Vagusnerv und Schwitzen: Ein Überblick über den Zusammenhang

Der Vagusnerv, auch bekannt als der zehnte Hirnnerv (Nervus vagus), spielt eine zentrale Rolle in der Steuerung zahlreicher Körperfunktionen. Er ist der größte Nerv des Parasympathikus, des Teils des autonomen Nervensystems, der für Entspannung, Regeneration und Verdauung zuständig ist. Seine weitläufigen Verbindungen zu fast allen inneren Organen machen ihn zu einem bedeutenden Faktor für unser Wohlbefinden. Eine Störung in diesem komplexen System kann sich auf vielfältige Weise äußern, einschließlich Veränderungen in der Schweißproduktion.

Das Autonome Nervensystem und seine Funktion

Das autonome Nervensystem (ANS) steuert lebenswichtige Körperfunktionen, die nicht willentlich beeinflusst werden können. Dazu gehören Herzschlag, Atmung, Verdauung, Blutdruck, Blasen-, Darm- und Sexualfunktion sowie der Tag-Nacht-Rhythmus. Das ANS besteht aus zwei Hauptkomponenten:

  • Sympathikus: Aktiviert den Körper in Stresssituationen und bereitet ihn auf "Kampf oder Flucht" vor.
  • Parasympathikus: Fördert Ruhe, Entspannung, Verdauung und Regeneration. Der Vagusnerv ist der Hauptnerv des Parasympathikus.

Das vegetative Nervensystem ist auch an der Thermoregulation des Körpers beteiligt und steuert die Schweißsekretion, um den Körper zu kühlen.

Hyperhidrose: Übermäßiges Schwitzen

Übermäßiges Schwitzen ohne ersichtlichen Grund wird als Hyperhidrose bezeichnet. Betroffene schwitzen stark, selbst ohne Hitze oder körperliche Anstrengung. Dies kann einzelne Körperregionen (z. B. Achseln, Hände, Füße, Kopf) oder den ganzen Körper betreffen.

Ursachen von Hyperhidrose

  • Störung des vegetativen Nervensystems: Eine Verschiebung der Erregungsleitung im vegetativen System kann zu einer Überaktivierung der Schweißdrüsen führen. Die Ursache für die Hyperhidrosis (übermäßiges Schwitzen) verantwortliche, vorausgehende Fehlfunktion ist der Sympathikus im vegetativen Nervensystem.
  • Erkrankungen: Bestimmte Erkrankungen wie Schilddrüsenprobleme oder hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren können starkes Schwitzen verursachen.
  • Genetische Veranlagung: Hyperhidrose kann auch eine Frage der Veranlagung sein.
  • Stress und seelische Belastungen: Stress und seelische Belastungen können das Schwitzen verstärken.
  • Medikamente: Einige Medikamente können als Nebenwirkung vermehrtes Schwitzen verursachen.

Symptome von Hyperhidrose

  • Sichtbare Schweißflecken auf der Kleidung, insbesondere im Achselbereich. Es ist kaum möglich helle Kleidung zu tragen, hellgrau, hellblau oder rose sind meistens sog. „No-Gos“. Viele Personen, die an Hyperhidrosis leiden schwitzen so stark, dass auch dickere Kleidungsstücke durchschwitzt werden. Zum Beispiel sind auch Sakko-Träger im Sommer schon fast dazu verdammt das Sakko anzulassen, da die darunter getragenen Hemden stark durchschwitzt sind. Betroffene müssen also immer eher dunklere Kleidung tragen, schwarz am besten, so dass man die Schweißflecken nur schwer zu sehen bekommt.
  • Feuchte Hände und Füße
  • Starkes Schwitzen ohne erkennbaren Auslöser
  • Häufiges Umziehen aufgrund durchgeschwitzter Kleidung

Der Zusammenhang zwischen Vagusnerv und Schwitzen

Obwohl der Vagusnerv primär den Parasympathikus repräsentiert, kann er indirekt auch die Schweißproduktion beeinflussen. Eine Dysregulation des autonomen Nervensystems, bei der das Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus gestört ist, kann zu einer Überaktivierung des Sympathikus führen. Dies kann wiederum die Schweißdrüsen stimulieren und übermäßiges Schwitzen verursachen.

