Die Vagusnerv-Darmwand-Funktion: Eine Schlüsselverbindung für Gesundheit und Wohlbefinden

Tagtäglich spüren wir die Verbindung zwischen unserem Bauch und unserem Kopf. Bei Verliebtheit haben wir Schmetterlinge im Bauch, bei Stress oder Unsicherheit einen flauen Magen. Nur wenige Menschen wissen, was hinter diesen Redewendungen steckt. Die Verbindung von Darm und Hirn, medizinisch als "Vagusnerv" bekannt, ist eine Nervenbahn zwischen dem zentralen Nervensystem (Gehirn + Rückenmark) und dem enterischen Nervensystem (Nervenzellen der Darmwand, auch "Bauchhirn" genannt). Über diese neuronale Autobahn tauschen die beiden Seiten Nachrichten und Informationen in Form von Neurotransmittern, Botenstoffen und Hormonen aus.

Die Darm-Hirn-Achse: Eine bidirektionale Kommunikationsstraße

Die Darm-Hirn-Achse beschreibt das komplexe Zusammenspiel zwischen unserem Verdauungssystem und dem Gehirn. Dass es sich dabei nicht um eine Einbahnstraße handelt, ist mittlerweile wissenschaftlich anerkannt. Vielmehr fließen Signale in beide Richtungen - vom Darm zum Gehirn und umgekehrt. Dabei werden unterschiedliche Signalwege genutzt: das Nerven-, das Hormon- und das Immunsystem, dessen Großteil sich im Darm befindet.

Der Vagusnerv als zentrale Schaltstelle

Bei der Kommunikation über das Nervensystem spielt der Vagusnerv eine zentrale Rolle. Als Hauptkomponente des Parasympathikus ist er entscheidend für Ruhe, Entspannung und soziale Interaktion. «Um etwa Emotionen im Gesicht unseres Gegenübers zu erkennen, muss der Vagusnerv gut funktionieren», sagt Psychiaterin und Ernährungsmedizinerin Sabrina Leal Garcia von der Medizinischen Universität Graz. Studien legen nahe, dass bestimmte probiotische Bakterien wie Laktobazillen und Bifidobakterien den Vagusnerv über die Darm-Hirn-Achse positiv stimulieren können. Die meisten Studien, die Effekte auf Stimmung oder autonome Nervenfunktion untersuchen, setzen dabei Einnahmezeiträume von mehreren Wochen bis zu etwa drei Monaten ein.

Das Mikrobiom als Schlüsselspieler

Im Zentrum dieser Achsen-Kommunikation steht das Mikrobiom, also die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm. Die Mikroorganismen im Darm produzieren Stoffwechselprodukte wie etwa kurzkettige Fettsäuren. «Diese wandern entweder in ihrer ursprünglichen Form oder umgewandelt zum Hirn und senden dort Signale», erklärt Birgit Terjung. Sie ist Chefärztin der Abteilung für Innere Medizin und Gastroenterologie am St. Josef Hospital in Bonn-Beuel. Die kurzkettigen Fettsäuren haben lokal eine antientzündliche Wirkung, sie können aber auch neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Demenz positiv beeinflussen.

Auch Botenstoffe wie das Hormon Serotonin spielen eine Rolle. Etwa 90 Prozent des körpereigenen Serotonins werden mit Hilfe von Bakterien im Darm produziert. «Dort ist es für die Darmbewegung zuständig», sagt Sabrina Leal Garcia. Zu viel Serotonin kann daher zu Durchfall, zu wenig Serotonin zu depressiven Verstimmungen führen. Zwar gelange dieses Serotonin nicht direkt aus dem Darm ins Gehirn, aber es kann über den Vagusnerv indirekt Einfluss auf psychische Prozesse nehmen.

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Umgekehrt kann ein gestresstes Hirn Signale an die Nebenniere senden, wo Stresshormone wie Adrenalin gebildet werden. Die können sich wiederum negativ auf den gesamten Körper und auch auf den Darm auswirken.

Das Immunsystem vermittelt ebenfalls zwischen Darm und Gehirn - etwa über Zytokine, die Entzündungsprozesse steuern und die neuronale Aktivität beeinflussen können. Bestimmte Darmbakterien fördern entzündungshemmende Immunreaktionen, während andere eine Entzündung begünstigen, die mit Depressionen oder Angststörungen in Verbindung gebracht wird.

