • Höheres Lebensalter bei Krankheitsbeginn
  • Entwicklungsverzögerung bzw.
  • Nachweis interiktaler epileptiformer Muster im EEG

Epilepsieart und Epilepsiesyndrom

Auch die Epilepsieart und das Epilepsiesyndrom stellen relevante Faktoren bei der Abschätzung des Risikos für ein Anfallsrezidiv dar.

Vorgehensweise beim Absetzen von ASM

Patient*innen sollten darüber aufgeklärt werden, dass ASM nur nach ärztlicher Rücksprache abgesetzt werden sollten, um das Risiko für einen Status epilepticus oder Entzugsanfälle zu minimieren. Belastbare Daten für Erwachsene zur Dauer der Dosisreduktion bis zum Absetzen des ASM fehlen bislang.

Fahreignung

Patient*innen müssen darüber aufgeklärt werden, dass für die Dauer des Absetzens und für 3 Monate nach der letzten Einnahme des zuvor in Monotherapie eingenommenen ASM keine Fahreignung für Kraftfahrzeuge besteht.

Nachsorge

Nach Beendigung eines ASM sollten Patientinnen für mindestens 2 Jahre von ihren behandelnden Neurologinnen regelmäßig gesehen werden, um nach klinisch diskreten Anfällen zu fragen.

Patientenpräferenzen

Patientinnen und Ärztinnen sind auch nach mehrjähriger Anfallsfreiheit oft gegenüber dem Absetzen von ASM ambivalent.

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