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Wie der Vagusnerv bei der Regulation des Schwitzens eine Rolle spielt

  • Stressreaktion: Bei Stress wird der Sympathikus aktiviert, was zu einer erhöhten Schweißproduktion führt. Der Vagusnerv kann jedoch dazu beitragen, die Stressreaktion zu modulieren und den Körper wieder in einen entspannten Zustand zu versetzen.
  • Entzündungsreaktionen: VNS induziert Effekte auf die Plastizität des Gehirns, bewirkt Veränderungen bei zerebralen Entzündungsreaktionen und führt insbesondere zu Veränderungen des autonomen Nervensystems.
  • Emotionale Zustände: Emotionen wie Angst und Aufregung können ebenfalls die Schweißproduktion beeinflussen. Der Vagusnerv spielt eine Rolle bei der Regulation von Emotionen und kann somit indirekt auch das Schwitzen beeinflussen.

Was tun bei übermäßigem Schwitzen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, übermäßiges Schwitzen zu behandeln und zu kontrollieren.

Selbsthilfemaßnahmen

  • Antitranspirantien: Antitranspirantien enthalten Aluminiumverbindungen, die die Schweißdrüsengänge verengen und die Schweißproduktion reduzieren. Antitranspirantien enthalten meist Aluminiumverbindungen und sind rezeptfrei in Ihrer Apotheke erhältlich. Stärker wirkende Präparate werden nach ärztlicher Vorgabe hergestellt.
  • Deodorants: Deodorants überdecken den Schweißgeruch, verhindern aber nicht die Schweißbildung.
  • Kleidung: Unterwäsche und Strümpfe aus Baumwolle nehmen den Schweiß gut auf und geben ihn nach außen wieder ab. Am besten täglich wechseln. Die Schuhe sollten nach dem Tragen gut ausgelüftet und Sportschuhe nicht im Alltag getragen werden. Einkleiden nach dem Zwiebelschichtprinzip hilft, sich an die äußeren Gegebenheiten schnell anzupassen.
  • Ernährung: Scharf gewürzte Speisen, Alkohol und koffeinhaltige Getränke können schweißtreibend wirken.
  • Gewichtsreduktion: Bei Übergewicht kann eine Gewichtsabnahme helfen, die Schweißproduktion zu vermindern.
  • Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Yoga oder autogenes Training helfen mit stressigen Situationen besser umzugehen.

Medizinische Behandlungen

  • Medikamente: Bei starkem Schwitzen kann der Arzt Medikamente verschreiben, die die Wirkung des Nervenbotenstoffs Acetylcholin blockieren.
  • Botulinuminjektionen: Eine punktuelle Spritzenbehandlung mit dem Nervengift Botulinum kann im Bereich der Achseln angewendet werden.
  • Iontophorese: Die Gleichstrombehandlung, zum Beispiel für die Füße, muss über längere Zeit angewendet werden.
  • Operation: In seltenen Fällen kann eine Operation zur Entfernung der Schweißdrüsen in den Achselhöhlen in Betracht gezogen werden.

Vagusnerv-Stimulation

Die Vagusnerv-Stimulation (VNS) ist eine weitere mögliche Behandlungsoption. Hierbei wird der Vagusnerv mit elektrischen Impulsen stimuliert. VNS wird bereits erfolgreich bei der Behandlung von Depressionen, Epilepsie und anderen neurologischen Erkrankungen eingesetzt. Es gibt auch Hinweise darauf, dass VNS bei der Reduzierung von Stress und Angstzuständen helfen kann, was wiederum die Schweißproduktion beeinflussen könnte.