Wie der Darm und das Gehirn kommunizieren: Die Rolle von Neurotransmittern und Hormonen

Begonnen im Darm, regen dort Darmbakterien die Darmschleimhaut zur Produktion von Neurotransmittern und Hormonen, wie beispielsweise Serotonin, Cortisol, Adrenalin und GABA, an. Wenn diese im Gehirn ankommen und verarbeitet werden, steuern sie Emotionen, Gedanken und sogar die kognitiven Leistungen. Botenstoffe beeinflussen die Stressresistenz, Schmerzwahrnehmung und Emotionen. Demnach hat die Gesundheit unseres Darms direkte Auswirkungen auf unsere emotionale und kognitive Funktion, einschließlich Stimmung, Schlaf, Stress und Gedächtnis.

Die Verbindung funktioniert auch in die entgegengesetzte Richtung: Wenn im Gehirn Serotonin produziert und ausgeschüttet wird, verändert sich der Appetit sowie die Darmbewegung. Spannend ist auch, dass sich psychische Krankheiten oft auch in Form von Magenproblemen bemerkbar machen. Leider ist dieser Zusammenhang noch wenig erforscht.

Die Kommunikation über Nervenstränge

Als einer der 12 Hirnnerven verbindet der Vagusnerv unser Gehirn u. a. mit dem Darm. Diese enge Darm-Hirn-Verbindung ist einer der zentralen Kommunikationswege zwischen Darm und Gehirn. Das heisst, der Darm kann sowohl Informationen an das Gehirn senden, als auch Signale vom Gehirn empfangen. Deutlich spüren wir die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn zum Beispiel dann, wenn wir etwas Verdorbenes essen. Darüber hinaus erleben wir die Kommunikation auf der Darm-Hirn-Achse auch dann bewusst, wenn wir uns wohl oder unwohl fühlen, sowie bei Entscheidungen. Etwa, wenn wir uns aussuchen, was wir essen und trinken möchten. Aber auch wenn es darum geht, mit welchen Menschen wir unsere Zeit verbringen oder wenn wir Informationen (z. B. im Job) bewerten müssen. Neben der intensiven Verbindung über Nervenstränge wie dem Vagusnerv gibt es weitere Kommunikationswege zwischen dem Darm und dem Gehirn. Botenstoffe sind chemische Stoffe, die den Austausch von Informationen zwischen verschiedenen Zellen und Organen im Körper ermöglichen. Der Darm produziert und reguliert eine ganze Reihe unterschiedlicher Nervenbotenstoffe. Ist der Darm aufgrund einer Entzündung gereizt, so wird diese Botschaft an das Gehirn weitergeleitet. Anschliessend kann das Immunsystem aktiviert werden. Umgekehrt meldet das Gehirn dem Darmhirn zum Beispiel Stress. Dieser kann zum einen durch äussere Reize wie schreiende Kinder oder den Geruch von Rauch ausgelöst werden. Dass Stress Darmbeschwerden hervorrufen kann, wissen die meisten. Gleichzeitig kann jedoch auch die Immunabwehr beeinträchtigt werden. Wenn du mehr über die Zusammenhänge des Immunsystems und Stress erfahren möchtest, lohnt sich das Fernstudium zum ganzheitlichen Ernährungsberater gleich doppelt. Serotonin ist ein Signalmolekül, das für die Darm-Hirn-Achse besonders wichtig ist. Zum einen koordiniert es die Kontraktionen, mit denen die Nahrung durch den Verdauungskanal befördert wird. So wird eine gesunde Darmfunktion garantiert. Gewissermassen ist der Darm der grösste Serotonin-Speicher unseres Körpers. So werden etwa 95 Prozent des körpereigenen Serotonins hier produziert und gespeichert. Über den Vagusnerv kann das Glückshormon dann unser Gefühlszentrum im Gehirn beeinflussen. Zahlreiche Studien belegen die Darm-Hirn-Verbindung. Die darin enthaltenen Daten zeigen, dass das Darm-Mikrobiom eine entscheidende Rolle bei der Regulierung von Serotonin spielt.

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Die Rolle der Ernährung und des Lebensstils

Wie der Darm und das Gehirn kommunizieren, können wir mithilfe unseres Essverhaltens positiv lenken. Mit einer ausgewogenen Ernährung wird die natürliche Balance der Darmflora aufrechterhalten - wodurch die Verdauung zuverlässiger funktioniert und Glückshormone sowie nervenberuhigende Botenstoffe besser produziert werden.

