Uwe Kopf: Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe – Eine Analyse

Uwe Kopfs Roman "Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe" ist mehr als nur eine Geschichte über ein gescheitertes Leben. Es ist ein brillantes, zutiefst erschütterndes und gleichzeitig heiteres Werk, das mit seiner sprachlichen Präzision, inhaltlichen Wucht und seinem tragikomischen Witz Superlative verdient. Christian Kracht beschreibt Kopfs Romandebüt treffend als sardonisch. Der Roman beginnt mit einem Ende, dem Ende von Tom.

Toms Ende und der Anfang der Geschichte

Im Mai 1998 erhängt sich der "40-jährige Junge", auch Jesus genannt, in Hamburg-Barmbek "nach Art der Greise". Tom, eine gescheiterte Existenz, geplagt von Unglück in der Liebe und einem wenig erfüllenden Job als Briefsortierer, sucht einen Ausweg. Sein Bruder Sören und das nächste Bier sind seine ständigen Begleiter in den Abgründen und Niederlagen. Doch auf jeden Hoffnungsschimmer, auf jeden Rausch folgt unweigerlich die Ernüchterung, bis nichts mehr geht.

Bereits auf der ersten Seite wird das Ende der Geschichte enthüllt: Der Protagonist Tom, wegen seiner langen Haare und seiner sanften Art "Jesus" genannt, begeht Selbstmord. Er erhängt sich im Mai 1998 in der "Art der Greise", nachdem er zuvor nochmals Wäsche gewaschen hat. Sein Wunsch für die Beerdigung: das "Lied der Schlümpfe". Am Nachmittag seines Sterbetages notiert Tom in seiner Kinderschrift auf einem Zettel eine Bilanz seines Lebens: Links die Wünsche - Eva, Respekt, Sinn, Ruhe; rechts der Zustand - "Nichts, da kommt nix mehr". Die Polizei wird später von einem Bilanzselbstmord sprechen.

Ein Leben am Rande der Gesellschaft

Nach dieser düsteren Exposition entfaltet Uwe Kopf das Leben dieses seltsamen Helden namens Tom. Wir erfahren von seinem Aufwachsen in Hamburg mit unterschiedlichen Männern, die allesamt ungeeignet als Väter sind und wie die Mutter und Großmutter vom Krieg traumatisiert wurden. Frühe Besäufnisse und Alkoholismus prägen sein Leben, und Freunde landen obdachlos auf der Straße. Tom hat es nicht leicht und macht es sich zusätzlich schwer. Er weiß nicht, was er will, und glaubt nicht an das, was er kann.

Toms Leben ist von Gedanken an das Ende durchzogen. Er habe mal gelesen, dass der durchschnittliche Mann zweihundert Mal am Tag an Sex denken würde. "An den Tod an sich, an meinen Tod, an den Tod anderer Menschen; den Tod meiner Mutter oder meiner Freunde, beispielsweise, habe ich so oft fantasiert wie den Tod des Bundeskanzlers Kohl, den Tod von Paul McCartney oder Nena oder sogar Franz Beckenbauer, aber Beckenbauer ist eigentlich der einzige Mensch, an dem meine Fantasie versagt."

Lesen Sie auch: Gehirnposition und ihre Bedeutung für die Funktion

Tom ist zu dünnhäutig für diese Welt. Als Heranwachsender weigert er sich, einen Frosch mit einem Strohhalm zum Platzen zu bringen, weil er Mitleid empfindet. Er erlebt, wie ein Bekannter betrunken aus der fahrenden Bahn stürzt und stirbt. Als seine Freundin Jenny das gemeinsame Kind abtreibt, zerbricht er fast daran.

Momente der Rührung und Menschlichkeit

Trotz der prekären Existenz mit Gelegenheitsjobs und emotionaler Instabilität gibt es immer wieder rührende Momente. Auf einer Hamburger Minigolf-Anlage trifft Tom seinen alten Freund Uwe, der mit Mitte 30 schon zwei Herzinfarkte hatte, Gitanes raucht und Bacardi-Cola trinkt. Uwe sagt: "Du wirst es kaum glauben, Tom, aber mir geht's ganz gut, jedenfalls in der Saison. Ohne Minigolf ist's langweilig, aber ich habe immer eine Frau, manchmal sogar zwei Frauen." Der Respekt und die Warmherzigkeit bei der Beschreibung solcher Figuren lassen den Roman funkeln.

Popkulturelle Bezüge und Exkurse

"Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe" will mehr sein als ein Roman über ein scheiterndes Leben im kleinbürgerlichen Milieu. Das Buch ist gespickt mit popkulturellen Bezügen, Songtextfetzen und philosophischen, religiösen oder literarischen Exkursen. Diese sind niemals besserwisserisch oder aufgesetzt, sondern immer klug in den Erzählfluss eingebaut. Auch ein dezentes Wolf Biermann-Bashing gehört zum popkulturellen Pflichtprogramm.