Vagusnerv-Übungen

Die Verknüpfung zum regenerierenden Parasympathikus lässt sich bis zu einem gewissen Grad auch ohne implantierten Impulsgeber nutzen. So können beispielsweise Menschen, die stark unter Stress stehen oder unter Ängsten leiden, ihren Vagusnerv mit bestimmten Übungen zu seiner beruhigenden Wirkung motivieren. Insbesondere eine tiefe Atmung in den Bauchraum (Bauchatmung) mit einer verlängerten Ausatmung erweist sich hier als Vagus-aktivierender Faktor. Interessierte können unter anderem diese Vagusnerv-Übungen ausprobieren:

  • Meditation, am besten unter Anleitung in einer Gruppe oder per App
  • Atemübungen, beispielsweise nach der 4711-Regel (für 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden lang ausatmen und dieses Schema 11 Minuten lang fortführen)
  • Kehlkopfvibrationen, bei denen stimmhafte S-Laute die Ausatmung ausdehnen
  • Summen von A, O oder U, nach ganz ähnlichem Prinzip wie die Kehlkopfvibrationen
  • Gurgeln, beispielsweise mit Wasser oder lauwarmem Kamillentee
  • Singen

Studien zur Vagusnerv-Stimulation und Depression

Therapeutische Stimulationsverfahren, insbesondere die Elektrokrampftherapie (EKT) und die Vagusnerv-Stimulation (VNS) sind hochwirksame Therapieverfahren bei Patienten, die an einer therapie-refraktären Depression leiden. Jedoch ist es aktuell nicht möglich, das individuelle Ansprechen auf die Stimulationsverfahren vorherzusagen. Das Ziel der Studie ist es zu untersuchen, ob es möglich ist, durch Messung der so genannten Herzratenvariabilität, der nichtinvasiven Bestimmung von Parametern des autonomen Nervensystems sowie der Bestimmung von stressassoziierten Hormonen im Blut eine Vorhersage machen zu können, auf die Wirkung der Stimulationsverfahren und den Verlauf der Erkrankung.

Patienten mit einer Depression haben eine Beeinträchtigung des autonomen Nervensystems. Zusammenfassend besteht bei Patienten mit Depression ein erhöhter sympathischer Grundtonus, erniedrigte parasympathische Aktivität und eine reduzierte sympathisch vermittelten Reaktion auf äußere Stressoren. Dies könnte insbesondere für Patienten mit schwerer Depression gelten. 30-50% aller Patienten mit schwerer Depression erreichen keine Remission mit zur Verfügung stehenden Behandlungsmöglichkeiten. Dieser Subtyp der Erkrankung wird als therapie-refraktäre Depression (TRD) bezeichnet. Neurobiologische Stimulationsverfahren, wie beispielsweise Elektrokrampftherapie (EKT) oder Vagusnerv-Stimulation (VNS), stellen vielversprechende Behandlungsmöglichkeiten bei Patienten mit TRD dar.

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EKT ist die älteste Neurostimulationstherapie, die bei Patienten mit TRD eingesetzt wird. Dies ist auch die häufigste therapeutische Option für schwere und rezidivierende Depressionen, wenn Medikamente und Psychotherapie nicht zu einem ausreichenden therapeutischen Effekt führen. Veränderungen der kardiovaskulär autonomen Modulation bereits vor der EKT-Behandlung, während und danach könnten ein prognostischer Marker für das Therapieansprechen sein.

Alternativ kann bei TRD eine Vagusnerv-Stimulation durchgeführt werden. Hierbei ist jedoch nicht mit einer akuten Remission zu rechnen. Der antidepressive Effekt setzt erst im zeitlichen Verlauf von mehreren Monaten ein. Der Vagusnerv wird mit Elektroden im Halsbereich stimuliert. Diese Elektroden sind durch ein Kabel, das unter der Haut verläuft, mit einem Stimulator verbunden, der unterhalb des Schlüsselbeins unter der Haut eingepflanzt wird. Das Gerät kann von außen programmiert werden, um z.B. die Reizdauer und Reizintensität anzupassen. Ca. 60% der Patienten mit TRD zeigen eine Verringerung ihrer depressiven Symptome. Nachbeobachtungen der TRD-Patienten, die eine VNS-Behandlung erhalten, deuten auch auf weniger Suizidversuche und geringere Suizidgedanken sowie weniger Hospitalisierungen hin.

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