Entscheidend für ein vielfältiges Mikrobiom im Darm ist die Ernährung. Die sollte den Expertinnen zufolge mediterran sein, also viele Ballaststoffe, eine große Menge Obst und Gemüse, Nüsse, Samen, Öle wie Olivenöl mit hohem Anteil an Omega-3-Fettsäuren, wenig Fleisch, viel Fisch. Auch fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut, Kombucha oder Kimchi sind sogenannte Synbiotika. Sie enthalten einerseits lebende Darmbakterien (Probiotika), andererseits Futter für die Darmbakterien (Präbiotika).

Aber: «Es ist nicht wissenschaftlich erwiesen, dass eine bestimmte Anzahl an Gemüse- und Obstsorten notwendig wäre», sagt Birgit Terjung. Die Vielfalt sei wichtiger als einzelne vermeintliche «Superfoods». Auch die Auswahl verschiedenfarbiger pflanzlicher Lebensmittel kann sinnvoll sein, da sie unterschiedliche Inhaltsstoffe liefern. Erste Veränderungen im Mikrobiom zeigen sich Sabrina Leal Garcia zufolge oft schon nach wenigen Tagen einer Ernährungsumstellung, doch bis sich das Gesamtsystem messbar verändert, dauert es Monate.

Die Ernährungsform muss zur Person passen, sagt Leal Garcia. Trends wie die Keto-Diät mit wenig Kohlenhydraten und viel Fett wurden zunächst für gefährlich gehalten. Mittlerweile hätten Studien gezeigt, dass diese Ernährungsform bei psychischen Erkrankungen Linderung verschafft. «Es braucht aber in jedem Fall eine ärztliche Begleitung, vor allem, wenn schon psychische Erkrankungen vorliegen», sagt die Ernährungsmedizinerin.

Kombucha als Paradebeispiel für Probiotika, ist in jüngster Zeit zunehmend in den Fokus der Beliebtheit gerückt. Das Getränk aus verstoffwechseltem Tee und Zucker enthält eine Vielzahl nützlicher Bakterien und Hefen, welche die Darmflora verbessern und das Wachstum von krankheitserregenden Bakterien hemmen können. Dies im Zusammenspiel mit den enthaltenen Antioxidantien, kann dazu beitragen, das Immunsystem zu stärken sowie eine bessere Absorption von Nährstoffen zu ermöglichen.

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Dem Darm zuliebe ist es sinnvoll, Alkohol zu meiden oder zumindest stark zu reduzieren. Denn Alkohol verringert die Vielfalt der Darmbakterien. Auch Probiotika sind eine gute Möglichkeit, die Darmflora zu verbessern.

Was der Stuhlgang über die Verdauung verrät

Wer sich nicht sicher ist, ob die eigene Verdauung in Ordnung ist, kann sich zunächst mit dem Stuhlgang beschäftigen. Der sollte einmal am Tag stattfinden, gut geformt, also nicht zu weich und nicht zu hart sein. Zur Beurteilung dient die sogenannte Bristol Stool Scale. «Typ 4 wäre optimal», sagt Leal Garcia. Wie geht es Ihnen nach dem Essen? Ein regelmäßiger Blähbauch, Schmerzen oder Sodbrennen können Anzeichen für eine gestörte Verdauung sein.

Eine Analyse des Mikrobioms sei jedoch schwierig, so Birgit Terjung. Eine Stuhlprobe liefere nur begrenzte Informationen, da sich die bakterielle Zusammensetzung im Darm je nach Abschnitt stark unterscheide. «Viele Bakterien haften zudem an der Darmwand und werden durch eine Probe nicht erfasst», sagt die Gastroenterologin.

Erkrankungen und die Darm-Hirn-Achse

Die Darm-Hirn-Achse ist bei vielen Erkrankungen gestört. Ursache und Wirkung sind hier meist nicht eindeutig, da viele Faktoren miteinander wechselwirken. Die Erkrankung selbst kann sich negativ auf den Darm und die Darm-Hirn-Achse auswirken. Dies bedeutet im Umkehrschluss auch, dass es bei vielen Erkrankungen sinnvoll ist, an der Darmgesundheit zu arbeiten. Dies heißt nicht, dass sich dadurch alle Beschwerden beheben oder gar Krankheiten heilen lassen.