Ein Spiegel der BRD-Geschichte

Unaufdringlich erzählt der Roman die Geschichte der BRD mit. Als Tom erlebt, wie sein Bruder Sören ihm auf einer Party die Freundin ausspannt, fällt zufällig die Mauer in Berlin. "Wir wussten nicht, dass die RAF gerade Hanns-Martin Schleyer entführt hatte - da standen Polizisten, supernervös, sie richteten ihre Maschinengewehre auf uns, ich hatte noch nie eine Waffe in echt gesehen, und nun so eine Situation. (…) Die Polizisten durchsuchten unsere Autos, kontrollierten unsere Pässe und führten Sören in eine Baracke, weil er auf seinem Reisepassfoto ein bisschen so aussah wie Andreas Baader. (…) Sören sagte, er habe den Polizisten zu erklären versucht, dass er nicht Andreas Baader sein könne, da Andreas Baader doch noch im Stammheimer Knast sitzt; die Polizisten brauchten wohl die zwei Stunden, um dieser Logik zu folgen."

Uwe Kopfs Meisterschaft

Uwe Kopf, geboren 1956 und kurz nach seiner Krebsdiagnose verstorben, war ein fantastischer Autor. Kein Wort zu viel, kein Satz zu wenig, keine Pointe an der falschen Stelle. Er schrieb nicht nur messerscharfe Kolumnen und Porträts, sondern redigierte auch die Artikel anderer Autoren. Von 1990 bis 1996 arbeitete er für die Zeitschrift Tempo und war deren Textchef. Eine alte Schreibmaschinenseite mit seinen Schreibregeln kursierte nach seinem Tod in den sozialen Netzwerken. "Der Mensch wird nicht dadurch zum Filmkritiker, dass er einen Film nacherzählt - das kann meine Mutter auch."

Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei Kopfkrämpfen links

Nicht an alle Regeln hat sich Uwe Kopf selbst in seinem Debütroman gehalten - aber wenn, dann mit einem schelmischen Lächeln. "Bitte, bitte keine Rockschreibe oder sonstige Fachjargons!" Dieser lakonische Tonfall und Humor findet sich oft im Roman. Protagonist Tom bekommt sogar die Chance, eine Musikkritik über Bruce Springsteen zu schreiben, doch er kommt über den ersten Satz nicht hinaus.

Autobiografische Elemente und die Tiefe der Verzweiflung

Dass Uwe Kopfs Bruder ebenfalls Tom hieß und sich das Leben nahm, sind Indizien für den autobiografischen Gehalt des Romans. Entscheidend ist jedoch, wie tief sich Uwe Kopf in die Verzweiflung eines Menschen hineingedacht hat, ohne in Larmoyanz oder Kitsch abzugleiten. Authentisch und schmerzlich wird beschrieben, wie Tom die Liebe seines Lebens trifft und man von Anfang an ahnt, dass seine Eifersucht alles zerstören wird. "Jack, der nichts darstellt und nichts hat, und Rose, die was Besseres ist und Alles hat, aber einen Widerling heiraten soll und zuerst auch heiraten will, aber auf dem Schiff entscheidet sie sich für Jack und das Echte und gegen das Geld und das Falsche: Das passte doch total auf Eva und mich und John, dachte Tom und sagte es Eva, sie runzelte die Stirn, lachte dann und knuffte Tom in die Seite."

Das Herzstück des Romans

Nach über 300 Seiten nimmt die Geschichte eine Wende, die einem das Herz bricht. An dieser Stelle wird aus einem klugen und fantastischen Buch ein ungeheuerlicher Roman. Uwe Kopf hätte diese Sätze wahrscheinlich gestrichen, aber es geht nicht anders: "Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe" ist ein Buch, das Superlative verdient.

Die Bedeutung des Titels

Ob Bernhard Grzimek, der berühmte Fernseh-Zoologe, wirklich einmal seine Sendung "Ein Platz für Tiere" der Seidenspinnenraupe und ihren elf Gehirnen gewidmet hat, ist unklar. Doch der Held von Uwe Kopfs Roman kann sich daran erinnern, und als Titel macht sich "Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe" gut. Der Name Grzimek passt ebenfalls, da Kopf von einer Zeit erzählt, in der die Weltläufigkeit eines Grzimek die provinzielle Bundesrepublik beeindruckte.

Ein Roman im Geiste von "Tempo"

Kopfs Roman erscheint in einem Verlag, der den Geist von "Tempo" wiederaufleben lassen will. Der Roman handelt von einem Leben in der schwarzweißen, prekären und kleinbürgerlichen Bundesrepublik, die "Tempo" vergessen machen wollte. Uwe Kopf nutzt nonchalante Perspektivwechsel, mal ist Tom Ich-Erzähler, dann wird er auktorial betrachtet, und bisweilen lässt Kopf seine Protagonisten in Drehbuchdialogen auf sich einreden. Der Roman sollte vor Heinz Strunks "Der Goldene Handschuh" und nach den Romanen von Wolfgang Welt eingeordnet werden.

Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei Nervenbrennen

tags: #uwe #kopf #die #elf #gehirne #der