  • Reizdarmsyndrom: Ein zentrales Problem beim Reizdarmsyndrom ist eine gestörte Darmflora. Der Leaky Gut fördert außerdem chronische Entzündungen außerhalb des Darms, die über das Blut und Nervenbahnen auch Entzündungen im Gehirn verursachen können. Durch die Veränderungen in der Darmflora ist auch die Produktion von Neurotransmittern im Darm gestört. Neurotransmitter, wie z. B. Serotonin wirken einerseits im Darm. Serotonin reguliert die Darmmotilität, die Sekretion von Verdauungssäften und die Schmerzempfindlichkeit im Darm. Auf ähnliche Art und Weise kann auch Stress über die HHN-Achse das Reizdarmsyndrom verstärken.
  • Parkinson: Parkinson geht nicht nur mit motorischen Störungen, sondern auch mit Verdauungsbeschwerden und Darmdysbiose einher. Die neurodegenerative Erkrankung ist durch α-Synuclein-Aggregationen gekennzeichnet, die die Nervenzellen schädigen. Hier scheint die Darmflora eine wichtige Rolle zu spielen. Umgekehrt können auch die Schädigungen an den Nervenzellen bei Parkinson zu den Verdauungsstörungen beitragen.
  • Alzheimer: Auch bei Alzheimer ist die Darm-Hirn-Achse gestört. Alzheimer-Patienten sind häufig von Leaky Gut betroffen und weisen eine veränderte Darmflora auf. Ähnlich wie bei Parkinson scheinen durch den Darm verursachte Entzündungen Amyloid-Beta-Ablagerungen im Gehirn zu begünstigen.
  • Migräne: Die durch die Darmdysbiose entstehenden Entzündungen können beispielsweise Migräne verstärken.
  • Autismus-Spektrum-Störungen (ASS): Zahlreiche Studien zeigen, dass viele autistische Kinder unter Darmproblemen wie Verstopfung, Durchfall oder Blähungen leiden. Auch bei Autismus spielt die Neurotransmitter-Balance eine Rolle - etwa im Serotonin- und Dopaminstoffwechsel - ebenso wie eine veränderte Immunantwort im Darm, die über Zytokine auf das Gehirn wirken kann. In Einzelfällen zeigten sich unter konsequenter Therapie der Darmgesundheit deutliche Verbesserungen autistischer Symptome.
  • Psychische Erkrankungen: Bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen spielt die Darm-Hirn-Achse ebenfalls eine wichtige Rolle. Betroffene Personen weisen häufig eine geringe Diversität der Darmbakterien auf. Die Bedeutung der Darmflora für die psychische Gesundheit wird aktuell wissenschaftlich untersucht.

Möglichkeiten zur Beeinflussung der Darm-Hirn-Achse

Ist die Darm-Hirn-Achse einmal gestört, ist es aufgrund der erwähnten Rückkopplungsmechanismen oft schwer, sie wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Diese Rückkopplungsmechanismen arbeiten aber nicht nur gegen uns, man kann sie sich auch zunutze machen. Ernähren Sie sich beispielsweise gesünder, kann sich dies positiv auf die Darmflora auswirken und Entzündungen verringern. Dadurch können Sie schon Ihre Stressresistenz verbessern. Wenn Sie es dann gleichzeitig noch schaffen, Stress zu verringern, hat dies ebenfalls einen positiven Effekt auf die Darmflora.

Meist zielen Maßnahmen bei Beschwerden oder Erkrankungen, die mit einer gestörten Darm-Hirn-Achse einhergehen, entweder auf den Darm oder das Gehirn ab. Beim Reizdarmsyndrom wird beispielsweise der Darm behandelt, bei Depressionen konzentriert man sich auf die Psyche und das Gehirn. Dennoch macht es Sinn, bei einer gestörten Darm-Hirn-Achse Maßnahmen für den Darm und die psychische Gesundheit zu kombinieren. So kann man sich am ehesten die Synergie zunutze machen.

Ernährung

Die Ernährung hat einen großen Einfluss auf die Zusammensetzung der Darmbakterien. Denn sie verstoffwechseln, was wir essen. Manche Lebensmittel dienen nützlichen Darmbakterien als Futter, wodurch sie sich besser vermehren. Andere Lebensmittel können das Wachstum potenziell schädlicher Bakterien fördern. Ballaststoffreiche Lebensmittel wie Obst und Gemüse, Pilze, Nüsse, Samen und Vollkorn wirken sich positiv auf die Darmflora aus.

Stressmanagement

Stress wirkt u. a. über den Vagusnerv und die HHN-Achse auf den Darm. Stress ist sehr individuell und jeder hat andere Probleme, die Stress verursachen. Daher gibt es kein Patentrezept, mit dem man jeglichen Stress beheben kann. Wichtig ist aber, sich bewusst zu machen, dass chronischer Stress gesundheitliche Probleme verursachen und verstärken kann. Darüber hinaus können Achtsamkeitsübungen und Entspannungsmethoden helfen, einerseits Stress zu reduzieren und andererseits die Stressresistenz zu verbessern.

Darüber hinaus können Adaptogene - wie Ashwagandha, Rosenwurz oder Ginseng - hilfreich sein. Sie fördern Ruhe und Nervenstärke, indem sie über ihre stressregulierende und entzündungshemmende Wirkung das Gleichgewicht im Darm‑Hirn‑Netzwerk unterstützen. Studien zeigen, dass diese Heilpflanzen das Stresshormon Cortisol stabilisieren, oxidative Prozesse reduzieren und neurochemische Botenstoffe (z. B. Insbesondere die Rosenwurz kann die Serotonin-Dopamin-Signalwege schützen und geistige Klarheit fördern. Sie ist daher besonders relevant für die Regulation der Darm‑Hirn‑Kommunikation.

Medikamentöse Behandlung

Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SRI) wirken beispielsweise, indem sie die Wiederaufnahme des Neurotransmitters Serotonin hemmen. Dadurch soll die Serotoninkonzentration im Gehirn erhöht werden. Aber auch im Darm gibt es Serotoninrezeptoren, sogar deutlich mehr als im Gehirn. Serotonin steuert die Darmmotilität, die Sekretion von Verdauungssäften und das Schmerzempfinden im Darm. Antidepressiva wirken sich aber nicht unbedingt negativ auf die Darmgesundheit aus, im Gegenteil. Denn sie können das Wachstum nützlicher Darmbakterien wie Laktobazillen und Bifidobakterien fördern und so einer Dysbiose entgegenwirken. Dadurch kommt es zu einer vermehrten Produktion von Butyrat, einer kurzkettigen Fettsäure, die Entzündungen verringern und die Darmbarriere stärken kann.

Psychotherapie

Auch Psychotherapie wirkt nicht nur auf die Psyche und das Gehirn, sondern auch auf den Darm. Positive Nebenwirkungen einer erfolgreichen Psychotherapie sind häufig eine Linderung von Verdauungsbeschwerden und verringerte Entzündungen. Sie kann sich sogar potenziell positiv auf die Darmflora auswirken.

Vagusnervstimulation bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen

Die Stimulation des Nervus vagus erzielt antiinflammatorische Effekte und könnte so eine Option für Patienten mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sein. Getestet wurde die Methode bisher bei moderaten Verläufen. Etwa 2,2 Millionen Menschen in Europa leiden an einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Die Therapie erfolgt je nach Ausmaß der Erkrankung medikamentös oder chirurgisch. Eine solche könnte die Vagusnervstimulation darstellen, da die afferenten sowie efferenten Fasern des zehnten Hirnnervs antiinflammatorische Fähigkeiten ausüben (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse bzw. anti-TNF-α-Effekt auf den cholinergen antientzündlichen Signalweg). Einen antiinflammatorischen Effekt auf chronisch entzündliche Darmerkrankungen konnten unlängst Schweizer Wissenschaftler in Tierversuchen mit Ratten nachweisen. Dazu implantierten Professor Dr. Bruno Bonaz von der Hepato-Gastrologischen Universitätsklinik Grenoble Alpes und seine Kollegen den Probanden einen Neurostimulator und eine Neurostimulationssonde. Die Stimulation erfolgte mit einer Intensität von 0,5-1,5 mA und einer Frequenz von 10 Hz über eine Sequenz von 30 Sekunden, auf die eine fünfminütige Pause folgte. Bei zwei Patienten scheiterte der Therapieversuch nach drei Monaten. Die restlichen fünf Teilnehmer blieben jedoch auch nach sechs Monaten in vollständiger Remission (klinisch, biologisch sowie endoskopisch) und wiesen einen wiederhergestellten vagalen Tonus auf. Laut den Autoren könnte auch eine nicht-invasive Vagusnervstimulation eine Option bieten. Der Vorteil wäre, dass man auf eine Operation verzichten könnte. Der Nachteil, dass die Adhärenz der Patienten nicht garantiert sei. Studien hierzu stehen noch aus.

Direkte Verbindung von der Amygdala zum Darm

Wissenschaftler der Icahn School of Medicine at Mount Sinai (New York) und des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen haben nun einen neuronalen Schaltkreis identifiziert, der das Gehirn mit den sogenannten Brunner-Drüsen im oberen Abschnitt des Dünndarms verbindet. Diese sondern Schleim ab, der die Darmwand auskleidet und als Substrat für das Wachstum nützlicher Darmbakterien dient. Mäuse, denen die Brunner-Drüsen entfernt wurden, wiesen laut der Studie eine geringere Anzahl von Laktobazillen im Darm auf. Diese Bakteriengattung kommt im Dünndarm vieler Tiere, einschließlich des Menschen, normalerweise reichlich vor. Die Folge der reduzierten Bakterienzahl: Die Mäuse starben häufiger an Darminfektionen und zeigten verschiedene Anzeichen systemischer Entzündung.

Darüber hinaus wiesen die Forschenden nach, dass das Gehirn die Aktivität der Brunner-Drüsen über den Vagusnerv reguliert. Dieser Nerv, ein wichtiger Teil des parasympathischen Nervensystems, steuert viele Organsysteme im gesamten Körper und spielt eine Schlüsselrolle bei Ruhe und Entspannung. Er verbindet die Brunner-Drüsen mit der Amygdala, einem Gehirnareal, das für emotionale Reaktionen zuständig ist. Bei Furcht oder Ängstlichkeit reduziert die Amygdala ihre Aktivität und sendet weniger Signale an den Vagusnerv. Infolgedessen sondern die Brunner-Drüsen weniger Schleim ab, was wiederum die Immunität beeinträchtigt.

Wurden die Mäuse chronischem Stress ausgesetzt, hatte dies die gleichen Auswirkungen auf die Zusammensetzung ihres Mikrobioms und ihre allgemeine Gesundheit wie die chirurgische Entfernung der Drüsen. „Die Brunner-Drüsen sind wichtiger als bislang angenommen“, kommentiert Erstautor Hao Chang von der Icahn School of Medicine. „Dieses einzigartiges, vom Vagusnerv gesteuerte System stellt eine direkte Verbindung vom Gehirn zum Darmmikrobiom her.“

Die Ergebnisse könnten erklären, warum psychosozialer Stress die Wahrscheinlichkeit einer Infektionserkrankung erhöht. Gleichzeitig bieten sie neue Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken: Die Stimulation der Amygdala oder alternativ des Vagusnervs der gestressten Mäuse genügte, um die Schleimsekretion zu normalisieren und die Auswirkungen des Stresses auf Darmmikrobiom und Immunität zu kompensieren. Die Gabe von Probiotika war ebenfalls ausreichend, um die negativen Folgen der psychischen Belastung wettzumachen.

Das enterische Nervensystem (ENS): Das "zweite Gehirn" im Darm

Lange bevor sich das eigentliche Gehirn im Kopf des Menschen entwickelte, trugen frühere Lebewesen ein komplexes Nervengeflecht in ihrem Körper. Das enterische Nervensystem (ENS) ist ein komplexes Nervengeflecht bestehend aus vielen Millionen Nervenzellen, den Neuronen. Je nach Quelle variiert ihre Anzahl zwischen 10 - 500 Millionen. Dabei durchziehen die Neuronen die Wände des gesamten Verdauungstraktes von der Speiseröhre bis zum After. Kurz gesagt, der Darm besitzt sein eigenes Nervensystem und gerade weil das ENS so gross ist, wird es häufig mit dem Gehirn und Rückenmark verglichen. Bezeichnungen wie „Darmhirn“, „Bauchhirn“ und „zweites Gehirn“ hängen unter anderem mit der beachtlichen Grösse des Darmwandnervensystems zusammen. Ein genauerer Blick auf die Entwicklung der menschlichen Nervensysteme im Mutterleib macht die Verbindung zwischen Darm und Gehirn als Darm-Hirn-Achse noch deutlicher. Wie du weisst, werden von unserem Nervensystem, allen voran dem Gehirn, sämtliche Vorgänge in unserem Körper gesteuert und überwacht. Ähnlich dem Gehirn ist es in der Lage, Körperfunktionen, die den Magen-Darm-Trakt betreffen, eigenständig zu steuern. Mit Peristaltik ist die ringförmige, rhythmische Kontraktion unserer Magen- bzw. Darmwand gemeint. Sie bewirkt, dass unsere Nahrung durch den Verdauungskanal befördert wird. Beeinflusst und unterstützt wird das Darmhirn dabei geringfügig vom vegetativen Nervensystem. Das heisst, ab dem Moment, in dem du Nahrung zu dir nimmst, übernimmt das Darmhirn den Nahrungstransport in Eigenregie.

Die Ernährungspsychiatrie: Ein neues Forschungsgebiet

Seit Jahren beschäftigt sich das Forschungsgebiet der Ernährungspsychiatrie mit der Verbindung zwischen Darm und Gehirn und erkennt diese als gesichert an. Auch wenn die genauen Mechanismen dahinter noch im Detail erforscht werden müssen, hat sich das Fachgebiet in kurzer Zeit rasant entwickelt.

Schließlich geht die Ernährungspsychiatrie von dem Standpunkt aus, dass der Darm wie ein zweites Gehirn funktioniert. Über die Darm-Hirn-Achse, die Darmflora und die Produktion von Neurotransmittern beeinflusst dieses zweite Gehirn maßgeblich unsere Stimmung, unser Wohlbefinden und sogar das Risiko für neurologische und psychiatrische Erkrankungen, wie „Depression, Angststörungen, Parkinson und Alzheimer.

So überwiegen bei neurologischen Erkrankungen die entzündungsfördernden Bakterienarten in unserem Darm.

Gesunde Power für deinen Darm!

Sowohl der Darm als auch das Gehirn sind zwei äusserst spannende und komplexe Organe des menschlichen Körpers. Während der Darm hauptsächlich als Teil des Verdauungssystems wahrgenommen wird, ist das Gehirn generell als oberste Schaltzentrale bekannt. Spannend ist, dass der Darm und das Gehirn ständig miteinander kommunizieren. Das müssen sie zuweilen auch, um uns am Leben zu erhalten.

Dass auch unsere Nahrung einen grossen Einfluss auf die Darm-Hirn-Achse hat, sollte keine grosse Überraschung mehr sein. Hier haben 12 von 36 gesunden Frauen vier Wochen lang zweimal täglich ein fermentiertes Milchprodukt mit präbiotischen Bakterienstämmen verzehrt. Vor der Studie wurden bei allen Teilnehmerinnen Gehirn-Scans durchgeführt, um ihre Hirnaktivität im Rahmen einer Aufgabe zu untersuchen. Diese Aufgabe sollte zeigen, wie ihre Aufmerksamkeit auf verschiedene Gesichtsausdrücke gelenkt wird. Nach der Studie wurde diese Messung wiederholt.

Es stellte sich heraus, dass ein regelmässiger Verzehr von fermentierten Milchprodukten die Hirnaktivität generell beeinflussen kann. Du merkst, unsere Ernährung und unser Lebensstil generell tragen viel mehr zu Krankheit und Gesundheit bei, als du dir vielleicht vorstellen kannst. Umso wichtiger ist es, sich intensiv damit zu beschäftigen, auf eine ausgewogene Ernährung zu achten und seinen Lebensstil individuell zu optimieren. Bei MS handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das eigene Immunsystem das Nervensystem angreift. Ein internationales Forschungsteam fand nun heraus, dass Darm-Mikrobiom spezifische Immunzellen entzündliche Prozesse regulieren könnten. Wie sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Übersichtsarbeit herausstellte, können Veränderungen in der Darm-Mikrobiota mit bestimmten klinischen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden. So könnte der intensive Austausch zwischen Gehirn und Darm beispielsweise eine zentrale Rolle bei neurodegenerativen Erkrankungen und Tumoren des ZNS spielen. Nichtsdestotrotz sollte es für dich umso wichtiger sein, deine guten Darmbakterien im Gleichgewicht zu halten und mit gesunder Nahrung zu füttern.

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